Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Das MANV-Konzept
Wenn das System kippt
Herzlich willkommen im Chaos-Management! Ein Massenanfall von Verletzten (MANV) ist definiert als ein Notfall, bei dem eine große Anzahl von Verletzten oder Erkrankten vorliegt und bei dem das reguläre Rettungsdienst-System vor Ort personell und materiell kurzfristig massiv überlastet ist. Das System "kippt". Um das Chaos in Struktur zu verwandeln, greifen vordefinierte MANV-Stufen (zum Beispiel MANV 10, MANV 25 oder MANV 50), die blitzschnell überregionale Rettungsmittel, Hubschrauber und Schnelleinsatzgruppen (SEG) alarmieren.
1. Der Paradigmenwechsel (Die ersteintreffenden Kräfte)
Die schwerste psychologische Aufgabe trifft den ersten Rettungswagen an der Einsatzstelle.
- Die Individual-Falle: Normalerweise springt das Team aus dem Fahrzeug und stürzt sich auf den ersten, schwerstverletzten Patienten. Genau das ist beim MANV absolut verboten! Wenn das erste Team beginnt, einen Patienten zu intubieren, ist die Einsatzstelle führungslos, es wird nichts nachalarmiert und dutzende andere Patienten verbluten im Hintergrund unbemerkt.
- Ersterkundung und Rückmeldung: Der ersteintreffende Notfallsanitäter übernimmt sofort die medizinische und taktische Führung. Er verschafft sich einen groben Überblick: Was ist passiert? Wie viele Verletzte (geschätzt)? Welche Gefahren bestehen noch? Er setzt eine detaillierte Lagemeldung an die Leitstelle ab, um die Maschinerie in Gang zu setzen.
- Die Priorität: Erst wenn die Lage gemeldet und die Raumordnung grob angedacht ist, beginnt eine allererste, lebensrettende Kurzversorgung (zum Beispiel das Anlegen von Tourniquets bei starken Blutungen).
2. Die Sanitätseinsatzleitung (SanEL)
Sobald die übergeordnete Führungsebene eintrifft, übernimmt sie das Kommando. Die SanEL besteht aus 2 untrennbaren Führungskräften, die im absoluten Tandem arbeiten.
- Der Leitende Notarzt (LNA): Er ist der medizinische Kopf. Er legt die Sichtungskategorien fest, bestimmt die medizinische Behandlungspriorität und entscheidet, welcher Patient in welche Zielklinik gefahren wird (um zu verhindern, dass das nächste Krankenhaus komplett überlastet wird).
- Der Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OrgL): Er ist der Logistiker. Er koordiniert die anrückenden Rettungsmittel, organisiert den Aufbau von Behandlungsplätzen, führt das Bereitstellungspersonal und hält den Funkkontakt zur Gesamteinsatzleitung (Feuerwehr).
- Das goldene Führungsgesetz: LNA und OrgL behandeln nicht! Führungskräfte dürfen sich unter gar keinen Umständen in die direkte Patientenversorgung (zum Beispiel Reanimation oder Zugänge legen) einbinden lassen, da sie sonst den Blick für das große Ganze, den sogenannten Helikopterblick, verlieren.
3. Die Raumordnung (Struktur gegen Chaos)
Ein MANV ohne strikte Raumordnung endet im totalen Verkehrskollaps und in unversorgten Patienten. Das Gelände wird in 3 feste Zonen eingeteilt.
- Die Patientenablage: Das ist ein sicherer Sammelpunkt direkt außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone. Hier werden die Patienten durch Ersthelfer oder die Feuerwehr aus dem Trümmerfeld hingebracht. Hier erfolgt die erste Sichtung (Triage).
- Der Behandlungsplatz (BHP): Das ist ein mobiles Feldlazarett, das von nachrückenden Katastrophenschutzeinheiten (Zelten, Licht, Strom) aufgebaut wird. Ein BHP 50 ist beispielsweise darauf ausgelegt, 50 Patienten pro Stunde medizinisch zu stabilisieren und transportfähig zu machen.
