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8.11 Thermische Notfälle

Einleitung: Thermische Notfälle: Wärmelehre, Wärmeabgabe und Aggregatszustände

Der menschliche Thermostat

Herzlich willkommen in der Biothermodynamik! Der Mensch ist ein homoiothermes (gleichwarmes) Lebewesen. Das Temperaturzentrum in unserem Gehirn (Hypothalamus) versucht mit immensem Energieaufwand, unsere Körperkerntemperatur konstant bei etwa 37 Grad Celsius zu halten. Weicht diese Temperatur nach unten oder oben ab, drohen lebensgefährliche Entgleisungen des Stoffwechsels und der Blutgerinnung. Im Rettungsdienst müssen wir die physikalischen Prinzipien des Wärmeaustauschs beherrschen, um diesen Thermostaten präklinisch zu unterstützen.

1. Die 4 Wege der Wärmeabgabe

Wärme wandert physikalisch bedingt immer vom wärmeren zum kälteren Ort. Der menschliche Körper verliert seine Wärme auf 4 völlig unterschiedlichen Wegen, die wir taktisch einzeln bekämpfen müssen.

  • Strahlung (Radiation): Jeder warme Körper strahlt permanent Energie in Form von unsichtbaren Infrarotwellen an die kältere Umgebung ab, völlig ohne direkten Kontakt. Ein ungeschützter Kopf im Winter strahlt enorme Mengen an Wärme in den Nachthimmel. Die gold-silberne Rettungsdecke reflektiert genau diese Wärmestrahlung zurück zum Patienten.
  • Konduktion (Wärmeleitung): Dies ist der Wärmeverlust durch direkten Kontakt mit einem kälteren Objekt. Warme Haut berührt kalten Asphalt. Die Wärme fließt rasend schnell aus dem Körper in den Boden ab. Eine Rettungsdecke, die nur über den Patienten gelegt wird, schützt null Prozent vor Konduktion! Der Patient muss zwingend auf eine isolierende Schicht (Matratze, Vakuummatratze) gebettet werden.
  • Konvektion (Wärmeströmung): Dies ist der Verlust durch vorbeiströmende Medien (Luft oder Wasser). Die vom Körper erwärmte Luftschicht direkt über der Haut wird vom Wind weggeblasen (Windchill-Effekt), und der Körper muss neue kalte Luft erwärmen. Taktische Gegenmaßnahme: Winddichtes Einpacken und Zugluft im Rettungswagen vermeiden.
  • Evaporation (Verdunstung): Dies ist der mit Abstand effektivste und gleichzeitig tückischste Wärmeverlust. Er führt uns direkt in die Lehre der Aggregatszustände.

2. Aggregatszustände und ihre thermische Wucht

Materie existiert in 3 klassischen Aggregatszuständen: fest, flüssig und gasförmig. Der Übergang von einem Zustand in den anderen ist niemals neutral, sondern erfordert oder setzt massive Energiemengen (Wärme) frei.

  • Verdunstungskälte (Flüssig zu Gasförmig): Wenn Schweiß oder Regenwasser auf der Haut verdunstet (Evaporation), wechselt das Wasser seinen Zustand von flüssig zu gasförmig. Dieser physikalische Vorgang entzieht der Haut extrem viel Energie (Wärme). Ein Patient in nasser Kleidung kühlt selbst in einem auf 25 Grad Celsius geheizten Rettungswagen rasant weiter aus, weil die Verdunstungskälte ihn gnadenlos auskühlt! Die nasse Kleidung MUSS runter!
  • Kondensationswärme (Gasförmig zu Flüssig): Das ist der umgekehrte Effekt, den wir bei Inhalationstraumata (Brandverletzungen) fürchten. Wenn ein Patient heißen Wasserdampf einatmet, kondensiert der Dampf in der Lunge wieder zu flüssigem Wasser. Dabei gibt er die gespeicherte Energie schlagartig als Hitze an das Gewebe ab, was zu schwersten Verbrühungen tief in den Atemwegen führt (viel schlimmer als trockene Hitze).

3. Präklinische Taktik des Wärmeerhalts

Das Wissen um diese 4 Wege diktiert unsere Strategie an der Einsatzstelle. Wärmeerhalt ist kein netter Bonus, sondern eine lebensrettende Basismaßnahme!

