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5.06 Anästhesie im Rettungsdienst

Einleitung: Anästhesie im Rettungsdienst – Grundlagen und Elemente

Der künstliche Tiefschlaf

Herzlich willkommen in der Narkosemedizin! In der Klinik wird eine Anästhesie in einem sterilen, warmen Operationssaal mit viel Zeit und Personal vorbereitet. Im Rettungsdienst führen wir Anästhesien bei Nacht, im Regen, im Straßengraben und oft bei Patienten durch, die massiv bluten oder kurz vor dem Herzstillstand stehen. Um dieses Chaos sicher zu beherrschen, müssen wir die Narkose in ihre Einzelteile zerlegen und verstehen, wie wir das Gehirn und den Körper gezielt herunterfahren.

1. Allgemein- und Regionalanästhesie

Es gibt 2 grundlegend verschiedene Wege, einen Patienten für einen schmerzhaften Eingriff unempfindlich zu machen.

  • Die Regionalanästhesie (Der lokale Stromausfall): Hier bleibt der Patient wach und atmet selbstständig! Wir spritzen ein Medikament (ein Lokalanästhetikum) exakt an einen großen Nervenstrang. Das Medikament blockiert die elektrische Leitung dieses Nervs. Der Körperteil (zum Beispiel der komplette Arm oder ein Bein) wird taub und bewegungslos. Im Rettungsdienst kommt dies seltener vor, gewinnt aber bei isolierten Brüchen (wie dem Oberschenkelhalsbruch bei alten Menschen) zunehmend an Bedeutung, um den Kreislauf nicht mit Narkosemitteln zu belasten.
  • Die Allgemeinanästhesie (Die Vollnarkose): Das ist unser präklinischer Standard bei lebensgefährlich verletzten oder kranken Patienten. Wir spritzen Medikamente direkt in die Vene, die das gesamte zentrale Nervensystem (das Gehirn und das Rückenmark) fluten. Der Patient verliert das Bewusstsein, spürt keinen Schmerz mehr und hört auf zu atmen. Wir müssen ihn zwingend intubieren und maschinell beatmen.

2. Die 3 Elemente der Anästhesie (Das magische Dreieck)

Eine präklinische Vollnarkose ist nicht einfach nur "eine Spritze zum Schlafen". Wenn ihr dem Patienten nur ein Schlafmittel gebt und ihm dann den Hals aufschneidet (oder einen Tubus in die Luftröhre schiebt), wird sein Herz vor Schmerz und Stress explodieren, obwohl er nicht wach ist. Eine perfekte Narkose besteht immer aus 3 aufeinander abgestimmten Säulen.

3. Schmerzbekämpfung (Analgesie)

Wir schalten die Schmerzwahrnehmung aus, noch bevor der Patient einschläft.

  • Der Grund: Auch ein bewusstloser Körper reagiert auf Schmerz! Wenn ihr bei einem narkotisierten Patienten ohne Schmerzmittel einen Tubus tief in die Luftröhre schiebt, schüttet der Körper gigantische Mengen Adrenalin aus. Der Blutdruck und die Herzfrequenz schießen in Sekunden auf lebensgefährliche Werte.
  • Das Ziel: Wir dämpfen das vegetative Nervensystem. Der Körper soll von dem brutalen Eingriff (der Intubation oder dem Richten von Knochen) absolut nichts mitbekommen.
  • Die Medikamente: In der Narkose nutzen wir die stärksten verfügbaren Opiate. Der absolute Standard im Rettungsdienst ist Fentanyl (oder Sufentanil). Diese Medikamente wirken in 1 bis 2 Minuten extrem stark, fluten das Gehirn und schalten die Schmerzrezeptoren komplett ab.

4. Bewusstseinsausschaltung (Hypnose)

Nun schalten wir das Bewusstsein ab. Das Gehirn wird in einen künstlichen, tiefen Koma-Zustand versetzt.

  • Der Grund: Der Patient darf den traumatischen Eingriff nicht bewusst miterleben und sich später an nichts erinnern (Amnesie). Er soll tief und fest schlafen.
  • Das Ziel: Komplette Ausschaltung des Bewusstseins, Dämpfung von Reflexen und eine Entspannung des Gehirns.
  • Die Medikamente (Hypnotika): Wir nutzen hier hochpotente Schlafmittel.
    • Propofol: Wirkt in Sekunden, lässt den Patienten sanft einschlafen, drückt aber extrem stark auf den Blutdruck! (Lebensgefahr bei blutenden Schock-Patienten!).
    • Ketamin: Ein Dissoziativum. Es trennt das Bewusstsein vom Körper. Es ist das einzige Narkosemittel, das den Blutdruck steigert anstatt ihn zu senken. Perfekt für Traumapatienten!
    • Etomidat: Sehr kreislaufstabil, drückt den Blutdruck kaum, wird aber wegen Nebenwirkungen auf die Nebennierenrinde heute seltener genutzt.

5. Muskelrelaxation (Die Lähmung)

Die dritte Säule ist die gefährlichste, aber für eine sichere Intubation im Rettungsdienst fast immer zwingend erforderlich. Wir legen die gesamte Skelettmuskulatur lahm.