- Der Rettungsmittelhalteplatz: Anrückende Rettungswagen fahren NIEMALS direkt an das Trümmerfeld heran! Sie sammeln sich auf einem definierten Bereitstellungsraum (oft hunderte Meter entfernt). Der OrgL ruft dann gezielt immer nur exakt 1 oder 2 RTW nach vorne zur Patientenübergabestelle, damit die Abfahrtswege für kritische Transporte niemals durch leere, parkende Fahrzeuge blockiert werden.
💡 MERKE:
Der Paradigmenwechsel beim MANV bedeutet: Lagebeurteilung und Führung haben absolute Priorität vor der Individualversorgung. Das ersteintreffende Team muss die Ersterkundung durchführen und darf nicht im ersten kritischen Patienten "versinken". Die Einsatzleitung (LNA und OrgL) behandelt niemals selbst Patienten! Alle anrückenden Fahrzeuge sammeln sich zwingend auf dem Rettungsmittelhalteplatz, um den Verkehrskollaps am Schadensort zu verhindern.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das übergeordnete Regelwerk, das den absoluten Vorrang der Führungsebene vor der individualmedizinischen Patientenversorgung im Großschadensfall definiert).
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Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Sichtung (Triage)
Das Vorsortieren
Herzlich willkommen in der Triage! Sichtung bedeutet, dass wir Patienten nicht behandeln, sondern sie innerhalb von maximal 60 Sekunden pro Person untersuchen und in Kategorien einteilen. Dies entscheidet darüber, wer sofort abtransportiert wird, wer warten muss und wer (so grausam es im zivilen Alltag klingt) sterben wird, weil die Ressourcen für seine Rettung fehlen. In Deutschland nutzen wir hierfür meist den mSTaRT-Algorithmus (modified Simple Triage and Rapid Treatment).
1. Die Sichtungskategorien (Das Farbcode-System)
Jeder gesichtete Patient erhält eine farbige Markierung (meist als Umhängekarte oder Knicklicht), die dem nachrückenden Personal sofort seinen Status zeigt.
- Grün (Kategorie 3 / T3): Leicht verletzt. Der Patient ist gehfähig, hat keine lebensbedrohlichen Verletzungen und kann warten. Diese Patienten binden keine Rettungsmittel, sondern werden oft in Bussen gesammelt und betreut.
- Gelb (Kategorie 2 / T2): Schwer verletzt, aber aktuell nicht lebensbedrohlich. Die Vitalparameter sind stabil. Diese Patienten müssen in eine Klinik, können den Transport aber verzögern, bis die roten Patienten versorgt sind.
- Rot (Kategorie 1 / T1): Akute, vitale Bedrohung! Höchste Behandlungspriorität. Diese Patienten haben ein kritisches A-, B- oder C-Problem, das sofortiges Handeln oder den absoluten Ersttransport in eine Klinik erfordert.
- Blau / Schwarz (Kategorie 4 / T4): Ohne Überlebenschance oder bereits verstorben. Der Patient atmet auch nach dem Freimachen der Atemwege nicht mehr oder hat Verletzungen, die selbst unter Maximalbedingungen kaum überlebbar sind (blau). Ressourcen werden hier abgezogen.
2. Der mSTaRT-Algorithmus (Die 60-Sekunden-Regel)
Der Algorithmus ist so aufgebaut, dass er unter extremem Stress fehlerfrei anwendbar ist. Er prüft die Vitalfunktionen nacheinander ab.
- Schritt 1 (Gehfähigkeit): Alle Patienten, die auf Zuruf aufstehen und zu einem Sammelplatz gehen können, werden sofort als GRÜN eingestuft! Wir befassen uns nicht weiter mit ihnen, sie sortieren sich selbst aus.
- Schritt 2 (Blutungskontrolle): Wir sichten die Liegenden. Sehen wir eine massive, lebensbedrohliche Blutung, legen wir im Vorbeigehen ein Tourniquet an oder delegieren einen Druckverband. Das ist die einzige zugelassene medizinische Maßnahme in der Sichtung!
