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2.9 Wundbeurteilung und Wundversorgung

Einleitung: Wundbeurteilung und Wundversorgung – Wundursachen und Wundarten

Die durchbrochene Barriere

Herzlich willkommen in der Traumatologie! Eine Wunde ist definiert als die Durchtrennung oder Beschädigung von Haut- oder Schleimhautgewebe, oft einhergehend mit einem Gewebeverlust. Bevor wir auch nur eine einzige Kompresse auspacken, müssen wir als Notfallsanitäter die Wunde "lesen" können. Die Art der Entstehung verrät uns nämlich fast alles über das Infektionsrisiko, die Gefahr für tieferliegende Organe und die Heilungschancen.

1. Die Wundursachen (Welche Energie hat gewirkt?)

Wunden entstehen nicht einfach so. Sie sind das Resultat von Energie, die auf den Körper trifft und die Belastungsgrenze des Gewebes überschreitet. Wir unterscheiden fünf große Gruppen von Ursachen:

  • Mechanische Ursachen: Stumpfe oder scharfe Gewalteinwirkung von außen (zum Beispiel durch Stürze, Messer, Schusswaffen oder Autounfälle). Das ist euer absolutes Tagesgeschäft im Rettungsdienst.
  • Thermische Ursachen: Extreme Hitze (Feuer, kochendes Wasser, Strom) oder extreme Kälte (flüssiger Stickstoff, eisiger Wind). Beides führt zur direkten Zerstörung der Zellen.
  • Chemische Ursachen: Der Kontakt mit aggressiven Säuren oder Laugen.
  • Aktinische Ursachen: Gewebezerstörung durch energiereiche Strahlung (zum Beispiel Röntgenstrahlung, radioaktive Strahlung oder extremer Sonnenbrand).
  • Chronische/Krankheitsbedingte Ursachen: Wunden, die von "innen" entstehen, weil das Gewebe nicht mehr durchblutet wird (zum Beispiel das offene Bein bei Diabetikern oder das Druckgeschwür bei bettlägerigen Patienten).

2. Die Mechanischen Wundarten (Der Klassiker im Rettungsdienst)

Je nachdem, welches Werkzeug oder welche Fläche auf die Haut getroffen ist, sieht die mechanische Wunde völlig anders aus und birgt andere Gefahren.