  • Isolieren vo
  • n unten: Ein Traumapatient auf dem nackten Boden kühlt durch Konduktion massiv aus (die Blutgerinnung bricht zusammen). Er muss so schnell wie möglich auf die isolierende Fahrtrage.
  • Entkleiden: Nasse Kleidung wirkt durch Evaporation wie ein Kühlschrank. Sie wird im warmen Rettungswagen sofort (oft mit der Kleiderschere) entfernt und durch trockene Decken ersetzt.
  • Verpacken: Wir bauen eine Höhle. Zuerst entkleiden (Evaporation stoppen), dann in flauschige Decken wickeln (Luftpolster isoliert), dann die Rettungsdecke darüber (Strahlung reflektieren) und den Patienten vor Wind schützen (Konvektion stoppen).

💡 MERKE:

Der Körper verliert Wärme durch 4 Wege: Strahlung, Konduktion (Kontakt), Konvektion (Wind) und Evaporation (Verdunstung).Um Konduktion zu stoppen, muss der Patient zwingend von der kalten Unterlage (Boden) isoliert werden. Evaporation entzieht dem Körper durch den Wechsel des Aggregatszustandes (flüssig zu gasförmig) massive Energiemengen; nasse Kleidung muss immer entfernt werden! Die metallbeschichtete Rettungsdecke schützt primär vor Wind (Konvektion) und reflektiert Wärmestrahlung, wärmt den Patienten aber nicht aktiv.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. [DGAI] (2020). S3-Leitlinie: Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 187-023).(Anmerkung: Die rechtlich bindende Leitlinie, welche den rigorosen präklinischen Wärmeerhalt (Entfernung nasser Kleidung, Isolation von unten) zur Vermeidung der tödlichen Traumakoagulopathie vorschreibt).

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Einleitung: Thermische Notfälle: Hypothermie und Erfrierungen

Das auskühlende System

Herzlich willkommen in der Kältemedizin! Eine akzidentielle (unbeabsichtigte) Hypothermie liegt vor, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 Grad Celsius fällt. Präklinisch stehen wir vor dem Problem, dass unsere normalen Infrarot-Ohrthermometer bei diesen tiefen Temperaturen oft völlig versagen oder falsche Werte liefern. Deshalb stützt sich der BPR primär auf die klinische Symptomatik des Schweizer Stadiensystems.

1. Das Schweizer Stadiensystem

Wir beurteilen den Patienten anhand seiner Schutzreflexe, primär dem Kältezittern (Shivering).

  • Stadium I (Abwehrphase): Die Kerntemperatur liegt zwischen 35 und 32 Grad Celsius. Der Patient ist bewusstseinsklar und friert massiv (ausgeprägtes Muskelzittern). Die Taktik lautet: Warme Umgebung, nasse Kleidung weg, gegebenenfalls warme, gezuckerte Getränke.
  • Stadium II (Erschöpfungsphase): Die Temperatur fällt auf 32 bis 28 Grad Celsius. Das ist der absolute Kipppunkt! Das Bewusstsein ist beeinträchtigt (somnolent) und das Muskelzittern hört auf! Der Körper hat aufgegeben.
  • Stadium III (Lähmungsphase): Zwischen 28 und 24 Grad Celsius. Der Patient ist tief bewusstlos. Die Atmung und der Puls sind extrem verlangsamt (oft kaum noch tastbar).
  • Stadium IV (Scheintod): Unter 24 Grad Celsius. Es sind keine Vitalzeichen mehr feststellbar. Es gilt der BPR Reanimation.

2. Der Bergungstod und der Afterdrop

Ab dem Stadium II (kein Kältezittern mehr) ist das Herz des Patienten durch die Kälte extrem reizbar. Die Reizschwelle für Kammerflimmern ist massiv erniedrigt.

  • Die physiologische Falle: Der Körper hat das eiskalte Blut in den Armen und Beinen konzentriert ("Zentralisation"), um den warmen Kern (Herz, Lunge, Gehirn) zu schützen.
  • Der Afterdrop: Bewegt der Patient sich nun selbst (zum Beispiel das Gehen zum Rettungswagen) oder heben wir seine Beine an, fließt dieses eiskalte, saure Blut aus der Peripherie schlagartig zurück zum Herzen. Die Kerntemperatur stürzt weiter ab (Afterdrop) und das Herz reagiert sofort mit tödlichem Kammerflimmern (Bergungstod).
  • Die Taktik: Ab Stadium II gilt absolute Immobilisation! Der Patient darf sich nicht mehr bewegen. Nasse Kleidung wird nicht ausgezogen (Zug an den Extremitäten), sondern mit der Kleiderschere radikal aufgeschnitten. Der Patient wird waagerecht gerettet und transportiert.

