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8.07 HNO-Notfälle

Einleitung: HNO-Notfälle: Akute Blutungen im Kopfbereich

Das Problem der offenen Atemwege

Herzlich willkommen in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde! Der Kopf-Hals-Bereich ist extrem stark durchblutet. Das größte präklinische Problem bei Blutungen aus Nase und Mund ist, dass diese Öffnungen direkt über unserer Luftröhre liegen. Jeder Tropfen Blut, der nach hinten in den Rachen läuft, ist eine potenzielle Gefahr für die Lunge. Unser wichtigstes Werkzeug bei diesen Einsätzen ist daher immer eine sofort einsatzbereite und eingeschaltete Absaugpumpe.

1. Blutung aus der Nase (Epistaxis)

Nasenbluten ist einer der häufigsten Notfälle überhaupt. Oft platzt nur ein kleines Gefäß im vorderen Nasenseptum (Locus Kiesselbachi), aber bei älteren Patienten kann es sich um eine lebensgefährliche, unstillbare Blutung aus dem hinteren Nasenbereich handeln.

  • Die Ursachen: Austrocknung der Schleimhäute, mechanisches Bohren, Traumata und vor allem ein massiv entgleister Bluthochdruck (hypertensive Krise) oder die Einnahme von Blutverdünnern (Marcumar, DOAKs).
  • Der fatale Mythos: "Kopf in den Nacken!" Das ist absolut falsch und lebensgefährlich. Das Blut läuft dadurch unbemerkt in den Magen, verklumpt dort und führt zu schwallartigem Erbrechen von pechschwarzem Blutmageninhalt.
  • Präklinische Taktik: Der Patient sitzt aufrecht und beugt den Kopf nach vorne! Das Blut soll aus der Nase tropfen oder in eine Nierenschale/einen Brechbeutel gespuckt werden.
  • Kompression und Kühlung: Der Patient drückt sich die Nasenflügel für mindestens 10 bis 15 Minuten ununterbrochen und fest zusammen. Ein Coolpack im Nacken löst einen Kältereiz aus, der die Blutgefäße in der Nase reflektorisch verengt (Vasokonstriktion).
  • Kreislaufkontrolle: Wir messen zwingend den Blutdruck! Ist dieser massiv erhöht (zum Beispiel über 180 Millimeter Quecksilbersäule), muss er medikamentös gesenkt werden, sonst drückt das Herz das Blut immer wieder aus der Wunde.

2. Blutung aus dem Mund (Oropharyngeale Blutung)

Blutungen aus dem Mundraum entstehen durch Zungenbisse (oft nach Krampfanfällen), Gesichtstraumata oder Tumore. Der absolute Albtraum-Notfall ist jedoch die Nachblutung nach einer Mandeloperation (Tonsillektomie).

  • Die Mandel-Nachblutung: Diese Blutung kann bis zu 14 Tage nach der Operation auftreten, wenn sich der Wundschorf löst. Besonders bei Kindern ist dies ein hochdramatischer Notfall. Kinder schlucken das Blut oft stundenlang unbemerkt herunter, bis der Kreislauf kollabiert und sie massiv Blut erbrechen.
  • Präklinische Taktik: Dies ist ein sofortiger Load-and-Go-Einsatz! Der Patient wird sitzend mit leicht nach vorne geneigtem Kopf transportiert. Er wird strikt angewiesen, das Blut auszuspucken und NICHT zu schlucken.
  • Atemwegssicherung: Bei bewusstseinsgetrübten Patienten droht die Aspiration. Hier ist die stabile Seitenlage oder, bei Kreislaufversagen, die sofortige Intubation (die bei massiver Blutung im Rachen extrem schwer ist) erforderlich. Die Absaugpumpe liegt mit großlumigem Katheter griffbereit neben dem Kopf des Patienten.

3. Blutung aus dem Ohr (Otorrhö)

Blutungen aus dem Gehörgang sind selten lebensbedrohlich durch den Blutverlust selbst, aber sie sind ein wichtiges Warnsignal für gravierende Verletzungen im Inneren des Schädels.