- Schritt 3 (Atmung): Wir prüfen die Atmung. Atmet der Patient nicht, überstrecken wir den Kopf. Atmet er dann immer noch nicht, wird er als SCHWARZ kategorisiert. Wir gehen sofort zum nächsten Patienten! Atmet er nach dem Überstrecken wieder oder atmet er ohnehin, prüfen wir die Frequenz. Liegt sie unter 10 oder über 29 Atemzügen pro Minute, wird der Patient als ROT kategorisiert.
- Schritt 4 (Kreislauf): Liegt die Atmung im normalen Bereich, prüfen wir die Durchblutung. Wir drücken auf den Fingernagel und prüfen die Rekapillarisierungszeit. Dauert es über 2 Sekunden, bis das Nagelbett wieder rosig ist (oder fehlt der Radialispuls am Handgelenk), stufen wir den Patienten als ROT ein.
- Schritt 5 (Bewusstsein): Ist der Kreislauf stabil, fordern wir den Patienten auf, einfache Befehle auszuführen ("Schließen Sie die Augen", "Drücken Sie meine Hand"). Kann er das nicht, stufen wir ihn als ROT ein. Kann er Befehle befolgen, wird er als GELB kategorisiert.
3. Die Taktik der ersten Welle
Wer die Sichtung durchführt, trägt die schwerste Last des Einsatzes.
- Der Sichtungstrupp: Dieser Trupp (meist der ersteintreffende Notarzt und ein Notfallsanitäter) arbeitet sich unerbittlich durch das Trümmerfeld. Sie bleiben an keinem Patienten länger als 60 Sekunden!
- Die psychologische Härte: Ein Patient mit abgerissenen Beinen stöhnt vor Schmerzen. Der Sichtungstrupp legt ein Tourniquet an, prüft die Atmung, hängt eine Rote Karte um und GEHT WEITER! Es wird kein Zugang gelegt, es gibt keine Schmerzmittel. Würde der Trupp hier 10 Minuten behandeln, würden weiter hinten im Feld 5 rote Patienten ungesichtet ersticken.
- Die Re-Evaluation: Sichtung ist dynamisch. Patienten der Kategorie Gelb können im Verlauf auf dem Behandlungsplatz dekompensieren und zu Rot werden. Daher sichten die nachrückenden Ärzte am Behandlungsplatz permanent nach.
💡 MERKE:
Triage bedeutet Sortieren statt Behandeln; pro Patient sind maximal 60 Sekunden vorgesehen! Die einzige zulässige Therapie während der Sichtung ist die Blutstillung (Tourniquet) und das Freimachen der Atemwege (Kopf überstrecken).Grün sind alle Gehfähigen; Rot sind Patienten mit kritischer Atemfrequenz, schlechter Durchblutung oder fehlender Befolgung von Befehlen. Schwarz/Blau sind Patienten, die nach dem Freimachen der Atemwege nicht atmen; die Ressourcen werden hier zum Wohle der Mehrheit abgezogen.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das zentrale Handbuch des Katastrophenschutzes, welches die Farbcodierung und das Verbot der Individualtherapie während der Erst-Sichtung vorschreibt).
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Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Übergangsweise Einsatzleitung
Das Füllen des Vakuums
Herzlich willkommen in der Chaosphase! Wenn ein einzelner Rettungswagen (RTW) als erstes Fahrzeug auf ein Busunglück mit 40 Verletzten trifft, ist das primäre Ziel nicht die medizinische Rettung, sondern das Schaffen von Struktur. Der erfahrenste Rettungsdienstmitarbeiter dieses ersten Fahrzeugs (meist der Transportführer des RTW oder der ersteintreffende Notarzt) übernimmt sofort die "Übergangsweise Einsatzleitung" (ÜEL). Er streift sinnbildlich die medizinischen Handschuhe ab und zieht die Führungsweste an.
1. Die Erste Erkundung (Der Helikopterblick)
Bevor auch nur ein einziger Notfallkoffer aus dem Auto geholt wird, muss der Übergangs-Einsatzleiter die Lage erfassen.
