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5.05 Analgesie im Rettungsdienst

Einleitung: Analgesie im Rettungsdienst – Grundlagen des Schmerzes

Die goldene Regel der Schmerztherapie

Herzlich willkommen zur Bekämpfung des Leids! Bevor wir in die Nervenbahnen abtauchen, müssen wir uns eine absolut unumstößliche, ethische und medizinische Grundregel der Notfallmedizin einprägen: Schmerz ist immer das, was der Patient sagt, dass es ist! Es spielt absolut keine Rolle, ob ihr bei der gleichen Verletzung lächeln würdet. Wenn der Patient weint und sagt, er habe unerträgliche Schmerzen, dann ist das die Realität, die wir behandeln. Schmerz ist niemals objektiv messbar, er ist immer ein rein subjektives Erleben.

1. Die Entstehung (Die Nozizeption)

Wie kommt der Schmerz vom gebrochenen Bein in den Kopf? Dieser Weg wird als Nozizeption bezeichnet und läuft in 4 streng getrennten Phasen ab. Genau an diesen 4 Punkten setzen später unsere verschiedenen Medikamente an!

  1. Die Entstehung (Transduktion): Im Gewebe (zum Beispiel der Haut oder dem Knochen) sitzen Millionen winziger Schmerzfühler, die Nozizeptoren. Wenn Gewebe durch einen Schnitt oder durch Hitze zerstört wird, platzen die Zellen. Sie schütten chemische Alarmstoffe aus. Die Nozizeptoren erkennen diese Chemikalien und wandeln den mechanischen Schaden in ein elektrisches Signal um.
  2. Die Leitung (Transmission): Das elektrische Signal reist nun rasend schnell über periphere Nervenbahnen vom Bein in das Rückenmark.
  3. Die Umschaltung (Modulation): Im Rückenmark passiert etwas Faszinierendes: Das Signal wird nicht einfach blind weitergeleitet. Das Rückenmark wirkt wie ein Filter. Es kann das Schmerzsignal massiv verstärken oder abbremsen, bevor es überhaupt im Kopf ankommt.
  4. Die Wahrnehmung (Perzeption): Das Signal erreicht das Gehirn. Erst hier, wenn das Signal in der Großhirnrinde und im limbischen System (unserem Gefühlszentrum) ankommt, wird aus dem reinen elektrischen Impuls das bewusste, grauenvolle Gefühl "Schmerz"!

2. Der schnelle und der langsame Schmerz (Die Kabeltypen)

Habt ihr euch mal den Zeh gestoßen? Zuerst kommt ein blitzartiger, heller Schmerz. Wenige Sekunden später folgt ein dumpfes, tiefes und pochendes Pochen. Das liegt daran, dass der Körper 2 völlig unterschiedliche "Kabel" (Nervenfasern) für den Schmerz nutzt.

  • Die A-Delta-Fasern (Der Express-Zug): Diese Nervenfasern sind mit einer dicken Isolierschicht (Myelin) ummantelt. Sie leiten Signale extrem schnell. Sie sind für den ersten, hellen, scharfen und exakt lokalisierbaren Schmerz verantwortlich. Sie sagen dem Gehirn: "Zieh sofort den Fuß weg!"
  • Die C-Fasern (Der langsame Güterzug): Diese Fasern haben keine Isolierung. Sie leiten das Signal sehr langsam. Sie übertragen den dumpfen, pochenden, brennenden Schmerz, der oft stundenlang anhält und den Patienten quält. Sie erinnern den Körper daran: "Der Fuß ist kaputt, tritt heute nicht mehr darauf!"

3. Schmerzarten (Somatisch versus Viszeral)

Für uns im Rettungsdienst ist es extrem wichtig zu wissen, woher der Schmerz kommt, denn das gibt uns diagnostische Hinweise auf die verletzten Organe.

  • Somatischer Schmerz: Das ist der Schmerz des Bewegungsapparates (Haut, Muskeln, Knochen, Gelenke). Der Patient kann oft mit einem einzigen Finger exakt auf den Schmerzpunkt zeigen (zum Beispiel beim gebrochenen Arm). Dieser Schmerz ist hell, stechend oder drückend.
  • Viszeraler Schmerz (Eingeweideschmerz): Das ist der Schmerz der inneren Organe (Magen, Darm, Gallenblase). Die inneren Organe haben viel weniger Schmerzfühler. Deshalb ist dieser Schmerz meist dumpf, krampfartig (kolikartig) und der Patient kann nicht genau darauf zeigen.
  • Der übertragene Schmerz (Referred Pain): Ein tückisches Phänomen der inneren Organe! Weil sich Nervenbahnen im Rückenmark kreuzen, projiziert das Gehirn den Schmerz innerer Organe oft auf gesunde Hautareale. Der absolute Klassiker: Der Herzinfarkt schmerzt nicht nur in der Brust, sondern strahlt massiv in den linken Arm oder in den Unterkiefer aus!