  • Die Ursachen: Häufig sind Trommelfellrupturen durch Barotrauma (Tauchen, Explosionen) oder direkte Verletzungen (Wattestäbchen). Bei Traumata (Sturz auf den Kopf) müssen wir immer an einen Schädelbasisbruch denken!
  • Der Schädelbasisbruch: Ein klares Warnsignal ist es, wenn die Blutung aus dem Ohr nicht tiefrot ist, sondern wässrig-hellrot. Dies passiert, wenn sich das Blut mit Hirnwasser (Liquor) vermischt. Tropft dieses Gemisch auf eine Kompresse, bildet sich oft ein roter Fleck mit einem hellen, gelblichen Hof (Halo-Zeichen).
  • Das absolute Tamponade-Verbot: Wir stopfen niemals Kompressen oder Watte in das blutende Ohr! Ein Verschluss würde dazu führen, dass der Druck im Gehirn ansteigt (bei Hirnblutungen) oder Bakterien von außen direkt in die offene Hirnhaut gedrückt werden.
  • Präklinische Taktik: Das Ohr wird nur locker mit einer sterilen Kompresse abgedeckt, um das Blut aufzufangen. Der Patient wird (sofern die Wirbelsäule es zulässt) mit um 30 Grad erhöhtem Oberkörper gelagert, um den Hirndruck zu senken, und in ein Traumazentrum transportiert.

💡 MERKE:

Bei Nasenbluten (Epistaxis) den Kopf nach vorne beugen, Nasenflügel fest zusammendrücken und Blutdruck senken! Nachblutungen nach einer Mandel-Operation sind lebensgefährlich (Blutschlucken, Erbrechen, Schock); Absaugung immer bereithalten. Aus dem Mund blutende Patienten dürfen das Blut niemals schlucken, sondern müssen es aktiv ausspucken. Blutungen aus dem Ohr werden niemals tamponiert, da bei einem Schädelbasisbruch Bakterien ins Gehirn gepresst werden könnten oder sich der Druck staut.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie [DGHNO-KHC] (2017). S2k-Leitlinie: Epistaxis. (AWMF-Registernummer: 017-065).(Anmerkung: Die evidenzbasierte Richtlinie, die die vornübergebeugte Haltung, die Nasenflügelkompression und die Blutdrucksenkung bei Nasenbluten als Standard definiert).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2022). S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 012-019).(Anmerkung: Die wichtigste unfallchirurgische Leitlinie, die das strikte Tamponade-Verbot bei Blutungen aus dem Ohr (Verdacht auf Schädelbasisbruch) und die 30-Grad-Oberkörperhochlage rechtlich bindend vorschreibt).

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Einleitung: HNO-Notfälle: Akute Luftnot und Atemwegsverlegung

Das Zeitfenster des Überlebens

Herzlich willkommen in der absoluten Notfallmedizin! Die Fremdkörperaspiration passiert meist akut beim Essen (Fleischbrocken), Trinken oder bei Kleinkindern beim Spielen mit kleinen Gegenständen. Das Gehirn überlebt ohne Sauerstoff nur etwa 3 bis 5 Minuten, bevor irreversible Schäden eintreten. Unsere präklinische Taktik richtet sich strikt nach 2 Faktoren: Dem Schweregrad der Verlegung und dem Bewusstseinszustand des Patienten.

1. Erkennen der Schweregrade

Nicht jedes Verschlucken erfordert sofort rohe Gewalt. Wir müssen blitzschnell zwischen einer leichten und einer schweren Atemwegsverlegung differenzieren.

  • Leichtgradige Verlegung: Der Patient kann noch sprechen (oder weinen/schreien), er hustet laut und effektiv und kann vor dem Husten einatmen. Hier greifen wir noch nicht physisch ein! Wir beruhigen den Patienten und fordern ihn ununterbrochen auf, weiter kräftig zu husten, bis der Fremdkörper gelöst ist.
  • Schwergradige Verlegung: Der Patient ringt stumm nach Luft. Er kann nicht mehr sprechen oder antworten. Typisch ist das panische Greifen an den eigenen Hals. Wir hören einen pfeifenden Einatemzug (inspiratorischer Stridor), oder die Atmung ist bereits invers (der Brustkorb zieht sich beim Einatmen paradoxerweise nach innen). Der Hustenstoß ist lautlos und völlig ineffektiv. Hier herrscht absolute Lebensgefahr!

