Einleitung: Pediatric Advanced Life Support (PALS) – New Born Life Support (NLS)
Der erste Atemzug
Herzlich willkommen in der Neonatologie! Die Geburt ist der gefährlichste Moment im Leben eines Menschen. Die Lunge des Babys ist noch mit Flüssigkeit gefüllt und muss sich mit den ersten Atemzügen entfalten, damit sich der gesamte Blutkreislauf vom mütterlichen System abnabelt und auf die Lunge umstellt. Etwa 85 Prozent aller Neugeborenen machen das völlig allein. Etwa 10 Prozent brauchen etwas Stimulation, und nur knapp 1 Prozent benötigt weitreichende Reanimationsmaßnahmen. Wenn wir eingreifen müssen, ist die Beatmung unser wichtigstes und oft einziges Werkzeug!
1. Die ersten Sekunden (Wärmeerhalt und Stimulation)
Wenn das Kind geboren ist, beginnt die Stoppuhr. Der größte Feind des Neugeborenen auf der Straße ist nicht primär der Sauerstoffmangel, sondern die Kälte! Ein nasses Neugeborenes kühlt in Sekunden lebensgefährlich aus.
Abtrocknen und Einwickeln: Das Kind muss sofort abgetrocknet und in warme, trockene Tücher gewickelt werden. Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper riesig und verliert am meisten Wärme, daher muss zwingend eine Mütze aufgesetzt werden!
Die taktile Stimulation: Bereits das kräftige Abtrocknen ist der erste und wichtigste Reiz für das Gehirn, mit der Atmung zu beginnen.
Das Abnabeln: Wenn das Kind nicht atmet und schlaff ist, wird die Nabelschnur sofort durchtrennt, um das Kind auf einer festen, warmen Unterlage behandeln zu können.
2. Die Beurteilung (Die 3 Kriterien)
Wir beurteilen den Zustand des Neugeborenen kontinuierlich anhand von 3 einfachen Parametern:
Die Atmung: Schreit das Kind? Atmet es regelmäßig? Oder schnappt es nur vereinzelt nach Luft (Gasping)?
Der Muskeltonus: Bewegt es die Arme und Beine, oder liegt es völlig schlaff auf dem Handtuch?
Die Herzfrequenz: Das ist der wichtigste Parameter! Wir hören die Herzfrequenz mit dem Stethoskop über der Brust ab oder fühlen den Puls an der Nabelschnur. Eine normale Herzfrequenz bei einem Neugeborenen liegt weit über 100 Schlägen pro Minute.
3. Die Beatmung (Das absolute Kernstück)
Wenn das Kind nicht atmet oder die Herzfrequenz unter 100 Schläge pro Minute fällt, beginnen wir sofort mit der Beatmung!
Die 5 initialen Beatmungen: Wir setzen die kleinste Maske auf und geben 5 langsame Beatmungszüge. Jeder dieser Züge sollte 2 bis 3 Sekunden dauern! Wir wollen die Flüssigkeit aus den Lungenbläschen drücken und die Lunge aufdehnen.
Die Raumluft-Regel: Neugeborene, die am errechneten Termin geboren wurden, werden initial zwingend mit Raumluft (also 21 Prozent Sauerstoff) beatmet! Reiner Sauerstoff ist in dieser Phase giftig für das Gehirn und die Lunge des Babys.
Die Erfolgskontrolle: Wenn sich der Brustkorb bei den 5 Beatmungen nicht hebt, müssen wir die Maske neu aufsetzen, den Kopf leicht in die Neutralposition bringen (nicht überstrecken!) oder den Mund absaugen, bevor wir weitermachen.
4. Die Herzdruckmassage (Das seltene Extrem)
Nur wenn die Lunge perfekt belüftet ist (der Brustkorb hebt sich bei jedem Hub) und die Herzfrequenz des Kindes nach 30 Sekunden effektiver Beatmung trotzdem unter 60 Schläge pro Minute fällt, beginnen wir mit der Herzdruckmassage!
