Zurück zum Lernfeld
Skript ⏱ 20 Min. Lesezeit

1.8 Psychosoziale Unterstützung im und nach dem Einsatz

Modul: Selbsthilfestrategien, Einsatzbegleitung und Einsatznachsorge

Einleitung: Die unsichtbaren Verletzungen

Herzlich willkommen zu diesem Modul! Wenn ihr im Rettungsdienst arbeitet, lernt ihr, wie man blutende Wunden verbindet und gebrochene Knochen schient. Doch nicht alle Verletzungen sind sofort sichtbar.

Ihr werdet in eurem Berufsleben Dinge sehen und erleben, die normale Menschen niemals sehen müssen. Das Leid von Patienten, der Schmerz von Angehörigen oder die Konfrontation mit dem Tod können starke Spuren in eurer eigenen Seele hinterlassen. Eure mentale Gesundheit ist genauso wichtig wie euer körperlicher Arbeitsschutz. In diesem Modul lernt ihr, wie ihr euch im Einsatz selbst schützen könnt, wie ihr euch im Team gegenseitig stützt und welche professionellen Hilfen es für die Zeit nach einem schweren Einsatz gibt.

1. Selbsthilfestrategien im Einsatz

Stress ist eine normale körperliche Reaktion. Wenn der Alarmmelder piept, schüttet euer Körper Adrenalin aus. Das macht euch wach und leistungsfähig. Wenn der Einsatz aber extrem chaotisch oder emotional belastend ist, kann dieser Stress euch blockieren. Um handlungsfähig zu bleiben, gibt es bewährte Selbsthilfestrategien.

  • Mentale Vorbereitung auf der Anfahrt: Nutzt die Fahrt im Rettungswagen zum Einsatzort. Sprecht im Team kurz durch, was euch erwarten könnte. Verteilt klar die Aufgaben. Wer macht was? Diese Struktur gibt euch Sicherheit, bevor ihr überhaupt aussteigt.
  • Die taktische Atmung: Wenn ihr am Einsatzort merkt, dass euer Puls rast und ihr den Überblick verliert, nutzt eine Technik aus dem militärischen Bereich. Atmet vier Sekunden lang tief durch die Nase ein. Haltet den Atem für vier Sekunden an. Atmet vier Sekunden lang langsam durch den Mund aus. Haltet wieder für vier Sekunden an. Wiederholt das drei bis vier Mal. Das signalisiert eurem Gehirn, dass ihr sicher seid, und senkt sofort den Puls.
  • Mikropausen: Manchmal ist es überlebenswichtig, für zehn Sekunden buchstäblich einen Schritt zurückzutreten. Schaut euch die Szene von außen an. Nehmt euch die Zeit, tief durchzuatmen und die Situation neu zu bewerten, anstatt in blinden Aktionismus zu verfallen.
  • Das Stopp-Kommando: Wenn ihr merkt, dass eine bestimmte Aufgabe euch emotional zu sehr belastet (zum Beispiel die Reanimation eines kleinen Kindes), dürft und solltet ihr Aufgaben im Team tauschen, sofern es medizinisch vertretbar ist. Heldentum ist hier fehl am Platz.

2. Psychosoziale Einsatzbegleitung

Ihr seid nie allein. Die wichtigste Ressource zur Bewältigung von Stress ist euer Teampartner auf dem Rettungswagen. Die psychosoziale Einsatzbegleitung beginnt nicht erst nach dem Einsatz, sondern schon mittendrin.

  • Achtet aufeinander: Beobachtet eure Kolleginnen und Kollegen. Wenn euer Partner plötzlich extrem still wird, fahrig wirkt oder Fehler macht, sprecht ihn aktiv an. Ein kurzes „Ist alles in Ordnung bei dir? Brauchst du eine Pause?“ kann Wunder wirken.
  • Schutz vor Überlastung: Wenn die Situation vor Ort für euer Team zu viel wird, habt ihr das Recht, weitere Kräfte nachzufordern. Das können weitere Rettungswagen sein, die Polizei zur Absicherung gegen aggressive Gaffer oder spezielle Kriseninterventionsteams, die sich um unverletzte, aber weinende Angehörige kümmern, damit ihr euch auf den Patienten konzentrieren könnt.