2. Der wache Patient (Mechanische Befreiung)

Wenn der Hustenstoß bei einer schwergradigen Verlegung ineffektiv ist, müssen wir als Rettungsdienst die Mechanik des Hustens künstlich nachahmen, um den Fremdkörper (Bolus) aus der Luftröhre zu sprengen.

  • Die Rückenschläge: Wir stellen uns seitlich hinter den Patienten, beugen seinen Oberkörper weit nach vorne (damit der Fremdkörper nicht tiefer rutscht) und verabreichen bis zu 5 extrem kräftige Schläge mit dem Handballen zwischen die Schulterblätter.
  • Das Heimlich-Manöver (Oberbauchkompression): Bleiben die Rückenschläge erfolglos, wenden wir die Oberbauchkompression an. Wir umfassen den Patienten von hinten, legen eine geballte Faust zwischen Bauchnabel und Brustbeinende, greifen diese mit der anderen Hand und ziehen bis zu 5 Mal kräftig und ruckartig nach innen und oben. Dies presst die Restluft aus der Lunge und schießt den Fremdkörper (hoffentlich) heraus.
  • Die Ausnahme bei Säuglingen: Bei Kindern unter 1 Jahr ist das Heimlich-Manöver absolut verboten, da es die Leber und Milz zerstören würde! Säuglinge bekommen 5 Rückenschläge (in Kopftieflage auf dem Unterarm des Retters) und bei Erfolglosigkeit stattdessen 5 Thoraxkompressionen (wie bei einer Reanimation, aber schärfer und tiefer gedrückt).

3. Der bewusstlose Patient (Laryngoskopie und Magillzange)

Gelingt die Befreiung nicht, wird der Patient durch den Sauerstoffmangel bewusstlos. Dies ändert unsere Taktik drastisch!

  • Reanimation: Bei Bewusstlosigkeit beginnt sofort das ALS-Protokoll (Advanced Life Support) mit Thoraxkompressionen. Die Kompressionen dienen hier nicht nur dem Kreislauf, sondern erzeugen weiterhin Druckschübe in der Lunge, die den Bolus lockern können.
  • Die Laryngoskopie: Das ist unsere invasive Geheimwaffe. Der Retter führt das Laryngoskop (mit Macintosh-Spatel, bevorzugt als Videolaryngoskopie) vom rechten Mundwinkel ein, schiebt die Zunge nach links und geht unter Sicht vor, bis der Kehldeckel sichtbar ist. Der Zug erfolgt immer in Achse des Handgriffs, um die Zähne zu schonen.
  • Die Magillzange: Wenn wir den Fremdkörper tief im Rachen (Hypopharynx) oder an den Stimmlippen (Larynx) sichten, fassen wir ihn mit der gebogenen Magillzange und ziehen ihn heraus.
  • Das absolute Blind-Verbot: Es darf NIEMALS blind mit den Fingern, dem Laryngoskop oder der Zange im Rachen manipuliert werden! Ein blindes Stochern schiebt den Fremdkörper unweigerlich noch tiefer in die Luftröhre und verkeilt ihn dort tödlich.
  • Alternative Absaugung: Handelt es sich um flüssiges oder weiches Material (Schleim, Erbrochenes, Blut), nutzen wir keinen Spatel, sondern einen großlumigen Absaugkatheter (zum Beispiel Yankauer).

💡 MERKE:

Bei effektivem Husten wird der Patient nur zum weiteren Husten animiert. Bei ineffektivem Husten erfolgen im Wechsel 5 kräftige Rückenschläge und 5 Heimlich-Manöver (Oberbauchkompressionen).Bei Säuglingen unter 1 Jahr ist das Heimlich-Manöver verboten; stattdessen erfolgen 5 Thoraxkompressionen. Wird der Patient bewusstlos, beginnt die Reanimation und die gezielte Fremdkörperentfernung unter Sicht mittels Laryngoskopie und Magillzange (niemals blind tasten!).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR): A-Problem bei Fremdkörperaspiration. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Der rechtlich bindende Algorithmus für Deutschland, der die Kaskade von Rückenschlägen, Oberbauchkompressionen und das Vorgehen bei Bewusstlosigkeit exakt vorgibt).
  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG [ÄLRD] (2025). Standard-Arbeitsanweisung Rettungsdienst (SAA): Laryngoskopie. Stand: 30.04.2025.(Anmerkung: Die invasive Arbeitsanweisung, die die Nutzung von Macintosh-Spatel und Magillzange zur Bolus-Entfernung unter dem strikten Verbot der blinden Manipulation regelt).