Die Technik: Wir umgreifen den Brustkorb des Babys mit beiden Händen und drücken mit beiden Daumen auf das untere Drittel des Brustbeins (Zwei-Daumen-Technik).
Das Verhältnis: Bei Neugeborenen drücken wir im Verhältnis 3 zu 1. Das bedeutet: 3 Kompressionen, dann 1 Beatmung. Wir führen etwa 90 Kompressionen und 30 Beatmungen pro Minute durch.
Der Sauerstoff: Sobald die Herzdruckmassage beginnt, erhöhen wir den Sauerstoff am Beatmungsbeutel auf 100 Prozent!
5. Die medikamentöse Therapie
Medikamente kommen beim New Born Life Support extrem selten zum Einsatz, da fast alle Kinder auf eine gute Beatmung reagieren.
Der Zugang: Wenn wir Medikamente brauchen, ist der schnellste Weg bei einem Neugeborenen der Nabelvenenkatheter (ein Schlauch, der direkt in die Nabelschnur geschoben wird) oder ein intraossärer Zugang.
Adrenalin: Bleibt die Herzfrequenz trotz Beatmung und Herzdruckmassage unter 60 Schlägen pro Minute, geben wir Adrenalin in einer extrem geringen Dosierung (meist 10 bis 30 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht).
💡 MERKE:
Wärmeerhalt (Abtrocknen und Mütze) ist die erste und wichtigste Maßnahme am Einsatzort! Die Herzfrequenz ist der Leitparameter. Fällt sie unter 100, wird beatmet. Fällt sie unter 60, wird massiert. Wir starten immer mit 5 langsamen Beatmungen (jeweils 2 bis 3 Sekunden) mit normaler Raumluft (21 Prozent Sauerstoff), um die Lunge zu entfalten! Das Reanimationsverhältnis beim Neugeborenen beträgt 3 zu 1.
Literatur und Quellen für dieses Modul
Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (2025).Standard-Arbeitsanweisungen und Behandlungspfade im Rettungsdienst.
Einleitung: Pediatric Advanced Life Support (PALS) – Das asphyktische Neugeborene
Die sekundäre Apnoe
Herzlich willkommen in der "Golden Minute"! Wenn ein Baby nicht atmet, müssen wir zwischen 2 Zuständen unterscheiden. Bei der primären Apnoe (Atemstillstand) reicht oft schon das kräftige Abtrocknen als Schmerzreiz aus, damit das Gehirn den Atemreflex auslöst. Ein asphyktisches Neugeborenes befindet sich jedoch meist in der sekundären Apnoe. Das Atemzentrum im Gehirn ist durch den massiven Sauerstoffmangel bereits so stark geschädigt, dass kein Schmerzreiz der Welt mehr hilft. Dieses Kind wird ohne unsere sofortige maschinelle Beatmung sterben. Wir haben exakt 60 Sekunden Zeit, um die Lunge zu öffnen!
1. Die Golden Minute (Die ersten 60 Sekunden)
Der Countdown startet mit der kompletten Geburt des Kindes.
Sekunde 0 bis 30 (Stimulation und Beurteilung): Das Kind wird sofort abgetrocknet und warm eingepackt. Bleibt es schlaff und atmet nicht (oder schnappt nur vereinzelt nach Luft), verschwenden wir keine weitere Zeit mit Fußsohlen-Rubbeln! Wir prüfen die Herzfrequenz (mit dem Stethoskop). Liegt diese unter 100 Schlägen pro Minute, liegt ein lebensgefährlicher Sauerstoffmangel vor.
Sekunde 30 bis 60 (Die Lungenentfaltung): Wir setzen sofort die Beatmungsmaske auf. Wir geben 5 initiale Beatmungszüge (die sogenannten Sustained Inflations). Jeder dieser Züge wird für 2 bis 3 Sekunden gehalten! Der Druck sollte bei etwa 30 Zentimeter Wassersäule liegen.