- Die 360-Grad-Erkundung: Die Führungskraft umrundet (soweit möglich und sicher) das Schadensgebiet. Sie verschafft sich einen Überblick über die Dimension des Ereignisses.
- Das Zählen (Schätzen): Es geht nicht um exakte Diagnosen, sondern um grobe Zahlen. Wie viele Verletzte gibt es ungefähr? 10? 50? 100? Sind Menschen eingeklemmt?
- Die Gefahrenmatrix: Bestehen noch akute Gefahren, die nachrückende Kräfte bedrohen? (Brennende Fahrzeuge, auslaufende Gefahrstoffe, Einsturzgefahr).
2. Die Lagemeldung (Das wichtigste Werkzeug)
Das wichtigste medizinische Gerät des ersten Rettungswagens ist in diesem Moment nicht der Defibrillator, sondern das Funkgerät!
- Strukturierte Rückmeldung: Die Leitstelle ist blind. Sie ist absolut darauf angewiesen, dass der Übergangs-Einsatzleiter ihr ein klares Bild liefert, um die richtige MANV-Stufe auszulösen. Eine panische Meldung ("Schickt alles, was ihr habt!") ist nutzlos.
- Das METHANE-Schema: Ein international anerkannter Standard für die Erstmeldung. M (Major Incident declared / MANV ausgelöst), E (Exact Location / Genauer Ort), T (Type of Incident / Art des Vorfalls), H (Hazards / Gefahren), A (Access / Anfahrtswege), N (Number of Casualties / Anzahl der Verletzten), E (Emergency Services / Benötigte Einsatzkräfte).
- Die Auslösung: Durch diese präzise Meldung in den ersten 5 Minuten rollen im Hintergrund sofort Hubschrauber, Katastrophenschutzzüge und die reguläre SanEL an.
3. Die Raumordnung und Aufgabenverteilung
Bis Hilfe eintrifft, muss die Übergangs-Einsatzleitung das Spielfeld aufbauen, damit die nachrückenden Kräfte nicht im Chaos versinken.
- Der Rettungsmittelhalteplatz: Der Einsatzleiter bestimmt sofort einen Bereitstellungsraum für nachrückende Fahrzeuge, der weit genug vom Trümmerfeld entfernt ist, um ein Verkehrschaos zu verhindern. Dieser Ort wird der Leitstelle gemeldet.
- Führen statt Behandeln: Dies ist die wichtigste und psychologisch härteste Regel! Die Übergangs-Einsatzleitung behandelt NIEMALS selbst. Wenn der Einsatzleiter anfängt, einen Patienten zu reanimieren, ist der Einsatz ab diesem Moment völlig führungslos.
- Delegation der Sichtung: Die ersteintreffende Führungskraft weist der zweiten eintreffenden RTW-Besatzung (oder dem eigenen Teampartner) den Auftrag zu, mit der mSTaRT-Sichtung (Triage) zu beginnen.
4. Die Übergabe an die SanEL
Die Funktion der übergangsweisen Einsatzleitung endet in dem Moment, in dem die regulären Führungskräfte (LNA und OrgL) eintreffen.
- Das Übergabegespräch: Der Übergangs-Einsatzleiter meldet sich bei LNA und OrgL und übergibt die Lage. Er berichtet über die geschätzte Verletztenzahl, die durchgeführte Raumordnung, die Gefahren und den Stand der Sichtung.
- Die Eingliederung: Nach der erfolgreichen Übergabe wird die ersteintreffende Besatzung von der neuen Einsatzleitung meist wieder in den regulären medizinischen Behandlungs- oder Transportbetrieb (zum Beispiel auf dem Behandlungsplatz) eingegliedert.
💡 MERKE:
Die ersteintreffende Fahrzeugbesatzung füllt das Führungsvakuum und übernimmt die übergangsweise Einsatzleitung. Das primäre Ziel ist nicht die medizinische Versorgung, sondern die Erkundung, die Lagemeldung und die Strukturierung. Die Lagemeldung an die Leitstelle erfolgt präzise und strukturiert (z.B. nach dem METHANE-Schema).Auch die übergangsweise Führungskraft unterliegt der eisernen Regel: Führen statt Behandeln!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das zentrale Handbuch, welches die Aufgaben des ersteintreffenden Rettungsmittels (Erkundung, Lagemeldung, Raumordnung) und das strikte Verbot der eigenen Patientenbehandlung durch die Führungskraft bindend definiert).
