Einleitung: Tauch- und Ertrinkungsnotfälle: Physik der Gase
Der unsichtbare Druck
Herzlich willkommen in der hyperbaren (überdruckbehafteten) Medizin! An der Wasseroberfläche lastet auf uns ein Umgebungsdruck von 1 Bar. Wasser ist jedoch etwa 800 Mal dichter als Luft. Das bedeutet: Pro 10 Meter Wassertiefe steigt der Druck um exakt 1 weiteres Bar an. In 10 Meter Tiefe herrschen 2 Bar, in 20 Meter Tiefe herrschen 3 Bar und so weiter. Dieser immense Druck wirkt auf alle luftgefüllten Hohlräume des Körpers (Lunge, Mittelohr, Nasennebenhöhlen) und auf das Blut.
1. Das Gesetz von Boyle-Mariotte (Druck und Volumen)
Dieses Gesetz ist der absolute Hauptdarsteller bei allen Barotraumata (Druckverletzungen).
- Die Regel: Bei gleichbleibender Temperatur ist das Volumen eines Gases umgekehrt proportional zu seinem Druck. Verdoppelt sich der Druck, halbiert sich das Volumen. Halbiert sich der Druck, verdoppelt sich das Volumen!
- Der Abtrieb (Kompression): Taucht ein Freitaucher mit einer Lungenfüllung von 6 Liter an der Oberfläche ab, wird diese Luft auf 10 Meter Tiefe (2 Bar) auf 3 Liter zusammengepresst.
- Die Lebensgefahr (Expansion): Atmet ein Gerätetaucher in 20 Meter Tiefe (3 Bar) aus seiner Druckluftflasche tief ein, hat er 6 Liter Luft in der Lunge. Gerät er nun in Panik, hält die Luft an und schießt an die Oberfläche (1 Bar), verdreifacht sich das Volumen in seiner Lunge auf 18 Liter! Die Lunge zerreißt augenblicklich (pulmonales Barotrauma), und Luftblasen schießen direkt in das arterielle Blutsystem (arterielle Gasembolie).
2. Das Gesetz von Henry (Lösung von Gasen)
Dieses Gesetz erklärt die gefürchtete Dekompressionskrankheit (DCS / Taucherkrankheit).
- Die Regel: Die Menge eines in einer Flüssigkeit gelösten Gases ist direkt proportional zum Druck des Gases über der Flüssigkeit. Je höher der Druck, desto mehr Gas löst sich im Blut und im Gewebe.
- Die Sättigung: Atemluft besteht zu etwa 78 Prozent aus Stickstoff. Unter dem immensen Druck in der Tiefe löst sich dieser Stickstoff in großen Mengen im Blut und reichert sich im Fettgewebe und in den Gelenken an.
- Das Ausperlen: Taucht der Taucher zu schnell auf, fällt der Umgebungsdruck rasant ab. Das Blut kann den gelösten Stickstoff nicht mehr halten. Das Gas perlt aus (wie Kohlensäure, wenn man eine geschüttelte Mineralwasserflasche schlagartig öffnet). Es entstehen mikroskopische Gasblasen im Blut, die Gelenke blockieren (Bends), die Lunge verstopfen (Chokes) oder schwere neurologische Ausfälle im Rückenmark verursachen.
3. Das Gesetz von Dalton (Partialdrücke und Toxizität)
Dieses Gesetz erklärt den Tiefenrausch und die Sauerstoffvergiftung.
- Die Regel: Der Gesamtdruck eines Gasgemisches ist die Summe der Teildrücke (Partialdrücke) aller einzelnen Gase.
- Stickstoffnarkose (Tiefenrausch): Stickstoff ist an der Oberfläche harmlos. Ab einer Tiefe von etwa 30 Metern wird sein Partialdruck jedoch so hoch, dass er wie ein Narkosegas auf das zentrale Nervensystem wirkt. Der Taucher verliert die Urteilsfähigkeit, wird euphorisch oder ängstlich und handelt lebensmüde.
- Sauerstofftoxizität: Sauerstoff ist lebenswichtig, wird aber ab einem Partialdruck von 1 Komma 4 bis 1 Komma 6 Bar hochtoxisch für das zentrale Nervensystem (Paul-Bert-Effekt). Bei normaler Pressluft wird diese Grenze bei etwa 60 Metern erreicht. Der Taucher erleidet urplötzlich schwere Krampfanfälle unter Wasser und ertrinkt.
