Zurück zum Lernfeld
Skript ⏱ 60 Min. Lesezeit

5.01 Diagnostik

Einleitung: Diagnostik – Die strukturierte Patientenuntersuchung

Die Abkehr vom Bauchgefühl

Herzlich willkommen am Einsatzort! Ihr trefft bei einem schweren Verkehrsunfall ein. Der Patient schreit vor Schmerzen, sein Bein ist massiv deformiert und blutet. Unser menschlicher Instinkt (und oft auch der Tunnelblick) zwingt uns, sofort auf dieses schrecklich aussehende Bein zu stürzen. Eine strukturierte Untersuchung zwingt uns genau zum Gegenteil! Sie bremst uns aus und zwingt uns, den Patienten nach einem starren System von Kopf bis Fuß zu beurteilen. Denn das blutende Bein ist völlig unwichtig, wenn der Patient einen verlegten Atemweg hat und in zwei Minuten erstickt.

1. Das eiserne Paradigma: "Treat first what kills first"

Dies ist der wichtigste Leitsatz der gesamten präklinischen Notfallmedizin. Auf Deutsch bedeutet er: "Behandle zuerst das, was am schnellsten tötet!"

  • Der Unterschied zum Krankenhaus: Ein Arzt in der Hausarztpraxis sucht nach der exakten, endgültigen Diagnose, um ein Rezept auszustellen. Wir im Rettungsdienst suchen primär nach lebensbedrohlichen Zuständen.
  • Die Konsequenz: Wenn wir in unserer strukturierten Untersuchung ein tödliches Problem finden (zum Beispiel einen Atemstillstand), stoppt die restliche Untersuchung sofort! Wir reparieren dieses Problem erst (zum Beispiel durch eine Intubation), bevor wir auch nur einen Schritt weiter im Untersuchungsschema gehen.

2. Der Feind im eigenen Kopf (Der Tunnelblick)

In absoluten Stresssituationen schaltet unser Gehirn auf ein Überlebensprogramm um. Das führt zu massiven kognitiven Fehlern, die wir durch Struktur bekämpfen müssen.

  • Fixierungsfehler (Tunnelblick): Das auffälligste, lauteste oder blutigste Symptom zieht unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Wir übersehen dabei oft unscheinbare, aber tödliche Probleme (wie eine innere Blutung oder eine stille Atemnot).
  • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Wir haben über Funk das Stichwort "Betrunkene Person" gehört. Am Einsatzort riecht der Patient nach Alkohol und ist verwirrt. Ohne Struktur haken wir den Einsatz als "Betrunkener" ab. Mit einer strukturierten Untersuchung messen wir zwingend den Blutzucker und stellen fest, dass der Patient keine Rauschzustände hat, sondern wegen eines extrem niedrigen Blutzuckerspiegels im Sterben liegt.

3. Die Phasen der Diagnostik (Der Trichter)

Die Rettungsdienst-Diagnostik funktioniert wie ein Trichter. Wir beginnen ganz weit und grob und werden mit jeder Minute feiner und detaillierter.

  1. Scene Size-Up (Die Einsatzstellenbeurteilung): Die Untersuchung beginnt, bevor ihr den Patienten überhaupt berührt. Ist die Einsatzstelle sicher? Gibt es Gefahren (wie Gas, Feuer oder fließenden Verkehr)? Wie viele Patienten gibt es? Was ist der vermutliche Unfallhergang?
  2. Primary Survey (Die Primäruntersuchung): Das ist der schnelle, lebensrettende Check (hier werden wir später das c-A-B-C-D-E-Schema anwenden). Das Ziel dieser Phase ist es ausschließlich, unmittelbare Bedrohungen für das Leben innerhalb der ersten 60 Sekunden zu finden und zu beheben.
  3. Secondary Survey (Die Sekundäruntersuchung): Wenn der Patient in den Grundfunktionen stabil ist (oder stabilisiert wurde), beginnt die echte Detektivarbeit. Hier tasten wir den Patienten von Kopf bis Fuß detailliert ab, erheben die komplette Krankengeschichte (hier kommt später das SAMPLER-Schema ins Spiel) und messen alle relevanten Vitalparameter wie das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm oder die Körpertemperatur.
  4. Reassessment (Die Reevaluierung): Eine Untersuchung ist niemals abgeschlossen. Ein instabiler Patient muss alle 5 Minuten erneut von vorn untersucht werden, um zu prüfen, ob unsere durchgeführten Maßnahmen wirklich gewirkt haben.

4. Die Team-Dynamik bei der Untersuchung

Eine strukturierte Untersuchung ist kein Monolog, sondern ein Team-Event!

  • Der Teamleader (Hands-off): Der bestqualifizierte Retter (oft der Notfallsanitäter) untersucht nicht blind drauflos. Er behält die Hände weg vom Patienten (Hands-off), um den absoluten Überblick zu bewahren. Er delegiert Aufgaben an sein Team und führt das Untersuchungsschema laut und deutlich.
  • Das Prinzip "Zehn für Zehn": Wenn das Chaos perfekt ist und die Untersuchung ins Stocken gerät, nutzt professionelle Teams das Prinzip "Zehn Sekunden für Zehn Minuten". Das Team tritt für 10 Sekunden einen Schritt vom Patienten zurück. Alle werden ruhig, der Teamleader fasst die bisherigen Untersuchungsergebnisse zusammen und gibt den Plan für die nächsten 10 Minuten vor.

💡 MERKE:

Die strukturierte Untersuchung schützt euch vor dem tödlichen Tunnelblick.Die oberste Regel lautet immer: "Treat first what kills first" (Behandle zuerst das, was am schnellsten tötet).Gefundene, lebensbedrohliche Probleme werden sofort repariert, bevor die Untersuchung weitergeht!Untersucht wird immer im Team: Der Teamleader steuert den Algorithmus und behält den Überblick.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS) / Advanced Medical Life Support (AMLS): (Dies sind die weltweit anerkannten und offiziell geschulten Goldstandards der präklinischen Medizin. Sie definieren den strikten Ablauf aus Scene Size-Up, Primary Survey und Secondary Survey sowie das absolute Festhalten an "Treat first what kills first").
  • European Resuscitation Council (ERC): (Die Leitlinien betonen die absolute Notwendigkeit der strukturierten Patientenbeurteilung zur Vermeidung von kognitiven Fehlern und Fixierungen in lebensbedrohlichen Notfällen).
  • Crew Resource Management (CRM): (Das aus der Luftfahrt übernommene und im Rettungsdienst etablierte Konzept zur Teamführung, welches das "Zehn für Zehn"-Prinzip und die klare Rollenverteilung während der Diagnostik definiert).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Einleitung in die Welt der Akronyme

Das Alphabet des Überlebens

Herzlich willkommen in der Sprache der Retter! Wenn ihr den Notfallrucksack öffnet, findet ihr Verbandszeug, Spritzen und Medikamente. Doch euer mächtigstes Werkzeug wiegt absolut nichts und ist unsichtbar: Es sind die Akronyme. Ein Akronym ist ein Kurzwort, das aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter zusammengesetzt ist (wie das S-A-M-P-L-E-R-Schema). Aber warum zwingen wir euch, diese Buchstabenfolgen im Schlaf auswendig zu lernen? Die Antwort liegt in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns unter extremer Belastung.

1. Die kognitive Entlastung (Das Gehirn unter Stress)

Stellt euch vor, ihr steht nachts bei strömendem Regen auf einer Landstraße neben einem eingeklemmten, schreienden Patienten. Euer Adrenalinspiegel explodiert.

  • Der Ausfall des Arbeitsgedächtnisses: In einer solchen hochgradigen Stresssituation schaltet der menschliche Körper auf "Kampf oder Flucht". Das Blut wird in die Muskeln gepumpt, das logische Denken in der Großhirnrinde wird massiv blockiert. In diesem Zustand vergesst ihr selbst einfachste Dinge (wie die Frage nach Allergien).
  • Das Akronym als mentaler Rettungsanker: Ein Akronym dient als "kognitive Entlastung". Ihr müsst nicht aktiv darüber nachdenken, was ihr als Nächstes tun müsst. Ihr ruft einfach nur das antrainierte Kurzwort ab und hangelt euch stur von Buchstabe zu Buchstabe. Das Akronym denkt für euch, wenn ihr es selbst vor lauter Stress nicht mehr könnt!

2. Der Ursprung: Checklisten und die Luftfahrt

Die Notfallmedizin hat dieses Konzept nicht selbst erfunden, sondern von der sichersten Branche der Welt übernommen: der zivilen Luftfahrt.

  • Das Crew Resource Management: Piloten lernen, dass sie bei einem Triebwerksausfall nicht auf ihr Bauchgefühl hören dürfen. Sie ziehen eine Checkliste aus Plastik und arbeiten diese ab.
  • Die unsichtbare Checkliste: Im Rettungsdienst können wir nicht bei starkem Regen, in einer dunklen Wohnung oder während einer Reanimation eine Checkliste aus Papier lesen. Unsere Hände sind voller Blut oder mit dem Elektrokardiogramm beschäftigt. Unsere Checklisten müssen unsichtbar in unserem Kopf existieren – und genau das sind unsere Akronyme!

3. Ein kurzer Ausblick (Was euch gleich erwartet)

Um einen Patienten ganzheitlich zu untersuchen, reihen wir verschiedene Akronyme wie Bausteine aneinander. Jedes Akronym hat einen anderen Schwerpunkt:

  1. c-A-B-C-D-E: Dies ist unser primärer Lebensretter. Hier suchen wir in den ersten Minuten ausschließlich nach direkten Bedrohungen für Atemwege, Lunge, Kreislauf und Gehirn.
  2. S-A-M-P-L-E-R: Unser Anamnese-Werkzeug. Ein strukturiertes Interview, um die Krankengeschichte des Patienten in wenigen Minuten lückenlos zu erheben, ohne wichtige Fragen (wie die letzte Mahlzeit) zu vergessen.
  3. O-P-Q-R-S-T: Die Lupe für den Schmerz. Wenn der Patient "Schmerzen" angibt, nutzen wir dieses Akronym, um den Schmerz extrem präzise zu zerlegen (Wo strahlt er aus? Wie stark ist er?).
  4. B-E-F-A-S-T: Der schnelle neurologische Check. Eine spezielle Buchstabenfolge, um die typischen Ausfälle eines Schlaganfalls im Gehirn sofort zu enttarnen.

4. Die Gefahr der Akronyme (Kein Ersatz für Mitgefühl)

So genial diese Werkzeuge sind, sie bergen auch eine gewaltige Gefahr, vor der ihr euch hüten müsst.

  • Der Roboter-Modus: Ein Akronym darf niemals dazu führen, dass ihr den Patienten wie eine Maschine abarbeitet. Wenn ihr mitten in der Untersuchung seid und der Patient weint, weil er Todesangst hat, stoppt ihr eure Buchstabenkette! Ihr gebt dem Patienten die Hand, beruhigt ihn (Empathie) und setzt euer Schema danach fort.
  • Das Scheuklappen-Phänomen: Wenn ihr euch stur an Buchstaben klammert, dürft ihr euren gesunden Menschenverstand nicht ausschalten. Ein Akronym ist ein Geländer, an dem ihr euch festhaltet, aber es befreit euch nicht davon, mit offenen Augen auf das Gesamtbild des Patienten zu schauen!