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Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Die Rückmeldung
Der strukturierte Funkspruch
Herzlich willkommen in der Kommunikationszentrale des Katastrophenschutzes! Die Erst-Rückmeldung ist keine Plauderei, sondern ein militärisch anmutender, hochgradig komprimierter Datentransfer. Sie erfolgt zwingend nach der ersten 360-Grad-Erkundung durch die übergangsweise Einsatzleitung. Erst wenn dieser Funkspruch abgesetzt und von der Leitstelle bestätigt ist, rollt im Hintergrund die gigantische Maschinerie aus Hubschraubern, Sanitätseinsatzleitung (SanEL) und Schnelleinsatzgruppen an.
1. Das METHANE-Schema (Der internationale Standard)
Um in der extremen psychologischen Stresssituation eines MANV keinen wichtigen Punkt zu vergessen, nutzen wir international etablierte Akronyme wie das METHANE-Schema. Es zwingt den Funker in ein festes Korsett aus Fakten.
- M - Major Incident declared (MANV ausgelöst): Das ist das absolute Codewort! Es signalisiert der Leitstelle sofort, dass der normale rettungsdienstliche Alltag beendet ist und die Sonderpläne greifen müssen.
- E - Exact Location (Exakter Ort): Wo genau ist das Ereignis? Welche Straße, welcher Kilometer auf der Autobahn? Wo soll der Rettungsmittelhalteplatz für nachrückende Fahrzeuge aufgebaut werden?
- T - Type of Incident (Art des Vorfalls): Was genau ist passiert? (Busunfall, Zugunglück, Gasexplosion, Schießerei).
- H - Hazards (Gefahren): Bestehen noch akute Gefahren für die Opfer und die nachrückenden Retter? (Auslaufende Gefahrstoffe, Einsturzgefahr, bewaffnete Täter flüchtig).
- A - Access (Anfahrtswege): Wie sollen die 50 nachrückenden Fahrzeuge anfahren? Welche Zufahrt ist durch Trümmer blockiert? (Zum Beispiel: "Anfahrt zwingend von Süden über die Hauptstraße, Nord-Zufahrt ist blockiert").
- N - Number of Casualties (Anzahl der Verletzten): Dies ist eine extrem wichtige Schätzung! Es geht nicht um genaue Diagnosen, sondern um die grobe Größenordnung. Sind es 5, 20 oder 100 Betroffene?
- E - Emergency Services (Benötigte Einsatzkräfte): Welche Kräfte werden initial gefordert? (Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, SanEL, Rettungshubschrauber).
2. Die Funkdisziplin (Emotionen ausschalten)
Im MANV gibt es keinen Platz für panisches Schreien oder lange emotionale Erzählungen über das Leid der Verletzten am Funk.
- Fakten statt Diagnosen: Die Leitstelle interessiert sich in Minute 1 absolut nicht dafür, ob ein Patient ein offenes Schädel-Hirn-Trauma hat oder ein anderer reanimiert wird. Solche Details verstopfen den Funkkanal. Die Leitstelle braucht das große Ganze, um die Alarmierungsstufe festzulegen.
- Kurz und prägnant: Sprechtaste drücken, kurz warten, ruhig und deutlich sprechen. Wenn die Leitstelle nachfragt, präzise antworten.
- Der Kanalwechsel: Bei großen MANV-Lagen weist die Leitstelle der Einsatzstelle meist sofort einen eigenen, separaten Sprechfunkkanal (Einsatzstellenfunk) zu, um den regulären Rettungsdienst-Funkverkehr der restlichen Stadt nicht lahmzulegen.
3. Die Lagemeldung als dynamischer Prozess
Die erste Rückmeldung ist nur der Startschuss. Die Lage bei Großschadensereignissen ändert sich oft rasant.