  • Die Schürfwunde (Exkoriation): * Entstehung: Reibung auf einer rauen Oberfläche (der klassische Sturz vom Fahrrad auf den Asphalt).
    • Klinik: Die Wunde ist extrem oberflächlich. Da nur die oberste Hautschicht abgetragen ist, blutet sie meist nur leicht und punktförmig aus dem feinen Kapillarbett.
    • Gefahr: Sie ist unfassbar schmerzhaft, da die feinen Nervenenden der Haut freiliegen. Zudem ist sie oft stark mit Schmutz (Steinchen, Dreck) verunreinigt, was ein massives Infektionsrisiko bedeutet.
  • Die Schnittwunde (Vulnus scissum):
    • Entstehung: Einwirkung durch einen scharfen, glatten Gegenstand (Messer, Glasscherbe).
    • Klinik: Die Wundränder sind absolut glatt und klaffen oft weit auseinander.
    • Gefahr: Schnittwunden bluten meist extrem stark, da Blutgefäße sauber durchtrennt wurden. Der Vorteil: Da die Ränder glatt sind und die Blutung Schmutz aus der Wunde spült, heilen sie nach einer chirurgischen Naht meist hervorragend.
  • Die Rissquetschwunde (Vulnus lacero-contusum):
    • Entstehung: Stumpfe Gewalteinwirkung, die die Haut aufplatzen lässt (zum Beispiel der Schlag mit einem Hammer, ein Sturz auf die Tischkante oder der Anprall beim Autounfall).
    • Klinik: Der absolute Standard im Rettungsdienst! Die Wundränder sind unregelmäßig, ausgefranst, zerfetzt und oft von blauen Flecken (Hämatomen) umgeben.
    • Gefahr: Das Gewebe ist massiv gequetscht und schlecht durchblutet. Diese Wunden bluten oft weniger als Schnittwunden, heilen aber extrem schlecht und infizieren sich sehr leicht.
  • Die Stichwunde (Vulnus punctum):
    • Entstehung: Spitze Gegenstände (Messer, Schraubenzieher, Nägel), die senkrecht in den Körper eindringen.
    • Klinik: Die Wunde sieht von außen oft winzig und harmlos aus.
    • Gefahr (Die Eisberg-Falle!): Der Schaden liegt in der Tiefe! Stichwunden bluten nach außen oft kaum, aber der Patient kann nach innen in die Brust- oder Bauchhöhle komplett verbluten, weil innere Organe getroffen wurden. Die eiserne Regel: Steckt der Gegenstand noch im Patienten, wird er vom Rettungsdienst niemals herausgezogen, da er wie ein Korken die Blutung abdichtet!
  • Die Schusswunde (Vulnus sclopetarium):
    • Entstehung: Projektile aus Schusswaffen.
    • Klinik: Wir unterscheiden den Einschuss (oft klein, mit Pulverschmauch-Spuren) und den Ausschuss (oft riesig und trichterförmig aufgerissen, falls das Projektil den Körper verlassen hat).
    • Gefahr: Das Projektil reißt nicht nur einen Tunnel durch das Gewebe. Durch die extreme Geschwindigkeit entsteht im Körper eine massive Druckwelle (Kavitation), die innere Organe noch in vielen Zentimetern Entfernung zum eigentlichen Schusskanal regelrecht zerreißt.
  • Die Bisswunde (Vulnus morsum):
    • Entstehung: Bisse von Tieren (Hund, Katze) oder Menschen.
    • Gefahr: Dies ist die infektiöseste aller mechanischen Wunden! Speichel ist eine biologische Waffe voller gefährlicher Bakterien. Bisswunden (besonders Katzenbisse und Menschenbisse) entzünden sich extrem schnell und schwerwiegend. Sie werden in der Klinik fast nie sofort zugenäht, sondern müssen oft offen abheilen.

3. Thermische und Chemische Wunden

  • Thermische Wunden: Bei Verbrennungen gerinnt das hauteigene Eiweiß durch die Hitze (Koagulation). Bei Erfrierungen bilden sich Eiskristalle in den Zellen und lassen diese platzen.
  • Die Chemische Verätzung: * Säuren verätzen das Gewebe, bilden aber schnell einen festen Schorf (Koagulationsnekrose), der ein tieferes Eindringen bremst.
    • Laugen (zum Beispiel Rohrreiniger) sind viel gefährlicher! Sie verflüssigen das Gewebe (Kolliquationsnekrose) und fressen sich unaufhaltsam immer tiefer in den Körper hinein.
Abb. 60 Wundtypen - KI Generiert

💡 MERKE:

Die 6-Stunden-Regel: In der Medizin gilt eine Wunde in den ersten 6 Stunden nach Entstehung als "frisch" und kann oft von einem Arzt primär genäht werden. Danach gilt sie als bakteriell besiedelt (infiziert) und muss oft aufwendiger behandelt werden. Täuscht euch niemals bei Stichwunden! Die kleine Öffnung an der Haut verrät nichts über das tödliche Blutbad, das sich im Inneren abspielen könnte.Belasst Fremdkörper (Messer, Äste) immer in der Wunde und polstert sie nur ab!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und traumatischer Wunden. (Das ist die absolute Bibel für die Wundversorgung! Sie definiert die Wundarten, beschreibt das hohe Infektionsrisiko bei Biss- und Rissquetschwunden und ist die offizielle juristische Basis für die bekannte 6-Stunden-Regel zur primären Wundversorgung).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. (Diese Leitlinie ist deine Rückendeckung für die dramatischen Trauma-Wunden. Sie verbietet Rettungskräften ausdrücklich das Herausziehen von pfählenden Gegenständen bei Stichwunden und warnt vor der unsichtbaren Gewebezerstörung (Kavitation) bei Schusswunden).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Behandlung thermischer Verletzungen des Erwachsenen. (Die medizinische und physikalische Grundlage für die Einteilung von Verbrennungen und Verbrühungen sowie die Beschreibung der Eiweißgerinnung (Koagulation) im Gewebe).