💡 MERKE:

Akronyme sind keine Geheimsprache, sondern unsichtbare Checklisten für euer Gehirn. Unter extremem Stress fällt das logische Denken aus – das Akronym dient dann als mentaler Rettungsanker (kognitive Entlastung).Nutzt die Akronyme strikt, aber vergesst niemals die Empathie für den Menschen vor euch!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • European Resuscitation Council (ERC): (Die internationalen Leitlinien zur Wiederbelebung und Notfallversorgung fordern explizit die Nutzung von Mnemotechniken und Akronymen, um in kritischen Situationen lebensrettende Handlungen abrufbar zu machen).
  • Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) / Crew Resource Management: (Liefert die fundierte psychologische und wissenschaftliche Grundlage dafür, dass mentale Checklisten (Akronyme) Fixierungsfehler und kognitive Überlastung (Cognitive Load) im Rettungsdienst massiv reduzieren).
  • National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT): (Die Herausgeber der Goldstandards PHTLS und AMLS, die ihre gesamten Ausbildungskonzepte weltweit rechtlich bindend auf genau diesen Akronymen als Algorithmen der Patientenuntersuchung aufbauen).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Das S-S-S-S-Schema (Scene Size-Up)

Die wichtigsten zehn Sekunden

Herzlich willkommen am Einsatzort! Ihr steigt aus dem Rettungswagen aus. Der Impuls schreit: "Lauf zum Patienten!" Euer Verstand muss jetzt aber "Stopp!" rufen. Die ersten 10 Sekunden eines jeden Einsatzes gehören nicht dem Patienten, sondern ausschließlich euch und eurem Team. Wenn ihr selbst verunglückt, habt ihr aus einem Notfall plötzlich zwei Notfälle gemacht und dem Patienten ist überhaupt nicht geholfen. Um diese ersten Sekunden zu strukturieren, nutzen wir das Akronym S-S-S-S (Scene, Safety, Situation, Support).

1. Scene (Die Szene / Der Ort)

Noch bevor ihr die Ausrüstung aus dem Fahrzeug nehmt, scannt ihr die Umgebung. Wo genau seid ihr?

  • Die Umgebungseinflüsse: Regnet es stark? Friert es? Ist es extrem dunkel? Befindet ihr euch auf der Überholspur einer unübersichtlichen Autobahn oder in einem extrem engen Treppenhaus im fünften Stock?
  • Die Konsequenz: Diese Eindrücke bestimmen sofort euer Handeln. Wenn es regnet und eiskalt ist, wisst ihr sofort, dass der Patient massiv auskühlt (Hypothermie) und ihr schnell in den warmen Rettungswagen müsst. Ist das Treppenhaus extrem eng, wisst ihr sofort, dass der Transport mit der Fahrtrage unmöglich wird.

2. Safety (Die Sicherheit / Der Eigenschutz)

Das ist der wichtigste Buchstabe im gesamten Rettungsdienst! Eigenschutz geht immer vor Fremdschutz! Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, betretet ihr die Szene nicht. Punkt. Ihr wartet im sicheren Fahrzeug.

Achtet auf die klassischen Gefahren an der Einsatzstelle:

  • Verkehr: Fließender Verkehr ist tödlich. Tragt immer eure Warnkleidung und nutzt das Fahrzeug zur Absicherung.
  • Gefahrstoffe und Gase: Riecht es nach Gas? Liegt eine leblose Person ohne sichtbare Verletzungen in einem geschlossenen Badezimmer? (Höchste Lebensgefahr durch Kohlenmonoxid! Euer CO-Warner am Rucksack ist hier eure Lebensversicherung).
  • Aggression und Gewalt: Sind Waffen im Spiel? Hört ihr lautes Schreien, Flaschenklirren oder aggressive Hunde hinter der Wohnungstür? Zieht euch sofort zurück und fordert die Polizei an! Ihr seid Lebensretter, keine Nahkämpfer.
  • Elektrischer Strom oder Brandgefahr: Hängen bei einem Unfall abgerissene Stromleitungen über dem Auto? Auch hier heißt es: Abstand halten, bis die Feuerwehr oder der Netzbetreiber freischaltet.

3. Situation (Die Lage / Das Ereignis)

Was genau ist hier eigentlich passiert? Euer Gehirn muss nun entscheiden, ob ihr in einen medizinischen Notfall oder in ein mechanisches Trauma (einen Unfall) fahrt.

  • Die Kinematik des Traumas: Bei einem Unfall betrachtet ihr die Kräfte, die gewirkt haben. Wie stark ist das Auto deformiert? Ist die Windschutzscheibe von innen durch den Kopf des Fahrers zersplittert (Spinnennetz-Muster)? Wie hoch war die Fallhöhe des Bauarbeiters vom Gerüst? Diese Spuren verraten euch schon vor dem Anfassen, welche unsichtbaren inneren Verletzungen der Patient wahrscheinlich hat!
  • Der medizinische Notfall: Liegen leere Medikamentenschachteln neben dem Bett? Steht ein Eimer mit Erbrochenem neben dem Sofa?
  • Die Anzahl der Patienten: Wie viele Verletzte oder Erkrankte gibt es wirklich? Sitzt vielleicht noch ein weinendes Kind auf der Rückbank des Unfallwagens, das man auf den ersten Blick übersehen hat?

4. Support (Die Unterstützung / Nachforderung)

Jetzt schließt sich der Kreis zur Leitstelle. Ihr gleicht die Situation mit euren Ressourcen ab. Habt ihr genug Personal und Material dabei, um dieses Chaos zu beherrschen?

  • Medizinischer Support: Ein Patient ist eingeklemmt und schreit vor Schmerzen? Euer Rettungswagen reicht nicht aus, ihr müsst sofort einen Notarzt oder sogar den Rettungshubschrauber nachfordern! Es gibt mehr als zwei Verletzte? Ihr braucht zwingend weitere Rettungswagen.
  • Technischer Support: Die Wohnungstür ist verschlossen oder das Auto muss aufgeschnitten werden? Ihr fordert umgehend die Feuerwehr nach.
  • Taktischer Support: Die Situation ist unübersichtlich, Angehörige sind aggressiv oder der Patient ist suizidal und hat ein Messer? Ihr fordert sofort die Polizei nach und wartet auf deren Freigabe!

💡 MERKE:

Das S-S-S-S-Schema ist eure Lebensversicherung! Führt es aus, bevor ihr den Patienten überhaupt berührt .Safety First: Der Eigenschutz steht rechtlich und medizinisch absolut an oberster Stelle. Ein toter Retter rettet niemanden! Achtet auf die Kinematik (die sichtbaren Spuren von Gewalteinwirkung an der Szene), sie ist der wichtigste Hinweis auf schwere innere Verletzungen. Zögert niemals, bei Gefahr oder Überforderung frühzeitig Support (Feuerwehr, Polizei, Notarzt) nachzufordern!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS) / Advanced Medical Life Support (AMLS): (Beide Goldstandards definieren das "Scene Size-Up" beziehungsweise das S-S-S-S-Schema als die absolut zwingende, erste Phase jedes einzelnen Patientenkontakts).
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Unfallverhütungsvorschriften (UVV) für Rettungsdienste. (Das ist die knallharte gesetzliche Grundlage in Deutschland, die euch als Arbeitnehmer dazu verpflichtet, den Eigenschutz (Safety) zu priorisieren und bei unkalkulierbaren Gefahren den Rückzug anzutreten).
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG): (Gibt euch das juristische Recht und die Pflicht, Arbeiten (wie das Betreten einer Szene) sofort einzustellen, wenn eine unmittelbare und erhebliche Gefahr für euer eigenes Leben oder eure Gesundheit besteht).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Der erste Eindruck (General Impression)

Der Blick durch den Türrahmen

Herzlich willkommen am Patienten! Ihr habt das S-S-S-S-Schema abgeschlossen und tretet nun durch die Tür in das Wohnzimmer oder an das verunfallte Fahrzeug heran. Bevor ihr den Patienten überhaupt berührt, prasseln in den ersten 5 bis 10 Sekunden massenhaft Informationen auf euch ein. Euer Gehirn fügt diese Puzzleteile rasend schnell zu einem Bild zusammen: dem General Impression (dem Ersten Eindruck). Das primäre Ziel dieser Phase ist es, eine einzige, fundamentale Frage zu beantworten: "Kritisch oder nicht kritisch?" (Umgangssprachlich in der Notfallmedizin oft Sick or Not Sick genannt).

1. Die drei Sinne im Einsatz

Für diesen ersten Eindruck braucht ihr kein Stethoskop und keinen Monitor. Ihr braucht nur eure Augen, eure Ohren und eure Nase.

  1. Was sehe ich? (Die Optik): * Körperhaltung: Sitzt der Patient aufrecht und entspannt auf dem Sofa, oder krallt er sich nach Luft schnappend an der Tischkante fest (Kutschersitz)? Liegt er reglos auf dem Boden?
    • Hautfarbe: Ist die Haut rosig und gesund? Oder seht ihr schon von weitem eine aschfahle, blasse oder sogar bläuliche (zyanotische) Verfärbung?
    • Massive Blutungen: Gibt es spritzende, lebensgefährliche Blutungen (das kleine "c" im c-A-B-C-D-E-Schema), die ein sofortiges Eingreifen mit einem Abbindesystem (Tourniquet) erfordern?
  2. Was höre ich? (Die Akustik):
    • Atemgeräusche: Hört ihr ein lautes Pfeifen, ein tiefes Röcheln oder ein Giemen schon beim Betreten des Raumes? Das bedeutet akute Atemnot!
    • Reaktionen: Stöhnt der Patient vor Schmerz? Schreit er? Oder herrscht eine unheimliche, absolute Stille?
  3. Was rieche ich? (Die Olfaktorik):
    • Gerüche: Riecht der Raum massiv nach Urin oder Kot (ein Zeichen für Verwahrlosung oder Kontrollverlust)? Riecht die Atemluft des Patienten nach Alkohol oder fruchtig-süßlich nach Azeton (ein klassisches Warnsignal für eine massive Entgleisung des Blutzuckers)?

2. Der "Hallo-Test" (Der schnellste Check der Welt)

Der effektivste Weg, den ersten Eindruck zu komplettieren, ist die direkte Ansprache. Ihr tretet an den Patienten heran und sagt laut und deutlich:"Hallo, mein Name ist [...], wir sind vom Rettungsdienst. Was ist passiert?"

Wenn der Patient euch anschaut und in einem klaren, flüssigen Satz antwortet, habt ihr in 3 Sekunden unbewusst bereits vier lebenswichtige Systeme gecheckt:

  • Atemweg: Der Weg ist frei, sonst könnte er nicht sprechen.
  • Atmung: Die Lunge funktioniert gut genug, um Luft für einen ganzen Satz zu haben.
  • Kreislauf: Das Herz pumpt genug Blut in den Kopf, um das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen.
  • Neurologie: Der Patient ist wach, hört euch und versteht die Frage.

Antwortet der Patient jedoch nicht, gibt nur unartikulierte Laute von sich oder ist komplett bewusstlos, schrillen sofort alle Alarmglocken!

3. Die Konsequenz: Kritisch oder nicht kritisch?

Aus all diesen gesammelten Sinneseindrücken fällt der Teamleader innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung. Diese Entscheidung bestimmt das Tempo des gesamten restlichen Einsatzes.