Die Sauerstoff-Falle: Auch beim asphyktischen, reifen Neugeborenen starten wir zwingend mit Raumluft, also 21 Prozent Sauerstoff! Reiner Sauerstoff erzeugt aggressive freie Radikale, die das vorgeschädigte Gehirn nach einer Asphyxie komplett zerstören können (Reperfusionsschaden).
2. Das Mekonium-Problem (Grünes Fruchtwasser)
Asphyktische Kinder haben unter der Geburt massiven Stress. Dieser Stress führt oft dazu, dass sie noch im Mutterleib ihren ersten Stuhlgang (das Mekonium) ins Fruchtwasser absetzen. Das Fruchtwasser wird grün und zähflüssig.
Der alte Mythos: Früher hieß es, man müsse diese Kinder sofort tief in der Luftröhre absaugen, bevor man sie beatmet.
Die moderne Leitlinie: Das routinemäßige Absaugen ist heute strengstens verboten! Es verzögert die lebensrettende Beatmung und schädigt die Stimmbänder. Wir saugen nur noch dann kurz den Mundraum ab, wenn dieser sichtbar mit zähem Mekonium verstopft ist und wir absolut keine Luft in das Kind bekommen. Ansonsten gilt: Beatmung hat immer höchste Priorität!
3. Die Fehlerbehebung (Wenn der Brustkorb sich nicht hebt)
Bei der Beatmung eines schlaffen Neugeborenen entweicht oft Luft, oder der Atemweg ist abgeknickt. Wenn sich der Brustkorb bei den 5 initialen Zügen nicht hebt, müssen wir unser Vorgehen sofort korrigieren, bevor wir zur Herzdruckmassage übergehen!
Die Kopfposition: Der Kopf des Babys darf nicht überstreckt werden (wie beim Erwachsenen), sonst knickt die weiche Luftröhre ab! Der Kopf muss in einer neutralen "Schnüffelposition" liegen (oft hilft ein kleines, gefaltetes Handtuch unter den Schultern).
Der Maskensitz: Wir prüfen, ob die Maske wirklich dicht über Mund und Nase sitzt (C-Griff).
Der Druck: Wir erhöhen den Beatmungsdruck minimal, um die verklebten Lungenbläschen aufzubrechen.
4. Eskalation (Die Reanimationsphase)
Erst wenn wir sicher sind, dass unsere Beatmung effektiv ist (der Brustkorb hebt sich sichtbar!), prüfen wir nach 30 Sekunden erneut die Herzfrequenz.
Der Schwellenwert: Liegt die Herzfrequenz trotz effektiver Beatmung weiterhin unter 60 Schlägen pro Minute, steht der Kreislauf kurz vor dem absoluten Stillstand.
Die Herzdruckmassage: Wir beginnen sofort mit der Thoraxkompression (Zwei-Daumen-Technik). Das Verhältnis ist strikt 3 Kompressionen zu 1 Beatmung.
Die Sauerstoff-Anpassung: Ab der Sekunde, in der wir mit der Herzdruckmassage beginnen, drehen wir den Sauerstoff am Beutel auf 100 Prozent auf!
Die Medikamente: Steigt die Frequenz nach einer Minute Reanimation nicht an, legen wir einen venösen oder intraossären Zugang und geben Adrenalin (meist 10 bis 30 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht).
💡 MERKE:
Ein asphyktisches Neugeborenes in der sekundären Apnoe reagiert auf keinen Schmerzreiz mehr, es muss zwingend innerhalb der ersten 60 Sekunden (Golden Minute) beatmet werden! Wir starten immer mit 21 Prozent Sauerstoff (Raumluft), um fatale Hirnschäden durch oxidativen Stress zu vermeiden. Auf 100 Prozent wird erst bei Beginn der Herzdruckmassage hochgedreht. Grünes Fruchtwasser (Mekonium) wird nicht mehr routinemäßig abgesaugt. Die sofortige Beatmung hat Vorrang! Die Herzdruckmassage (im Verhältnis 3 zu 1) startet erst, wenn die Herzfrequenz trotz effektiver Beatmung (Brustkorb hebt sich!) unter 60 fällt.