  • Der Grund: Die Stimmbänder in der Luftröhre sind Muskeln. Wenn ihr versucht, einen Plastikschlauch (Tubus) durch die Stimmbänder zu schieben, krampfen diese sich als Schutzreflex sofort steinhart zusammen (Laryngospasmus). Außerdem wehrt sich der Patient oder presst gegen das Beatmungsgerät.
  • Das Ziel: Totale, schlaffe Lähmung aller Muskeln im Körper (inklusive der Atemmuskulatur!), damit die Stimmbänder weit offen stehen und der Notarzt den Tubus butterweich und ohne Verletzungen einführen kann.
  • Die Medikamente (Muskelrelaxanzien):
    • Rocuronium (Nicht-depolarisierend): Der heutige Goldstandard. Es blockiert die Nervenenden an den Muskeln. Es wirkt extrem schnell und lähmt den Patienten für 30 bis 60 Minuten.
    • Succinylcholin (Depolarisierend): Der alte Standard. Es feuert alle Muskeln einmal kurz ab (der Patient zuckt sichtbar) und lähmt ihn dann für 5 bis 10 Minuten. Wegen massiver Nebenwirkungen (wie dem lebensgefährlichen Anstieg von Kalium im Blut) ist es heute oft nur noch zweite Wahl.
  • Die absolute Horror-Falle (Awareness): Ein Muskelrelaxans macht nicht müde und nimmt keinen Schmerz! Es lähmt ausschließlich die Muskeln. Wenn ihr vergesst, das Hypnotikum und das Schmerzmittel zu spritzen, und nur das Relaxans gebt, ist der Patient hellwach, spürt jeden Schnitt, erstickt bei vollem Bewusstsein und kann nicht einmal mit den Wimpern zucken, um euch darauf aufmerksam zu machen! Ganz wichtig: Erst Schmerzmittel, dann Schlafmittel, und immer ganz am Schluss die Lähmung!

💡 MERKE:

Die Allgemeinanästhesie schaltet das Gehirn komplett aus, der Patient muss künstlich beatmet werden.Eine vollständige Narkose besteht immer aus 3 Elementen: Analgesie (Schmerzfreiheit), Hypnose (Schlaf) und Muskelrelaxation (Lähmung).Die Analgesie (meist Fentanyl) verhindert lebensgefährliche Blutdruckspitzen durch Stress während der Intubation.Die Muskelrelaxation (meist Rocuronium) lähmt die Stimmbänder und ermöglicht eine sichere, verletzungsfreie Intubation.Ein Relaxans darf niemals ohne vorherige Gabe von Schlaf- und Schmerzmitteln verabreicht werden (Gefahr der wachen Lähmung / Awareness)!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Diese Leitlinie definiert die Rapid Sequence Induction (RSI) als Goldstandard für die präklinische Notfallnarkose. Sie fordert zwingend die kombinierte, aufeinander abgestimmte Gabe von Analgetikum, Hypnotikum und einem schnell wirksamen Muskelrelaxans (Rocuronium oder Succinylcholin), um die bestmöglichen Intubationsbedingungen zu schaffen und Aspirationen zu vermeiden).
  • Europäischer Rat für Wiederbelebung (ERC): Leitlinien zur Postreanimationsbehandlung. (Thematisiert die Notwendigkeit der tiefen Analgosedierung und oftmals Muskelrelaxation, um den Sauerstoffverbrauch des Gehirns und der Muskulatur nach einer Reanimation zu minimieren und eine synchrone Beatmung sicherzustellen).

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Einleitung: Anästhesie – Die klinische Narkose (Der Standard im Operationssaal)

Das kontrollierte Umfeld

Herzlich willkommen im Operationssaal! Im Gegensatz zum Rettungsdienst haben wir hier den größten Luxus der Medizin: Zeit und Kontrolle. Die klinische Narkose (Elektivanästhesie) ist ein hoch standardisierter Prozess, der genau geplant wird. Der Patient ist nicht akut lebensgefährlich erkrankt, sondern wird auf eine geplante Operation vorbereitet. Der absolut wichtigste Unterschied zum Rettungsdienst: Der Patient ist hier nüchtern!

1. Vorbereitung der Narkose (Das Nüchternheitsgebot)

Eine sichere Narkose beginnt Stunden vor dem eigentlichen Eingriff auf der Normalstation.

  • Das Nüchternheitsgebot: Da die Schutzreflexe (wie der Hustenreflex) in der Narkose ausgeschaltet werden, muss der Magen leer sein, um ein Erbrechen und Einatmen von Magensaft (Aspiration) zu verhindern. Die eiserne Regel lautet: 6 Stunden vor der Operation darf absolut keine feste Nahrung mehr gegessen werden. Klare Flüssigkeiten (wie Wasser) sind bis 2 Stunden vor dem Eingriff erlaubt.
  • Die Prämedikation: Um dem Patienten die massive Angst vor der Operation zu nehmen, bekommt er oft schon auf seinem Zimmer eine Beruhigungspille (ein Benzodiazepin). Er kommt dann bereits schläfrig und völlig entspannt im Operationssaal an.
  • Der Geräte-Check im Saal: Der Anästhesist und die Pflegekraft überprüfen das Narkosegerät (einen hochkomplexen Beatmungs-Computer), richten die Absaugung her und ziehen die Medikamente auf. Alles liegt an einem fest definierten Platz.

2. Monitoring der Narkose (Die erweiterten Augen)

In der Klinik haben wir Zugriff auf Überwachungstechnik, die weit über das hinausgeht, was wir im Rettungswagen mitführen.

  • Das Standard-Monitoring: Genau wie draußen überwachen wir lückenlos die Sauerstoffsättigung (Pulsoxymetrie), das Elektrokardiogramm und messen den Blutdruck (meist alle 3 bis 5 Minuten oder kontinuierlich über einen kleinen Schlauch direkt in einer Schlagader). Auch die Kapnographie (das endtidale Kohlendioxid) läuft immer mit.
  • Die Relaxometrie (Nervenstimulation): Um genau zu wissen, wie stark die Muskeln des Patienten noch gelähmt sind, klebt der Anästhesist Elektroden auf einen Nerv (oft am Handgelenk). Das Gerät gibt kleine Stromstöße ab und misst, wie stark der Daumen zuckt. So kann der Arzt exakt bestimmen, wann das Muskelrelaxans nachlässt.
  • Das BIS-Monitoring (Bispektralindex): Das ist ein Pflaster mit Sensoren, das auf die Stirn des Patienten geklebt wird. Es misst die Gehirnströme (ähnlich einem Elektroenzephalogramm) und errechnet daraus einen Wert zwischen 0 und 100. So kann der Anästhesist live auf dem Monitor sehen, wie tief der Patient schläft, und verhindert absolut sicher, dass der Patient während der Operation unbemerkt aufwacht.