  • Eindruck "Kritisch" (Sick): Der Patient sieht extrem schlecht aus, ist kaltschweißig, bewusstlos, atmet schwer oder blutet massiv.
    • Die Folge: Höchste Dringlichkeit! Ihr geht sofort in den lebensrettenden Modus über. Ihr arbeitet schnell das Untersuchungsschema ab, repariert nur das Nötigste und bereitet den sofortigen Transport vor ("Load and Go").
  • Eindruck "Nicht kritisch" (Not Sick): Der Patient sitzt aufrecht, hat eine normale Hautfarbe, spricht flüssig mit euch und wirkt stabil.
    • Die Folge: Ihr habt Zeit. Ihr könnt in Ruhe eure komplette Diagnostik durchführen, offene Fragen klären und den Patienten entspannt untersuchen ("Stay and Play").

💡 MERKE:

Der Erste Eindruck (General Impression) entsteht in den ersten 10 Sekunden durch Sehen, Hören und Riechen.Er entscheidet sofort über die Einstufung in kritisch oder nicht kritisch (Sick or Not Sick).Der simple "Hallo-Test" liefert euch blitzschnell Informationen über Atemwege, Lunge, Kreislauf und den Wachheitszustand.Seht ihr eine massive, spritzende Blutung, greift ihr sofort ein – noch bevor die eigentliche Untersuchung beginnt!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Das internationale Konzept für internistische und neurologische Notfälle definiert den "Ersten Eindruck / General Impression" als verbindlichen ersten Schritt der Patienteneinschätzung zur Klassifizierung in "kritisch" oder "nicht kritisch").
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Verlangt beim traumatologischen Patienten den "Blick durch die Tür", um das Erkennen von massiven Blutungen (Critical Bleeding) und lebensgefährlichen Atemproblemen in den ersten Sekunden der Annäherung sicherzustellen).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Das primäre und sekundäre Assessment

Das Handwerkszeug der Lebensretter

Herzlich willkommen am Patienten! Wenn wir am Einsatzort eintreffen, darf es kein zielloses Suchen geben. Wir gehen nach einem starren Algorithmus vor, der weltweit Leben rettet. Wir beginnen mit der Suche nach den unmittelbaren Lebensbedrohungen (Primary Assessment) und gehen dann fließend in die tiefergehende Detektivarbeit und Befragung über (Secondary Assessment und Anamnese).

1. Das Primary Assessment: Das <c>-A-B-C-D-E-Schema

Dieses Schema ist der Filter für das pure Überleben. Wir arbeiten die Buchstaben streng von oben nach unten ab. Finden wir ein kritisches Problem, wird dieses sofort behoben, bevor wir zum nächsten Buchstaben weitergehen!

<c> - Critical Bleeding (Die kritische Blutung)

  • Die Instabilität: Wir suchen nach einer anhaltend spritzenden Blutung aus offenen Wunden oder Extremitätenstümpfen, die oft mit einer ausgeprägten Blässe der Haut einhergeht.
  • Die Maßnahme: Ist eine solche Blutung primär erkennbar, stoppen wir sie sofort durch manuelle Kompression oder an den Extremitäten durch die Anlage eines Abbindesystems (Tourniquet).

A - Airway (Der Atemweg)

  • Die Instabilität: Ist der Atemweg gefährdet? Hören wir pathologische Atemgeräusche wie Schnarchen, Gurgeln oder einen Stridor (Pfeifen)?. Wir prüfen auf eine Obstruktion (Verlegung) durch Erbrochenes, Blut, Flüssigkeit oder einen Fremdkörper.
  • Die Maßnahme: Wenn der Atemweg nicht frei ist, müssen wir ihn freimachen und gegebenenfalls eine Immobilisation der Halswirbelsäule durchführen.

B - Breathing (Die Atmung)

  • Die Instabilität: Wir zählen die Atemfrequenz: Kritisch sind Werte von unter 8 oder über 30 Atemzügen pro Minute sowie ein Atemstillstand. Wir prüfen, ob die Sauerstoffsättigung unter 90 Prozent liegt, suchen nach Hypoxiezeichen (Sauerstoffmangel), pathologischen Atemmustern, thorakalen Einziehungen und pathologischen Auskultationsbefunden (Abhörbefunden).
  • Die Maßnahme: Ist die Atmung nicht suffizient, verabreichen wir Sauerstoff, sichern und beatmen den Patienten gegebenenfalls oder entlasten einen lebensgefährlichen Spannungspneumothorax.

C - Circulation (Der Kreislauf)

  • Die Instabilität: Wir tasten nach schwachen oder fehlenden peripheren Pulsen und prüfen auf einen arrhythmischen Puls. Akute Lebensgefahr besteht bei einem systolischen Blutdruck von unter 80 oder über 200 Millimeter Quecksilbersäule sowie einer Herzfrequenz von unter 40 oder über 130 Schlägen pro Minute. Wir suchen nach Zyanose (Blaufärbung) oder Blässe, feuchter oder kühler Haut, starkem Durstgefühl und einer Rekapillarisierungszeit von über 2 Sekunden.
  • Die Maßnahme: Wir suchen systematisch nach inneren und äußeren Blutungszeichen in Brust, Bauch, am Becken (der sogenannten Open-Book-Fraktur) sowie an Beinen und Armen. Bei Instabilität legen wir einen intravenösen Zugang, bei Kreislaufstillstand starten wir die Reanimation.

D - Disability (Neurologische Defizite)

  • Die Instabilität: Wir prüfen auf Bewusstlosigkeit, eine eingeschränkte Bewusstseinslage, Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen. Eine weitere kritische Gefahr ist die Blutzuckerentgleisung.
  • Die Maßnahme: Wir kontrollieren das Bewusstsein, die Sensorik, die Motorik, die Pupillenreaktion und messen zwingend den Blutzucker.

E - Exposure / Environment (Eindrücke und Umgebung)

  • Die Instabilität: Wir prüfen auf Hypothermie (Unterkühlung) oder Hyperthermie (Überhitzung) und achten auf sonstige Eindrücke, die auf einen kritischen Zustand hinweisen.
  • Die Maßnahme: Wir entkleiden den Patienten für eine Ganzkörperuntersuchung und führen gegebenenfalls ein Logroll-Manöver (eine achsengerechte Drehung um 90 Grad) durch, um die verdeckte Körperseite anzusehen. Danach müssen wir den Patienten sofort vor Auskühlung schützen und ihn regelmäßig re-evaluieren.

2. Das Secondary Assessment und die SAMPLER-Anamnese

Hat der Patient das primäre Assessment überlebt oder wurde stabilisiert, beginnen wir mit der genauen Ursachenforschung. Dies ist ein strukturiertes Interview, das uns die komplette Patientengeschichte liefert.

  • S (Symptome / Schmerzen): Wir erfragen die aktuellen Beschwerden und nutzen zur weiteren Spezifizierung der Schmerzen das O-P-Q-R-S-T-Schema.
  • A (Allergien): Wir klären ab, ob es bekannte Allergien gibt.
  • M (Medikamente): Wir sichten den Medikamentenplan auf Dauer- und Bedarfsmedikation und fragen, ob diese planmäßig eingenommen wurden. Wir fahnden extrem kritisch nach gerinnungsaktiven Medikamenten wie Pradaxa, Xarelto, Eliquis, Heparin, ASS oder Marcumar.
  • P (Patientengeschichte): Wir erfragen aktuelle und frühere Erkrankungen, chronische Erkrankungen, Operationen, sonstige Defizite und bei Frauen eine mögliche Schwangerschaft.
  • L (Letzte ...): Wir wollen wissen: Wann war die letzte Mahlzeit und von welcher Art war sie?. Wann war der letzte Stuhlgang oder die letzte Miktion (Urinlassen) und gab es dabei Auffälligkeiten?. Gab es kürzlich einen Krankenhausaufenthalt oder bei Frauen die letzte Regelblutung?.
  • E (Ereignis): Wir fragen konkret: Was hat zum Notruf geführt und wie genau hat sich die Situation entwickelt?.
  • R (Risikofaktoren): Wir prüfen auf Risiken wie Rauchen, Alkohol, Drogen oder eine Schwangerschaft und fragen uns, welche Risikofaktoren spezifisch für die aktuelle Situation bestehen.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst der sechs Länder: Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) - <c> A B C D E - Instabilitäten (Stand: 22.05.2024).
  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst der sechs Länder: Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) - <c> A B C D E - Herangehensweise (Stand: 30.04.2025).
  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst der sechs Länder: Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) - SAMPLER-SCHEMA - Erfassung der akuten Situation (Stand: 30.04.2025).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Das O-P-Q-R-S-T-Schema (Schmerzanalyse)

Die Lupe für den Schmerz

Herzlich willkommen bei der Schmerzdetektei! Schmerz ist ein rein subjektives Gefühl. Ihr könnt ihn nicht auf dem Elektrokardiogramm sehen und nicht im Blutbild messen. Ihr seid darauf angewiesen, dass der Patient euch seinen Schmerz so präzise wie möglich beschreibt. Da Patienten unter Stress jedoch oft unstrukturiert antworten, führt ihr sie mit dem O-P-Q-R-S-T-Schema durch ein fokussiertes Interview. Aus einem vagen "Es tut weh" macht ihr so handfeste, medizinische Indizien.

Die sechs Buchstaben der Schmerzanalyse

O - Onset (Beginn und Auslöser)

Wir wollen wissen, wann und wie der Schmerz angefangen hat.

  • Die Fragen: "Was haben Sie genau gemacht, als der Schmerz anfing? Kam der Schmerz schlagartig aus dem Nichts oder hat er sich langsam über Stunden aufgebaut?"
  • Die medizinische Bedeutung: Ein Schmerz, der wie ein Blitzschlag bei maximaler Intensität einsetzt (Vernichtungsschmerz), ist ein absolutes Alarmsignal für das Einreißen von Blutgefäßen (wie bei einem Aneurysma). Ein Schmerz, der beim Treppensteigen langsam zunimmt, spricht eher für eine chronische Durchblutungsstörung des Herzens.

P - Provocation / Palliation (Provokation und Linderung)

Wir suchen nach Faktoren, die den Schmerz verändern.

  • Die Fragen: "Gibt es irgendetwas, das den Schmerz schlimmer macht (zum Beispiel tiefes Einatmen, Husten oder Bewegung)? Gibt es etwas, das den Schmerz lindert (zum Beispiel das Vorbeugen des Oberkörpers oder Ruhe)?"
  • Die medizinische Bedeutung: Wenn der Brustschmerz beim tiefen Einatmen plötzlich stechend wird, liegt das Problem oft in der Lunge (zum Beispiel eine Lungenembolie oder Rippenfellentzündung). Verändert er sich bei Bewegung und beim Abtasten des Brustkorbs, ist es oft "nur" die Muskulatur. Ein echter Herzinfarkt lässt sich durch solche Bewegungen meist nicht provozieren oder lindern.

Q - Quality (Qualität des Schmerzes)

Hier bitten wir den Patienten, den Charakter des Schmerzes zu beschreiben, ohne ihm Worte in den Mund zu legen!

  • Die Fragen: "Wie genau fühlt sich der Schmerz an? Können Sie ihn mit einem Wort beschreiben?" (Tipp: Lasst den Patienten zuerst selbst sprechen. Wenn ihm nichts einfällt, gebt ihm Optionen: "Ist er eher stechend, drückend, brennend, dumpf oder reißend?")
  • Die medizinische Bedeutung: Ein dumpfer, extrem starker Druck ("Als würde ein Elefant auf meiner Brust sitzen") ist das klassische Leitsymptom des Herzinfarkts. Ein helles, scharfes Brennen hinter dem Brustbein spricht oft für Magensäure (Sodbrennen), während ein "reißender" Schmerz zwischen den Schulterblättern höchste Lebensgefahr (Aortendissektion) bedeutet.