3. Maßnahmen zur Einsatznachsorge

Nach einem extrem belastenden Einsatz ist es völlig normal, dass ihr schlecht schlaft, die Bilder immer wieder vor Augen habt oder gereizt seid. Das ist eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Um zu verhindern, dass daraus eine dauerhafte psychische Erkrankung (wie eine Posttraumatische Belastungsstörung) wird, gibt es ein festes System der Nachsorge.

In Deutschland nennt man dieses System die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte. Es ist in mehrere aufeinanderfolgende Phasen unterteilt:

Die erste Stufe: Das Defusing (Die Entschärfung)

Das Defusing findet unmittelbar nach dem Einsatz statt. Meistens passiert das schon auf der Rückfahrt im Rettungswagen oder direkt nach der Ankunft auf der Rettungswache.

  • Es ist ein kurzes, formloses Gespräch im Team.
  • Es geht nur darum, die reinen Fakten abzugleichen: „Was ist gerade eigentlich passiert? Haben wir alle das Gleiche gesehen?“
  • Das Ziel ist es, den emotionalen Druck sofort ein wenig aus dem Kessel zu nehmen, bevor ihr in den nächsten Einsatz fahrt oder nach Hause geht.

Die zweite Stufe: Das strukturierte Debriefing (Die Nachbesprechung)

Wenn der Einsatz sehr schwer war, reicht ein kurzes Gespräch auf der Wache nicht aus. Dann findet einige Tage später ein Debriefing statt.

  • Dieses Gespräch wird nicht von euch allein geführt, sondern von speziellen Helfern angeleitet. Das sind sogenannte „Peers“ (das ist das englische Wort für Gleichgestellte). Ein Peer ist ein erfahrener Kollege aus dem Rettungsdienst oder der Feuerwehr, der eine psychologische Zusatzausbildung hat.
  • Da der Peer genau weiß, wie es auf der Straße zugeht, vertrauen die Einsatzkräfte ihm oft mehr als einem fremden Therapeuten.
  • In dieser Runde wird das Erlebte im gesamten Team Stück für Stück durchgesprochen und emotional eingeordnet.

Die dritte Stufe: Professionelle Hilfe

Wenn die Peers merken, dass eine Kollegin oder ein Kollege das Erlebte auch nach mehreren Wochen nicht verarbeiten kann, vermitteln sie weitere Hilfe. Hier kommen dann speziell geschulte Psychologen oder Psychotherapeuten zum Einsatz, die von den Unfallkassen oder Berufsgenossenschaften bezahlt werden, um eine echte Therapie zu beginnen.

💡 MERKE:

Psychische Belastung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine normale Reaktion auf extreme Einsätze.

Nutzt im Einsatz Techniken wie die taktische Atmung und Mikropausen, um handlungsfähig zu bleiben.

Redet nach dem Einsatz miteinander. Für extrem belastende Ereignisse steht euch jederzeit die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte zur Verfügung, bei der speziell geschulte Kolleginnen und Kollegen euch dabei helfen, das Erlebte gesund zu verarbeiten.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. (zweitausendelf). Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien. Schriftenreihe des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. https://www.bbk.bund.de/
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. (zweitausendundsechzehn, Mai). Regel einhundertfünf Strich null null drei: Branche Rettungsdienst (Kapitel Psychische Belastungen). Publikationsdatenbank der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. https://publikationen.dguv.de/
  • Bundesministerium der Justiz. (neunzehnhundertsechsundneunzig, siebter August). Arbeitsschutzgesetz (Paragraf fünf: Beurteilung der Arbeitsbedingungen einschließlich psychischer Belastungen). Gesetze im Internet. https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/

Alles verstanden?