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Einleitung: HNO-Notfälle: Akuter Hörverlust (Hörsturz)

Der stumme Schock

Herzlich willkommen in der Neuro-Otologie! Der Hörsturz (idiopathischer plötzlicher sensorineuraler Hörverlust) ist gewissermaßen der "Herzinfarkt des Innenohrs". Er tritt aus völliger Gesundheit auf, meist innerhalb von wenigen Sekunden oder Minuten. Die genaue Ursache ist bis heute wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Man vermutet Durchblutungsstörungen der winzigen Innenohrgefäße, virale Infektionen oder autoimmunologische Prozesse. Für uns ist wichtig: Ein Hörsturz ist ein Eilfall, aber kein lebensbedrohlicher Blaulicht-Notfall.

1. Die Leitsymptomatik

Ein echter Hörsturz präsentiert sich klinisch durch ein sehr klares und eindeutiges Beschwerdebild, das wir gezielt abfragen müssen.

  • Einseitigkeit: Der Hörverlust betrifft fast immer nur 1 Ohr. Ein beidseitiger Hörsturz ist extrem selten und deutet auf toxische Ursachen oder zentrale Hirnschäden hin.
  • Das Watte-Gefühl: Die Patienten klagen oft weniger über die Taubheit selbst, sondern beschreiben ein dumpfes Druckgefühl, als hätte man ihnen "Watte in das Ohr gestopft" oder als stünde Wasser im Gehörgang.
  • Tinnitus: In über 80 Prozent der Fälle wird der Hörverlust von einem akuten, hochfrequenten Pfeifen oder Rauschen (Tinnitus) begleitet.
  • Schmerzfreiheit: Das ist das entscheidende Abgrenzungsmerkmal! Ein Hörsturz tut NICHT weh. Hat der Patient starke Ohrenschmerzen, handelt es sich eher um eine akute Mittelohrentzündung (Otitis media) oder ein Barotrauma (Trommelfellriss).

2. Die diagnostische Falle (Hörsturz vs. Schlaganfall)

Hier lauert die größte Gefahr für den Rettungsdienst! Das Innenohr wird aus demselben Gefäßsystem (Arteria cerebelli inferior anterior) versorgt wie das Kleinhirn und der Hirnstamm.

  • Isolierter Hörsturz: Wenn der Patient "nur" taub ist und einen Tinnitus hat, ist das ein Fall für die Hals-Nasen-Ohren-Klinik.
  • Hörsturz PLUS Schwindel: Tritt der Hörverlust zusammen mit massivem, anhaltendem Drehschwindel, Übelkeit, Sehstörungen (Doppelbilder), Schluckbeschwerden oder einem Nystagmus (unkontrolliertes Augenzucken) auf, läuten alle Alarmglocken! Dies ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt (Schlaganfall).
  • Die Taktik: Bei jedem Hörsturz mit begleitendem Schwindel muss sofort ein kompletter neurologischer Check (FAST-Test) durchgeführt werden. Die Zielklinik ist dann nicht die HNO, sondern zwingend die Stroke Unit (Neurologie)!

3. Präklinisches Management

Die Therapie des isolierten Hörsturzes findet in der Klinik statt (oft durch hochdosierte Kortison-Gabe). Wir legen präklinisch den Grundstein für die Genesung durch Ruhe.

  • Psychologische Erste Hilfe: Panik verengt die Blutgefäße (Stresshormone) und verschlechtert die ohnehin kritische Durchblutung des Innenohrs. Wir müssen extreme Ruhe ausstrahlen und dem Patienten erklären, dass viele Hörstürze sich spontan wieder zurückbilden und keine Lebensgefahr besteht.
  • Blutdruckmanagement: Durch die massive Aufregung finden wir oft Blutdruckwerte von über 180 Millimeter Quecksilbersäule. Beruhigung ist hier das beste Medikament.
  • Der Transport: Auf Martinshorn wird (sofern verkehrstaktisch vertretbar) strikt verzichtet! Lärm ist für das geschädigte Innenohr pures Gift. Der Patient wird bequem sitzend in eine Klinik mit HNO-Abteilung transportiert. Das Zeitfenster für den Beginn der klinischen Therapie liegt bei etwa 24 bis 48 Stunden.