R - Region / Radiation (Ort und Ausstrahlung)

Wir grenzen den Ort des Geschehens exakt ein.

  • Die Fragen: "Können Sie mir mit nur einem Finger genau zeigen, wo es am meisten weh tut? Zieht oder strahlt dieser Schmerz noch in andere Körperregionen aus?"
  • Die medizinische Bedeutung: Die klassische Ausstrahlung beim Herzinfarkt geht in den linken Arm, den Unterkiefer oder den Oberbauch. Schmerzen, die kolikartig vom Rücken in die Leiste ausstrahlen, sind typisch für Nierensteine.

S - Severity (Stärke des Schmerzes)

Wir müssen den subjektiven Schmerz objektiv messbar machen, um später zu überprüfen, ob unsere Medikamente gewirkt haben. Hierfür nutzen wir die Numerische Rating-Skala.

  • Die Fragen: "Auf einer Skala von 0 bis 10 – wobei 0 gar kein Schmerz ist und 10 der schlimmste Schmerz ist, den Sie sich überhaupt vorstellen können – wo befinden Sie sich gerade?"
  • Die medizinische Bedeutung: Diese Zahl müsst ihr zwingend dokumentieren! Gebt ihr dem Patienten ein starkes Schmerzmittel (wie Fentanyl), fragt ihr ihn nach 5 Minuten erneut nach der Zahl. Fällt die Zahl von einer 8 auf eine 3, war eure Therapie erfolgreich.

T - Time (Zeitlicher Verlauf)

Wir betrachten die Dynamik des Schmerzes auf der Zeitachse.

  • Die Fragen: "Hat sich der Schmerz verändert, seit er begonnen hat? Kommt er in Wellen oder ist er dauerhaft da? Hatten Sie genau diese Art von Schmerz schon einmal in Ihrem Leben?"
  • Die medizinische Bedeutung: Schmerzen, die in extremen Wellen kommen und wieder komplett verschwinden (Koliken), sind typisch für den Darm, die Gallenblase oder die Nieren. Fragt ihr nach früheren Episoden, sagt euch ein Patient vielleicht: "Ja, genau so hat sich mein erster Herzinfarkt vor drei Jahren angefühlt!" – das ist dann eure fertige Diagnose.

💡 MERKE:

Das O-P-Q-R-S-T-Schema ist die detaillierte Lupe für das "S" (Symptome) im SAMPLER-Schema. Vermeidet es, dem Patienten sofort Eigenschaften in den Mund zu legen. Lasst ihn die Qualität (Q) des Schmerzes zuerst selbst in eigenen Worten beschreiben. Erfragt zwingend die Ausstrahlung (R - Region/Radiation), da Organe ihren Schmerz oft in völlig andere Körperteile projizieren!Die Schmerzskala von 0 bis 10 (Severity) ist keine Schikane, sondern der einzige Weg, den Erfolg eurer Schmerztherapie rechtssicher zu beweisen.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS) / National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT): (Das weltweit anerkannte Konzept für internistische Notfälle nutzt das O-P-Q-R-S-T-Schema als absolut bindenden Goldstandard zur Differenzialdiagnostik bei unklaren Schmerzzuständen, insbesondere beim akuten Brustschmerz).
  • S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie): (Gibt als höchste medizinische Evidenzstufe vor, dass Schmerzintensitäten zur Therapiekontrolle zwingend strukturiert und reproduzierbar erfasst werden müssen, was im Rettungsdienst durch die Erhebung der "Severity" auf der Numerischen Rating-Skala von 0 bis 10 erfolgt).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Reversible Ursachen (4 Hs und HITS)

Die Suche nach dem Killer

Herzlich willkommen in der Königsklasse der Notfallmedizin! Ihr befindet euch mitten in einer Reanimation. Das Team arbeitet perfekt: Einer drückt den Brustkorb, einer beatmet den Patienten. Als Teamleader habt ihr nun eine entscheidende Aufgabe, bei der ihr die Hände vom Patienten lasst (Hands-off). Ihr müsst herausfinden, warum der Patient gestorben ist. Wenn der Patient aufgrund einer massiven Blutung keinen Tropfen Blut mehr im Körper hat, könnt ihr ihn tagelang massieren – das Herz wird nicht wieder anfangen zu schlagen, bis ihr die Blutung stoppt und Flüssigkeit auffüllt. Um im extremen Stress der Reanimation keine Ursache zu vergessen, betet ihr mental zwei Akronyme herunter.

1. Die 4 Hs (Die Mangelzustände)

Diese vier Ursachen beschreiben primär Dinge, die dem Körper fehlen oder bei denen der Stoffwechsel komplett entgleist ist.

  1. Hypoxie (Sauerstoffmangel): * Das Problem: Das Herz und das Gehirn sind erstickt (zum Beispiel durch Ertrinken, einen verlegten Atemweg oder massives Asthma).
    • Die Lösung: Den Atemweg sofort freimachen (zum Beispiel durch Intubation) und den Patienten mit 100 Prozent Sauerstoff beatmen.
  2. Hypovolämie (Volumenmangel): * Das Problem: Die Pumpe (das Herz) ist leer gelaufen. Es gibt nichts mehr zu pumpen, oft wegen massiver innerer oder äußerer Blutungen oder extremem Flüssigkeitsverlust (wie bei tagelangem Durchfall).
    • Die Lösung: Spritzende Blutungen sofort mit einem Abbindesystem (Tourniquet) stoppen und massiv Flüssigkeit über einen intravenösen oder intraossären (in den Knochen gebohrten) Zugang infundieren.
  3. Hypo- / Hyperkaliämie (Elektrolytstörungen und Stoffwechsel): * Das Problem: Die Salze im Blut (besonders Kalium) leiten die elektrischen Signale des Herzens. Ist der Kaliumwert zu hoch oder zu niedrig (oft bei Nierenpatienten), bleibt das Herz einfach stehen. In diese Kategorie fällt im Rettungsdienst auch die Hypoglykämie (ein extrem niedriger Blutzucker).
    • Die Lösung: Den Blutzucker messen und gegebenenfalls Glukose spritzen. Bei Elektrolytentgleisungen können Notärzte spezielle Medikamente (wie Kalzium oder Natriumbikarbonat) verabreichen.
  4. Hypothermie (Unterkühlung): * Das Problem: Die Körperkerntemperatur sinkt massiv ab (zum Beispiel nach einem Sturz in einen zugefrorenen See). Bei starker Kälte flimmert das Herz und bleibt schließlich stehen. Ein eiskaltes Herz reagiert oft weder auf Medikamente wie Adrenalin noch auf die Schocks des Defibrillators.
    • Die Lösung: Den Patienten zwingend vor weiterer Auskühlung schützen und behutsam aufwärmen (oft endgültig nur in einer Spezialklinik mit einer Herz-Lungen-Maschine möglich). Hier gilt der Spruch: "Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist!"

2. H I T S (Die mechanischen und toxischen Blockaden)

Das deutsche Akronym HITS entspricht den internationalen "vier Ts" (Tamponade, Toxins, Thrombosis, Tension pneumothorax). Diese Ursachen blockieren das Herz oder die Lunge mechanisch oder vergiften das System.

  • H - Herzbeuteltamponade: * Das Problem: Der Herzmuskel liegt in einem Sack (dem Herzbeutel). Wenn dieser Sack sich durch eine Verletzung oder Entzündung mit Blut füllt, wird das Herz von außen so stark zusammengedrückt, dass es sich nicht mehr ausdehnen und mit Blut füllen kann.
    • Die Lösung: Der Notarzt muss unter Ultraschallkontrolle eine Nadel in die Brust stechen und das Blut aus dem Herzbeutel absaugen (Punktion).
  • I - Intoxikation (Vergiftung): * Das Problem: Der Patient hat Medikamente (wie Betablocker oder Schlafmittel), Drogen (wie Opiate) oder Giftstoffe (wie Kohlenmonoxid) in tödlicher Dosis eingenommen.
    • Die Lösung: Die Gabe eines spezifischen Gegengifts (Antidot), falls vorhanden (zum Beispiel Naloxon bei einer Überdosis Heroin).
  • T - Thromboembolie: * Das Problem: Ein massives Blutgerinnsel (Thrombus) hat entweder die Herzkranzgefäße komplett verstopft (ein massiver Herzinfarkt) oder die Lungenstrombahn blockiert (eine fulminante Lungenembolie). Das Blut staut sich, das Herz versagt.
    • Die Lösung: Im Rettungsdienst extrem schwierig. Wenn der Verdacht erhärtet ist, kann (unter strengsten Vorgaben) ein Medikament gespritzt werden, das Blutgerinnsel im gesamten Körper auflöst (die sogenannte Lyse-Therapie).
  • S - Spannungspneumothorax: * Das Problem: Durch eine Verletzung der Lunge entweicht bei jedem Atemzug Luft in den Brustkorb, kann aber nicht mehr hinaus (wie bei einem Ventil). Der Druck im Brustkorb steigt so massiv an, dass er die Lunge zerquetscht und das Herz abdrückt.
    • Die Lösung: Dies ist eine rein mechanische Blockade, die ihr sofort lösen müsst! Es muss eine Entlastungspunktion (ein Nadelstich durch den Brustkorb) erfolgen, damit die gefangene Luft zischend entweichen kann. Das Herz hat sofort wieder Platz zum Schlagen.

3. Die Anwendung im Einsatz (Der 2-Minuten-Rhythmus)

Die Reanimation läuft in festen Schleifen ab. Alle 2 Minuten wird die Herzdruckmassage für maximal 5 Sekunden unterbrochen, um das Elektrokardiogramm zu analysieren. Genau in diesen 2 Minuten während der Herzdruckmassage geht der Teamleader laut oder leise das 4Hs- und HITS-Schema durch und gleicht es mit der Anamnese (dem SAMPLER-Schema aus den Erzählungen der Angehörigen) ab.

Findet ihr die Ursache, bekämpft ihr sie parallel zur laufenden Herzdruckmassage!

💡 MERKE:

Eine Reanimation ohne die Suche nach der Ursache ist oft sinnlos. Nutzt die 4 Hs und HITS, um den "Killer" zu finden.Die 4 Hs (Hypoxie, Hypovolämie, Hypo-/Hyperkaliämie, Hypothermie) stehen für Sauerstoff-, Volumen-, Salz- oder Temperaturmangel.HITS (Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thromboembolie, Spannungspneumothorax) stehen für Vergiftungen und mechanische Blockaden.Gefundene Ursachen (wie ein Spannungspneumothorax oder eine massive Blutung) müssen sofort parallel zur Reanimation behoben werden!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zur Reanimation (Guidelines). (Das ist das absolute, weltweit bindende "Gesetzbuch" der Wiederbelebung. Die Leitlinien definieren die Identifikation und Behandlung der reversiblen Ursachen – international als "4 Hs und 4 Ts" bezeichnet – als zwingenden und essenziellen Bestandteil jedes Advanced Life Support Algorithmus).
  • Deutscher Rat für Wiederbelebung (GRC): (Die nationale Vertretung des ERC in Deutschland, welche die offizielle Übersetzung und Etablierung des HITS-Schemas als deutsches Äquivalent zu den internationalen 4 Ts in der rettungsdienstlichen Ausbildung standardisiert hat).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Das D-O-P-E-S-Schema (Fehlersuche bei Beatmung)

Wenn die künstliche Lunge versagt

Herzlich willkommen im fortgeschrittenen Atemwegsmanagement! Wenn ihr einen Patienten intubiert (einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre eingeführt) habt, übernehmt ihr die komplette Kontrolle über sein Leben. Wenn sich der Zustand eines solchen Patienten plötzlich drastisch verschlechtert, liegt das Problem fast immer an eurer künstlichen Verbindung zu seiner Lunge. Bevor ihr nun hektisch Medikamente aufzieht oder blind am Tubus zieht, trennt ihr den Patienten gedanklich vom Gerät und arbeitet systematisch die fünf häufigsten und tödlichsten Fehlerquellen ab: D-O-P-E-S.