Abb. 65 BPR NLS NRW
Literatur und Quellen für dieses Modul
Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (2025).Standard-Arbeitsanweisungen und Behandlungspfade im Rettungsdienst.
Einleitung: Pediatric Advanced Life Support (PALS) – Ursachen der Neugeborenenreanimation
Der Sauerstoffmangel als Hauptfeind
Herzlich willkommen zur Ursachenforschung! Wenn ein Neugeborenes leblos zur Welt kommt, wurde die Sauerstoffkette irgendwo durchbrochen. Diese Kette besteht aus 3 Stationen: Der Mutter, dem Transportweg (Nabelschnur und Plazenta) und dem Kind selbst. Um im Einsatzleben nicht überrascht zu werden, unterteilen wir die lebensgefährlichen Störfaktoren in genau diese 3 Kategorien.
Vor der Geburt ist das Kind zu 100 Prozent vom Blutkreislauf der Mutter abhängig. Wenn die Mutter keinen Sauerstoff hat oder ihr Blutdruck extrem abfällt, erstickt das Kind im Mutterleib.
Die vorzeitige Plazentalösung: Normalerweise löst sich der Mutterkuchen (Plazenta) erst nach der Geburt des Kindes. Löst er sich bereits vorher von der Gebärmutterwand, blutet die Mutter massiv nach innen, und die Sauerstoffbrücke zum Kind wird schlagartig abgerissen. Dies ist ein hochakuter Notfall!
Blutdruckentgleisungen (Präeklampsie und Eklampsie): Schwere Erkrankungen in der Schwangerschaft können zu massiv erhöhtem Blutdruck und Krampfanfällen der Mutter führen. Die Gefäße zum Mutterkuchen verengen sich so stark, dass das Kind nicht mehr ausreichend versorgt wird.
Das Vena-Cava-Kompressionssyndrom: Wenn eine hochschwangere Frau flach auf dem Rücken liegt, drückt das schwere Kind auf die große untere Hohlvene der Mutter. Der Blutfluss zum Herzen der Mutter wird abgeklemmt, ihr Blutdruck stürzt ab, und das Kind bekommt keinen Sauerstoff mehr. Die rettende Maßnahme ist hier die sofortige Lagerung der Mutter auf die linke Körperseite!
2. Plazentare und mechanische Ursachen (Der unterbrochene Schlauch)
Selbst wenn die Mutter perfekt versorgt ist, kann der Sauerstoff auf dem Weg zum Kind blockiert werden. Die Nabelschnur ist die einzige Überlebensleitung.
Der Nabelschnurvorfall: Wenn die Fruchtblase platzt, bevor der Kopf des Kindes fest im Becken liegt, kann die Nabelschnur vor den Kopf in den Geburtskanal rutschen. Bei jeder Wehe drückt der Kopf des Kindes nun die Nabelschnur gegen den Beckenknochen der Mutter und klemmt den eigenen Blutfluss komplett ab.
Die Nabelschnurumschlingung: Die Nabelschnur hat sich im Mutterleib extrem eng um den Hals oder Körper des Kindes gewickelt. Zieht sich das Kind unter der Geburt in den Geburtskanal, zieht sich die Schlinge zu und unterbricht die Durchblutung.
Knoten in der Nabelschnur: Wenn das Kind im Mutterleib sehr aktiv war, kann es echte Knoten in die Nabelschnur machen, die sich unter dem Zug der Geburt plötzlich lebensgefährlich festziehen.
3. Fetale und kindliche Ursachen (Das Problem im Kind)
Manchmal ist der Transportweg bis zur letzten Sekunde intakt, aber das Kind selbst ist durch Krankheiten oder Unreife nicht in der Lage, den ersten Atemzug zu machen.
Die Frühgeburtlichkeit: Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden, sind die absolute Hochrisikogruppe für eine Reanimation! Ihre Lunge ist unreif. Es fehlt der Stoff Surfactant, der die Lungenbläschen von innen wie eine Seifenblase offenhält. Ohne diesen Stoff fällt die Lunge bei jedem Ausatmen komplett in sich zusammen.