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Einleitung: Blutstillung bei lebensbedrohlichen Blutungen – Vom Druckverband bis zum Tourniquet

Das X-Problem (Exsanguination)

Herzlich willkommen in der akuten Lebensrettung! Wenn ihr an eine Einsatzstelle kommt und das Blut spritzt pulsierend oder fließt in einem stetigen, dicken Strom aus einer Wunde, lasst ihr alles andere sofort stehen und liegen. Euer einziges Ziel in diesen ersten Sekunden ist es, das Leck im System mechanisch zu schließen. Dafür nutzen wir einen eskalierenden Stufenplan: Vom manuellen Druck über den Druckverband bis hin zu hochinvasiven Werkzeugen wie dem Tourniquet oder Hämostatika.

1. Der manuelle Druck und der Druckverband (Die Basis)

Der erste und schnellste Handgriff bei jeder starken Blutung ist der direkte, manuelle Druck auf die Wunde. Ihr nehmt eine sterile Kompresse (oder im absoluten Notfall eure behandschuhte Hand) und drückt mit eurem eigenen Körpergewicht direkt auf die blutende Stelle. Wenn das die Blutung stoppt, legt ihr einen Druckverband an.

  • Die Indikation: Starke Blutungen an den Armen, Beinen oder am Kopf, die sich durch Druck von außen gut komprimieren lassen.
  • Das Material: Ihr braucht eine sterile Wundauflage, ein saugfähiges Druckpolster (zum Beispiel eine ungeöffnete Verbandpäckchen-Rolle) und eine elastische Binde.
  • Die Durchführung: 1. Die Wundauflage kommt direkt auf die blutende Wunde.2. Die elastische Binde wird zwei bis drei Mal stramm um die Extremität gewickelt, um die Auflage zu fixieren.3. Nun legt ihr das harte Druckpolster exakt über die Wunde auf die Binde.4. Mit der restlichen Binde wickelt ihr stramm über das Druckpolster. Dadurch wird die Kraft punktgenau auf das zerrissene Blutgefäß konzentriert.
  • Der Fehler: Wenn der Druckverband durchblutet, nehmt ihr ihn nicht wieder ab (das würde die erste, zarte Blutgerinnung zerstören), sondern ihr legt einen zweiten Druckverband mit noch mehr Zug direkt darüber!

2. Das Tourniquet (Die Notbremse)

Ein Tourniquet ist ein breites, extrem reißfestes Abbindesystem mit einem Knebel (einer Drehstange). Es ist kein Verband, sondern eine brutale, mechanische Blutleere für die gesamte Extremität!

  • Die Indikation: Lebensbedrohliche Blutungen an Armen oder Beinen, die sich durch einen Druckverband nicht stoppen lassen. Außerdem bei abgetrennten Gliedmaßen (Amputationen), bei einem Massenanfall von Verletzten (um schnell die Hände für den nächsten Patienten freizuhaben) oder bei extremer Eigengefährdung (zum Beispiel im laufenden Straßenverkehr).
  • Die Durchführung:
    • Das Tourniquet wird proximal (körpernah) der Wunde angelegt. In einer unklaren, hektischen Situation gilt die Regel: "High and tight" (so hoch wie möglich an Arm oder Bein und so fest wie möglich).
    • Wenn die Wunde klar sichtbar ist, legt ihr es etwa 5 bis 8 Zentimeter oberhalb der Blutung direkt auf der Haut (nicht über dicker Kleidung) an.
    • Zieht das Klettband maximal stramm zu! (Das ist der häufigste Fehler: Ein zu lockeres Band).
    • Dreht den Knebel so lange, bis die Blutung vollständig stoppt und kein Puls mehr unterhalb des Tourniquets tastbar ist. Sichert den Knebel in der Halterung.
  • Die Gefahren und Regeln: * Ein Tourniquet tut höllisch weh! Der Patient wird schreien, aber ihr dürft es auf keinen Fall wieder lockern. Er braucht starke Schmerzmittel.
    • Notiert zwingend die exakte Uhrzeit der Anlage (oft auf einem weißen Klettstreifen direkt am Tourniquet)! Das Gewebe unterhalb des Tourniquets stirbt langsam ab. Die Ärzte im Krankenhaus müssen wissen, wie lange die Blutung bereits abgebunden ist (die absolute Schmerzgrenze für das Gewebe liegt bei etwa 2 Stunden).