Die fünf Buchstaben der Fehlersuche

D - Dislokation (Das Verrutschen)

Der Beatmungsschlauch (Tubus) sitzt nicht mehr da, wo er hingehört.

  • Das Problem: Der Tubus ist bei der Umlagerung des Patienten auf die Trage entweder zu weit herausgerutscht (und liegt nun in der Speiseröhre) oder er ist zu tief hineingerutscht (und belüftet nur noch den rechten Lungenflügel, während der linke kollabiert).
  • Die Überprüfung: Schaut auf die Markierung am Tubus an der Zahnreihe (hat sie sich verändert?). Hört mit dem Stethoskop zwingend beide Lungenflügel und den Magen ab. Der absolut sicherste Beweis ist die Kapnometrie: Messt ihr kein ausgeatmetes Kohlendioxid mehr, liegt der Tubus falsch!
  • Die Lösung: Den Tubus etwas zurückziehen (bei zu tiefer Lage) oder, wenn er komplett in die Speiseröhre gerutscht ist, sofort entfernen und neu beatmen.

O - Obstruktion (Die Verstopfung)

Der Weg für die Luft ist blockiert.

  • Das Problem: Der Tubus ist durch zähen Schleim, hochgewürgtes Erbrochenes oder geronnenes Blut verstopft. Manchmal hat der Patient auch einfach auf den Schlauch gebissen oder er ist unter dem Kopf des Patienten abgeknickt.
  • Die Überprüfung: Schaut in den Mundraum: Ist der Tubus geknickt? Spürt ihr beim manuellen Beatmen mit dem Beatmungsbeutel einen massiven, plötzlichen Widerstand, als würdet ihr gegen eine Wand drücken?
  • Die Lösung: Knicke beseitigen, einen Beißblock zwischen die Zähne schieben und sofort mit einem sterilen Absaugkatheter durch den Tubus hindurch absaugen, um den Schleimpfropf zu entfernen.

P - Pneumothorax (Der Lungenriss)

Die künstliche Beatmung hat die Lunge verletzt.

  • Das Problem: Durch den Druck des Beatmungsgerätes (oder durch gebrochene Rippen bei einem Unfall) ist ein Loch im Lungenflügel entstanden. Luft entweicht in den Brustkorb und baut einen lebensgefährlichen Spannungspneumothorax auf, der Lunge und Herz zerquetscht.
  • Die Überprüfung: Hört ihr auf einer Seite der Lunge plötzlich gar kein Atemgeräusch mehr? Sind die Halsvenen des Patienten extrem gestaut und der Blutdruck fällt massiv ab?
  • Die Lösung: Hier hilft keine Beatmung mehr! Der Notarzt muss sofort eine Entlastungspunktion (einen Nadelstich durch den Brustkorb) durchführen, damit die gefangene Luft zischend entweichen kann.

E - Equipment (Das Geräteversagen)

Nicht der Patient ist das Problem, sondern eure Technik.

  • Das Problem: Die Sauerstoffflasche ist leer, der Akku des Beatmungsgerätes ist ausgefallen, ein Schlauch hat sich unbemerkt gelöst oder ein Ventil klemmt.
  • Die Überprüfung und Lösung: Die goldene Regel lautet hier: Trennt den Patienten sofort vom Beatmungsgerät! Nehmt euren manuellen Beatmungsbeutel, schließt ihn an 100 Prozent Sauerstoff an und beatmet den Patienten von Hand. Wenn sich der Brustkorb nun wieder butterweich hebt und die Sauerstoffsättigung steigt, wisst ihr zu einhundert Prozent: Der Patient ist in Ordnung, das Beatmungsgerät ist defekt.

S - Stomach / Stacked Breaths (Magen und Überblähung)

Hier gibt es im Rettungsdienst zwei lebensgefährliche Phänomene, die mit "S" beginnen.

  • Das Problem 1 (Stomach - Der Magen): Besonders bei der Beatmung mit einer Gesichtsmaske drückt ihr oft versehentlich Luft in den Magen. Der Magen bläht sich wie ein Ballon auf, drückt das Zwerchfell nach oben und lässt der Lunge keinen Platz mehr zum Ausdehnen. Zudem droht der Patient massiv zu erbrechen.
    • Die Lösung: Eine Magensonde legen, um die Luft abzulassen.
  • Das Problem 2 (Stacked Breaths - Gefangene Luft): Bei Patienten mit schwerem Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung verkrampfen die Atemwege beim Ausatmen. Das Beatmungsgerät pumpt Luft hinein, aber der Patient kann sie nicht schnell genug wieder ausatmen. Mit jedem Atemzug "stapelt" sich mehr Luft in der Lunge, bis der Druck so hoch ist, dass das Herz stehen bleibt.
    • Die Lösung: Den Patienten sofort vom Gerät trennen und für einen Moment gar nicht beatmen! Drückt sanft mit beiden Händen auf den Brustkorb des Patienten, um die gefangene Luft aus der Lunge herauszupressen, bevor ihr mit ganz langsamen Atemzügen neu startet.

💡 MERKE:

Wenn ein beatmeter Patient plötzlich schlechter wird, geratet nicht in Panik. Nutzt das D-O-P-E-S-Schema!Trennt den Patienten sofort vom Beatmungsgerät und beatmet ihn manuell mit dem Beatmungsbeutel. So schließt ihr ein Geräteversagen (Equipment) sofort aus. Achtet peinlich genau auf die ausgeatmete Kohlendioxid-Kurve (Kapnometrie). Verschwindet sie, liegt ein massives Problem wie eine Dislokation vor! Bei Asthmatikern an die gefangene Luft (Stacked Breaths) denken: Gerät abnehmen und den Brustkorb manuell ausdrücken.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zur Reanimation und zum Airway Management. (Die ERC-Leitlinien empfehlen das D-O-P-E-S-Schema ausdrücklich als den internationalen Goldstandard zur schnellen und strukturierten Fehlersuche bei plötzlicher Verschlechterung eines beatmeten Patienten).
  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Fordert als rechtliche und medizinische Grundlage die sofortige Nutzung der Kapnometrie (Kohlendioxid-Messung) zur Lagekontrolle des Tubus und das sofortige Trennen vom maschinellen Beatmungsgerät bei Unklarheiten).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Fokussierte Untersuchung und Differenzialdiagnose

Vom Handwerker zum Detektiv

Herzlich willkommen in der diagnostischen Meisterklasse! Im primären Assessment wart ihr Handwerker: Ihr habt blutende Löcher gestopft und verstopfte Atemwege freigeräumt. Jetzt, da der Patient stabil ist, werdet ihr zu Detektiven. Ein Patient ruft fast nie an und sagt: "Ich habe eine Lungenembolie." Er sagt: "Ich bekomme keine Luft!" Eure Aufgabe ist es nun, dieses eine Hauptsymptom zu nehmen und durch gezielte, fokussierte Untersuchungen herauszufinden, welche Krankheit sich wirklich dahinter verbirgt.

1. Das Leitsymptom (Der Kompass)

Das Leitsymptom ist der Hauptgrund, warum der Patient den Notruf gewählt hat. Es ist das auffälligste und schwerwiegendste Zeichen seiner Erkrankung.

  • Die Leitplanke für den Einsatz: Das Leitsymptom bestimmt euren gesamten weiteren Behandlungspfad. Hat der Patient das Leitsymptom "Brustschmerz", öffnet ihr geistig die Schublade für alle Brustschmerz-Krankheiten. Hat er das Leitsymptom "akute Atemnot", öffnet ihr eine völlig andere Schublade.
  • Typische Leitsymptome: Akuter Brustschmerz, akute Atemnot, Bauchschmerz (das akute Abdomen), Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall.

2. Die Differenzialdiagnose (Die Liste der Verdächtigen)

Hinter jedem Leitsymptom verbergen sich Dutzende möglicher Krankheiten. Die Differenzialdiagnose (oft abgekürzt als DD) ist eure mentale Liste der Verdächtigen. Ihr geht diese Liste im Kopf durch und schließt durch eure Untersuchung einen Verdächtigen nach dem anderen aus, bis der wahre Täter übrig bleibt.

Wie finden wir nun den Täter? Durch die fokussierte körperliche Untersuchung!

3. Die fokussierte körperliche Untersuchung (I-P-A-P)

Wir untersuchen nicht mehr den ganzen Körper, sondern fokussieren uns gezielt auf das Organsystem, das zum Leitsymptom passt. Bei Bauchschmerzen untersuchen wir den Bauch, bei Atemnot den Brustkorb. Hierfür nutzen Ärzte und Notfallsanitäter traditionell vier Techniken:

  1. Inspektion (Das Betrachten): Schaut euch die Körperregion genau an! Seht ihr beim Bauchschmerz eine massive Schwellung oder blaue Flecken um den Bauchnabel? Hebt sich der Brustkorb bei der Atemnot auf beiden Seiten seitengleich?
  2. Palpation (Das Abtasten): Fühlt mit euren Händen. Ist die Bauchdecke bretthart (ein Zeichen für eine schwere Entzündung im Bauchraum)? Lässt sich der Brustschmerz durch Druck auf die Rippen provozieren (dann ist es oft nur ein Muskelschmerz und kein Herzinfarkt)?
  3. Auskultation (Das Abhören): Nehmt euer Stethoskop. Hört ihr über der Lunge ein Giemen und Pfeifen (typisch für Asthma) oder ein feuchtes Brodeln (typisch für Wasser in der Lunge, das Lungenödem)? Hört ihr überhaupt noch ein Atemgeräusch?
  4. Perkussion (Das Abklopfen): Klopft mit euren Fingern auf den Brustkorb oder den Bauch. Ein hohler Ton (wie bei einer Trommel) über der Lunge bedeutet, dass dort extrem viel Luft gefangen ist (Pneumothorax). Ein dumpfer Ton bedeutet Flüssigkeit oder dichtes Gewebe.

4. Die apparative Diagnostik (Eure technischen Helfer)

Nachdem ihr eure Sinne (I-P-A-P) eingesetzt habt, nutzt ihr eure Geräte, um den Verdacht final zu beweisen oder zu verwerfen.

  • Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm: Bei jedem Leitsymptom, das auch nur entfernt mit dem Herzen, der Atmung oder dem Oberbauch zu tun hat, schreibt ihr ein komplettes Elektrokardiogramm. Nur so könnt ihr den Verdächtigen "Herzinfarkt" sicher beweisen oder ausschließen.
  • Die Kapnometrie (Kohlendioxid-Messung): Bei Atemnot zeigt euch die Ausatemkurve sofort, ob die kleinen Atemwege verkrampft sind (wie beim Asthma) oder ob der Gasaustausch völlig zusammenbricht.
  • Die Blutzuckermessung: Bei jeder Form von neurologischem Defizit (Bewusstlosigkeit, Lähmung, Verwirrtheit) ist der Blutzucker der erste Verdächtige, den ihr ausschließen müsst! Eine schwere Unterzuckerung (Hypoglykämie) sieht exakt so aus wie ein Schlaganfall.