4. Präklinische Taktik
Egal, welches Gesetz zugeschlagen hat, unsere prähospitale Therapie zielt auf die sofortige Bekämpfung der Gasblasen im Blut ab.
- Sauerstoff: Jeder Patient nach einem Tauchunfall erhält zwingend und sofort 100 Prozent Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir! Dies senkt den Stickstoffanteil im Blut drastisch und hilft dem Körper, den abgeperlten Stickstoff schneller über die Lunge abzuatmen (Denitrogenisierung).
- Lagerung: Flache Rückenlage! Früher empfohlene Kopftieflagerungen sind obsolet, da sie ein Hirnödem begünstigen.
- Druckkammer: Der Rettungsdienst transportiert Tauchunfall-Patienten (nach Rücksprache mit einem tauchmedizinischen Notruf) meist direkt oder sekundär per Hubschrauber in eine Spezialklinik mit hyperbarer Sauerstofftherapie (Druckkammer), um die Gasblasen wieder zusammenzupressen und geordnet abzuatmen.
💡 MERKE:
Boyle-Mariotte: Druck und Volumen verhalten sich umgekehrt; Luft anhalten beim Aufstieg führt zum Lungenriss (Barotrauma).Henry: Gase lösen sich unter Druck im Blut; ein zu schneller Aufstieg lässt Stickstoff ausperlen (Dekompressionskrankheit).Dalton: Partialdrücke steigen mit der Tiefe; ab 30 Meter Tiefe wirkt Stickstoff narkotisierend (Tiefenrausch).Die absolut wichtigste präklinische Erstmaßnahme bei Tauchunfällen ist die sofortige Gabe von 100 Prozent Sauerstoff!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin e.V. [GTÜM] (2022). S2k-Leitlinie: Tauchunfall. (AWMF-Registernummer: 072-001).(Anmerkung: Die rechtlich bindende Leitlinie für Deutschland, welche die zwingende Gabe von 100 Prozent Sauerstoff, die flache Rückenlage und die Notwendigkeit der hyperbaren Druckkammertherapie evidenzbasiert vorschreibt).
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Einleitung: Tauch- und Ertrinkungsnotfälle: Apnoetauchen und Schnorcheln
Der körpereigene Atemreiz
Herzlich willkommen in der Pathophysiologie des Atemanhaltens! Um das Ertrinken von Apnoetauchern zu verstehen, müssen wir eine fundamentale physiologische Wahrheit kennen: Unser Atemreiz (der unbändige Drang, Luft zu holen) wird im Gehirn NICHT durch einen Mangel an Sauerstoff ausgelöst! Er wird fast ausschließlich durch den Anstieg von Kohlendioxid (CO2) im Blut getriggert. Steigt das CO2 an, zwingt uns das Gehirn zum Atmen. Diesen Schutzmechanismus hebeln Apnoetaucher oft unbewusst aus.
1. Der Schwimmbad-Blackout (Die Hyperventilations-Falle)
Das ist die mit Abstand häufigste Todesursache bei jungen, fitten Freitauchern, oft im heimischen Schwimmbad.
- Der fatale Fehler: Um länger unter Wasser bleiben zu können, atmen die Taucher vor dem Abtauchen mehrmals tief und schnell ein und aus (Hyperventilation). Dadurch tanken sie NICHT mehr Sauerstoff (das Blut ist ohnehin zu 98 Prozent gesättigt), sondern sie waschen ihr Kohlendioxid (CO2) massiv aus dem Blut aus. Der CO2-Spiegel startet also künstlich extrem tief.
- Die Pathophysiologie: Der Taucher ist unter Wasser. Der Körper verbraucht den Sauerstoff, der Sauerstoffgehalt sinkt in einen lebensgefährlichen Bereich. Gleichzeitig steigt das CO2 langsam wieder an. ABER: Da das CO2 durch die Hyperventilation so extrem tief gestartet ist, erreicht es die Auslöse-Schwelle für den Atemreiz noch nicht!
