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4.5 Lagerungsarten

1. Respiratorische Notfälle (A- und B-Probleme)

  • Asthma bronchiale & COPD (akute Exazerbation):
    • Lagerung: Sitzend oder stark erhöhter Oberkörper (Kutschersitz / Torwartstellung), Arme aufgestützt.
    • Rationale: Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (M. pectoralis major/minor) wird durch Fixierung des Schultergürtels ermöglicht; das Zwerchfell hat nach unten mehr Platz.
  • Lungenödem (kardial oder toxisch):
    • Lagerung: Sitzend (Herzbettsitz), Beine zwingend tief hängend!
    • Rationale: Senkung der Vorlast (Preload) durch "unblutigen Aderlass" (Blut versackt in den Venen der Beine), dadurch Reduktion des hydrostatischen Drucks in den Lungenkapillaren; Erleichterung der Atemmechanik.

2. Kardiovaskuläre Notfälle (C-Probleme)

  • Akutes Koronarsyndrom (ACS / Herzinfarkt) ohne Schocksymptomatik:
    • Lagerung: Oberkörper leicht erhöht (ca. 30°).
    • Rationale: Entlastung des Herzens durch leichte Vorlastsenkung, Reduktion des myokardialen Sauerstoffbedarfs, Erleichterung der Atmung bei Begleitdyspnoe.
  • Kardiogener Schock:
    • Lagerung: Flachlagerung oder nur minimal erhöhter Oberkörper (bei schwerer Atemnot). Keine Schocklage (Beine hoch)!
    • Rationale: Die Pumpfunktion des Herzens ist ohnehin eingeschränkt. Eine Schocklage würde die Vorlast massiv erhöhen und das Rechtsherz überlasten (akute Dekompensation).
  • Hypovolämischer Schock / Hämorrhagischer Schock:
    • Lagerung: Schocklage (Trendelenburg-Lagerung oder passive Beinhochlagerung).
    • Rationale: Autotransfusion. Venöses Blut aus den unteren Extremitäten fließt zum Herzen zurück, Erhöhung der Vorlast und damit Steigerung des Herzminutenvolumens zur Sicherung der zerebralen Perfusion.

3. Neurologische Notfälle (D-Probleme)

  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT) / Verdacht auf intrakraniellen Druckanstieg (ICP):
    • Lagerung: Oberkörperhochlagerung (ca. 15–30°), Kopf zwingend in Mittelstellung.
    • Rationale: Förderung des venösen Blutabflusses über die Vena jugularis aus dem Gehirn zur Senkung des intrakraniellen Drucks. Ein Abknicken des Halses verhindert den Abfluss und steigert den Druck lebensgefährlich.
  • Apoplex (Schlaganfall):
    • Lagerung: Oberkörper leicht erhöht (15–30°). Bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage (gelähmte Seite idealerweise nach oben, um Kompression zu vermeiden und freie Beweglichkeit der gesunden Seite zu erhalten).
    • Rationale: Aspirationsschutz bei Schluckstörungen, leichte ICP-Senkung, Sicherstellung der zerebralen Oxygenierung.
  • Bewusstlosigkeit (mit erhaltener Spontanatmung):
    • Lagerung: Stabile Seitenlage.
    • Rationale: Gravitationsbedingtes Freihalten der Atemwege (Zungengrund fällt nicht zurück), Schutz vor Aspiration von Erbrochenem oder Blut.

4. Traumatologische und Spezielle Notfälle

  • Akutes Abdomen (unklares Bauchtrauma, Peritonitis, Koliken):
    • Lagerung: Flachlagerung auf dem Rücken mit angewinkelten, unterpolsterten Beinen (Knierolle) und leicht erhöhtem Kopf.
    • Rationale: Entspannung der Bauchdeckenmuskulatur, Schmerzreduktion, Verringerung des intraabdominellen Drucks.
  • Trauma der Wirbelsäule oder des Beckens (Polytrauma):
    • Lagerung: Strikt flach, achsengerecht immobilisiert (Spineboard, Vakuummatratze, Schaufeltrage).
    • Rationale: Vermeidung von Sekundärschäden am Rückenmark; Tamponade von Blutungen im Beckenraum durch Schienung/Beckenschlinge.
  • Vena-Cava-Kompressionssyndrom (Schwangere ab ca. 3. Trimenon):
    • Lagerung: Linksseitenlage (ca. 15–30° gekippt, z.B. durch Unterpolsterung der rechten Hüfte) oder manuelles Verschieben des Uterus nach links.
    • Rationale: Der schwere Uterus drückt in Rückenlage auf die Vena cava inferior, was den venösen Rückstrom massiv behindert (Schock für Mutter, Hypoxie für das Kind). Die Vena cava verläuft anatomisch leicht rechts der Wirbelsäule.
  • Arterieller Verschluss (Bein):
    • Lagerung: Tieflagerung der betroffenen Extremität (Beine aus dem Bett hängen lassen). Polsterung.
    • Rationale: Schwerkraft fördert die arterielle Durchblutung in die Peripherie.
  • Tiefe Beinvenenthrombose (TVT):
    • Lagerung: Absolute Ruhigstellung der betroffenen Extremität, ggf. leicht erhöht. Kein Gehen!
    • Rationale: Verhinderung der Thrombuslösung und daraus resultierender Lungenembolie.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung: (AWMF, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie - DGU). Definiert präklinische Immobilisation und Schockraum-Management.
  • ERC Guidelines (European Resuscitation Council): Aktuelle Leitlinien zur Reanimation, Post-Resuscitation-Care und Erste Hilfe (definiert z.B. die stabile Seitenlage und ACS-Lagerung).
  • S2k-Leitlinie Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter: Definiert die genaue Lagerung (Kopfmittelstellung, 30° Oberkörper) zur ICP-Senkung.
  • AHA (American Heart Association) Guidelines: Internationale Standards für kardiovaskuläre Notfälle (ACS, kardiogener Schock).

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