Die Mekoniumaspiration: Das Kind hatte unter der Geburt massiven Stress und hat seinen ersten Stuhlgang (Mekonium) in das Fruchtwasser abgesetzt. Mit dem ersten Atemzug zieht das Kind diese zähe, grüne Masse tief in die Lunge, wo sie die kleinen Atemwege mechanisch verstopft.
Angeborene Fehlbildungen (Beispiel: Zwerchfellhernie): Das Zwerchfell des Kindes hat ein Loch. Die Bauchorgane (wie der Darm) rutschen durch dieses Loch in den Brustkorb. Die kindliche Lunge wird zerquetscht und hat absolut keinen Platz, um sich mit Sauerstoff zu füllen.
Infektionen (Sepsis): Bakterielle Infektionen der Mutter können auf das Kind übergehen. Das Kind wird mit einer schweren Blutvergiftung geboren, der Kreislauf ist völlig erschöpft und die Atmung setzt aus.
💡 MERKE:
Eine Reanimation beim Neugeborenen ist fast immer die Folge einer massiven Unterversorgung mit Sauerstoff (Hypoxie).Frühgeburten (vor der 37. Woche) haben aufgrund der unreifen Lunge das höchste Risiko, sofort nach der Geburt beatmet werden zu müssen! Komplikationen wie die vorzeitige Plazentalösung oder der Nabelschnurvorfall kappen den Sauerstofffluss zum Kind noch vor der eigentlichen Geburt. Wenn in der Vorgeschichte Komplikationen bekannt sind, muss extrem frühzeitig ein Kinder-Notarzt oder ein spezielles Neugeborenen-Team alarmiert werden!
Literatur und Quellen für dieses Modul
Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council e.V. (2026).Reanimation 2025 – Leitlinien kompakt (B. Dirks, Übers.; 2. Auflage).
Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen [ÄLRD] (2025).Standard-Arbeitsanweisungen und Behandlungspfade im Rettungsdienst.
Einleitung: Maßnahmen in der Postreanimationsphase (ROSC)
Der ROSC ist erst der Anfang
Herzlich willkommen in der Intensivmedizin auf der Straße! Wenn wir wieder einen tastbaren Puls haben, haben wir die allererste Schlacht gewonnen. Aber das Gehirn und der Herzmuskel haben massiv gelitten. Unsere Aufgabe ist es nun, den Körper so zu stabilisieren, dass wir keinen erneuten Herzstillstand provozieren und das Gehirn bestmöglich vor Folgeschäden schützen. Wir arbeiten uns systematisch von A bis E durch den Patienten.
1. A und B (Atemwege und Beatmung)
Das Ziel ist die absolute Normalität. Wir wollen weder zu wenig, noch zu viel Sauerstoff im Blut haben!
Der Atemweg: Wenn der Patient noch nicht intubiert oder mit einer supraglottischen Atemwegshilfe versorgt ist, wird dies bei tiefer Bewusstlosigkeit jetzt nachgeholt.
Die Sauerstoff-Falle: Reiner Sauerstoff ist nach einer Reanimation Gift für das Gehirn (oxidativer Stress). Sobald wir eine verlässliche Sättigung messen können, reduzieren wir den Sauerstoff am Beatmungsgerät schrittweise! Das Ziel ist eine Sauerstoffsättigung von 94 bis 98 Prozent.
Die Normokapnie: Wir beatmen den Patienten ganz normal (meist 10 Atemzüge pro Minute) und kontrollieren zwingend die Kapnographie. Das Ziel ist ein endtidales Kohlendioxid von 35 bis 45 Millimeter Quecksilbersäule. Wir dürfen den Patienten auf keinen Fall hyperventilieren!
2. C (Kreislauf / Circulation)
Das reanimierte Herz ist extrem schwach und braucht unsere medikamentöse Unterstützung.
Das 12-Kanal-EKG: Dies ist die wichtigste diagnostische Maßnahme nach dem ROSC! Wir müssen sofort prüfen, ob ein akuter Herzinfarkt (STEMI) die Ursache war, der sofort im Herzkatheterlabor behandelt werden muss.