3. Die iTClamp (Die mechanische Klammer)

Manchmal blutet der Patient an einer Stelle, an der ein Druckverband abrutscht und ein Tourniquet nicht hält (zum Beispiel stark blutende Risswunden am behaarten Kopf oder am Hals). Hier kommt die iTClamp ins Spiel.

  • Das Prinzip: Es ist eine kleine, sterile Plastikklammer, die aussieht wie eine Haarklammer mit feinen Widerhaken.
  • Die Durchführung: Ihr setzt die geöffnete Klammer direkt auf die blutende Wunde und drückt sie zusammen. Die feinen Nadeln fassen die Hautränder und ziehen sie extrem fest aneinander.
  • Die Pathophysiologie: Dadurch, dass die Haut über der Wunde mechanisch versiegelt wird, staut sich das Blut direkt unter der Klammer in der Wundhöhle. Es bildet sich ein künstlicher Bluterguss (Hämatom), dessen eigener Druck so hoch wird, dass er das verletzte Blutgefäß von innen zudrückt. Ein geniales und extrem schnelles System!

4. Hämostatika und Wound Packing (Das chemische Ausstopfen)

Was machen wir, wenn der Patient an den sogenannten "Junctional Zones" blutet? Das sind die Übergangszonen zwischen Extremitäten und Rumpf (Leiste, Achselhöhle oder am Hals). Hier könnt ihr kein Tourniquet anlegen, weil ihr das Becken oder den Brustkorb nicht abbinden könnt!

  • Das Material: Hier nutzt ihr Hämostatika. Das sind spezielle Verbandmulle, die mit einem chemischen Blutstiller (zum Beispiel Kaolin oder Chitosan) beschichtet sind. Diese Stoffe aktivieren im Körper blitzartig die Blutgerinnungskaskade.
  • Die Technik (Das Wound Packing): Ihr müsst die Quelle der Blutung tief in der Wunde finden. Dann stopft ihr die hämostatische Gaze Stück für Stück mit dem Finger tief in die Wundhöhle hinein, bis die Wunde komplett prall gefüllt ist (das Ausstopfen).
  • Der kritische Schritt: Die Gaze allein stoppt die Blutung nicht! Ihr müsst im Anschluss sofort mit beiden Händen und eurem Körpergewicht für mindestens 3 Minuten ununterbrochenen, massiven Druck direkt auf die ausgestopfte Wunde ausüben. Erst dieser enorme Druck, kombiniert mit der chemischen Gerinnung, verklebt das zerstörte Gefäß.

💡 MERKE:

Das X-Problem (Verbluten) wird immer vor dem A-Problem (Atemwege) behandelt! Wenn ein Druckverband durchblutet, wird er niemals abgenommen, sondern ein zweiter wird darüber angelegt. Das Tourniquet kommt bei massiven Extremitäten-Blutungen zum Einsatz. Merkt euch die Regel: Absolut strammziehen, den Knebel drehen, bis die Blutung steht, und zwingend die Uhrzeit notieren! In Zonen, wo ein Tourniquet nicht hält (Leiste, Achselhöhle), nutzt ihr Hämostatika (Wound Packing) und haltet für mindestens 3 Minuten massiven, manuellen Druck aufrecht!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. (Die absolute, juristisch bindende Standardvorgabe für den deutschen Rettungsdienst. Sie priorisiert das cABCDE-Schema und liefert die eindeutigen Indikationen für das Tourniquet und das Wound Packing in den Übergangszonen).
  • Tactical Combat Casualty Care (TCCC) Guidelines: Zivile Adaption. (Das internationale Standardwerk, aus dem Instrumente wie das Tourniquet, die iTClamp und blutstillende Gaze ursprünglich stammen und deren Anwendungszeiten und Techniken, wie die 3-Minuten-Druck-Regel, fest definiert sind).