- Das Update: Sobald die Sichtung (Triage) durch das nachrückende Personal weiter fortgeschritten ist oder neue Informationen auftauchen, muss die übergangsweise Einsatzleitung der Leitstelle zwingend ein Update geben.
- Die Korrektur: Es ist keine Schande, wenn bei der Erstmeldung im Dunkeln 20 Verletzte geschätzt wurden, es sich später aber herausstellt, dass es doch 40 sind. Diese Korrektur muss sofort gemeldet werden, damit die Leitstelle die Alarmstufe (zum Beispiel von MANV 25 auf MANV 50) erhöhen kann.
💡 MERKE:
Die erste Lagemeldung erfolgt zwingend nach der Ersterkundung und vor jeglicher medizinischer Behandlung! Das METHANE-Schema garantiert, dass im Stress keine lebenswichtigen taktischen Parameter (wie Anfahrtswege oder Gefahren) vergessen werden. Fakten statt Emotionen: Es werden keine individualmedizinischen Diagnosen gefunkt, sondern nur geschätzte Gesamtzahlen. Die Rückmeldung ist ein dynamischer Prozess; bei neuen Erkenntnissen muss die Leitstelle sofort ein Update erhalten.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das zentrale Handbuch, welches die Struktur der Erstmeldung nach METHANE und die absolute Wichtigkeit der Angabe von sicheren Anfahrtswegen (Access) für nachrückende Kräfte definiert).
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Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Sicherstellung der Erstversorgung
Das Prinzip der Minimal-Invasion
Herzlich willkommen in der Mangelverwaltung! Die Erstversorgung bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) findet meist an der Patientenablage statt (dem ersten Sammelpunkt außerhalb der direkten Gefahrenzone). Das absolute Leitziel dieser Phase lautet: "Treat first what kills first" (Behandle zuerst das, was zuerst tötet). Alles, was Zeit kostet, Personal bindet oder nur dem Patientenkomfort dient, ist in dieser Phase strengstens verboten.
1. Die Reduktion der Maßnahmen (A und C im Fokus)
Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Verhinderung des sofortigen Todes bei den Patienten der Kategorie Rot (T1).
- C-Problem (Kritische Blutungen): Das ist die absolute Priorität. Offene, spritzende Extremitätenblutungen werden nicht mit aufwendigen, zeitraubenden Druckverbänden versorgt, sondern rigoros mit einem Tourniquet abgebunden. Das dauert 10 Sekunden und rettet das Leben.
- A-Problem (Atemwege): Bewusstlose Patienten mit vorhandener Spontanatmung werden kompromisslos in die stabile Seitenlage gebracht, um ein Ersticken am eigenen Blut oder Erbrochenen zu verhindern. Gegebenenfalls wird ein Wendel- oder Guedel-Tubus eingelegt.
- Das absolute Intubations-Verbot: Eine endotracheale Intubation ist in der Erstversorgungsphase auf dem Feld nahezu immer ein taktischer Fehler! Sie dauert zu lange, erfordert hochgradige Konzentration, viel Licht und bindet mindestens 2 hochqualifizierte Retter für etliche Minuten. Das können wir uns nicht leisten!
2. Der unsichtbare Killer (Hypothermieprophylaxe)
Dieser Punkt wird in der Hektik des MANV fast immer vergessen, ist aber für schwerverletzte Patienten absolut tödlich.
- Die tödliche Triade: Trauma-Patienten verbluten oft nicht direkt an ihrer Wunde, sondern sie sterben an der "tödlichen Triade": Hypothermie (Unterkühlung), Azidose (Übersäuerung) und Koagulopathie (Gerinnungsstörung). Fällt die Körpertemperatur ab, funktioniert die Blutgerinnung nicht mehr.
- Die Sofortmaßnahme: Jeder liegende Patient – unabhängig davon, ob es Sommer oder Winter ist – muss sofort von der kalten Erde isoliert und mit Rettungsdecken oder Wolldecken eingepackt werden. Das Verteilen von Decken an der Patientenablage ist eine lebensrettende Erstversorgungsmaßnahme!