3. Die Kälte-Reanimation (BPR Sonderregeln)

Ist der Patient im Kreislaufstillstand, ändert die Kälte die Spielregeln der Reanimation komplett. Der Leitsatz lautet: "Niemand ist tot, ehe er nicht warm und tot ist!"

  • Extrakorporale Zirkulation (ECLS): Hypotherme Patienten im Herz-Kreislauf-Stillstand oder mit hohem Risiko dafür (unter 30 Grad Celsius, systolischer Blutdruck unter 90 Millimeter Quecksilbersäule) müssen unter laufender Reanimation direkt in ein Zentrum mit ECMO (Herz-Lungen-Maschine) transportiert werden, um das Blut außerhalb des Körpers zu erwärmen.
  • Medikamente: Bei einer Temperatur unter 30 Grad Celsius erfolgt KEINE Medikamentengabe (kein Adrenalin, kein Amiodaron)! Der Stoffwechsel ist so stark verlangsamt, dass die Medikamente kumulieren und bei Erwärmung toxisch wirken würden. Zwischen 30 und 35 Grad Celsius wird das zeitliche Intervall der Gabe verdoppelt.
  • Defibrillation: Unter 30 Grad Celsius sind laut BPR maximal 3 Defibrillationsversuche zugelassen.
  • Intermittierende CPR: Nur bei schwerer Hypothermie (unter 28 Grad Celsius) erlaubt der BPR ausnahmsweise eine Unterbrechung der Herzdruckmassage für den Transport aus unwegsamem Gelände: Es dürfen 5 Minuten CPR mit maximal 5 Minuten ohne CPR abwechseln.

4. Erfrierungen (Lokale Kälteschäden)

Während die Hypothermie den ganzen Körper betrifft, zerstören Erfrierungen lokales Gewebe (oft Finger, Zehen, Nase, Ohren) durch die Bildung von Eiskristallen in den Zellen.

  • Die Taktik: Erfrorene Körperteile werden steril und locker abgedeckt (Schutz vor Infektionen).
  • Das absolute Verbot: Erfrierungen dürfen präklinisch NIEMALS aktiv gerubbelt (Schneerubbeln) oder massiert werden! Die Eiskristalle im Gewebe wirken wie winzige Rasierklingen und zerschneiden die Zellen bei Reibung von innen. Blasen werden niemals geöffnet. Das Auftauen erfolgt langsam und kontrolliert in der Klinik.

💡 MERKE:

Das Schweizer Stadiensystem leitet uns: Hört das Kältezittern auf (ab Stadium II), besteht höchste Lebensgefahr. Ab Stadium II herrscht absolute Immobilisation (Schere statt Ausziehen), um den tödlichen Afterdrop (Bergungstod) zu verhindern. Bei der Reanimation unter 30 Grad Celsius: Keine Medikamente, maximal 3 Schocks, Transport ins ECLS-Zentrum (ECMO).Erfrorene Körperteile werden steril abgedeckt; niemals rubbeln oder massieren!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) / Notfallkarte: Hypothermie. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Die rechtlich bindende Vorgabe, die das Schweizer Stadiensystem, die veränderten Reanimationsrichtlinien (kein Adrenalin unter 30 Grad Celsius) und das Prinzip der Immobilisation definiert).

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Einleitung: Thermische Notfälle: Hyperthermie und Hitzeschäden

Das Versagen der Kühlung

Herzlich willkommen in der Hitze-Pathophysiologie! Die normale Körperkerntemperatur liegt bei etwa 37 Grad Celsius. Wenn der Körper durch extreme Außentemperaturen oder massive körperliche Anstrengung Wärme aufbaut, kühlt er sich primär durch Evaporation (Verdunstung von Schweiß) ab. Die folgenden 4 Notfallbilder zeigen uns, was passiert, wenn dieser Mechanismus stufenweise oder lokal versagt.