3. Durchführung der klinischen Narkose (Die Einleitung)

Nun beginnt der aktive Teil. Da der Patient nüchtern ist, verläuft die Einleitung völlig anders und deutlich entspannter als im Notfall.

  • Die Präoxygenierung: Der Patient atmet über eine weiche Gesichtsmaske für einige Minuten reinen Sauerstoff (100 Prozent), um die Lunge aufzufüllen.
  • Die Medikamentengabe (Schlaf und Schmerz): Der Arzt spritzt nun das starke Schmerzmittel (Analgetikum) und das Schlafmittel (Hypnotikum) in den venösen Zugang. Der Patient schläft friedlich ein und hört auf zu atmen.
  • Die Maskenbeatmung (Der große Unterschied!): Da der Magen leer ist, besteht kaum Gefahr für ein Erbrechen. Bevor der Arzt nun das Muskelrelaxans spritzt, prüft er zwingend, ob er den Patienten mit der Gesichtsmaske und dem Beatmungsbeutel manuell beatmen kann!
  • Die Relaxation und Intubation: Erst wenn der Arzt den Brustkorb mit der Maske heben kann (er weiß nun: "Ich bekomme Luft in den Patienten"), spritzt er das Muskelrelaxans zur Lähmung der Stimmbänder. Er wartet ganz entspannt die Wirkung ab, beatmet in dieser Zeit über die Maske weiter, und führt dann schonend den Endotrachealtubus in die Luftröhre ein.

4. Aufrechterhaltung und Ausleitung

Die Arbeit des Anästhesisten endet nicht mit dem Einführen des Tubus. Die Operation dauert oft mehrere Stunden.

  • Die Aufrechterhaltung (Maintenance): Der Patient baut die ersten Medikamente schnell wieder ab. Der Arzt muss die Narkose nun aufrechterhalten. Dafür nutzt er entweder Narkosegase (wie Sevofluran), die kontinuierlich über das Beatmungsgerät in die Lunge gemischt werden, oder Spritzenpumpen, die ununterbrochen flüssige Schlaf- und Schmerzmittel in die Vene pumpen (Totale intravenöse Anästhesie).
  • Die Ausleitung (Das Aufwachen): Wenn der Chirurg die Wunde zunäht, schaltet der Anästhesist die Narkosegase oder Spritzenpumpen ab. Der Körper baut die restlichen Medikamente ab.
  • Die Extubation: Der Tubus bleibt so lange in der Luftröhre, bis der Patient wieder völlig selbstständig und kräftig atmet und seine Schutzreflexe (Husten und Schlucken) vollständig zurückgekehrt sind. Erst dann wird der Tubus gezogen und der Patient in den Aufwachraum verlegt.

💡 MERKE:

Der wichtigste Grundpfeiler der klinischen Narkose ist das Nüchternheitsgebot (mindestens 6 Stunden keine feste Nahrung), um Aspirationen zu verhindern. Das erweiterte Monitoring im Operationssaal umfasst oft die Messung der Narkosetiefe (BIS-Monitoring) und der Muskelkraft (Relaxometrie).Im Gegensatz zum Rettungsdienst wird der Patient nach dem Einschlafen zwingend über eine Maske manuell beatmet, bevor das Muskelrelaxans gespritzt wird! Die Narkose wird während der Operation durch kontinuierliche Narkosegase oder Spritzenpumpen aufrechterhalten.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S3-Leitlinie Präoperative Evaluation volljähriger Patienten vor elektiven, nicht-kardiochirurgischen Eingriffen. (Diese Leitlinie definiert die strengen Nüchternheitsgrenzen von festen und flüssigen Speisen vor klinischen Narkosen als essenzielle Maßnahme zur Aspirationsprophylaxe).
  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): Empfehlungen zur Überwachung von Patienten während der Anästhesie. (Definiert den apparativen Standard im Operationssaal, einschließlich der obligatorischen Kapnographie sowie der erweiterten Empfehlungen zum neuromuskulären Monitoring (Relaxometrie) beim Einsatz von Muskelrelaxanzien).

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Einleitung: Anästhesie – Präklinische Narkose (Indikationen und Vorbereitung)

Die Realität der Straße

Herzlich willkommen im Dreck und im Regen! Eine präklinische Narkose ist niemals ein geplanter, entspannter Eingriff. Sie ist immer eine absolute Notbremse, um das Leben eines Patienten in den nächsten Minuten zu retten. Da jeder Patient auf der Straße per Definition einen "vollen Magen" hat (nicht nüchtern ist), ist das Risiko für tödliche Komplikationen wie Erbrechen und Aspiration gigantisch hoch. Deshalb müssen die Gründe (Indikationen) für diesen Eingriff glasklar sein und die Vorbereitung muss militärisch präzise ablaufen.

1. Indikationen zur präklinischen Narkose (Warum tun wir das?)

Wir versetzen einen Patienten auf der Straße nicht aus Spaß ins Koma. Es gibt 4 große Hauptgruppen von Indikationen, bei denen das Risiko der Narkose kleiner ist als das Risiko, den Patienten wach zu belassen.