💡 MERKE:

Ein klassischer Hörsturz ist immer einseitig, schmerzfrei und geht oft mit einem "Wattegefühl" und Tinnitus einher. Tritt der Hörverlust kombiniert mit massivem Drehschwindel oder Ausfallerscheinungen auf, besteht akuter Verdacht auf einen Schlaganfall! Die präklinische Therapie besteht aus absoluter Reizabschirmung, psychologischer Betreuung und einem lärmfreien Transport. Es handelt sich um einen Eilfall (Therapiebeginn innerhalb von 24 bis 48 Stunden), nicht um einen Load-and-Go-Notfall.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie [DGHNO-KHC] (2024). S3-Leitlinie: Hörsturz (Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust). (AWMF-Registernummer: 017-010).(Anmerkung: Die wichtigste deutsche und evidenzbasierte Leitlinie, die das Zeitfenster von 24 bis 48 Stunden für den Therapiebeginn (Kortikosteroide) und die zwingende neurologische Differenzialdiagnostik bei Schwindel vorschreibt).

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Einleitung: HNO-Notfälle: Akuter Tinnitus

Das Phantom-Geräusch

Herzlich willkommen in der psychologischen Akutintervention! Der Tinnitus (Ohrensausen) beschreibt eine auditive Wahrnehmung ohne jede äußere Schallquelle. Das Pfeifen, Rauschen oder Brummen entsteht im Gehirn oder im Innenohr. Für uns in der Präklinik ist es entscheidend zu verstehen, dass der Patient nicht simuliert – der Ton ist für ihn real und oft von ohrenbetäubender Lautstärke. Wir therapieren hier meist nicht das Ohr, sondern den massiv entgleisten Kreislauf.

1. Die Arten des Tinnitus

Man unterscheidet grundsätzlich 2 Formen, die uns diagnostisch in völlig unterschiedliche Richtungen lenken.

  • Der subjektive Tinnitus: Dies betrifft 99 Prozent der Patienten. Nur der Patient selbst hört das Geräusch. Die Ursachen reichen von einem akuten Lärmtrauma (Konzert, Knall), über extremen emotionalen Stress bis hin zu entzündlichen Prozessen oder einem Hörsturz. Das Rauschen ist oft ein konstanter Ton.
  • Der objektive Tinnitus: Dies ist die absolute Ausnahme. Hier existiert eine echte physikalische Schallquelle im Körper des Patienten, die der Notarzt teilweise sogar mit dem Stethoskop von außen hören kann. Ursachen sind muskuläre Krämpfe im Gaumen oder Strömungsgeräusche von Blutgefäßen in direkter Nähe zum Ohr.

2. Die Red Flags (Wann wird es gefährlich?)

Ein isoliertes Fiepen im Ohr ist ein Fall für den niedergelassenen HNO-Arzt. Es gibt jedoch Warnsignale, bei denen der Rettungsdienst sofort eskalieren muss.

  • Der pulssynchrone Tinnitus: Wenn der Patient berichtet, dass das Rauschen oder Pochen exakt im Rhythmus seines eigenen Herzschlags pulsiert, ist höchste Vorsicht geboten! Dies kann ein Hinweis auf ein vaskuläres (blutgefäßbedingtes) Problem sein, wie ein gefährliches Aneurysma oder einen drohenden Riss der Halsschlagader (Carotisdissektion).
  • Die neurologische Begleitsymptomatik: Tritt das Ohrensausen plötzlich zusammen mit Schwindel, Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen oder Doppelbildern auf, ignorieren wir das Ohr und behandeln den Patienten strikt wie einen akuten Schlaganfall-Patienten (Time is Brain).
  • Begleitender Hörverlust: Fällt gleichzeitig das Gehör aus, sprechen wir von einem klassischen Hörsturz. Dies erfordert eine zeitnahe Therapie (innerhalb von 24 bis 48 Stunden), stellt aber keine vitale Bedrohung dar.

3. Präklinische Taktik und der Teufelskreis

Die Notfallsituation entsteht meist durch die massive vegetative Reaktion des Körpers auf das unerklärliche Geräusch im Kopf.