5. Die Synthese (Der Kreis schließt sich)

Nun fügt ihr alles zusammen.

  • O-P-Q-R-S-T-Schema: Der Schmerz ist drückend, strahlt in den linken Arm aus und wird bei Bewegung nicht schlimmer.
  • Fokussierte Untersuchung (Abtasten): Der Brustkorb tut beim Drücken von außen nicht weh. (Muskelschmerz ist ausgeschlossen).
  • Auskultation: Die Lunge klingt auf beiden Seiten völlig normal. (Pneumothorax ist sehr unwahrscheinlich).
  • Apparative Diagnostik: Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm zeigt massive Veränderungen (ST-Strecken-Hebungen).

Eure Diagnose: Der Täter ist überführt. Es ist ein akuter Herzinfarkt. Ihr wählt nun den entsprechenden Behandlungspfad, gebt die lebensrettenden Medikamente und meldet den Patienten exakt mit dieser Verdachtsdiagnose im Schockraum der Kardiologie an.

💡 MERKE:

Das Leitsymptom ist der Kompass eures Einsatzes. Die Differenzialdiagnose ist die Liste aller Krankheiten, die dieses Symptom verursachen können. Durch die fokussierte Untersuchung (Betrachten, Abtasten, Abhören, Abklopfen) schließt ihr Krankheiten systematisch aus. Eine Bewusstseinsstörung ist so lange eine Unterzuckerung, bis ihr das Gegenteil durch eine Blutzuckermessung bewiesen habt!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Das absolute Kernkonzept dieses international gelehrten Kurses ist es, anhand von Leitsymptomen wie Dyspnoe, Thoraxschmerz oder Altered Mental Status durch gezielte, fokussierte körperliche Untersuchungen Differenzialdiagnosen zu bilden und systematisch auszuschließen).
  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst: Behandlungspfade Rettungsdienst (BPR). (Diese rechtlich bindenden Algorithmen sind in Deutschland exakt nach Leitsymptomen – zum Beispiel "BPR Akutes Koronarsyndrom" oder "BPR Atemnot" – gegliedert und fordern spezifische Untersuchungsschritte zur Differenzierung).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Differenzialdiagnostik bei Brustschmerz

Das Minenfeld der Notfallmedizin

Herzlich willkommen bei der Entschärfung einer potenziellen Bombe! Wenn ein Patient über akuten Brustschmerz klagt, dürft ihr niemals zuerst an eine harmlose Verspannung denken. Euer Gehirn muss immer vom Schlimmsten ausgehen ("Worst-Case-Szenario"). In der internationalen Notfallmedizin sprechen wir bei diesem Leitsymptom von den "Big Five" – den fünf tödlichen Erkrankungen, die sich hinter dem Brustschmerz verbergen können und die ihr durch eure Untersuchung zwingend ausschließen müsst.

1. Die "Big Five" (Die fünf tödlichen Verdächtigen)

Bevor ihr den Patienten anfasst, ruft ihr euch diese fünf lebensbedrohlichen Differenzialdiagnosen ins Gedächtnis. Eine davon ist euer potenzieller Täter:

  1. Das Akute Koronarsyndrom (Herzinfarkt): Ein Herzkranzgefäß ist durch ein Blutgerinnsel verstopft. Der Herzmuskel stirbt gerade ab.
  2. Die Aortendissektion: Die innerste Schicht der Hauptschlagader (Aorta) ist eingerissen. Blut wühlt sich zwischen die Gefäßwände. Die Aorta droht in den nächsten Minuten komplett zu platzen.
  3. Die Lungenembolie: Ein Blutgerinnsel (meist aus dem Bein) hat sich gelöst und blockiert nun die Lungenstrombahn. Das rechte Herz pumpt gegen eine Wand.
  4. Der Spannungspneumothorax: Luft sammelt sich durch ein Loch in der Lunge im Brustkorb an und zerquetscht das Herz (wie im D-O-P-E-S-Schema gelernt).
  5. Die Ösophagusruptur (Boerhaave-Syndrom): Ein Riss in der Speiseröhre, oft nach massivem Erbrechen. Aggressive Magensäure und Bakterien ergießen sich direkt in den Brustraum.

2. Die Schmerzanalyse (Das O-P-Q-R-S-T im Einsatz)

Nun packt ihr eure Schmerz-Lupe aus. Allein durch die Fragen nach der Schmerzqualität und der Ausstrahlung könnt ihr die "Big Five" hervorragend voneinander unterscheiden!

  • Der Herzinfarkt (Dumpf und drückend): Der Patient beschreibt oft keinen "Schmerz", sondern ein extremes Engegefühl oder einen massiven Druck (Qualität). Der Schmerz baut sich oft über Minuten auf (Onset) und strahlt typischerweise in den linken Arm, den Hals, den Unterkiefer oder den Oberbauch aus (Ausstrahlung).
  • Die Aortendissektion (Reißend und vernichtend): Der Schmerz beginnt wie ein Peitschenschlag in der allerersten Sekunde bei maximaler Stärke (Onset). Patienten beschreiben ihn als "reißend" oder "schneidend" (Qualität). Das wichtigste Indiz: Der Schmerz strahlt extrem oft zwischen die Schulterblätter in den Rücken aus!
  • Die Lungenembolie (Stechend und atemabhängig): Der Schmerz beginnt schlagartig. Er ist oft eher stechend und wird beim tiefen Einatmen oder Husten deutlich schlimmer (Provokation). Parallel dazu hat der Patient oft massive Atemnot.

3. Die körperliche Untersuchung (I-P-A-P)

Jetzt legt ihr die Hände an den Patienten und sucht nach physischen Beweisen.

  • Abtasten (Palpation): Drückt auf den Brustkorb und die Rippen des Patienten. Wenn der Patient aufschreit und sagt: "Genau das ist der Schmerz!", dann ist es mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit kein Herzinfarkt und keine Lungenembolie, sondern ein harmloser muskuloskelettaler Schmerz (zum Beispiel eine Rippenprellung oder das Tietze-Syndrom). Das Herz und die Lunge lassen sich von außen nicht durch Fingerdruck provozieren!
  • Abhören (Auskultation): Hört ihr auf einer Seite der Lunge plötzlich überhaupt kein Atemgeräusch mehr? Dann habt ihr euren Verdächtigen Nummer vier gefunden: Den Spannungspneumothorax.

4. Die apparative Diagnostik (Der technische Beweis)

Um den Fall endgültig abzuschließen, braucht ihr zwingend eure Geräte.

  • Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm: Dies ist beim Leitsymptom Brustschmerz die absolute gesetzliche und medizinische Pflicht! Ihr müsst das Elektrokardiogramm schreiben und auswerten, um die typischen Hebungen der ST-Strecke zu finden, die den Herzinfarkt zweifelsfrei beweisen.
  • Blutdruckmessung an beiden Armen: Dies ist der Geheimtipp für die Aortendissektion! Da die Hauptschlagader einreißt, wird der Blutfluss zu den Armen oft unterschiedlich blockiert. Messt ihr am rechten Arm 180 Millimeter Quecksilbersäule und am linken Arm nur 90 Millimeter Quecksilbersäule, ist die Dissektion extrem wahrscheinlich und ihr dürft auf gar keinen Fall blutverdünnende Medikamente wie Aspirin (ASS) oder Heparin geben!
  • Die Sauerstoffsättigung: Ein plötzlicher Abfall der Sättigung bei gleichzeitig stechendem Brustschmerz lenkt euren Verdacht massiv in Richtung Lungenembolie.

💡 MERKE:

Denkt beim Brustschmerz immer zuerst an die "Big Five" (Herzinfarkt, Aortendissektion, Lungenembolie, Spannungspneumothorax, Ösophagusruptur).Ein drückender Schmerz mit Ausstrahlung in den Arm spricht für das Herz. Ein reißender, maximaler Schmerz zwischen den Schulterblättern spricht für die Aorta! Schmerz, der sich durch tiefes Einatmen provozieren lässt, stammt meist aus der Lunge (Lungenembolie). Schmerz, der durch Fingerdruck am Brustkorb entsteht, ist oft harmlos (Muskulatur).Ein Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm ist bei unklarem Brustschmerz absolute Pflicht!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Das internationale Standardwerk für die präklinische Diagnostik definiert genau diese "Big Five" (oft unter dem Akronym "PET MAC" gelehrt) als die lebensbedrohlichen Differenzialdiagnosen, die beim Leitsymptom Thoraxschmerz zwingend ausgeschlossen werden müssen).
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Leitlinien zum Akuten Koronarsyndrom. (Fordert als rechtlich bindenden Standard die Ableitung und Interpretation eines Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramms innerhalb von 10 Minuten nach dem ersten medizinischen Kontakt bei jedem Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt).
  • Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC): Leitlinien zur Aortendissektion. (Empfiehlt ausdrücklich die bilaterale – also beidseitige – Blutdruckmessung an beiden Armen im Rettungsdienst, um eine akute Aortendissektion frühzeitig als Differenzialdiagnose zu erkennen).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Differenzialdiagnostik bei abdominellem Schmerz

Die Blackbox des Körpers

Herzlich willkommen im Minenfeld des Bauchraums! Wenn ein Patient über "Bauchschmerzen" klagt, stehen wir vor einer massiven diagnostischen Herausforderung. Während das Herz seinen Schmerz relativ verlässlich in die Brust und den Arm projiziert, ist der Bauch ein Meister der Täuschung. Um hier nicht den Verstand zu verlieren, teilen wir den Bauch in eine Landkarte auf und suchen gezielt nach den absoluten Lebensbedrohungen (den "Red Flags").

1. Die anatomische Landkarte (Die vier Quadranten)

Um den Täter zu finden, ziehen wir ein imaginäres Fadenkreuz durch den Bauchnabel des Patienten. So entstehen vier Quadranten. Der Ort des stärksten Schmerzes liefert uns den ersten massiven Hinweis auf das betroffene Organ.

  1. Rechter Oberbauch: Hier sitzen die Leber und die Gallenblase. Ein starker, wellenartiger Schmerz nach einem fettigen Essen spricht fast immer für eine Gallenkolik.
  2. Linker Oberbauch: Hier liegen der Magen und die Milz. Ein dumpfer, brennender Schmerz kann ein Magengeschwür sein. Eine Milzruptur (oft nach einem Unfall) führt hier zu massiven inneren Blutungen.
  3. Rechter Unterbauch: Das klassische Revier des Blinddarms (der Appendix). Ein Schmerz, der um den Bauchnabel beginnt und dann in den rechten Unterbauch wandert, ist das Lehrbuch-Symptom der Appendizitis.
  4. Linker Unterbauch: Hier liegt der absteigende Dickdarm. Schmerzen in diesem Bereich bei älteren Patienten deuten oft auf entzündete Ausstülpungen des Darms hin (Divertikulitis).
  5. Die Flanken (Rücken): Ein extremer, in die Leiste ausstrahlender Schmerz im Rückenbereich ist fast immer ein Nierenstein.

2. Die tödlichen Gefahren (Red Flags)

Genauso wie beim Brustschmerz gibt es auch im Bauchraum Krankheitsbilder, die den Patienten innerhalb von Minuten töten können. Diese müsst ihr als Erstes ausschließen!