1. Der Sonnenstich (Die lokale Hirnhautreizung)

Der Sonnenstich (Insolation) ist kein systemisches Hitze-Problem des gesamten Körpers, sondern ein streng lokales Trauma des Kopfes.

  • Die Ursache: Intensive, direkte UV- und Wärmestrahlung der Sonne auf den ungeschützten Kopf (und Nacken) erhitzt die Schädeldecke. Dadurch werden die direkt darunterliegenden Hirnhäute (Meningen) massiv gereizt und schwellen an. Es droht ein Hirnödem.
  • Die Symptomatik: Das Gesicht und der Kopf sind hochrot und heiß, während die restliche Körperhaut oft völlig normal temperiert und blass ist! Die Körperkerntemperatur ist meist völlig normal. Der Patient leidet unter pochenden Kopfschmerzen, Übelkeit, schwallartigem Erbrechen und oft unter einem steifen Nacken (Meningismus).
  • Die Taktik: Raus aus der Sonne! Den Oberkörper um 30 Grad hochlagern (um den Hirndruck durch venösen Abfluss zu senken) und den Kopf und Nackenbereich mit feuchten Tüchern (nicht eiskalt!) kühlen.

2. Hitzekrämpfe und Hitzeerschöpfung (Das Volumen-Problem)

Hier beginnt das System zu kippen. Der Körper verliert durch massives Schwitzen Wasser und Salze (Elektrolyte).

  • Hitzekrämpfe: Entstehen bei starker körperlicher Anstrengung (Sport, Bauarbeiter) in der Hitze. Der Schweißverlust entzieht der Muskulatur massiv Natrium (Salz). Dies führt zu extrem schmerzhaften Krämpfen in den Beinen oder im Bauch. Die Körperkerntemperatur ist normal. Therapie: Ruhe, Schatten und die Gabe von elektrolythaltigen Getränken (Apfelschorle, Brühe).
  • Hitzeerschöpfung (Hitzesynkope): Das ist die nächste Eskalationsstufe. Der Körper hat so viel Wasser herausgeschwitzt, dass das Blutvolumen in den Gefäßen drastisch sinkt (Hypovolämie). Gleichzeitig stellt der Körper die Blutgefäße in der Haut maximal weit, um Hitze abzustrahlen.
  • Das klinische Bild der Erschöpfung: Der Blutdruck stürzt ab, der Puls rast (Tachykardie). Der Patient kollabiert. WICHTIG: Die Thermoregulation funktioniert hier noch! Der Patient schwitzt massiv, die Haut ist nass, blass und kühl-feucht. Die Körperkerntemperatur ist erhöht, liegt aber unter 40 Grad Celsius.
  • Die Taktik: Schocklage (Beine hoch) zur Kreislaufstabilisierung, Schatten, Kleidung lockern und, falls der Patient nicht mehr trinken kann, 1 bis 2 Liter kristalloide Vollelektrolytlösung intravenös infundieren.

3. Der Hitzschlag (Der totale Systemausfall)

Das ist der absolute, lebensgefährliche Höhepunkt der Hyperthermie. Der Hitzschlag ist ein zeitkritischer Notfall, der ohne sofortige Intensivtherapie tödlich endet.

  • Die Pathophysiologie: Die Körperkerntemperatur durchbricht die Grenze von 40 Grad Celsius. Das körpereigene Temperaturzentrum im Gehirn versagt komplett. Das absolut tödliche Leitsymptom: Das Schwitzen hört schlagartig auf (Anhidrose)!
  • Das klinische Bild des Hitzschlags: Die Haut ist extrem heiß, hochrot und staubtrocken! Durch die Hitze (oft über 41 Grad Celsius) beginnen die körpereigenen Eiweiße zu gerinnen. Die Zellen im Gehirn sterben ab.
  • Die Neurologie: Der Patient hat schwerste neurologische Ausfälle: tiefes Koma, generalisierte Krampfanfälle, Delirium und Halluzinationen.
  • Die Taktik (Load, Cool & Go): Aggressivste Kühlung! Den Patienten komplett entkleiden, mit Wasser besprühen und Luft zufächeln (Verdunstungskälte nutzen), Coolpacks in Leisten, Achseln und an den Hals legen. Sauerstoffgabe, Intubationsbereitschaft herstellen und sofortiger Transport mit Voranmeldung.