  • Die Panik-Spirale: Der Ton löst unweigerlich Angst aus. Der Körper schüttet Adrenalin aus. Dadurch verengen sich die Blutgefäße und der Blutdruck schnellt massiv in die Höhe (nicht selten auf über 180 zu 100 Millimeter Quecksilbersäule). Dieser Bluthochdruck erhöht wiederum den Druck im Kopf und verstärkt das Rauschen. Ein Teufelskreis!
  • Die verbale Sedierung: Unser mächtigstes Werkzeug ist die absolute Ruhe. Wir bringen den Patienten aus einer lauten Umgebung heraus, setzen ihn bequem hin und erklären ihm klar, professionell und empathisch, dass er gerade keinen Herzinfarkt und keinen Tumor hat, sondern sein Ohr unter Stress steht. Sobald der Patient sich beruhigt, sinkt der Blutdruck und das Geräusch wird oft leiser.
  • Der Transport: Falls ein Transport in die Klinik indiziert ist (zum Beispiel bei massiver Begleit-Hypertonie oder auf Wunsch des Patienten), erfolgt dieser zwingend ohne Sondersignal! Ein brüllendes Martinshorn direkt über dem Dach des Rettungswagens ist für das ohnehin gestresste Innenohr das schlimmste denkbare Gift.

💡 MERKE:

Ein isolierter Tinnitus ist kein Blaulicht-Notfall; unsere primäre Aufgabe ist die psychologische Betreuung und die Durchbrechung der Panik. Ein Rauschen, das pulssynchron (im Takt des Herzschlags) pocht, ist eine Red Flag für lebensgefährliche Gefäßverletzungen (Dissektion).Bei neurologischen Ausfällen (Schwindel, Lähmung) ist der Tinnitus nur ein Begleitsymptom eines Schlaganfalls. Der Transport muss zwingend unter Reizabschirmung (Verzicht auf das Martinshorn) erfolgen.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie [DGHNO-KHC] (2021). S3-Leitlinie: Chronischer Tinnitus. (AWMF-Registernummer: 017-064).(Anmerkung: Die Leitlinie zur Diagnostik, die ausdrücklich die Abklärung von pulssynchronem Tinnitus (vaskuläre Ursachen) als medizinische Dringlichkeit hervorhebt).

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Einleitung: HNO-Notfälle: Akuter Schwindel und Schalldrucktraumata

Das Gleichgewicht und die Physik

Herzlich willkommen in der Schnittmenge von Neurologie und HNO! Schwindel (Vertigo) ist keine Krankheit, sondern eine Halluzination von Bewegung. Das Gehirn erhält widersprüchliche Daten von den Augen, dem Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) im Ohr und den Muskeln. Beim Schalltrauma hingegen schlägt eine unsichtbare Druckwelle in das Ohr ein. Unsere Aufgabe ist es, lebensgefährliche Hirninfarkte auszuschließen und verletzte Ohren vor weiteren Schäden zu bewahren.

1. Der akute Schwindelanfall (Zentral vs. Peripher)

Wenn sich für den Patienten der Raum dreht oder der Boden schwankt, müssen wir präklinisch exakt 1 Frage beantworten: Kommt das Problem aus dem Innenohr oder aus dem Gehirn?

  • Peripherer Schwindel (Das Ohr-Problem): Das Problem liegt im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs oder am Gleichgewichtsnerv. Typisch ist der gutartige Lagerungsschwindel (BPPV), bei dem sich winzige Kristalle im Ohr verirrt haben. Er tritt attackenartig nur bei Kopfbewegungen auf und ist extrem heftig. Eine weitere Ursache ist die Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis), die einen tagelangen, permanenten Drehschwindel mit starkem Erbrechen verursacht.
  • Zentraler Schwindel (Das Gehirn-Problem): Hier liegt eine Durchblutungsstörung (Ischämie) im Hirnstamm oder Kleinhirn vor. Dies ist ein absoluter, lebensgefährlicher Notfall! Der Schwindel ist oft schwankend und wird fast immer von anderen neurologischen Ausfällen begleitet.
  • Die Red Flags (FAST-Test): Jeder Schwindelpatient bekommt zwingend einen neurologischen Check! Treten zum Schwindel Sprachstörungen (verwaschene Sprache), Schluckbeschwerden, Doppelbilder oder Lähmungserscheinungen auf, ist dies ein Schlaganfall, bis das Gegenteil in der Klinik bewiesen ist (Load and Go in die Stroke Unit).