Der Blutdruck: Ein zu niedriger Blutdruck zerstört das Gehirn. Das Leitlinien-Ziel ist ein systolischer Blutdruck von über 100 Millimeter Quecksilbersäule.
Die Kreislaufstütze: Um diesen Blutdruck zu erreichen, geben wir lauwarme Infusionen und nutzen kontinuierliche Katecholamine (wie Adrenalin oder Noradrenalin über eine Spritzenpumpe), wie es auch in den Standard-Arbeitsanweisungen gefordert wird.
3. D (Neurologie und Disability)
Wir schützen das Gehirn vor weiteren Schäden.
Das Temperaturmanagement: Fieber ist nach einer Reanimation absolut tödlich für die Gehirnzellen! Wir messen kontinuierlich die Körperkerntemperatur. Das Ziel ist es, Fieber strikt zu vermeiden. Die Temperatur sollte für mindestens 24 Stunden bei 32 bis 36 Grad Celsius gehalten werden.
Der Blutzucker: Ein entgleister Blutzucker verschlechtert das neurologische Überleben. Wir messen den Wert und behandeln extreme Unter- oder Überzuckerungen sofort.
Krampfanfälle: Falls der Patient krampft (ein Zeichen für die hypoxische Hirnschädigung), wird dies sofort medikamentös durchbrochen (zum Beispiel mit Midazolam oder Levetiracetam).
4. E (Entkleiden und Exposure)
Wir sichern unsere Arbeit ab und bereiten den Transport vor.
Die Reevaluation: Wir überprüfen noch einmal alle 4 H und 4 T! Haben wir wirklich alle reversiblen Ursachen gefunden und behandelt?
Die Zielklinik: Ein reanimierter Patient gehört nicht in das nächstbeste, kleine Krankenhaus. Er muss zwingend in ein spezialisiertes Herzstillstandszentrum (Cardiac Arrest Center) transportiert werden, das über ein 24-Stunden-Herzkatheterlabor und eine spezielle Intensivstation verfügt.
💡 MERKE:
Der ROSC erfordert die sofortige Umstellung von Aktionismus auf hochpräzise Intensivmedizin nach dem ABCDE-Schema. Wir zielen auf Normalwerte: Sättigung 94 bis 98 Prozent, systolischer Blutdruck über 100 Millimeter Quecksilbersäule! Ein 12-Kanal-EKG muss so schnell wie möglich geschrieben werden, um einen Infarkt auszuschließen. Fieber (über 37,7 Grad Celsius) muss bei bewusstlosen Patienten nach dem ROSC strikt vermieden werden.
Literatur und Quellen für dieses Modul
Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council e.V. (2026).Reanimation 2025 – Leitlinien kompakt (B. Dirks, Übers.; 2. Auflage).
Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen [ÄLRD] (2025).Standard-Arbeitsanweisungen und Behandlungspfade im Rettungsdienst.
Einleitung: Abbruch von Reanimationsmaßnahmen bei Neugeborenen und Kindern (PALS / NLS)
Eine andere Dimension
Herzlich willkommen zum pädiatrischen Abschlussmodul. Wenn das Herz eines Kindes oder Neugeborenen stillsteht, ist das gesamte Team extremem Stress ausgesetzt. Während bei Erwachsenen oft nach 20 Minuten Asystolie auf der Straße der Tod festgestellt wird, ist der präklinische Abbruch bei Kindern die absolute Ausnahme. Das Grundprinzip in der Pädiatrie lautet: Im Zweifel wird immer weiter reanimiert und das Kind unter laufender Herzdruckmassage in die Klinik transportiert!
1. Die Kriterien bei Neugeborenen (NLS)
Ein Neugeborenes direkt im Kreißsaal oder bei einer Hausgeburt aufzugeben, unterliegt strengen zeitlichen und qualitativen Kriterien.