💡 MERKE:

Der Sonnenstich betrifft nur den Kopf (Hirnhautreizung); der Körper ist normal temperiert (Oberkörper hochlagern).Bei der Hitzeerschöpfung schwitzt der Patient massiv (Thermoregulation intakt), der Kreislauf kollabiert durch Flüssigkeitsmangel (Beine hoch).Der Hitzschlag (über 40 Grad Celsius) ist charakterisiert durch neurologische Ausfälle und staubtrockene, heiße, rote Haut (Kühlung und sofortiger Transport).Beim Hitzschlag beginnen die körpereigenen Eiweiße zu gerinnen (Lebensgefahr durch Multiorganversagen).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Bundesärztekammer [BÄK] (2020). Leitfaden Hitzebedingte Gesundheitsgefahren.(Anmerkung: Die medizinische Richtlinie, welche die strikte Trennung zwischen der noch intakten Thermoregulation bei der Hitzeerschöpfung und der Anhidrose (trockene Haut) beim lebensgefährlichen Hitzschlag definiert).

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Einleitung: Thermische Notfälle: Verbrennungstrauma

Die zerstörte Barriere

Herzlich willkommen in der Verbrennungsmedizin! Eine thermische Verletzung (durch Flammen, heiße Flüssigkeiten, Dampf oder Explosionen) löst nicht nur einen lokalen Gewebeschaden aus, sondern triggert ab einem bestimmten Ausmaß eine lebensgefährliche, systemische Reaktion des gesamten Körpers (die Verbrennungskrankheit). Um die richtige Taktik zu wählen, müssen wir das Ausmaß präklinisch extrem schnell abschätzen.

1. Beurteilung des Ausmaßes (Die Neunerregel)

Die verbrannte Körperoberfläche (VKOF) ist der entscheidende Parameter für die Triage und die Zielklinik (Verbrennungszentrum). Wir schätzen sie präklinisch mit 2 klassischen Faustregeln ab.

  • Die Wallace-Neunerregel: Bei Erwachsenen wird der Körper in Bereiche von jeweils 9 Prozent eingeteilt. Kopf und Hals: 9 Prozent. Jeder Arm: 9 Prozent. Rumpf vorne: 18 Prozent. Rumpf hinten: 18 Prozent. Jedes Bein: 18 Prozent. Genitalbereich: 1 Prozent. Bei Kindern weichen diese Werte ab, da der Kopf proportional viel größer ist!
  • Die Handflächenregel: Für kleinere, asymmetrische Verbrennungen nutzen wir die Hand des Patienten. Die Fläche der Hand des Patienten (inklusive der Finger) entspricht exakt 1 Prozent seiner Körperoberfläche.
  • Der Verbrennungsgrad: Grad 1 (nur Rötung/Schmerz, wie Sonnenbrand) zählt NICHT zur verbrannten Körperoberfläche! Erst ab Grad 2 (Blasenbildung) beginnt die Berechnung der lebensbedrohlichen Fläche.

2. Pathophysiologie (Der Verbrennungsschock)

Warum stirbt ein schwerbrandverletzter Patient, wenn der primäre Flammenangriff längst vorbei ist?

  • Das Capillary Leak: Durch die massiven thermischen Gewebeschäden werden Unmengen an Entzündungsmediatoren freigesetzt. Die Blutgefäße werden im gesamten Körper extrem durchlässig. Der Patient verliert gigantische Mengen an Blutplasma in das umliegende Gewebe (Verbrennungsödem). Das Blutvolumen in den Gefäßen stürzt ab, der Patient fällt in einen hypovolämischen Schock.
  • Die paradoxe Schmerzwahrnehmung: Verbrennungen des Grades 2 sind extrem schmerzhaft, da die Nervenenden freiliegen. Ab Grad 3 (Lederhaut komplett zerstört, weiße/schwarze Nekrosen) hat der Patient an dieser Stelle paradoxerweise kaum noch Schmerzen, da die Schmerzrezeptoren restlos weggebrannt sind.
  • Inhalationstrauma: Atmet der Patient heiße Gase oder Rauch in einem geschlossenen Raum ein, schwellen die Atemwege (Stridor, Ruß im Sputum, versengte Nasenhaare) an. Zudem blockiert Kohlenmonoxid (CO) den Sauerstofftransport im Blut.