3. Schmerztherapie und Volumengabe (Die Zurückhaltung)
Auch hier müssen wir unseren Beschützerinstinkt bremsen und rational handeln.
- Der venöse Zugang: Die Anlage eines venösen Zugangs erfolgt in der ersten Phase nur bei massiv blutenden Patienten der Kategorie Rot, um den Kreislauf mit Vollelektrolytlösung vor dem endgültigen Zusammenbruch zu bewahren. Bei Patienten der Kategorie Gelb (T2) wird vorerst kein Zugang gelegt.
- Analgesie (Schmerzmittel): Eine ausgedehnte, intravenöse Schmerztherapie auf dem Trümmerfeld ist gefährlich, da sie eine permanente, zeitintensive Überwachung der Atmung erfordert. Wenn überhaupt, wird auf schnell applizierbare, intramuskuläre oder intranasale Medikamentengaben zurückgegriffen. Die echte Analgesie erfolgt erst später auf dem Behandlungsplatz (BHP).
4. Die Transportlogistik (Vermeidung des Klinik-Kollapses)
Die beste Erstversorgung nützt nichts, wenn wir die Patienten danach falsch transportieren.
- Das Nadelöhr: Der Transport vom Schadensort in die Kliniken ist das absolute Nadelöhr. Die Zuweisung der Patienten auf die Rettungswagen erfolgt ausschließlich durch den Organisatorischen Leiter (OrgL) in Absprache mit dem Leitenden Notarzt (LNA).
- Die Verteilung: Es ist ein fataler Fehler, alle 10 Patienten der Kategorie Rot in das 2 Kilometer entfernte Maximalversorger-Krankenhaus zu fahren. Diese Klinik würde sofort kollabieren. Die Patienten müssen wie ein Gießkannen-Prinzip auf alle Kliniken im Umkreis von 50 Kilometern (oft unter Einbindung von Rettungshubschraubern) verteilt werden.
💡 MERKE:
Erstversorgung im MANV bedeutet Zeit- und Ressourcenmanagement; Luxusmedizin hat hier keinen Platz. Das Stoppen kritischer Blutungen (Tourniquet) und das Sichern der Atemwege (Seitenlage) haben absolute Priorität. Zeitintensive Maßnahmen wie die endotracheale Intubation sind in der Erstversorgungsphase auf dem Feld in der Regel obsolet. Die Hypothermieprophylaxe (Rettungsdecken) ist eine elementare und oft vergessene lebensrettende Basismaßnahme an der Patientenablage.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das zentrale Regelwerk des Bundes, welches die Reduktion auf lebensrettende Handgriffe (Tourniquet) und den Verzicht auf zeitintensive Maßnahmen wie die Intubation in der Initialphase vorschreibt).
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Einleitung: Einsätze mit mehreren Verletzten: Patientenablage, Transportorganisation und Patientenladezone
Einleitung: Das Fließband der Rettung
Herzlich willkommen in der Katastrophen-Logistik! Um aus dem Chaos am Schadensort einen geordneten Patientenabfluss zu generieren, wird die Einsatzstelle in streng getrennte Räume unterteilt. Patienten müssen wie auf einem Fließband von der unmittelbaren Gefahrenzone über die Patientenablage bis in die Patientenladezone bewegt werden. Die Taktgeber in diesem System sind der Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OrgL) und der Leitende Notarzt (LNA).
1. Die Patientenablage (Der erste sichere Hafen)
Die Patientenablage ist der allererste Sammelpunkt für Verletzte, der zwingend direkt außerhalb der Gefahrenzone (Trümmerfeld, Brandbereich) eingerichtet wird.
- Die Funktion: Hierher werden die Patienten (oft durch Ersthelfer, Feuerwehr oder Rettungsdienst) aus der unmittelbaren Lebensgefahr gerettet.
- Die Maßnahmen: An der Patientenablage findet die erste Sichtung (Triage nach mSTaRT) statt. Hier erfolgen ausschließlich lebensrettende Sofortmaßnahmen (Tourniquet, stabile Seitenlage, Freimachen der Atemwege). Es wird hier NICHT abschließend medizinisch behandelt!