- Der Blackout: Der Taucher verspürt absolut keine Atemnot. Er fühlt sich großartig. Plötzlich fällt der Sauerstoffgehalt unter die kritische Grenze für das Gehirn. Das Gehirn schaltet sich ohne jede Vorwarnung ab (Blackout). Der Taucher wird bewusstlos, die Schutzreflexe erschlaffen, er atmet Wasser ein und ertrinkt lautlos.
2. Pendelatmung (Das Schnorchel-Problem)
Das Schnorcheln an der Oberfläche wirkt harmlos, birgt aber eine massive mechanische Gefahr durch den sogenannten Totraum.
- Der mechanische Totraum: Die menschlichen Atemwege (Luftröhre, Bronchien) sind Totraum, in dem kein Gasaustausch stattfindet. Ein Schnorchel verlängert diesen Totraum künstlich.
- Die Pendelatmung: Wenn das Volumen des Schnorchels zu groß ist oder die Atmung des Patienten zu flach wird, atmet er seine eigene, verbrauchte (CO2-reiche) Ausatemluft, die noch im Schnorchelrohr steht, einfach wieder ein.
- Die Folgen: Das CO2 im Blut steigt rasant an. Dies führt zu massiver Atemnot, Panikattacken, Kopfschmerzen und im schlimmsten Fall zur Bewusstlosigkeit. Deshalb dürfen Schnorchel für Erwachsene ein maximales Volumen und Kinder niemals Erwachsenenschnorchel benutzen!
3. Der Tauchreflex (Mammalian Dive Reflex)
Dieser Reflex ist ein uraltes, evolutionäres Erbe aller Säugetiere, das uns beim Eintauchen in kaltes Wasser schützt, aber auch Notfälle provozieren kann.
- Der Mechanismus: Trifft kaltes Wasser auf die Rezeptoren im Gesicht (speziell um Nase und Augen), wird der Vagusnerv massiv gereizt.
- Die Reaktion: Der Körper leitet sofort eine Zentralisation ein. Die Blutgefäße in den Armen und Beinen ziehen sich extrem zusammen (Vasokonstriktion), um das warme, sauerstoffreiche Blut für das Gehirn und das Herz zu sparen. Gleichzeitig fällt der Puls dramatisch ab (Bradykardie), teils auf unter 30 Schläge pro Minute. Dies kann bei vorerkrankten Patienten lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen.
4. Präklinische Taktik und die SAA Sauerstoff
Wenn wir einen bewusstlosen Taucher (egal ob Apnoe oder mit Gerät) aus dem Wasser retten, greift eine zwingende Ausnahme unserer Standard-Sauerstofftherapie.
- Der Blick in die SAA Sauerstoff: Im hochgeladenen Dokument (Standard-Arbeitsanweisung Sauerstoff der 6-Länder-AG) finden wir unter dem Punkt "Zielbereiche" eine essenzielle Vorgabe. Normalerweise titrieren wir Sauerstoff auf Zielwerte (z. B. 92 bis 96 Prozent).
- Die Ausnahme Tauchunfall: Die SAA definiert den "Tauchunfall / Dekompressionskrankheit" explizit als Indikation für eine hochdosierte Sauerstoffgabe OHNE Zielwert. Das bedeutet: Diese Patienten erhalten ausnahmslos 15 Liter pro Minute Sauerstoff über eine Gesichtsmaske mit Reservoir, völlig unabhängig davon, was das Pulsoximeter anzeigt!
- Die Begründung: Wir therapieren hier nicht nur die Hypoxie durch das Ertrinken, sondern wir nutzen den 100 Prozent reinen Sauerstoff als physikalisches Medikament, um den Gasaustausch (Stickstoff-Auswaschung bei Gerätetauchern) zu maximieren und das Überleben des Hirngewebes (beim Schwimmbad-Blackout) zu sichern.