3. Die Taktik nach BPR (Das absolute Kühl-Verbot!)

Der hochgeladene Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) bricht radikal mit dem Halbwissen der Laienhilfe und diktiert ein strenges Vorgehen.

  • Keine aktive Kühlung! Der BPR verbietet jede aktive Kühlung durch das Rettungsdienstpersonal (kein Wasser, keine Coolpacks)! Bereits durchgeführte Kühlungen durch Ersthelfer müssen sofort beendet werden. Der Grund: Schwerbrandverletzte kühlen durch die fehlende Haut extrem schnell aus. Hypothermie ist bei diesen Patienten oft tödlicher als die Verbrennung selbst. Das Ziel ist eine Körperkerntemperatur über 36 Grad Celsius.
  • Wärmeerhalt: Der RTW wird massiv vorgeheizt. Wir nutzen warme Decken und gold-silberne Rettungsfolien (Hypothermieprophylaxe).
  • Trockene Wundversorgung: Keine Salben, keine nassen Tücher! Wunden werden ausschließlich mit sterilen, trockenen, metallinebeschichteten (nicht verklebenden) Verbandstüchern abgedeckt. Der BPR betont: Der sterile Verband schützt vor Zugluft und ist damit ein elementarer Bestandteil der Schmerzreduktion!
  • Die Volumentherapie: Im Gegensatz zu komplizierten klinischen Formeln (Parkland-Formel) gibt der BPR eine klare, pragmatische Regel vor, um Überwässerung zu vermeiden: Erwachsene erhalten maximal 1 Liter angewärmte Vollelektrolytlösung pro Stunde. Kinder erhalten maximal 10 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde.

💡 MERKE:

Die verbrannte Fläche wird mit der Neunerregel oder der Handflächenregel (1 Prozent) berechnet; Verbrennungen Grad 1 zählen nicht mit! Der BPR verbietet jegliche aktive Kühlung; Hypothermieprophylaxe (Wärmeerhalt über 36 Grad Celsius) hat oberste Priorität. Verbrennungswunden werden präklinisch ausschließlich trocken und steril abgedeckt (kein Verkleben, Schutz vor Zugluft).Die Volumentherapie ist strikt gedeckelt: Maximal 1 Liter pro Stunde bei Erwachsenen (angewärmte Lösungen!).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) / Erläuterungen: Thermische Verletzungen. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Die rechtlich bindende Vorgabe, die das absolute Kühl-Verbot, die trockene Wundversorgung, die Volumengrenze von 1 Liter pro Stunde und das Vorgehen beim Inhalationstrauma definiert).

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Einleitung: Thermische Notfälle: Strom- und Blitzunfälle

Der unsichtbare Zerstörer

Herzlich willkommen in der Elektropathologie! Ein Stromunfall entsteht durch die Einwirkung von elektrischem Strom auf den menschlichen Körper. Das Ausmaß der Verletzung hängt von der Stromart (Wechselstrom ist durch das Auslösen von Kammerflimmern oft gefährlicher als Gleichstrom), der Kontaktzeit, der Stromstärke und dem Weg des Stroms durch den Körper ab.

1. Pathophysiologie: Die Wirkung auf den Körper

Strom sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands. Die Zerstörung im Körper erfolgt auf 2 primären Wegen: durch Hitze (Ohmsches Gesetz) und durch die direkte Zerstörung von Zellen.

  • Die thermische innere Verbrennung: Nach dem Ohmschen Gesetz entsteht Wärme in Abhängigkeit vom Widerstand. Hautgewebe (besonders feuchte Haut) hat einen geringeren Widerstand, weshalb der Strom hier als Ein- und Austrittsstelle (Strommarke) die Haut durchschlägt. Knochen haben hingegen einen extrem hohen Widerstand. Der Strom fließt direkt am Knochen entlang und erhitzt diesen massiv. Die Folge: Die tiefen, direkt am Knochen liegenden Muskelschichten werden regelrecht von innen gekocht (Nekrosen), während die Haut darüber äußerlich noch intakt aussehen kann.
  • Die zelluläre Zerstörung: Auf zellulärer Ebene kommt es zur Elektroporation (die Zellmembranen werden durch die elektrische Spannung aufgerissen und zerstört) sowie zur Elektrodenaturierung von Aminosäuren. Das Gewebe stirbt ab.
  • Der Weg durch das Herz: Fließt der Strom durch die obere Körperhälfte (zum Beispiel von Hand zu Hand oder von Hand zu Fuß), kreuzt er das Herz. Der externe Stromimpuls überlagert die körpereigene Reizleitung. Das absolute Horrorszenario ist die Auslösung von tödlichem Kammerflimmern.