  • Versagen der Atemwege und der Atmung (Hypoxie): Wenn der Patient trotz maximaler Sauerstoffgabe (zum Beispiel 15 Liter über eine Maske mit Reservoir) oder nicht-invasiver Beatmung eine lebensgefährlich niedrige Sauerstoffsättigung hat. Oder wenn die Atemwege von außen zuschwellen (zum Beispiel bei massiven Verbrennungen im Gesicht oder schweren allergischen Reaktionen) und wir den Tubus durchschieben müssen, bevor die Luftröhre komplett dicht ist.
  • Neurologisches Versagen (Der Verlust der Schutzreflexe): Der absolute Klassiker! Wenn ein Patient durch ein Schädel-Hirn-Trauma, eine schwere Hirnblutung oder eine Vergiftung bewusstlos wird. Die eiserne Regel lautet: Bei einem Wert auf der Glasgow Coma Scale (GCS) von unter 9 (also 8 oder weniger) muss der Patient zwingend intubiert werden! Ihm fehlen die Schutzreflexe (Husten, Schlucken), und er würde an seinem eigenen Speichel oder Erbrochenen ersticken.
  • Schwerer Schock und Kreislaufversagen: Ein Patient im massiven Schock (zum Beispiel nach einem schweren Verkehrsunfall) verbraucht gigantische Mengen an Sauerstoff für die Atemmuskulatur und den Stress. Die Narkose schaltet diesen Stress ab, legt die Muskeln lahm und das Beatmungsgerät übernimmt die Arbeit. So sparen wir den restlichen Sauerstoff im Blut für das Herz und das Gehirn.
  • Humanitäre Indikation (Vernichtender Schmerz): Bei schwersten Traumata (wie amputierten Beinen oder massiven Verbrennungen) reicht unsere normale medikamentöse Schmerztherapie einfach nicht aus, um den Patienten transportfähig zu machen. Wir müssen das Bewusstsein komplett ausschalten, um den Patienten aus einem Autowrack schneiden zu können.

2. Vorbereitung zur Narkose (Das Setup im Chaos)

Wenn die Entscheidung ("Wir intubieren!") gefallen ist, stoppt das Team kurz. Keine Panik, keine hektischen Bewegungen. Wenn der Patient nicht in dieser exakten Sekunde stirbt, nehmen wir uns 2 bis 3 Minuten Zeit für ein perfektes Setup. Die Vorbereitung ist eure Lebensversicherung!

  • Die Umgebung und Lagerung: Schafft Platz! Ihr braucht eine 360-Grad-Zugänglichkeit um den Patienten (besonders am Kopf). Wenn der Patient in einem engen Badezimmer liegt, tragt ihn erst in das Wohnzimmer oder in den Rettungswagen, bevor ihr die Medikamente aufzieht. Macht es hell (Lichtmasten, Stirnlampen) und schützt den Patienten vor Regen und Auskühlung.
  • Das Team-Time-Out (Crew Resource Management): Der Teamleiter stoppt alle Tätigkeiten für 10 Sekunden und verteilt glasklare Rollen. Wer steht am Kopf und führt den Tubus ein? Wer zieht die Medikamente auf und drückt sie? Wer klebt am Monitor und ruft sofort, wenn der Blutdruck fällt? Jeder muss seine Aufgabe blind kennen.
  • Die Kreislauf-Sicherung: Eine Narkose ist ein Frontalangriff auf den Blutdruck. Bevor das erste Medikament fließt, braucht der Patient zwingend mindestens 1 (besser 2) großlumige, sicher liegende venöse oder intraossäre Zugänge. Lasst eine Vollelektrolytlösung schnell tropfen, um sicherzugehen, dass der Zugang nicht im Gewebe liegt!
  • Das Monitor-Setup: Das Elektrokardiogramm muss kleben. Der Fingerclip für die Sauerstoffsättigung sitzt. Die Blutdruckmanschette wird auf eine automatische Messung alle 2 Minuten eingestellt. Das Kabel für die Kapnographie (Kohlendioxid-Messung) liegt bereits ausgepackt auf der Brust des Patienten.

3. Die Material-Checkliste (Die Reserve der Reserve)

Alles Material muss offen und komplett montiert griffbereit liegen. Ihr dürft nicht anfangen zu suchen, wenn der Patient bereits schläft!

  • A - Absaugung: Die wichtigste Waffe! Die elektrische Absaugpumpe ist eingeschaltet (sie muss saugen!), der dicke Absaugkatheter steckt drauf und liegt unter der rechten Schulter des Patienten griffbereit.
  • B - Beatmung: Der Beatmungsbeutel ist komplett montiert (inklusive Bakterienfilter und PEEP-Ventil) und an 100 Prozent Sauerstoff angeschlossen. Er liegt direkt neben dem Kopf.
  • C - C-Spine und Atemweg: Das Videolaryngoskop liegt bereit, das Bild auf dem Monitor ist scharf. Der Tubus ist mit einem Führungsstab (Stilett) versehen, der Ballon (Cuff) wurde auf Dichtigkeit geprüft und eine kleine Spritze mit Luft steckt fest auf dem Ventil. Ein alternativer Atemweg (wie ein Larynxtubus) liegt als Plan B direkt daneben.
  • D - Drugs (Medikamente): Alle Spritzen (Schmerzmittel, Schlafmittel, Muskelrelaxans und Notfall-Kreislaufmedikamente wie Adrenalin) sind exakt beschriftet, luftfrei aufgezogen und liegen geordnet neben dem venösen Zugang.

💡 MERKE:

Eine präklinische Narkose ist ein massiver Eingriff bei nicht-nüchternen Patienten. Das Aspirationsrisiko ist extrem hoch! Die eiserne Indikation für Trauma- und Neurologie-Patienten lautet: GCS unter 8 = Tubus! Die Narkose dient nicht nur dem Schmerz, sondern reduziert im Schock massiv den lebensgefährlichen Sauerstoffverbrauch des Körpers. Macht ein striktes Team-Time-Out: Klärt die Rollen, bevor ihr die Ampullen aufbrecht! Das Wichtigste beim Material-Setup ist die laufende, eingeschaltete Absaugpumpe direkt am Kopf des Patienten.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Diese Leitlinie definiert die klaren Indikationen zur Notfallnarkose in der Präklinik (insbesondere den GCS-Wert unter 9) und fordert zwingend die strukturierte Vorbereitung mit fester Rollenverteilung, redundantem Equipment und durchgängigem Monitoring vor Beginn der Medikamentengabe).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt das stringente Vorgehen im Rahmen der Trauma-Narkose und betont die Notwendigkeit der Optimierung von Umgebung und Kreislauf (intravasale Volumentherapie) vor der eigentlichen Narkoseeinleitung zur Vermeidung eines hypoxischen oder kreislaufbedingten Herzstillstands).