Die Voraussetzung: Die Reanimation muss nachweislich effektiv gewesen sein. Das bedeutet: Der Atemweg war sicher, der Brustkorb hat sich bei jeder Beatmung gehoben und die Medikamente (Adrenalin) wurden korrekt über einen Nabelvenenkatheter oder intraossären Zugang verabreicht.
Die Zeitvorgabe: Wenn das Neugeborene trotz dieser optimalen, ununterbrochenen Maßnahmen über einen Zeitraum von 10 bis 20 Minuten durchgehend keine tastbare oder hörbare Herzaktion (Apgar-Wert von 0) aufweist, kann ein Abbruch erwogen werden.
Die Konsultation: Diese Entscheidung wird präklinisch fast niemals allein vom Notarzt vor Ort getroffen, sondern immer in telefonischer Rücksprache mit einem erfahrenen Neonatologen der aufnehmenden Kinderklinik.
2. Die Kriterien bei Säuglingen und Kindern (PALS)
Bei älteren Kindern (nach der Neugeborenenphase) sind die Hürden für einen Abbruch am Einsatzort noch höher.
Der Transport unter Reanimation: Kinder haben eine enorme körperliche Widerstandskraft. Ein präklinischer Abbruch erfolgt meist nur bei sicheren Todeszeichen (wie Verletzungen, die mit dem Leben unvereinbar sind). In allen anderen Fällen wird das Kind unter laufender Reanimation in ein spezialisiertes Kinderzentrum transportiert.
Die Ursachenforschung: Gerade bei Kindern muss vor jedem Gedanken an einen Abbruch absolut sichergestellt sein, dass alle 4 H und 4 T ausgeschlossen wurden. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Hypothermie (Unterkühlung), da Kinder extrem schnell auskühlen und Kälte das Gehirn schützt.
Die Expertise: Wenn ein Abbruch vor Ort unvermeidbar scheint, fordern die Leitlinien die Einbeziehung der höchsten verfügbaren Expertise (zum Beispiel durch die Nachforderung eines speziellen Kindernotarztes oder per Telemedizin).
3. Die Betreuung der Eltern (Familienzentrierte Reanimation)
Ein Abbruch bei einem Kind traumatisiert nicht nur die Familie, sondern auch das gesamte Rettungsteam.
Die Anwesenheit der Eltern: Die europäischen Leitlinien empfehlen ausdrücklich, den Eltern (wenn sie es wünschen und wenn eine Betreuungsperson abgestellt werden kann) die Anwesenheit während der Reanimation zu ermöglichen. Dies hilft den Eltern später massiv bei der Trauerarbeit, da sie sehen, dass wirklich alles Menschenmögliche für ihr Kind getan wurde.
Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV): Die Alarmierung der Notfallseelsorge für die Eltern ist bei einer Kinderreanimation eine absolute Pflichtmaßnahme und sollte bereits unmittelbar nach Eintreffen des Rettungsdienstes parallel veranlasst werden, nicht erst beim Abbruch!
Die Nachsorge für das Team: Nach dem Abbruch einer pädiatrischen Reanimation muss das Einsatzteam zwingend außer Dienst gehen. Eine strukturierte Nachbesprechung (Debriefing) und die psychologische Betreuung der Helfer (SbE - Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen) sind unabdingbar.
💡 MERKE:
Der präklinische Abbruch bei Kindern ist die absolute Ausnahme! Im Zweifel wird unter laufenden Maßnahmen transportiert. Bei Neugeborenen kann ein Abbruch nach 10 bis 20 Minuten optimaler, aber erfolgloser Reanimation erwogen werden. Die Entscheidung erfordert meist die Rücksprache mit einem pädiatrischen Zentrum. Die Alarmierung der PSNV für die Eltern und die spätere psychologische Nachbetreuung des Teams sind zwingende Bestandteile des Einsatzes.
Literatur und Quellen für dieses Modul
Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council e.V. (2026).Reanimation 2025 – Leitlinien kompakt (B. Dirks, Übers.; 2. Auflage).
Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen [ÄLRD] (2025).Standard-Arbeitsanweisungen und Behandlungspfade im Rettungsdienst.
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