2. Eigenschutz und Sicherheitsabstände

Die wichtigste Regel bei jedem Stromunfall lautet: Keine heldenhaften Rettungsversuche, solange der Strom fließt! Der BPR unterscheidet hier strikt nach Spannungsart.

  • Niederspannung (unter 1000 Volt): Dies betrifft den klassischen Haushaltsstrom (230 Volt). Der BPR fordert einen Sicherheitsabstand von 1 Meter. Die Rettung erfolgt durch die sofortige Trennung von der Spannungsquelle: Netzstecker ziehen, Sicherung (FI-Schalter) entfernen oder Gerät ausschalten. Wir nutzen einen geeigneten, isolierenden Standort.
  • Hochspannung (über 1000 Volt) und Blitze: Dies betrifft Strommasten, Oberleitungen von Zügen (oft 15000 Volt) oder Trafostationen. Hier herrscht absolute Lebensgefahr für das Team! Es besteht die Gefahr eines Spannungsüberschlags durch die Luft (Lichtbogen). Der BPR schreibt einen zwingenden Sicherheitsabstand von mindestens 5 Metern vor! Keine voreiligen Rettungsversuche! Wir müssen auf Fachpersonal (Feuerwehr, Notfallmanager der Bahn) warten, welches die Leitung freischaltet, gegen Wiedereinschalten sichert, erdet und kurzschließt.

3. Der BPR-Algorithmus: Diagnostik und Therapie

Sobald die Spannungsfreiheit garantiert und der Eigenschutz gesichert ist, arbeiten wir den Patienten streng nach Algorithmus ab.

  • Kreislaufstillstand: Liegt ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor, springen wir sofort in den BPR Reanimation. Stromunfälle haben oft gute Reanimations-Outcomes, wenn frühzeitig defibrilliert wird!
  • Das obligatorische 12 Kanal EKG: Atmet der Patient, erfolgen die Basismaßnahmen (ABCDE). Der wichtigste diagnostische Schritt im BPR ist jetzt das 12 Kanal EKG! JEDER Patient nach einem Stromunfall erhält zwingend ein EKG, um lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen auszuschließen.
  • Klinische Symptome: Wir suchen gezielt nach Symptomen: Strommarken an Händen und Füßen, Rhythmusstörungen, Myalgien (Muskelschmerzen durch innere Verbrennungen), Krampfanfällen, neurologischen Ausfällen oder Weichteilverletzungen.
  • Die Konsequenz: Liegen klinische Symptome vor, legen wir zwingend einen venösen Zugang und behandeln symptomorientiert weiter (zum Beispiel nach BPR instabile Tachykardie, BPR Krampfanfall oder BPR thermische Verletzung). Sind keine Symptome vorhanden, und das EKG ist unauffällig, erfolgt gegebenenfalls eine Schmerztherapie und der Transport zur klinischen Überwachung.

💡 MERKE:

Strom fließt am Knochen entlang; die schwersten Verbrennungen (Muskelnekrosen) liegen oft unsichtbar in der Tiefe. Bei Niederspannung (unter 1000 Volt) gilt 1 Meter Sicherheitsabstand und das Sichern der Stromquelle (Stecker/Sicherung).Bei Hochspannung (über 1000 Volt) gilt 5 Meter Abstand (Lichtbogen-Gefahr!); Rettung nur durch freigebendes Fachpersonal. Nach einem Stromschlag ist die Ableitung eines 12 Kanal EKGs absolute Pflicht, unabhängig vom subjektiven Befinden des Patienten!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) / Erläuterungen: Stromunfall. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Die rechtlich bindende Vorgabe, welche die genauen Sicherheitsabstände von 1 Meter und 5 Meter, das strikte Vorgehen beim Eigenschutz und die Pflicht zum 12 Kanal EKG definiert).