  • Das Bauchaortenaneurysma (AAA): Die Hauptschlagader reißt im Bauchraum ein oder platzt. Der Schmerz ist extrem, vernichtend und strahlt fast immer tief in den Rücken aus. Fühlt ihr eine pulsierende, schmerzhafte Masse um den Bauchnabel herum, herrscht absolute Lebensgefahr!
  • Die Extrauteringravidität (Eileiterschwangerschaft): Bei jeder gebärfähigen Frau mit unklaren, plötzlichen Unterbauchschmerzen und Kreislaufproblemen müsst ihr an eine geplatzte Eileiterschwangerschaft denken. Sie verblutet unbemerkt nach innen!
  • Die Gastrointestinale Blutung: Blutet der Patient in den Magen oder Darm, erbricht er oft Blut (Kaffeesatzerbrechen) oder hat extrem übelriechenden, teerschwarzen Stuhlgang.
  • Der Herzinfarkt (Der getarnte Täter): Ganz wichtig! Ein Herzinfarkt der Hinterwand äußert sich extrem oft ausschließlich als reiner Oberbauchschmerz, kombiniert mit Übelkeit.

3. Die Schmerzanalyse (Das O-P-Q-R-S-T im Bauch)

Die Qualität des Schmerzes (das "Q") ist beim Bauchschmerz euer bester Freund.

  • Viszeraler Schmerz (Der Hohlorgan-Schmerz): Wenn Hohlorgane (wie der Darm oder der Harnleiter) verstopft sind, krampfen sie. Der Schmerz kommt in extremen Wellen (Koliken), der Patient krümmt sich, wälzt sich auf der Trage hin und her und findet keine bequeme Position.
  • Somatischer Schmerz (Der Entzündungsschmerz): Wenn das Bauchfell (das Peritoneum) entzündet ist, ist der Schmerz dauerhaft, stechend und messerscharf lokalisierbar. Der Patient liegt absolut still auf dem Rücken und zieht oft die Beine an, um die Bauchdecke zu entlasten. Jede Erschütterung (sogar das Fahren über ein Schlagloch mit dem Rettungswagen) verursacht Höllenqualen.

4. Die körperliche Untersuchung des Abdomens

Hier müsst ihr extrem behutsam vorgehen. Ein grober Fehler in der Untersuchung zerstört das Vertrauen des Patienten sofort.

  • Die Inspektion (Das Betrachten): Ist der Bauch extrem aufgebläht (Meteorismus)? Seht ihr alte Operationsnarben (ein Hinweis auf mögliche Verwachsungen im Darm)?
  • Die Auskultation (Das Abhören): Beim Bauch hören wir vor dem Abtasten ab! Ein völlig stiller Bauch (Totenstille über 2 Minuten) ist ein Alarmsignal für einen lebensgefährlichen Darmverschluss (Ileus).
  • Die Palpation (Das Abtasten): Die eiserne Grundregel lautet: Beginnt immer am weitesten vom Schmerz entfernt! Tut der rechte Unterbauch weh, fangt ihr im linken Oberbauch an, sanft zu drücken.
  • Die Abwehrspannung: Ist der Bauch beim leichten Drücken bretthart, weil die Muskulatur unwillkürlich verkrampft? Das ist das Zeichen für ein lebensgefährliches Akutes Abdomen (Bauchfellentzündung).
  • Der Loslassschmerz: Drückt auf der gesunden Seite sanft in den Bauch und lasst dann schlagartig los. Wenn der Patient in diesem Moment auf der kranken Seite vor Schmerz aufschreit, ist das Bauchfell massiv gereizt.

5. Die apparative Diagnostik

Auch beim Bauchschmerz nutzen wir unsere Technik, um die gefährlichsten Differenzialdiagnosen auszuschließen.

  • Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm: Wie oben erwähnt: Jeder unklare Oberbauchschmerz (besonders bei älteren Patienten, Frauen und Diabetikern) erfordert zwingend ein Elektrokardiogramm, um den getarnten Herzinfarkt auszuschließen!
  • Die Blutdruckmessung: Ein massiver Blutdruckabfall bei gleichzeitigem Bauchschmerz ist der stärkste Hinweis auf eine innere Blutung (zum Beispiel durch ein geplatztes Bauchaortenaneurysma).
  • Die Temperaturmessung: Fieber spricht stark für eine fortgeschrittene Entzündung (wie beim Blinddarm oder bei Gallenblasenentzündungen).

💡 MERKE:

Nutzt die vier Quadranten, um den Bauchraum wie eine Landkarte einzugrenzen. Denkt immer an die tödlichen Red Flags: Bauchaortenaneurysma, Eileiterschwangerschaft, innere Blutung und den getarnten Herzinfarkt! Ein Patient mit Koliken (wellenartiger Schmerz) wälzt sich umher. Ein Patient mit Bauchfellentzündung (stechender Schmerz) liegt völlig regungslos. Beginnt das Abtasten (Palpation) immer im schmerzfreien Quadranten! Ein Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm ist bei Oberbauchschmerzen eure rechtliche und medizinische Pflicht.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Definiert die strukturierte Einteilung des Abdomens in vier Quadranten und lehrt die zwingende Differenzierung zwischen viszeralem (wellenartigem) und somatischem (stechendem) Schmerz zur Eingrenzung der lebensbedrohlichen Differenzialdiagnosen).
  • Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS): S3-Leitlinie Akuter Bauchschmerz. (Diese Leitlinie fordert präklinisch die sofortige Identifikation von "Red Flags" – wie der gastrointestinalen Blutung oder dem Bauchaortenaneurysma – sowie die zwingende Durchführung eines Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramms zum Ausschluss myokardialer Ischämien bei Oberbauchschmerzen).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Diagnostik – Differenzialdiagnostik bei akuter LuftnotDer Kampf um jeden Atemzug

Herzlich willkommen bei der Entschlüsselung der Atemnot! Wenn wir zu einem Patienten mit akuter Luftnot gerufen werden, stehen wir oft vor einem extrem unruhigen, panischen Menschen. Das Tückische an der Luftnot ist, dass die Ursache nicht immer in der Lunge selbst liegen muss. Auch ein versagendes Herz, eine allergische Reaktion oder ein blockiertes Blutgefäß können dem Patienten die Luft zum Atmen nehmen. Unsere wichtigste Waffe bei diesem Leitsymptom ist unser Gehör (die Auskultation).

1. Die großen Fünf der Atemnot (Die Verdächtigen)

Wenn ihr das Einsatzstichwort "Atemnot" auf dem Melder lest, öffnet ihr gedanklich sofort diese fünf Schubladen und geht sie später am Patienten systematisch durch:

  1. Obstruktive Lungenerkrankungen (Asthma bronchiale und chronisch obstruktive Lungenerkrankung): Die kleinen Atemwege (Bronchien) krampfen sich zusammen, schwellen an und verschleimen. Die Luft kommt zwar in die Lunge hinein, aber der Patient kann sie durch die verengten Röhren nicht mehr ausatmen.
  2. Das kardiale Lungenödem (Herzinsuffizienz): Das Problem ist nicht die Lunge, sondern das Herz! Die linke Herzkammer ist zu schwach (oft durch einen akuten Herzinfarkt oder extrem hohen Blutdruck). Das Blut staut sich rückwärts bis in die Lunge, und Blutwasser wird in die Lungenbläschen gepresst. Der Patient ertrinkt sprichwörtlich von innen.
  3. Die Lungenembolie: Ein Blutgerinnsel blockiert die Blutzufuhr zur Lunge. Der Patient atmet zwar Luft ein, aber da kein Blut mehr an den Lungenbläschen vorbeifließt, kann kein Sauerstoff aufgenommen werden.
  4. Der Spannungspneumothorax: Wie im vorherigen Modul gelernt: Ein Riss im Lungengewebe führt dazu, dass Luft in den Brustkorb strömt und die gesunde Lunge von außen zerquetscht.
  5. Die Anaphylaxie (Der allergische Schock): Eine extreme allergische Reaktion (zum Beispiel auf einen Wespenstich). Die oberen Atemwege (der Kehlkopf) schwellen massiv an und verschließen den Weg für die Luft komplett.

2. Die Auskultation (Euer wichtigstes Werkzeug)

Bei keinem anderen Leitsymptom ist das Stethoskop so entscheidend wie bei der Luftnot. Bevor ihr Medikamente aufzieht, müsst ihr zwingend die Lunge abhören, denn das Geräusch verrät euch sofort den Täter!

  • Giemen, Pfeifen und Brummen (Trockene Nebengeräusche): Hört sich die Lunge beim Ausatmen an wie ein pfeifender Teekessel oder ein brummender Bär? Das bedeutet, die Röhren sind verengt! Das ist der klassische Beweis für ein Asthma bronchiale oder eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung.
  • Feinblasige Rasselgeräusche (Feuchte Nebengeräusche): Hört es sich beim Einatmen an, als würde Wasser kochen oder als würdet ihr mit einem Strohhalm in ein Glas Wasser pusten (Brodeln)? Das ist Flüssigkeit in den Lungenbläschen! Ein glasklarer Beweis für ein Lungenödem (Herzversagen).
  • Der Stridor (Pfeifen am Hals): Wenn das Pfeifen nicht aus der tiefen Lunge kommt, sondern laut und deutlich direkt am Kehlkopf beim Einatmen zu hören ist, schwellen die oberen Atemwege zu (wie bei einer Allergie oder Pseudokrupp bei Kindern).
  • Stille (Abgeschwächtes Atemgeräusch): Wenn ihr auf einer Seite der Lunge plötzlich gar nichts mehr hört, ist die Lunge zusammengefallen (Pneumothorax).

3. Die Blickdiagnostik und Anamnese (Die Indizien)

Zusätzlich zum Stethoskop sammelt ihr durch Beobachtung und gezielte Fragen (SAMPLER) weitere Beweise:

  • Die Körperhaltung: Sitzt der Patient auf der Bettkante und stützt sich mit den Armen schwer auf den Oberschenkeln ab (Kutschersitz)? Das machen Asthmatiker, um ihre Atemhilfsmuskulatur optimal einzusetzen.
  • Die Beine: Schaut euch die Knöchel und Unterschenkel an. Sind sie massiv geschwollen (Ödeme)? Das spricht extrem stark für ein chronisch schwaches Herz und somit für das Lungenödem.
  • Der zeitliche Verlauf (Onset): Begann die Luftnot schlagartig in derselben Sekunde wie ein stechender Brustschmerz? Das ist ein hochgradiger Verdacht auf eine Lungenembolie! Kam die Atemnot schleichend über mehrere Tage mit Husten und Fieber? Das spricht für eine Lungenentzündung (Pneumonie).

4. Die apparative Diagnostik (Der technische Beweis)

Eure Technik liefert euch die letzten Puzzleteile für die endgültige Diagnose.

  • Die Sauerstoffsättigung: Fällt sie stark ab, bestätigt dies den massiven Gasaustausch-Fehler.
  • Die Kapnometrie (Kohlendioxid-Messung): Dies ist der Geheimtipp bei wachen Patienten! Lasst den Patienten durch eine spezielle Nasenbrille atmen, die das Kohlendioxid misst. Wenn die Ausatemkurve auf dem Monitor nicht schön rechteckig aussieht, sondern spitz ansteigt wie eine Haifischflosse, ist das der unumstößliche Beweis für verengte Atemwege (Asthma oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung). Der Patient tut sich schwer, die Luft herauszupressen!
  • Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm: Extrem wichtig beim Lungenödem! Wenn die Lunge brodelt, müsst ihr zwingend ein Elektrokardiogramm schreiben, um herauszufinden, ob ein akuter Herzinfarkt gerade die linke Herzkammer zerstört hat und somit die Ursache für den Rückstau in die Lunge ist.
  • Die Blutdruckmessung: Asthmatiker und Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung haben oft einen normalen oder erhöhten Blutdruck. Ein Patient mit Lungenödem hat oft krisenhaft hohe Werte (zum Beispiel über 200 Millimeter Quecksilbersäule). Ein extrem niedriger Blutdruck bei Atemnot spricht für einen kardiogenen Schock, einen Spannungspneumothorax oder eine fulminante Lungenembolie.