- Der Weitertransport: Von der Patientenablage werden die Patienten entweder in einen strukturierten Behandlungsplatz (BHP) verlegt, wenn dieser bereits aufgebaut ist, oder (bei kleineren MANV-Lagen) direkt zur Patientenladezone für den Abtransport gebracht.
2. Die Transportorganisation (Die Zuteilung)
Die Transportorganisation ist das logistische Herzstück. Das Ziel ist es, den richtigen Patienten mit dem richtigen Rettungsmittel in die richtige Klinik zu bringen.
- Die Klinik-Zuweisung: Der Leitende Notarzt entscheidet anhand des Verletzungsmusters (Triage-Kategorie Rot oder Gelb), welche Klinik angefahren wird. Die absolute Regel lautet: Patienten müssen auf Kliniken im Umkreis von oft 50 bis 100 Kilometern verteilt werden! Das nächstgelegene Krankenhaus darf niemals alle roten Patienten auf einmal aufnehmen, da es sonst sofort kollabiert.
- Die Rettungsmittel-Zuweisung: Der OrgL teilt den Rettungsmitteln die Patienten zu. Ein Rettungshubschrauber bekommt einen kritischen Patienten (Rot) für weite Strecken in ein spezielles Verbrennungs- oder Traumazentrum. Ein Krankentransportwagen (KTW) transportiert 1 bis 2 leichtverletzte Patienten (Grün).
- Die Dokumentation: Kein Patient verlässt die Einsatzstelle ohne Registrierung! Die Verletztenanhängekarte (das Triage-Protokoll) besitzt abreißbare Abschnitte. Beim Einladen in den Rettungswagen MUSS der Transport-Abschnitt zwingend an den Abschnittsleiter oder den Registrierungs-Posten übergeben werden, damit die Einsatzleitung exakt weiß, wer in welches Krankenhaus gebracht wurde.
3. Die Patientenladezone (Das Einbahnstraßen-Prinzip)
Die Patientenladezone (oder Patientenübergabestelle) ist der Ort, an dem die Patienten vom Feld in die Fahrzeuge verladen werden. Dies ist der gefährlichste Punkt für einen Verkehrskollaps.
- Der Bereitstellungsraum: Anrückende Rettungswagen fahren NIEMALS direkt zur Ladezone! Sie sammeln sich auf einem definierten Rettungsmittelhalteplatz weit ab vom Schuss. Dort schalten sie die Motoren aus und warten auf Befehle.
- Der Abruf: Der OrgL ruft gezielt immer nur exakt 1 bis 2 Fahrzeuge per Funk vom Halteplatz nach vorne zur Patientenladezone ab.
- Die Einbahnstraße: Die Ladezone MUSS zwingend als Einbahnstraße organisiert sein. Das Rettungsmittel fährt vor, lädt den vom LNA zugewiesenen Patienten ein, nimmt die Zielklinik entgegen, gibt den Dokumentationsabschnitt ab und fährt ohne zu wenden in Fahrtrichtung wieder weg. Wer hier anfängt zu rangieren, blockiert die Überlebenschance der nachfolgenden Patienten.
💡 MERKE:
An der Patientenablage erfolgt die Erstsichtung und die unmittelbare Lebenserhaltung; sie liegt direkt an der Grenze zur Gefahrenzone. Die Transportorganisation verteilt Schwerverletzte weiträumig auf verschiedene Kliniken, um eine lokale Überlastung zu verhindern. Die Patientenladezone funktioniert strikt als Einbahnstraße; Fahrzeuge werden immer nur einzeln aus dem Bereitstellungsraum abgerufen. Vor dem Abtransport muss zwingend der Transport-Abschnitt der Verletztenanhängekarte an die Einsatzleitung übergeben werden!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe [BBK] (2020). Massenanfall von Verletzten: Konzepte, Triage, Führung.(Anmerkung: Das zentrale Handbuch, welches das Einbahnstraßen-Prinzip für Ladezonen und die strikte Trennung von Bereitstellungsraum und Übergabestelle logistisch vorschreibt).