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Einleitung: Anästhesie – Rapid Sequence Induction (RSI) bei Kindern und Erwachsenen

Die Blitznarkose

Herzlich willkommen zur Durchführung der RSI! Das Ziel ist die "blitzartige" Narkoseeinleitung. Bei einer normalen Narkose in der Klinik beatmen wir den Patienten nach dem Einschlafen mit der Maske. Das tun wir bei der RSI absolut nicht. Würden wir Luft in einen vollen Magen pressen, käme der Inhalt sofort hoch (Regurgitation). Wir spritzen die Medikamente daher in einer festen, schnellen Abfolge und warten ohne Beatmung ab, bis die Lähmung eintritt.

1. Der Ablauf der RSI (Die 5 Phasen)

Der Ablauf folgt einem militärisch präzisen Zeitplan.

  1. Präoxygenierung: Der Patient atmet für 3 bis 5 Minuten 100 Prozent Sauerstoff über eine dicht sitzende Maske. Wir "waschen" den Stickstoff aus der Lunge aus und ersetzen ihn durch Sauerstoff. Das schafft ein Reservoir für die Phase, in der der Patient nicht atmet.
  2. Medikamentengabe (Einleitung): Die Medikamente werden ohne Pause hintereinander gespritzt. Zuerst das Schmerzmittel (Analgetikum), dann das Schlafmittel (Hypnotikum) und sofort danach das Muskelrelaxans.
  3. Schutzintervall (Die Phase des Wartens): Wir tun nun absolut nichts am Atemweg des Patienten. Wir warten etwa 60 Sekunden, bis das Muskelrelaxans (meist Rocuronium oder Succinylcholin) die Stimmbänder komplett gelähmt hat. Der Patient darf in dieser Phase nicht mit der Maske zwischenbeatmet werden!
  4. Laryngoskopie und Intubation: Erst wenn die Lähmung vollständig ist, führen wir das Laryngoskop ein. Wir stellen die Stimmbänder dar und schieben den Endotrachealtubus hindurch.
  5. Blocken und Kontrolle: Der Ballon (Cuff) des Tubus wird sofort mit 5 bis 10 Milliliter Luft geblockt, um die Lunge gegen den Mageninhalt abzudichten. Erst jetzt wird die Lage mittels Kapnographie bestätigt.

2. Besonderheiten bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen liegt der Fokus auf der Kreislaufstabilität. Viele Notfallpatienten sind im Schock.

  • Dosierung: Wir reduzieren die Dosis des Schlafmittels (zum Beispiel Propofol oder Etomidat) oft massiv (auf bis zu 25 bis 50 Prozent der normalen Dosis), um einen totalen Blutdruckkollaps zu verhindern.
  • Wahl des Medikaments: Ketamin ist hier oft das Mittel der Wahl, da es den Blutdruck stabilisiert oder sogar leicht anhebt.

3. Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen

Die RSI bei Kindern ist emotional und technisch deutlich anspruchsvoller. Kinder sind keine "kleinen Erwachsenen".

  • Anatomie: Der Kehlkopf bei Kindern liegt höher und weiter vorne. Die Zunge ist im Verhältnis zum Mundraum viel größer. Wir brauchen spezielles Equipment (oft gerade Spatel nach Miller).
  • Sauerstoffreserven: Kinder verbrauchen pro Kilogramm Körpergewicht doppelt so viel Sauerstoff wie Erwachsene. Ihre Sättigung fällt bei Atemstillstand extrem schnell ab. Eine perfekte Präoxygenierung ist hier überlebenswichtig!
  • Die Herzfrequenz-Falle: Bei kleinen Kindern (Säuglingen) führt Sauerstoffmangel nicht zu einem schnellen, sondern zu einem extrem langsamen Herzschlag (Bradykardie). Sinkt der Puls unter 60 Schläge pro Minute, muss sofort mit einer Herzdruckmassage begonnen werden.
  • Atropin-Gabe: Um diese gefährliche Bradykardie bei der Narkoseeinleitung zu verhindern, geben wir Kindern unter 1 Jahr (oder bei Wiederholungseingriffen) oft Atropin (etwa 0,02 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht) als Schutz vorab.
  • Gewichtsberechnung: Da wir Kinder nicht wiegen können, nutzen wir Hilfsmittel wie das Broselow-Band oder Apps, um die Dosierungen in Milligramm exakt auf das geschätzte Alter und Gewicht anzupassen.

4. Die Modifizierte RSI (Wenn es nicht anders geht)

Obwohl die Regel "keine Zwischenbeatmung" lautet, gibt es eine Ausnahme: Wenn die Sauerstoffsättigung des Patienten trotz Präoxygenierung während der Wartezeit unter 90 Prozent fällt, müssen wir vorsichtig zwischenbeatmen. Wir nutzen dazu kleinste Volumina und einen geringen Druck (unter 12 Zentimeter Wassersäule), um die Lunge zu retten, ohne den Magen aufzublähen.