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Einleitung: Pharmakologie bei Hypothermie

In der Hypothermie sinkt die Stoffwechselrate pro 1 Grad Celsius Temperaturabfall um etwa 7 Prozent. Das bedeutet, dass bei einer schweren Hypothermie der gesamte biochemische Apparat der Arzneimittelverarbeitung nahezu zum Stillstand kommt.

1. Resorption und Verteilung (Der periphere Shutdown)

Die Aufnahme von Medikamenten ist durch die massive Zentralisation des Kreislaufs gestört.

  • Vasokonstruktion: Der Körper zieht das Blut aus der Peripherie ab, um den Kern zu schützen. Medikamente, die intramuskulär (i.m.) oder subkutan (s.c.) gegeben werden, erreichen das zentrale Kompartiment schlichtweg nicht. Sie „versacken“ im kalten Gewebe.
  • Intravenöse Applikation: Nur der intravenöse (i.v.) oder intraossäre (i.o.) Zugang ist verlässlich. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Da das Herzminutenvolumen sinkt und das Blut zähflüssiger wird (Hämokonzentration), dauert es wesentlich länger, bis ein Wirkstoff vom Arm am Zielorgan (z. B. dem Gehirn oder Herz) ankommt.

2. Metabolismus und Exkretion (Die Leber-Nieren-Pause)

Die Enzyme, die Medikamente abbauen sollen, sind temperaturabhängig.

  • Die Leber: Die Cytochrom-P450-Enzyme der Leber arbeiten in der Kälte extrem verlangsamt. Ein Medikament, das normalerweise eine Halbwertszeit von 10 Minuten hat, kann in einem hypothermen Patienten Stunden im Blut kreisen, ohne abgebaut zu werden.
  • Die Niere: Wie wir im Urogenital-Block gelernt haben, sinkt bei fallendem Blutdruck und fallender Temperatur die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) massiv ab. Die Ausscheidung von Wirkstoffen kommt fast zum Erliegen.

3. Die „Akkumulations-Falle“ (Der Stau-Effekt)

Dies ist die größte Gefahr bei der Reanimation eines unterkühlten Patienten.

  • Das Szenario: Du gibst nach Protokoll alle 3 bis 5 Minuten Adrenalin. Da der Stoffwechsel steht, wird nichts abgebaut. Es sammelt sich eine enorme Menge an unverändertem Wirkstoff im Blut an.
  • Der Wiedererwärmungsschock: Sobald der Patient im Krankenhaus erwärmt wird und der Stoffwechsel sowie die Durchblutung anspringen, werden diese massiven Wirkstoffmengen schlagartig aktiv. Es kommt zu einer „relativen Überdosierung“, die zu tödlichen Herzrhythmusstörungen (wie unkontrollierbarer Tachykardie) führen kann.

4. Leitlinien der ERC (European Resuscitation Council)

Aufgrund dieser Gefahren gibt es strikte Temperatur-Grenzen für die Medikamentengabe.

  • Unter 30 Grad Celsius: In dieser tiefen Phase der Hypothermie werden keine Medikamente (weder Adrenalin noch Amiodaron) gegeben. Das Herz ist in dieser Kälte meist völlig therapieresistent gegenüber Medikamenten.
  • 30 bis 35 Grad Celsius: Die Intervalle für die Medikamentengabe werden verdoppelt. Statt alle 3 bis 5 Minuten wird Adrenalin nur alle 6 bis 10 Minuten verabreicht.
  • Über 35 Grad Celsius: Ab hier gilt wieder das Standard-Protokoll der Reanimation.

💡 MERKE:

In der Kälte sinkt der Stoffwechsel pro 1 Grad Celsius um 7 Prozent.Medikamente werden weder abgebaut noch ausgeschieden und sammeln sich im Blut an (Akkumulation).Unter 30 Grad Celsius werden keine Medikamente verabreicht (Therapieresistenz).Zwischen 30 und 35 Grad Celsius werden die Intervalle auf 6 bis 10 Minuten verdoppelt.Beim Wiedererwärmen droht eine toxische Überflutung durch angestaute Wirkstoffe.

Literatur und Quellen für dieses Modul

Truhlář, A., et al. (2021). European Resuscitation Council Guidelines 2021: Cardiac arrest in special circumstances. Resuscitation Journal.

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