💡 MERKE:
Der Atemreiz wird durch CO2-Anstieg gesteuert, nicht durch Sauerstoffmangel. Hyperventilation vor dem Tauchen wäscht CO2 aus; der Sauerstoff sinkt auf ein tödliches Niveau, bevor der Atemreiz einsetzt (Schwimmbad-Blackout).Zu lange Schnorchel führen zur Pendelatmung und massiver CO2-Vergiftung (Panik/Bewusstlosigkeit).Laut SAA Sauerstoff erfordert jeder Tauchunfall zwingend 15 Liter Sauerstoff pro Minute ohne Zielwert.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Standard-Arbeitsanweisung Rettungsdienst (SAA) – Medikament: Sauerstoff. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Die rechtlich bindende pharmakologische Vorgabe (siehe hochgeladenes Dokument), welche den Tauchunfall als Indikation für hochdosierten Sauerstoff (15 Liter pro Minute) ohne SpO2-Zielwert definiert).
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Einleitung: Tauch- und Ertrinkungsnotfälle: Gerätetauchen
Das tückische Atemgas
Herzlich willkommen in der Überdruckmedizin! Beim Gerätetauchen atmet der Taucher Pressluft, die denselben Druck hat wie das ihn umgebende Wasser. Dies führt zu 2 völlig unterschiedlichen, lebensgefährlichen Notfallbildern, die wir streng voneinander trennen müssen: Das mechanische Zerreißen der Lunge durch expandierende Luft (Boyle-Mariotte) und das chemisch-physikalische Ausperlen von Stickstoff im Gewebe (Henry).
1. Das Pulmonale Barotrauma (PBT) und die Arterielle Gasembolie (AGE)
Dies ist das absolute Maximal-Trauma des Tauchsports. Es entsteht fast immer durch Panik und einen zu schnellen Aufstieg mit angehaltener Luft.
- Die Mechanik: Wenn ein Taucher in 20 Meter Tiefe einatmet und beim Aufstieg die Luft anhält, dehnt sich die Luft in seiner Lunge massiv aus. Die Lungenbläschen (Alveolen) zerreißen.
- Die Arterielle Gasembolie (AGE): Durch die zerrissenen Lungenbläschen schießt die expandierende Luft direkt in den Lungenkreislauf und von dort in das arterielle Blutsystem. Diese Luftblasen wandern mit dem Blutstrom und blockieren im Gehirn die feinen Gefäße (wie bei einem massiven Schlaganfall) oder verstopfen die Herzkranzgefäße (wie bei einem Herzinfarkt).
- Das Zeitfenster (Die 10-Minuten-Regel): Die Symptome einer AGE treten extrem plötzlich und fast immer unmittelbar nach dem Auftauchen auf (innerhalb von 0 bis 10 Minuten). Der Taucher taucht auf und wird sofort bewusstlos, krampft, zeigt Halbseitenlähmungen oder spuckt blutigen Schaum.
2. Die Dekompressionskrankheit (DCS)
Die Dekompressionskrankheit (Taucherkrankheit) ist keine Verletzung durch Volumenzunahme, sondern ein Problem der Gassättigung im Gewebe durch Stickstoff.
- Die Ursache: Der Taucher war zu lange zu tief oder ist zu schnell aufgetaucht, ohne seine vorgeschriebenen Dekompressionsstopps einzuhalten. Der im Gewebe gelöste Stickstoff perlt im Blut und in den Organen aus und bildet tausende winzige Bläschen.
- DCS Typ 1 (Die milde Form): Die Blasen sitzen in der Haut (juckende Flecken, "Taucherflöhe", Marmorierung) oder blockieren die Gelenke und Muskeln. Der Patient klagt über stärkste Gelenkschmerzen ("Bends"), die ihn oft eine gekrümmte Haltung einnehmen lassen.
- DCS Typ 2 (Die schwere Form): Die Blasen blockieren das zentrale Nervensystem (Rückenmark und Gehirn) oder die Lunge. Typische Symptome sind Taubheitsgefühle, Kribbeln (Ameisenlaufen), aufsteigende Lähmungen der Beine, Verlust der Blasenkontrolle oder Schwindel und Atemnot ("Chokes").
- Das Zeitfenster: Im Gegensatz zur Gasembolie treten die Symptome der DCS verzögert auf. Meist beginnen sie 15 Minuten bis 24 Stunden nach dem Tauchgang.
3. Präklinische Taktik und Therapie
Egal ob Barotrauma oder DCS, die präklinische Therapie ist für beide Notfallbilder absolut identisch und zielt auf die rasche Auswaschung des Stickstoffs ab.