💡 MERKE:

Ohne das Stethoskop gibt es bei akuter Atemnot keine Diagnose! Ein Pfeifen und Brummen (Giemen) bedeutet verengte Atemwege (Asthma / obstruktive Lungenerkrankung). Die Therapie zielt auf die Erweiterung der Bronchien ab. Ein feuchtes Brodeln (Rasselgeräusche) bedeutet Wasser in der Lunge, meist verursacht durch ein schwaches Herz (Lungenödem). Hier muss das Herz entlastet werden! Die Ausatemkurve des Kohlendioxids (Kapnometrie) zeigt bei Asthma das typische Bild einer "Haifischflosse". Bei brodelnder Lunge ist das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm absolute Pflicht, um den Herzinfarkt als Ursache auszuschließen!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Dieses internationale Konzept für internistische Notfälle definiert exakt diesen strukturierten Ansatz für das Leitsymptom Dyspnoe. Es zwingt den Anwender, zwischen obstruktiven (Giemen) und kardialen (Rasselgeräusche) Ursachen durch konsequente Auskultation und Anamnese zu differenzieren).
  • Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Asthma / COPD: (Fordert präklinisch die sofortige Unterscheidung durch Auskultation und Pulsoxymetrie sowie die Erfassung der typischen Haltung (Kutschersitz) zur Indikationsstellung für bronchienerweiternde Medikamente).
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Leitlinie zur Akuten Herzinsuffizienz. (Definiert das Lungenödem als kardiologischen Notfall, bei dem das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm und die Blutdruckmessung zur Ursachenforschung (Identifikation von Ischämien oder hypertensiven Krisen) zwingend durchzuführen sind).

_____________________________________________________________________________________

Einleitung: Zeit ist Gehirn

Herzlich willkommen in der Schaltzentrale des Körpers! Bei neurologischen Defiziten gilt in der Notfallmedizin ein weltweiter Leitsatz: "Time is Brain" (Zeit ist Gehirn). Wenn Blutgefäße im Gehirn verstopft sind, sterben in jeder einzelnen Minute Millionen von Nervenzellen unwiederbringlich ab. Wir haben hier keine Zeit für stundenlanges Rätselraten. Wir müssen die lebensgefährlichen Ursachen blitzschnell erkennen, den großen Imitator enttarnen und den Patienten in die exakt richtige Spezialklinik transportieren.

1. Die eiserne Grundregel (Der große Imitator)

Bevor ihr bei einem Patienten mit einer Lähmung, einer Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit auch nur an einen Schlaganfall oder einen Hirntumor denkt, müsst ihr den größten Imitator der Notfallmedizin ausschließen!

  • Der Imitator: Die Hypoglykämie (Unterzuckerung).
  • Das Problem: Das Gehirn braucht exklusiv Zucker (Glukose), um zu funktionieren. Wenn der Blutzuckerspiegel drastisch abfällt (oft bei Diabetikern auf Werte unter 60 Milligramm pro Deziliter), schalten sich einzelne Hirnareale einfach ab.
  • Die Präsentation: Der Patient wirkt extrem aggressiv, betrunken, lallt, oder hat sogar eine komplette halbseitige Lähmung. Es sieht haargenau aus wie ein massiver Schlaganfall!
  • Die Lösung: Die Blutzuckermessung ist bei jedem neurologischen Defizit die allererste apparative Pflichtmaßnahme. Gebt ihr dem unterzuckerten Patienten Glukose in die Vene, verschwindet die "Lähmung" oft innerhalb von drei Minuten komplett.

2. Die großen Verdächtigen (Differenzialdiagnosen)

Haben wir den Blutzucker als Täter ausgeschlossen, öffnen wir unsere mentale Schublade für die wahren neurologischen Katastrophen:

  1. Der Schlaganfall (Apoplex / Transitorische ischämische Attacke): Ein Blutgefäß im Kopf ist entweder durch ein Gerinnsel verstopft (Ischämie) oder geplatzt (Hirnblutung). Der Patient zeigt plötzliche, oft halbseitige Ausfälle (Lähmungen, Sprachstörungen, hängender Mundwinkel).
  2. Der Krampfanfall (Epilepsie): Ein elektrisches Gewitter im Gehirn. Entweder krampft der ganze Körper (Generalisierter Anfall) oder nur ein einzelner Arm (Fokaler Anfall). Wichtig: Nach einem Anfall sind Patienten oft für Minuten bis Stunden komplett wesensverändert und schläfrig (die sogenannte postiktale Phase).
  3. Das Schädel-Hirn-Trauma: Gab es einen unbemerkten Sturz? Eine Blutung unter der Schädeldecke (Subduralhämatom) kann extrem langsam wachsen. Das Blut drückt das Gehirn zusammen. Der Patient wird oft erst Stunden oder Tage nach dem Sturz zunehmend verwirrt und bewusstlos.
  4. Intoxikation und Stoffwechsel: Eine Überdosis Alkohol, Drogen (Opiate, Beruhigungsmittel) oder eine Kohlenmonoxid-Vergiftung lähmen die Hirnfunktion. Auch ein völliges Nieren- oder Leberversagen vergiftet das Gehirn von innen.
  5. Infektionen (Meningitis / Enzephalitis): Eine Gehirn- oder Hirnhautentzündung. Die Patienten haben oft hohes Fieber, sind lichtempfindlich, verwirrt und haben einen extrem steifen Nacken (Meningismus).

3. Die fokussierte Untersuchung (Eure Werkzeuge)

Um den Täter einzugrenzen, nutzen wir weltweit anerkannte, extrem schnelle Checklisten.

A) Das B-E-F-A-S-T-Schema (Die Schlaganfall-Lupe)

Wenn der Patient wach ist, prüft ihr ihn gezielt auf die typischen Zeichen eines Schlaganfalls:

  • B - Balance (Gleichgewicht): Hat der Patient plötzlich starken Schwindel oder eine Gangunsicherheit?
  • E - Eyes (Augen): Gibt es einen plötzlichen Sehverlust auf einem Auge, Doppelbilder oder blicken beide Augen starr in eine Richtung (Blickdeviation)?
  • F - Face (Gesicht): Bittet den Patienten zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel schlaff herunter?
  • A - Arms (Arme): Bittet den Patienten, beide Arme mit geschlossenen Augen und Handflächen nach oben nach vorne auszustrecken. Sinkt ein Arm ab oder dreht sich nach innen (Pronationsdrift)?
  • S - Speech (Sprache): Lasst ihn einen einfachen Satz nachsprechen ("Die Sonne scheint heute schön"). Lallt er, spricht er verwaschen oder findet er die Worte nicht?
  • T - Time (Zeit): Wann genau wurde der Patient zum allerletzten Mal definitiv gesund gesehen? Diese Uhrzeit entscheidet in der Klinik darüber, ob das Blutgerinnsel noch durch Medikamente aufgelöst werden darf (Lyse-Fenster)!

B) Die Glasgow Coma Scale (Die Bewusstseins-Skala)

Mit dieser Skala bewerten wir streng objektiv, wie tief ein Patient bewusstlos ist. Wir prüfen drei Reaktionen:

  1. Augenöffnen: (Spontan, auf Ansprache, auf Schmerz oder gar nicht).
  2. Verbale Reaktion: (Orientiert, verwirrt, unpassende Worte, nur Laute oder gar nicht).
  3. Motorische Reaktion: (Befolgt Aufforderungen, gezielte Schmerzabwehr, Beugesynergismen, Strecksynergismen oder keine Reaktion).Ein normaler, gesunder Mensch hat 15 Punkte. Ein tiefloser Patient hat 3 Punkte. Ab 8 Punkten und abwärts müsst ihr euch extrem große Sorgen um die eigenen Atemwege des Patienten machen!

C) Die Pupillenkontrolle (Das Fenster zum Gehirn)

Ihr nehmt eure Diagnostikleuchte und leuchtet in beide Augen.

  • Sind beide Pupillen gleich groß und werden sie bei Licht schnell klein?
  • Das Alarmsignal: Wenn eine Pupille riesengroß und starr ist, während die andere normal reagiert (Anisokorie), dann drückt im Schädelinneren eine massive Blutung oder Schwellung genau in diesem Moment den Sehnerv ab. Absolute Lebensgefahr!

4. Die apparative Diagnostik (Der technische Beweis)

  • Die Blutzuckermessung: Wie anfangs erwähnt: Ohne diesen Wert gibt es keine neurologische Diagnose!
  • Die Sauerstoffsättigung: Ein Gehirn ohne Sauerstoff (Hypoxie) wird verwirrt und schaltet ab. Checkt die Sättigung, um Erstickungszustände auszuschließen.
  • Das Zwölf-Kanal-Elektrokardiogramm: Warum schreiben wir bei einem Schlaganfall ein Elektrokardiogramm? Weil der Täter oft das Herz ist! Eine Herzrhythmusstörung namens Vorhofflimmern bildet kleine Blutklümpchen im Herzen. Diese Klümpchen schießen mit dem Blutstrom in den Kopf und verstopfen dort die Gefäße.

💡 MERKE:

Jedes neurologische Defizit ist so lange eine Unterzuckerung (Hypoglykämie), bis ihr das Gegenteil durch eine Blutzuckermessung bewiesen habt! Nutzt das B-E-F-A-S-T-Schema, um einen Schlaganfall innerhalb von einer Minute zu erkennen und ermittelt zwingend das Zeitfenster (Time).Die Glasgow Coma Scale macht Bewusstsein messbar. 15 Punkte sind perfekt, bei 8 Punkten oder weniger ist der Atemweg akut gefährdet. Ein Patient mit unterschiedlich großen Pupillen (Anisokorie) und Bewusstseinsstörung hat höchstwahrscheinlich einen lebensgefährlichen Druck im Schädel (zum Beispiel durch eine Hirnblutung).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Das internationale Leitkonzept widmet der Differenzialdiagnostik bei "Altered Mental Status" (Bewusstseinsstörungen) und neurologischen Ausfällen ein eigenes, massives Kernkapitel. Es lehrt die absolut zwingende Priorisierung der Blutzuckermessung zum Ausschluss metabolischer Ursachen vor der Gestellung einer neurologischen Diagnose).
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2e-Leitlinie Akuter Schlaganfall. (Diese medizinisch bindende Leitlinie fordert die präklinische Identifikation von Schlaganfällen mittels validierter Scores – wie dem erweiterten (BE)-FAST-Test –, die sofortige Ermittlung des Zeitfensters (Onset) für die Thrombolyse-Therapie und den zügigen Transport in eine Klinik mit spezialisierter Stroke Unit).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Definiert die Glasgow Coma Scale und die engmaschige Kontrolle der Pupillenreaktion (Lichtreaktion, Isokorie) als den weltweit anerkannten Standard zur Einschätzung und Verlaufsbeobachtung des intrakraniellen Drucks bei Schädel-Hirn-Traumata).

Alles verstanden?