💡 MERKE:

Die RSI dient dem Schutz vor Aspiration bei nicht nüchternen Patienten. Zwischen Medikamentengabe und Intubation wird nicht beatmet, um den Magen nicht aufzublähen. Die Präoxygenierung mit 100 Prozent Sauerstoff ist die einzige Reserve des Patienten während der Apnoe-Phase. Bei Kindern fällt die Sauerstoffsättigung drastisch schneller ab als bei Erwachsenen. Eine sinkende Herzfrequenz beim Kind während der RSI ist ein Zeichen für akuten Sauerstoffmangel und ein absoluter Notfall!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Definiert die RSI als Standardvorgehen beim nicht nüchternen Notfallpatienten und schreibt die Anwendung eines Muskelrelaxans zwingend vor).
  • Gesellschaft für Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin (GPGE): (Gibt die speziellen Algorithmen für die Kindernarkose vor, einschließlich der Atropin-Prophylaxe und der gewichtsadaptierten Dosierung).
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zur pädiatrischen Lebensrettung. (Betont die Wichtigkeit der Oxygenierung beim Kind und den Umgang mit der hypoxiebedingten Bradykardie während Atemwegsmanövern).

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Einleitung: Anästhesie – Präoxygenierung, Muskelrelaxanzien und Opioide

Die Details entscheiden über Leben und Tod

Herzlich willkommen im Detailwissen der Narkoseeinleitung! Wenn wir auf der Straße einen Patienten in einen künstlichen Tiefschlaf versetzen, jonglieren wir mit gefährlichen physikalischen und chemischen Grenzen. Wir nehmen dem Patienten die eigene Atmung und setzen seinen Kreislauf extremem Stress aus. Um dieses gefährliche Fenster zwischen "Wach" und "Tubus liegt" sicher zu überbrücken, müssen wir unsere Reserven maximieren und die Medikamente exakt abwägen.

1. Präoxygenierung (Der lebensrettende Sauerstoff-Speicher)

Die Präoxygenierung ist nicht einfach nur "ein bisschen Sauerstoff geben". Sie ist eine physikalische Waffe, die uns Zeit erkauft!

  • Das Prinzip der Denitrogenisierung: Normale Raumluft besteht zu fast 78 Prozent aus Stickstoff. Dieser Stickstoff füllt die Lunge, nimmt aber am Gasaustausch nicht teil; er ist nutzloser Ballast. Wenn wir dem Patienten nun für 3 bis 5 Minuten über eine absolut dicht sitzende Maske 100 Prozent reinen Sauerstoff zum Atmen geben, waschen wir diesen Stickstoff komplett aus der Lunge heraus.
  • Der Effekt (Die Apnoe-Toleranzzeit): Wir verwandeln die Lunge in einen gigantischen, reinen Sauerstofftank. Wenn das Schlafmittel wirkt und der Patient aufhört zu atmen (Apnoe), lebt er aus diesem Tank. Ein gesunder, perfekt präoxygenierter Mensch kann bis zu 8 Minuten ohne eigenen Atemzug auskommen, bevor die Sauerstoffsättigung im Blut kritisch abfällt! Ohne diese Vorbereitung fällt die Sättigung oft schon nach 1 bis 2 Minuten.
  • Die 30-Grad-Lagerung: Legt den Patienten zur Präoxygenierung niemals flach hin! Wenn der Oberkörper um 30 Grad hochgelagert wird, fällt der schwere Bauchraum nach unten. Das Zwerchfell hat mehr Platz, und die Lunge kann viel mehr Sauerstoff speichern (Erhöhung der funktionellen Residualkapazität).
  • Der Geheimtipp (Die apnoische Oxygenierung): Legt dem Patienten zusätzlich zur Atemmaske eine kleine Sauerstoffbrille in die Nase, auf die ihr 15 Liter Sauerstoff pro Minute gebt. Wenn der Patient schläft und ihr die große Maske abnehmt, um zu intubieren, strömt über die Nase weiterhin reiner Sauerstoff in den Rachen. Dieser wird rein physikalisch in die Lunge gesogen und verlängert eure Zeitspanne massiv!

2. Einsatz von Muskelrelaxanzien (Die absolute Pflicht)

Warum lähmen wir den Patienten? Reicht es nicht, wenn er tief schläft? Nein! Im Rettungsdienst ist die Lähmung eine absolute Vorbedingung für die Intubation.

  • Der Laryngospasmus (Der Stimmband-Krampf): Die Stimmbänder sind ein Schutzventil. Berührt ihr sie mit dem Plastikschlauch (Tubus) und sie sind nicht gelähmt, schlagen sie reflexartig zu und verriegeln die Luftröhre wie eine Stahltür. Ein Durchkommen ist dann unmöglich.
  • Das depolarisierende Relaxans (Succinylcholin): Der alte Standard. Es feuert alle Muskeln im Körper einmal kurz ab (der Patient zuckt) und lähmt ihn dann für 5 bis 10 Minuten. Die Gefahr: Durch das massive Zucken der Muskeln wird extrem viel Kalium ins Blut gespült. Bei Patienten mit schweren Verbrennungen, Querschnittslähmungen oder chronischem Nierenversagen kann dieser plötzliche Kalium-Anstieg zu einem sofortigen Herzstillstand führen!
  • Das nicht-depolarisierende Relaxans (Rocuronium): Der moderne Goldstandard! Es blockiert die Muskeln, ohne sie vorher abzufeuern. Es hat keine gefährlichen Nebenwirkungen auf das Kalium. Damit es genauso blitzschnell wirkt wie Succinylcholin, müssen wir es sehr hoch dosieren (meist 1 bis 1,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht). Die Besonderheit: Es lähmt den Patienten sehr lang (oft 30 bis 60 Minuten).
  • Die unumstößliche Regel: Ein Muskelrelaxans nimmt weder Schmerz noch das Bewusstsein! Es darf niemals gespritzt werden, bevor das Schlafmittel (Hypnotikum) nicht vollständig in der Vene ist!

