Einleitung: Pediatric Basic Life Support (PBLS) – Reanimation von Kindern und Säuglingen
Der Sauerstoff als Schlüssel
Herzlich willkommen zu diesem lebensrettenden Modul! Bei einem Erwachsenen steht das Herz oft plötzlich still (Kammerflimmern), während das Blut noch voller Sauerstoff ist. Daher beginnen wir beim Erwachsenen sofort mit dem Drücken.Bei Kindern ist das völlig anders. Ein Kind hört meistens zuerst auf zu atmen. Das Herz schlägt noch eine Weile weiter, bis der letzte Rest Sauerstoff im Blut verbraucht ist, und bleibt erst dann durch das absolute Ersticken stehen. Wenn ihr hier nur drückt, pumpt ihr sauerstoffloses, leeres Blut durch den Körper. Das Gehirn des Kindes braucht zwingend sofort frischen Sauerstoff!
Wir unterscheiden im Algorithmus grundsätzlich zwischen Säuglingen (unter 1 Jahr) und Kindern (über 1 Jahr bis zur Pubertät).
1. Atemwege freimachen (Die anatomische Falle)
Die Anatomie eines Kindes, besonders eines Säuglings, unterscheidet sich massiv von der eines Erwachsenen. Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper riesig (besonders der Hinterkopf).
- Bei Säuglingen (unter 1 Jahr): Wenn ein Säugling flach auf dem Rücken liegt, knickt der große Hinterkopf den Hals automatisch nach vorne ab und verschließt die Luftröhre. Ihr dürft den Kopf eines Säuglings nicht stark überstrecken! Der Kopf wird in eine Neutralposition gebracht. Oft hilft es, ein kleines, gefaltetes Handtuch unter die Schulterblätter zu legen, um die Achse gerade zu ziehen.
- Bei Kindern (über 1 Jahr): Hier reicht ein leichtes Überstrecken des Kopfes (die sogenannte Schnüffelposition), kombiniert mit dem Anheben des Kinns (Head-Tilt und Chin-Lift).
2. Der entscheidende Unterschied: 5 initiale Beatmungen
Nachdem ihr die Atemwege freigemacht habt, prüft ihr die Atmung (Sehen, Hören, Fühlen) für maximal 10 Sekunden. Atmet das Kind nicht oder nicht normal (Schnappatmung), folgt der wichtigste Schritt, der sich vom Erwachsenen unterscheidet:
- Die 5 Initialbeatmungen: Bevor ihr auch nur einmal auf den Brustkorb drückt, gebt ihr dem Kind 5 initiale Beatmungen! Da das Kind am Sauerstoffmangel gestorben ist, müsst ihr die leeren Lungen sofort wieder füllen.
- Die Technik: * Säugling: Euer Mund umschließt Mund und Nase des Säuglings gleichzeitig.
- Kind: Ihr beatmet Mund-zu-Mund und haltet die Nase zu (oder nutzt den passenden Beatmungsbeutel).
- Das Volumen: Pustet nur so viel Luft hinein, bis sich der Brustkorb sichtbar hebt. Kinderlungen sind winzig! Eine zu feste Beatmung zerreißt das Lungengewebe oder bläht den Magen auf.
3. Kreislaufprüfung und die Herzdruckmassage
Nach den 5 Beatmungen prüft ihr für maximal 10 Sekunden, ob Lebenszeichen (Husten, Bewegung) zurückgekehrt sind. Wenn ihr Profis seid, tastet ihr den Puls (beim Säugling an der Innenseite des Oberarms, beim Kind an der Halsschlagader).Achtung: Wenn das Kind keine Lebenszeichen zeigt oder der Puls unter 60/min liegt und das Kind blass oder blau ist, beginnt ihr sofort mit der Herzdruckmassage! Ein Puls von 40/min reicht bei einem Säugling absolut nicht zum Überleben aus.
- Der Profi-Rhythmus (15 zu 2): Für euch als medizinisches Fachpersonal gilt bei Kindern und Säuglingen der Rhythmus: 15 Thoraxkompressionen gefolgt von 2 Beatmungen.
- Die Druckfrequenz: Genau wie beim Erwachsenen drückt ihr mit 100 bis 120 Kompressionen pro Minute.
- Die Drucktiefe (Die Ein-Drittel-Regel): Der Brustkorb muss um genau ein Drittel seiner Tiefe eingedrückt werden. Das entspricht etwa 4 Zentimetern beim Säugling und 5 Zentimetern beim Kind.
- Die Handgriffe:
- Säugling: Nutzt die Zwei-Daumen-Technik! Eure Hände umfassen den gesamten kleinen Brustkorb, und beide Daumen drücken exakt auf die Mitte des Brustbeins.
- Kind: Drückt mit dem Handballen einer Hand. Bei größeren Kindern oder wenn ihr erschöpft seid, nutzt ihr beide Hände wie beim Erwachsenen.
4. Die Defibrillation (AED) bei Kindern
Auch wenn das Kammerflimmern bei Kindern seltener ist, muss ein Defibrillator schnellstmöglich angeschlossen werden.
- Kinder-Pads und Energie: Nutzt für Kinder zwischen 1 und 8 Jahren spezielle Kinder-Elektroden oder einen Kindermodus am Gerät. Diese reduzieren die abgegebene Energie (die Schockstärke) auf ein kindgerechtes Maß (oft etwa 50 bis 75 Joule).
- Die Positionierung: Da der Brustkorb oft zu klein ist, um beide Klebepads nebeneinander auf die Brust zu kleben (sie dürfen sich niemals berühren!), klebt ihr ein Pad vorne exakt auf die Mitte der Brust und das andere Pad genau gegenüber auf den Rücken zwischen die Schulterblätter (Anterior-Posterior-Position).
- Im absoluten Notfall: Wenn ihr nur einen normalen Erwachsenen-AED ohne Kindermodus habt, nutzt ihr diesen! Ein zu starker Schock ist immer noch besser als gar kein Schock bei einem flimmernden Herzen.
💡 MERKE:
Der kindliche Kreislaufstillstand ist fast immer die Folge eines Sauerstoffmangels. Die Atemwege beim Säugling nur in Neutralposition bringen, nicht stark überstrecken!Startet die Reanimation zwingend mit 5 initialen Beatmungen, um die leeren Lungen zu füllen.Für euch als Profis gilt danach der Rhythmus 15 Kompressionen zu 2 Beatmungen.Drückt den Brustkorb um ein Drittel seiner Tiefe ein (etwa 4 Zentimeter beim Säugling, 5 Zentimeter beim Kind).
Literatur und Quellen für dieses Modul
- European Resuscitation Council (ERC): Guidelines 2025 - Paediatric Life Support (PLS). (Das maßgebliche Dokument, welches den klaren Unterschied in der Ätiologie – Sauerstoffmangel statt Herzproblem – sowie die daraus resultierenden 5 Initialbeatmungen und den 15:2 Rhythmus für medizinisches Personal verbindlich vorschreibt).
- Deutscher Rat für Wiederbelebung (German Resuscitation Council - GRC): Reanimation 2025. (Deine hochgeladene Quelle, die die Tiefe von einem Drittel des Brustkorbs sowie die Frequenz von 100 bis 120/min bestätigt).