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Einleitung: Wundheilung, Wundversorgung und Verbände

Das Wunderwerk der Gewebereparatur

Herzlich willkommen zur Biologie der Heilung! Sobald eine Wunde aufhört zu bluten, beginnt der Körper augenblicklich mit einem hochkomplexen, zellulären Bauprojekt. Eure Aufgabe als Notfallsanitäter ist es nicht, die Wunde auf der Straße endgültig zu heilen. Eure Aufgabe ist es, den Grundstein für dieses Bauprojekt so sauber und steril wie möglich zu hinterlassen, damit die Chirurgen im Krankenhaus optimal weiterarbeiten können. Um zu verstehen, warum bestimmte Wunden genäht werden dürfen und andere nicht, schauen wir uns den Bauplan der Haut an.

1. Die drei Phasen der Wundheilung

Die Wundheilung ist ein fließender Prozess, den wir in der Medizin in drei große, sich teilweise überschneidende Phasen einteilen.

  • Phase 1: Die Exsudationsphase (Reinigungsphase)
    • Zeitraum: Vom Moment der Verletzung bis etwa zum 3. Tag.
    • Was passiert? Die Blutgefäße ziehen sich kurz zusammen (um die Blutung zu stoppen) und stellen sich dann extrem weit. Das Gewebe schwillt an, wird rot und pocht (die klassische Entzündungsreaktion). Der Körper spült massenhaft Wundwasser (Exsudat) in die Wunde, um Schmutz und Bakterien herauszuwaschen. Gleichzeitig wandern Fresszellen (Makrophagen) ein und fressen abgestorbenes Gewebe auf.
  • Phase 2: Die Granulationsphase (Proliferationsphase)
    • Zeitraum: Etwa vom 4. bis zum 7. Tag.
    • Was passiert? Die Wunde ist nun sauber. Der Körper beginnt, das Loch mit einem provisorischen Füllmaterial aufzufüllen. Dieses Gewebe heißt Granulationsgewebe. Es sieht tiefrot, glasig und körnig (granulär) aus. Gleichzeitig sprießen winzige, neue Blutgefäße (Kapillaren) in dieses Gewebe ein, um Nährstoffe für den weiteren Aufbau zu liefern. Dieses Gewebe blutet bei der kleinsten Berührung!
  • Phase 3: Die Epithelisierungsphase (Reparationsphase)
    • Zeitraum: Vom 8. Tag bis oft viele Monate oder sogar ein Jahr später.
    • Was passiert? Das Loch ist aufgefüllt. Nun wachsen von den Wundrändern her neue Hautzellen (Epithelzellen) über das rote Granulationsgewebe und verschließen die Wunde endgültig. Das provisorische Gewebe schrumpft zusammen, verliert seine Blutgefäße und wird weißlich und derb: Es entsteht die endgültige Narbe.

2. Primäre versus Sekundäre Wundheilung

Warum näht der Arzt die eine Wunde sofort mit einem schönen Faden zu, während er die andere Wunde klaffend offenlässt und nur Verbände wechselt?

  • Die Primäre Wundheilung: Dies funktioniert nur bei Wunden mit glatten, eng aneinander liegenden Wundrändern (zum Beispiel einer sauberen Schnittwunde oder einer OP-Wunde), die frisch sind (unter 6 Stunden alt) und absolut nicht infiziert sind. Der Arzt näht die Ränder zusammen, die Heilung verläuft rasend schnell und hinterlässt nur einen feinen Strich als Narbe.
  • Die Sekundäre Wundheilung: Dies betrifft fast alle fiesen Notfall-Wunden: Rissquetschwunden, Bisswunden, Schusswunden oder Wunden, die älter als 6 Stunden sind. Hier klaffen die Ränder weit auseinander, das Gewebe ist zerfetzt oder stark mit Bakterien verunreinigt. Würde man diese Wunde zunähen, würden die Bakterien im Inneren eingeschlossen werden und einen riesigen, tödlichen Abszess (Eiterhöhle) bilden. Diese Wunden müssen mühsam und langwierig von unten nach oben (sekundär) über das Granulationsgewebe zuwachsen. Es entsteht eine breite, wulstige Narbe.

3. Grundsätze der präklinischen Wundversorgung

Auf der Straße gelten für euch eiserne, unumstößliche handwerkliche Regeln. Wenn ihr diese brecht, gefährdet ihr die Heilung des Patienten massiv!