3. Opioide – ja oder nein? (Der Streit um den Schmerz)

Wenn der Patient tief schläft und gelähmt ist, spürt er den Schmerz doch gar nicht bewusst. Müssen wir dann wirklich vorher ein extrem starkes Schmerzmittel (ein Opioid wie Fentanyl) spritzen?

  • Der unsichtbare Stress: Die direkte Laryngoskopie (das Einführen eines Metallspatels tief in den Rachen und das Hochziehen des Kiefers) ist der brutalste Reiz, den ihr einem Körper antun könnt. Selbst wenn das Gehirn schläft, feuert das Rückenmark Alarm-Signale.
  • Das Argument FÜR das Opioid (Der Herz- und Hirnschutz): Ohne Schmerzmittel explodiert durch diesen Reiz der Sympathikus-Nerv. Der Blutdruck und die Herzfrequenz schießen in Sekundenbruchteilen durch die Decke. Bei einem Patienten mit Herzinfarkt oder einer blutenden Wunde im Gehirn ist diese massive Druckwelle tödlich. Fentanyl dämpft diesen Reflex perfekt ab. Es ist der Standard!
  • Das Argument GEGEN das Opioid (Der extreme Schock): Opioide haben eine gewaltige Nebenwirkung: Sie stellen die Blutgefäße weit und lassen den Blutdruck extrem absinken. Wenn ihr einen Patienten habt, der massiv blutet und dessen oberer Blutdruckwert (systolischer Blutdruck) bereits unter 80 Millimeter Quecksilbersäule liegt, wird ihn das Fentanyl in den sofortigen Kreislaufstillstand treiben.
  • Der Kompromiss in der Notfallmedizin: Wir geben Opioide standardmäßig bei Schädel-Hirn-Traumata, Herzinfarkten oder Verbrennungen, um den Stress zu blocken. Bei kreislaufinstabilen Schock-Patienten oder bei einer Intubation während einer laufenden Reanimation verzichten wir entweder komplett auf das Opioid oder reduzieren die Dosis massiv, da hier das reine Überleben und die Sauerstoffversorgung wichtiger sind als die Schmerzdämpfung.

💡 MERKE:

Eine Präoxygenierung mit 100 Prozent Sauerstoff über 3 bis 5 Minuten bei hochgelagertem Oberkörper (30 Grad) ist die wichtigste Lebensversicherung gegen Sauerstoffmangel während der Intubation! Die apnoische Oxygenierung über eine Nasensonde (15 Liter pro Minute) verschafft euch wertvolle Zusatz-Minuten. Muskelrelaxanzien sind Pflicht, um lebensgefährliche Stimmbandkrämpfe (Laryngospasmen) zu verhindern. Rocuronium ist heute das sicherste Standard-Medikament. Opioide verhindern lebensgefährliche Blutdruckspitzen beim Intubieren. Sie müssen jedoch bei schweren Schock-Patienten drastisch reduziert oder weggelassen werden, da sie den Kreislauf zum Einsturz bringen können!

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Definiert die Präoxygenierung mit höchster Sauerstoffkonzentration bei 30-Grad-Oberkörperhochlagerung sowie den Einsatz der apnoischen Oxygenierung als absolut zwingenden Standard. Sie empfiehlt Rocuronium als Muskelrelaxans der ersten Wahl zur Vermeidung hyperkaliämischer Komplikationen).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt das kritische Abwägen der Opioid-Gabe beim Traumapatienten: Vollständige Analgesie bei isoliertem Schädel-Hirn-Trauma zur Vermeidung intrakranieller Druckspitzen, jedoch absolute Zurückhaltung oder massiv reduzierte Dosierung beim hämorrhagischen Schock zur Abwendung eines iatrogenen Kreislaufstillstands).

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Einleitung: Anästhesie – Handgriffe am Atemweg und spezielle Narkoseverfahren

Wenn der Standard nicht reicht

Herzlich willkommen bei der anästhesiologischen Maßarbeit! Das Einführen eines Tubus ist Maßarbeit, und manchmal versperrt uns die Anatomie des Patienten die Sicht. Wenn wir dann noch einen Patienten haben, der massiv aus dem Kopf blutet oder dessen Lunge pfeift wie eine alte Dampflok, müssen wir unser Vorgehen blitzschnell anpassen. Beginnen wir mit der Mechanik am Hals.

1. Der Krikoiddruck (Der Sellick-Handgriff) – Ein überholter Mythos

Dieser Handgriff wurde früher bei jeder Notfallnarkose gelehrt, ist heute aber extrem umstritten und teilweise gefährlich!

  • Das Prinzip: Ein Helfer drückt mit Daumen und Zeigefinger fest auf den Ringknorpel (Krikoid) des Patienten am Hals. Der Ringknorpel ist der einzige Knorpel, der komplett ringförmig um die Luftröhre läuft. Die Idee war: Wenn man diesen Ring nach unten drückt, quetscht er die dahinterliegende Speiseröhre gegen die Halswirbelsäule ab. Mageninhalt sollte so nicht mehr hochkommen können.
  • Die Realität (Warum wir es heute lassen): Studien haben gezeigt, dass die Speiseröhre oft seitlich ausweicht und gar nicht abgeklemmt wird. Schlimmer noch: Durch den massiven Druck auf den Hals wird die gesamte Kehlkopf-Anatomie extrem verzerrt. Der Notarzt sieht die Stimmbänder nicht mehr, der Tubus geht nicht hinein, und im schlimmsten Fall löst der Druck auf den Hals einen Würgereflex aus, der das Erbrechen erst recht provoziert!
  • Die moderne Regel: Der routinemäßige Krikoiddruck wird heute in den Leitlinien nicht mehr empfohlen! Wenn er angewendet wird und der Intubierende meldet "Ich sehe nichts", muss der Druck auf den Hals in derselben Sekunde sofort losgelassen werden!