2. Präklinisches Schwindel-Management

Der Patient leidet Höllenqualen und hat massive Angst zu stürzen.

  • Sturzsicherung: Der Patient darf nicht mehr alleine laufen! Wir transportieren ihn liegend oder im Tragestuhl.
  • Symptomkontrolle: Schwindel reizt das Brechzentrum extrem. Wenn der Patient ununterbrochen bricht, legen wir einen venösen Zugang und der Notarzt verabreicht Medikamente gegen Übelkeit (Antiemetika) und gegebenenfalls kreislaufstabilisierende Infusionen, da der Patient durch das Erbrechen massiv Flüssigkeit verliert.
  • Fixations-Taktik: Bei peripherem Drehschwindel hilft es dem Patienten oft, wenn er die Augen geöffnet hält und einen festen Punkt im Rettungswagen (oder den Retter) starr fixiert. Das Auge gleicht die Fehlermeldung des Ohrs teilweise aus.

3. Knalltrauma und Explosionstrauma

Diese Traumata entstehen durch extreme physikalische Schalldruckwellen, unterscheiden sich aber in ihrer Dauer und den zerstörten Strukturen.

  • Das Knalltrauma: Entsteht durch ein extrem kurzes, peitschenartiges Geräusch (unter 3 Millisekunden Dauer, aber oft über 140 Dezibel), wie den Schuss aus einer Pistole oder das Platzen eines Reifens. Die Druckwelle ist so kurz, dass das Trommelfell meist unverletzt bleibt. Stattdessen knicken die feinen Haarsinneszellen tief im Innenohr ab. Der Patient hat einseitig ein taubes Gefühl und ein lautes Pfeifen (Tinnitus).
  • Das Explosionstrauma: Hier wirkt die Druckwelle (Druckstoß) deutlich länger (wie bei der Detonation einer Bombe oder eines großen Böllers). Dieser langanhaltende Druck zerreißt zwingend das Trommelfell (Trommelfellruptur) und schädigt oft auch das Mittelohr (Gehörknöchelchen). Neben Taubheit und Tinnitus blutet der Patient oft aus dem Ohr und klagt über stärkste Schmerzen.

4. Präklinische Taktik bei Ohrtraumata

Hier können wir auf der Straße nicht viel heilen, aber sehr viel falsch machen.

  • Das Tropfen-Verbot: Es dürfen NIEMALS Ohrentropfen, Salben oder Flüssigkeiten in ein traumatisiertes Ohr gegeben werden! Bei einem gerissenen Trommelfell würden diese Substanzen direkt in das Mittelohr und Innenohr laufen und dort massive Schäden verursachen.
  • Blutende Ohren: Wie bereits gelernt: Niemals tamponieren! Eine sterile Kompresse wird locker auf die Ohrmuschel gelegt, um das Blut oder Sekret aufzufangen.
  • Transport: Lärmkarenz ist oberstes Gebot. Der Transport in eine Hals-Nasen-Ohren-Klinik erfolgt ruhig, entspannt und ohne Martinshorn.

💡 MERKE:

Bei jedem Schwindel muss sofort ein Schlaganfall durch einen neurologischen Check (FAST-Test) ausgeschlossen werden. Beim Knalltrauma (kurz) bleibt das Trommelfell intakt, beim Explosionstrauma (lang) zerreißt es und das Ohr blutet. In traumatisierte Ohren dürfen niemals Tropfen gegeben werden und sie werden niemals tamponiert! Schwindelpatienten benötigen Sturzsicherung und bei starker Übelkeit eine medikamentöse Therapie durch den Notarzt.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie [DGN] (2020). S2k-Leitlinie: Akuter Schwindel. (AWMF-Registernummer: 030-017).(Anmerkung: Die zentrale Leitlinie, welche die zwingende Differenzierung zwischen peripherem (harmlosem) und zentralem (lebensgefährlichem) Schwindel mittels FAST-Test für den Rettungsdienst vorschreibt).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2022). S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. (AWMF-Registernummer: 012-019).(Anmerkung: Die unfallchirurgische Basisleitlinie, die das Tamponade-Verbot bei blutenden Ohren sowie die grundlegende Wundversorgung nach Explosionstraumata bindend festlegt).

Alles verstanden?