  • Eigenschutz vor Wundschutz: Ihr fasst niemals eine blutende Wunde ohne Untersuchungshandschuhe an!
  • Asepsis (Keimarmut): Jede Wunde wird von uns so behandelt, als wäre sie völlig steril, auch wenn sie mitten auf der Straße passiert ist. Das bedeutet:
    • Die Wunde wird niemals mit bloßen Händen berührt!
    • Ihr atmet nicht direkt in die offene Wunde und sprecht nicht darüber (Tröpfcheninfektion).
    • Sterile Wundauflagen werden nur an den Ecken angefasst und niemals auf der Seite berührt, die auf die Wunde kommt.
  • Keine Hausmittel, Salben oder Puder: Auf eine Wunde im Rettungsdienst kommt absolut nichts außer sterilem, trockenem Verbandmaterial! Sprüht ihr im Rettungswagen Desinfektionsmittel, Blauspray oder Salben in tiefe Wunden, verfälscht ihr das Bild für den Chirurgen und reizt das Gewebe. Die Reinigung erfolgt in der Klinik!
  • Fremdkörper belassen: Wie im letzten Modul gelernt: Alles, was in der Wunde steckt (Messer, Glasscherben, Äste), bleibt in der Wunde! Es wird nur steril umpolstert, damit es bei der Fahrt nicht wackelt.
  • Ruhigstellung: Jede Bewegung reißt frisch gebildete Blutgerinnsel wieder auf und verursacht massive Schmerzen. Besonders bei großen Wunden an den Gliedmaßen muss die betroffene Extremität geschient und ruhiggestellt werden (zum Beispiel mit einem Sam-Splint oder einer Vakuum-Schiene).

4. Wundversorgung und Verbände (Die Praxis)

Der klassische Wundverband hat zwei Aufgaben: Er soll die Wunde vor neuen Bakterien von außen schützen und Wundwasser sowie Blut aufsaugen.

  • Die sterile Wundauflage (Kompresse): Sie bildet das Herzstück. Sie muss so groß gewählt werden, dass sie die Wundränder um mindestens zwei bis drei Zentimeter überragt.
  • Die Spezialauflagen (Aluminiumbedampft): Bei großflächigen Schürfwunden oder Verbrennungen nutzen wir oft aluminiumbedampfte Wundauflagen (wie Metalline). Diese haben eine glänzende Seite. Die glänzende Seite kommt zwingend auf die Wunde! Sie verhindert, dass das Wundwasser mit der Kompresse verklebt. Müsste der Arzt später einen verklebten Verband abreißen, würde er das gesamte, frisch gebildete Granulationsgewebe wieder mit abreißen.
  • Die Fixierung: Die Auflage wird dann mit einer elastischen Mullbinde umwickelt. Achtet darauf, dass ihr nicht zu stramm wickelt (außer es ist ein Druckverband!), damit ihr die Durchblutung der Extremität nicht abschnürt.

💡 MERKE:

Die Wundheilung verläuft in drei Phasen: Exsudation (Reinigung), Granulation (Auffüllung) und Epithelisierung (Verschluss).Rissquetschwunden und Bisswunden heilen fast immer sekundär (offen), weil die Infektionsgefahr zu groß ist, um sie sofort zu vernähen.Die eiserne Rettungsdienst-Regel: Wunden werden auf der Straße niemals mit Salben, Pudern oder farbigen Sprays behandelt. Es gilt: Trocken, steril und ruhiggestellt!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und traumatischer Wunden. (Die höchste medizinische Instanz in Deutschland für die Wundheilung. Sie definiert die exakten Phasen, den Unterschied zwischen primärer und sekundärer Heilung und verbietet den unkritischen Einsatz von topischen Mitteln / Salben in der präklinischen Erstversorgung).
  • Deutscher Berufsverband Rettungsdienst (DBRD): Muster-Algorithmen Rettungsdienst. (Bestätigt den Grundsatz: Fremdkörper in der Wunde belassen, keimarme Abdeckung mittels steriler Kompressen und zwingende Ruhigstellung verletzter Extremitäten).