2. Das BURP-Manöver (Die gezielte Sichtverbesserung)

Wenn der Intubierende die Stimmbänder nicht sehen kann, greifen wir nicht zum Krikoiddruck, sondern zum BURP-Manöver! Dieses Manöver dient nicht dem Abklemmen der Speiseröhre, sondern ausschließlich der Verbesserung der Sicht.

  • Die Abkürzung: BURP kommt aus dem Englischen und steht für die Bewegungsrichtungen: Backward (nach hinten), Upward (nach oben), Rightward (nach rechts) Pressure (Druck).
  • Die Ausführung: Der Helfer greift nicht den Ringknorpel, sondern den viel größeren Schildknorpel (den Adamsapfel). Er drückt diesen Knorpel sanft nach hinten (Richtung Wirbelsäule), schiebt ihn leicht nach oben (Richtung Kinn) und drückt ihn dann ganz leicht nach rechts (aus Sicht des Patienten!).
  • Der Effekt: Durch diese gezielte Verschiebung wird der Kehlkopf exakt in die optische Sichtachse des Laryngoskops geschoben. Die Stimmbänder tauchen plötzlich im Sichtfeld des Notarztes auf, und der Tubus kann sicher platziert werden.

3. Narkoseverfahren bei speziellen Notfallsituationen

Ein gutes Rettungsteam passt die Narkose an die Grunderkrankung an. Was dem einen das Leben rettet, tötet den anderen.

A) Der Schock-Patient (Blutverlust oder Sepsis)

Dieser Patient hat keinen Blutdruck mehr. Sein Kreislauf läuft auf dem absoluten Minimum.

  • Das Problem: Fast alle Narkosemittel (besonders Propofol) stellen die Gefäße weit und lassen den Blutdruck abstürzen.
  • Die Anpassung: Wir reduzieren die Dosis des Schlafmittels drastisch (oft auf 10 bis 20 Prozent der normalen Dosis!). Als Schlafmittel der ersten Wahl nutzen wir Ketamin, da es das sympathische Nervensystem stimuliert und den Blutdruck anhebt oder stabilisiert. Auf das starke Opioid (Schmerzmittel) verzichten wir oft komplett, da es den Kreislauf endgültig zusammenbrechen lassen würde.

B) Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Das Gehirn des Patienten blutet oder schwillt an. Der Druck im Schädel ist extrem hoch.

  • Das Problem: Wenn wir intubieren und der Patient spürt den Reiz im Rachen, schnellt sein Blutdruck hoch. Das presst noch mehr Blut in den Schädel und erhöht den Hirndruck ins Tödliche. Zudem ist jeder Sauerstoffmangel absolut vernichtend für verletzte Gehirnzellen.
  • Die Anpassung: Hier machen wir genau das Gegenteil zum Schock-Patienten! Wir nutzen extrem hohe Dosen an Schmerzmitteln (wie Fentanyl), um den Schmerzreflex und damit den Blutdruckanstieg beim Intubieren massiv zu unterdrücken. Die Präoxygenierung mit 100 Prozent Sauerstoff muss absolut fehlerfrei sein!

C) Der Status asthmaticus (Der schwere Asthmaanfall)

Die Bronchien des Patienten sind krampfartig verschlossen, er droht zu ersticken.

  • Das Problem: Der Patient wehrt sich extrem, weil er keine Luft bekommt. Wenn wir Medikamente spritzen, die Histamin freisetzen (Histamin löst allergische Reaktionen aus), krampfen die Bronchien noch stärker zusammen.
  • Die Anpassung: Wir brauchen eine extrem tiefe Narkose, damit der Patient das Beatmungsgerät später toleriert und nicht dagegen ankämpft. Das absolute Wundermittel hier ist wieder Ketamin. Es schläfert den Patienten nicht nur ein, sondern es hat eine direkte, stark erweiternde Wirkung auf die verkrampften Bronchien (Bronchodilatation). Es rettet also aktiv die Lunge!

💡 MERKE:

Der Krikoiddruck (Sellick-Handgriff) zum Abklemmen der Speiseröhre ist veraltet und verschlechtert oft die Sicht für die Intubation.Das BURP-Manöver (Druck auf den Schildknorpel nach hinten, oben und rechts) ist das Mittel der Wahl, um die Stimmbänder in das Sichtfeld zu rücken.Bei kreislaufinstabilen Schock-Patienten müssen die Medikamentendosen massiv reduziert werden; Ketamin ist hier oft das sicherste Mittel.Beim Schädel-Hirn-Trauma sind hochdosierte Opioide Pflicht, um gefährliche Blutdruck- und Hirndruckspitzen durch den Intubationsreiz zu verhindern.Bei Asthma ist Ketamin das Narkotikum der Wahl, da es die verkrampften Bronchien erweitert.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement. (Diese Leitlinie rät vom routinemäßigen Einsatz des Krikoiddrucks aufgrund von Sichtbehinderungen und ineffektivem Aspirationsschutz explizit ab und empfiehlt bei schlechter Sicht stattdessen knorpelmanipulierende Techniken wie das BURP-Manöver oder den OELM - Optimum External Laryngeal Manipulation).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt die strikte Differenzierung der Medikamentenwahl bei Trauma: Forderung nach kreislaufstabilisierenden Dissoziativa (Ketamin) und Reduzierung von Opioiden beim hämorrhagischen Schock, im starken Kontrast zur geforderten, tiefen Analgosedierung mittels Opioiden beim isolierten Schädel-Hirn-Trauma zum Schutz vor Hirndruckkrisen).
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zum Advanced Life Support (Besondere Umstände). (Erwähnt die bronchodilatatorischen Eigenschaften von Ketamin, die es zur bevorzugten Induktionssubstanz bei der Notfallnarkose von Patienten mit kritischem Asthma bronchiale oder schwerer Exazerbation einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung machen).

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