- 100 Prozent Sauerstoff: Dies ist die wichtigste und wirksamste Maßnahme! Wie in der SAA Sauerstoff gelernt, erhält der Patient sofort 15 Liter pro Minute Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir, ohne auf das Pulsoximeter zu achten.
- Flache Rückenlage: Der Patient wird zwingend flach auf dem Rücken gelagert! Früher gelehrte Methoden wie die Schocklage (Beine hoch) oder Kopftieflage (Trendelenburg) sind strikt verboten, da sie den Blutabfluss aus dem Gehirn behindern und ein Hirnödem verschlimmern.
- Flüssigkeitsgabe: Um das Blut zu verdünnen (Hämodilution) und den Abtransport der Bläschen zu erleichtern, erhält der Patient zügig 1 bis 2 Liter kristalloide Vollelektrolytlösung intravenös (oder er darf schluckweise Wasser trinken, wenn er voll bewusstseinsklar ist).
- Zielklinik und Transport: Der Transport MUSS nach telefonischer Rücksprache mit einem Taucharzt (z.B. über die Hotline des Divers Alert Network / DAN) in eine Klinik mit spezieller Druckkammer (Hyperbare Oxygenierung) erfolgen. Erfolgt der Transport per Hubschrauber, darf dieser nicht hoch fliegen, da ein sinkender Luftdruck die Blasen weiter vergrößern würde (Low-Level-Flight anfordern!).
💡 MERKE:
Die Arterielle Gasembolie (AGE) durch Lungenriss entsteht durch Luft anhalten beim Aufstieg; Symptome (Koma, Lähmung) treten sofort (innerhalb von 10 Minuten) auf. Die Dekompressionskrankheit (DCS) entsteht durch ausperlenden Stickstoff; Symptome (Gelenkschmerzen, Kribbeln, Querschnittslähmung) treten verzögert auf. Die Therapie für alle Tauchunfälle: Flache Rückenlage, sofort 15 Liter Sauerstoff pro Minute und intravenöses Volumen. Der Transport erfolgt immer in eine Druckkammer; beim Helikopter-Transport zwingend einen niedrigen Flug (Low-Level-Flight) einfordern.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin e.V. [GTÜM] (2022). S2k-Leitlinie: Tauchunfall. (AWMF-Registernummer: 072-001).(Anmerkung: Die rechtlich bindende Leitlinie für Deutschland, welche die 100 Prozent Sauerstofftherapie, die zwingende flache Rückenlage (Verzicht auf Kopftieflage) und die Indikationen zur Druckkammertherapie evidenzbasiert regelt).
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Einleitung: Tauch- und Ertrinkungsnotfälle: Ertrinkungsunfälle
Der Sauerstoff-Entzug
Herzlich willkommen in der Pathophysiologie des Ertrinkens! Im Gegensatz zum plötzlichen Herztod (wo das Herz primär flimmert, aber das Blut noch voller Sauerstoff ist), ist das Ertrinken ein sogenannter hypoxischer Kreislaufstillstand. Das bedeutet: Der Patient stirbt nicht primär an einem Herzproblem, sondern weil sein Gehirn und sein Herzmonate regelrecht an Sauerstoffmangel (Hypoxie) ersticken. Diese Tatsache verändert unseren gesamten Reanimations-Algorithmus.
1. Definitionen und Begrifflichkeiten (Das Ende der Mythen)
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Nomenklatur radikal aufgeräumt, um Missverständnisse in der Klinik zu vermeiden.
- Die Kerndefinition: Ertrinken ist ein Prozess, bei dem es zu einer primären respiratorischen Beeinträchtigung (Atemstörung) durch Untertauchen (Submersion) oder Eintauchen (Immersion) in ein flüssiges Medium kommt.
- Die gestrichenen Begriffe: Die Begriffe "Beinahe-Ertrinken", "trockenes Ertrinken", "feuchtes Ertrinken" oder "sekundäres Ertrinken" sind medizinisch obsolet und absolut verboten! Sie stiften nur Verwirrung.
- Die 3 neuen Kategorien: Wir klassifizieren den Ausgang des Ertrinkungsprozesses nur noch in 3 klare Kategorien: Ertrinken mit tödlichem Ausgang, Ertrinken mit Morbidität (Folgeschäden) oder Ertrinken ohne Morbidität.