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Einleitung: Verbandstoffarten und Verbandtechnik – Das Handwerk der Wundversorgung

Die Kunst des Wickelns

Herzlich willkommen zum praktischen Handwerkskoffer der Traumatologie! Im Rettungsdienst müsst ihr unter widrigsten Bedingungen arbeiten – im Regen, auf der Straße oder im engen Treppenhaus. Eure Verbände müssen auf den ersten Versuch sitzen, dürfen nicht verrutschen und müssen den Transport überstehen. Dafür müsst ihr euer Material blind kennen und die physikalischen Regeln des Wickelns beherrschen.

1. Die Verbandstoffarten (Das Material)

Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen dem Material, das direkt auf die Wunde kommt (die Wundauflage), und dem Material, das diese Auflage festhält (die Fixierung).

Die Wundauflagen

  • Die Mullkompresse und Vlieskompresse: Das ist der absolute Standard. Sie sind steril verpackt, extrem saugfähig und luftdurchlässig. Vlieskompressen sind etwas weicher und verkleben nicht ganz so schnell wie reine Mullkompressen.
  • Die aluminiumbedampfte Kompresse (Metalline oder Aluderm): Wie im letzten Modul besprochen, haben diese Auflagen eine feine, glänzende Aluminiumschicht. Diese Schicht kommt direkt auf die Wunde! Sie verhindert das Verkleben mit Wundwasser und Schorf und wird vor allem bei großflächigen Schürfwunden und Verbrennungen eingesetzt.
  • Das Verbandtuch: Das ist im Grunde eine gigantische Kompresse. Wir nutzen Verbandtücher (oft in der Größe 40 mal 60 Zentimeter oder größer), um große Wunden am Bauch, am Rücken oder offene Brüche steril abzudecken.

Das Fixiermaterial

  • Die elastische Mullbinde (Fixierbinde): Der Klassiker von der Rolle. Sie ist dehnbar und passt sich der Körperform an. Der Nachteil: Wenn ihr sie nicht richtig vernäht oder verklebt, rutscht sie leicht ab.
  • Die kohäsive (selbsthaftende) Binde: Das ist die moderne Wunderwaffe im Rettungsdienst! Diese Binden sind mit winzigen Latexpartikeln oder synthetischen Klebstoffen beschichtet. Sie kleben nicht an der Haut oder an den Haaren des Patienten, aber sie haften extrem stark an sich selbst. Eine kohäsive Binde verrutscht fast nie und braucht kein Pflaster zum Fixieren.
  • Das Verbandpäckchen: Das Schweizer Taschenmesser für Retter. Hier ist eine sterile Wundauflage bereits fest an eine Mullbinde angenäht. Wenn ihr das Päckchen aufrollt, habt ihr sofort beides in der Hand und könnt es einhändig anlegen.

2. Die eisernen Regeln der Verbandtechnik

Bevor ihr mit dem Wickeln beginnt, müsst ihr drei absolute Grundregeln der Medizin beachten, sonst gefährdet ihr die Gliedmaßen eures Patienten!

  1. Von distal nach proximal wickeln: Wickelt an Armen und Beinen immer von "herzfern" (distal) nach "herznah" (proximal). Zum Beispiel fangt ihr am Unterarm an den Handgelenken an und wickelt in Richtung Ellenbogen. Warum? Wenn ihr andersherum wickelt, drückt ihr das Blut in die Hand und quetscht die Venen ab. Das Blut staut sich, die Hand schwillt massiv an und schmerzt höllisch.
  2. Die DMS-Kontrolle (Durchblutung, Motorik, Sensibilität): Vor und zwingend auch nach jedem Verband müsst ihr die DMS-Kontrolle durchführen!
    • Durchblutung: Sind die Finger oder Zehen nach dem Wickeln noch warm und rosig? (Drückt kurz auf den Fingernagel: Wird er nach dem Loslassen sofort wieder rosig?)
    • Motorik: Kann der Patient die Finger oder Zehen noch bewegen?
    • Sensibilität: Spürt der Patient es, wenn ihr ihn an den Fingerspitzen leicht berührt?Wenn die Finger blau werden, kalt sind oder kribbeln, ist euer Verband zu stramm! Ihr müsst ihn sofort aufschneiden und neu anlegen.
  3. Finger und Zehen freilassen: Wickelt niemals die Fingerspitzen oder Zehen mit ein (es sei denn, sie sind selbst verletzt)! Ihr braucht diese Stellen dringend, um die Durchblutung während des gesamten Transports kontrollieren zu können.

3. Verbandtechnik für unterschiedliche Körperregionen

Ein gerader Unterarm ist leicht zu wickeln. Schwierig wird es an den Gelenken und am Kopf.

Der Gelenkverband (Die Achter-Tour)

Gelenke wie der Ellenbogen, das Knie oder das Sprunggelenk bewegen sich. Wenn ihr hier einfach nur kreisförmig wickelt, rutscht der Verband bei der ersten Beugung herunter oder schnürt das Gelenk ein.

  • Die Technik: Hier nutzt ihr sogenannte Achter-Touren (Touren in Form einer 8). Ihr wickelt einmal oberhalb des Gelenks, kreuzt dann schräg über die Gelenkbeuge nach unten, wickelt einmal unterhalb des Gelenks und kreuzt wieder schräg nach oben. So entsteht ein Kreuzmuster, das extrem stabil sitzt und dem Gelenk trotzdem genügend Bewegungsfreiheit lässt.

Der Kopfverband

Köpfe sind rund, rutschig und voller Haare. Ein normaler Verband rutscht hier sofort in die Augen oder in den Nacken.

  • Die Technik: Nutzt am Kopf fast ausschließlich die selbsthaftenden, kohäsiven Binden! Legt die sterile Kompresse auf die Wunde. Wickelt dann 2 bis 3 Mal straff um den gesamten Kopf (über Stirn und Hinterkopf). Um ein Verrutschen nach oben zu verhindern, müsst ihr bei den nächsten Runden immer abwechselnd einmal tief in den Nacken (unter das Hinterhauptbein) und einmal hoch über die Stirn wickeln. Lasst die Ohren frei, wenn sie nicht verletzt sind!

Das Dreiecktuch (Der Armtragegurt)

Das Dreiecktuch aus Baumwolle ist kein Material, das auf eine Wunde kommt, sondern ein Instrument zur Ruhigstellung.

  • Die Technik (Armtragetuch): Wenn der Patient sich den Arm, die Schulter oder das Schlüsselbein gebrochen oder schwer verletzt hat, könnt ihr den Arm in ein Dreiecktuch legen. Die Spitze des Tuches zeigt zum Ellenbogen. Die beiden langen Enden werden im Nacken des Patienten verknotet. So trägt der Nacken das Gewicht des Arms, die verletzte Schulter wird massiv entlastet und der Schmerz nimmt ab.

💡 MERKE:

Auf Wunden kommen nur sterile Kompressen, aluminiumbedampfte Tücher (Metalline) oder sterile Verbandtücher. Selbsthaftende (kohäsive) Binden sind euer bestes Werkzeug gegen verrutschende Verbände. Wickelt Extremitäten immer in Richtung des Herzens (von distal nach proximal) und nutzt an Gelenken die Achter-Touren. Führt nach jedem Verband zwingend die Durchblutung-, Motorik- und Sensibilitäts-Kontrolle an den Fingern oder Zehen durch!

Deine offiziellen, rechtssicheren Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und traumatischer Wunden. (Die verbindliche Leitlinie für die Auswahl des richtigen Wundmaterials, wie die Nutzung von aluminiumbedampften Kompressen bei Schürfwunden zur Verhinderung des Verklebens).
  • Deutscher Berufsverband Rettungsdienst (DBRD): Muster-Algorithmen Rettungsdienst / Trauma. (Diese Algorithmen fordern zwingend die regelmäßige DMS-Kontrolle (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) nach jedem Verband und jeder Schienung, um Nerven- und Gefäßschäden rechtzeitig zu erkennen).
  • European Reference Network / Erste Hilfe Leitlinien (z. B. ERC First Aid Guidelines): (Die internationale Grundlage für die grundlegenden Verbandtechniken wie das Wickeln von distal nach proximal und die Anlage von Achter-Touren an Gelenken).

Alles verstanden?