2. Pathophysiologie (Der Kampf um die Alveolen)
Was passiert genau in der Lunge, wenn der Kopf unter Wasser gerät?
- Der Atemstopp und Laryngospasmus: Das Gesicht ist unter Wasser. Der Patient hält panisch die Luft an. Das Kohlendioxid im Blut steigt. Wenn der Atemreiz zu stark wird, atmet der Patient unfreiwillig ein. Das kalte Wasser trifft auf den Kehlkopf, was oft zu einem extremen Stimmbandkrampf (Laryngospasmus) führt. Die Atemwege verschließen sich komplett.
- Die Aspiration und der Washout: Irgendwann löst sich der Krampf durch die einsetzende Bewusstlosigkeit. Wasser dringt in die Lunge ein. Das eingeatmete Wasser wäscht den sogenannten Surfactant-Faktor aus den Lungenbläschen (Alveolen) heraus. Surfactant ist eine körpereigene Seife, die die Bläschen offen hält. Fehlt er, fallen die Alveolen in sich zusammen (Atelektasenbildung). Ein Gasaustausch ist ab jetzt unmöglich!
- Süßwasser vs. Salzwasser: Früher dachte man, dies sei präklinisch extrem wichtig. Heute wissen wir: Für unsere Therapie auf der Straße ist das völlig irrelevant! Beides zerstört den Surfactant, beides führt zu massivem Sauerstoffmangel.
3. Präklinische Maßnahmen und die Reanimations-Ausnahme
Da der Körper absolut sauerstoffleer ist, müssen wir unsere Standard-Reanimationsrichtlinien sofort anpassen.
- Rettung und Eigenschutz: Ertrinkende in Panik entwickeln unglaubliche Kräfte und können Retter mit unter Wasser ziehen! Die Rettung erfolgt primär durch Zuwerfen von Rettungsmitteln oder durch ausgebildetes Personal (Wasserrettung).
- Halswirbelsäule (HWS): Eine routinemäßige HWS-Immobilisation (Stifneck) noch im Wasser verzögert die lebensrettende Sauerstoffgabe massiv! Sie wird nur noch durchgeführt, wenn ein klarer Trauma-Verdacht besteht (z. B. Kopfsprung in flaches Wasser oder Wasserski-Unfall).
- Die 5 Initialbeatmungen: Das ist der wichtigste Unterschied zur normalen Reanimation! Finden wir einen Ertrunkenen ohne normale Atmung, beginnen wir NICHT sofort mit der Herzdruckmassage! Wir geben zuerst 5 initiale Atemspenden (Beatmungen), idealerweise mit 100 Prozent Sauerstoff, um das völlig leere System wieder mit Sauerstoff zu füllen. Erst danach prüfen wir Lebenszeichen und starten mit der 30 zu 2 Reanimation.
- Therapie bei erhaltener Atmung: Atmet der Gerettete noch, erhält er sofort 15 Liter pro Minute Sauerstoff über Maske. Wenn das Pulsoximeter schlechte Werte zeigt, ist die Anlage einer CPAP-Maske (kontinuierlicher positiver Atemwegsdruck) lebensrettend, da der Druck die kollabierten Lungenbläschen wieder aufpresst.
💡 MERKE:
Der Begriff "Beinahe-Ertrinken" ist verboten; wir sprechen nur noch von Ertrinken mit oder ohne Morbidität. Das aspirierte Wasser wäscht den Surfactant aus, was zum Zusammenfallen der Lunge (Atelektasen) und massiver Hypoxie führt. Ertrinken führt zu einem hypoxischen Kreislaufstillstand; die Reanimation beginnt zwingend mit 5 Initialbeatmungen!Bei erhaltener Spontanatmung ist die frühzeitige CPAP-Beatmung das Mittel der Wahl, um die Lungenbläschen wieder aufzudehnen.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- European Resuscitation Council [ERC] (2021). Leitlinien zur Reanimation: Besondere Umstände (Kreislaufstillstand durch Ertrinken).(Anmerkung: Die rechtlich bindende internationale Leitlinie, welche die zwingenden 5 Initialbeatmungen vor der Herzdruckmassage und den Verzicht auf pauschale HWS-Immobilisation ohne Traumaverdacht evidenzbasiert vorschreibt).