4. Der Teufelskreis des Schmerzes (Warum wir behandeln müssen)

Viele Leute denken: "Schmerz bringt niemanden um, da muss er jetzt durch." Das ist in der Notfallmedizin ein tödlicher Irrtum! Schmerz löst im Körper einen massiven, zerstörerischen Alarmzustand aus.

  • Die Sympathikus-Aktivierung: Brutaler Schmerz aktiviert das sympathische Nervensystem (Kampf oder Flucht). Der Körper schüttet Unmengen an körpereigenem Adrenalin aus.
  • Die tödliche Folge für das Herz: Der Blutdruck schießt nach oben, das Herz rast. Dadurch verbraucht der Herzmuskel gigantische Mengen an Sauerstoff. Wenn der Patient diesen Schmerz aufgrund eines Herzinfarktes hat, zerstört das rasende Herz gerade noch mehr seines eigenen Gewebes, weil es den Sauerstoffbedarf nicht mehr decken kann.
  • Die Folge für die Atmung: Wer extreme Schmerzen im Brustkorb oder Bauch hat (zum Beispiel bei gebrochenen Rippen), atmet nur noch ganz flach (Schonatmung). Die Lunge wird nicht mehr belüftet, es entsteht ein massiver Sauerstoffmangel im Blut.
  • Der Grundsatz: Wir behandeln Schmerzen nicht nur aus Mitleid, sondern um den zerstörerischen Stress vom Herz-Kreislauf-System des Patienten zu nehmen!

5. Die Schmerzerfassung (Die Messlatte)

Da Schmerz subjektiv ist, müssen wir ihn für unsere Dokumentation und für die Überprüfung unserer Medikamente messbar machen.

  • Die Numerische Rating-Skala (NRS): Wir fragen den Patienten nach einer Zahl. "Auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 absolut kein Schmerz ist und 10 der vernichtendste Schmerz, den Sie sich überhaupt vorstellen können – wo befinden Sie sich jetzt gerade?"
  • Der Zweck: Diese Zahl (zum Beispiel eine 8) dokumentieren wir. Dann spritzen wir ein Schmerzmittel. 10 Minuten später fragen wir erneut. Sagt der Patient nun "3", wissen wir messbar: Unser Medikament hat funktioniert! Sagt er immer noch "8", müssen wir die Dosis erhöhen.

💡 MERKE:

Schmerz ist immer rein subjektiv und genau das, was der Patient empfindet! Der Schmerzreiz reist in 4 Phasen über periphere Nervenbahnen zum Rückenmark und wird erst im Gehirn als Schmerz wahrgenommen (Nozizeption).A-Delta-Fasern leiten den schnellen Schmerz. C-Fasern leiten den dumpfen Dauerschmerz. Unbehandelter Schmerz treibt den Blutdruck nach oben und verursacht eine gefährliche Schonatmung. Dieser Teufelskreis kann lebensgefährlich sein! Zur objektiven Messung nutzen wir immer die Numerische Rating-Skala (0 bis 10).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Akutschmerztherapie in der Notfallmedizin. (Diese interdisziplinäre Leitlinie definiert Schmerz als einen vital bedrohlichen Stressor für das Herz-Kreislauf-System. Sie fordert die strukturierte Schmerzerfassung mittels etablierter Skalen wie der Numerischen Rating-Skala (NRS) vor und nach jeder analgetischen Intervention als absolut rechtsbindenden Standard).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt den pathophysiologischen Teufelskreis des Schmerzes beim Traumapatienten – insbesondere die gefährliche Minderbelüftung der Lunge durch Schonatmung bei Thoraxtraumata – und definiert die suffiziente Analgesie als elementaren Bestandteil zur Vermeidung von Hypoxie).

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Einleitung: Analgesie im Rettungsdienst – Beurteilung des Schmerzes

Das Unsichtbare messbar machen

Herzlich willkommen zur Schmerzanamnese! "Ich habe Schmerzen" ist der häufigste Satz im Rettungsdienst. Doch dieser Satz reicht uns nicht aus. Ein gebrochener kleiner Finger und ein massiver Herzinfarkt tun beide weh, erfordern aber völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Um den Schmerz des Patienten für uns (und für das aufnehmende Krankenhaus) greifbar und dokumentierbar zu machen, nutzen wir strukturierte Werkzeuge und Skalen.

1. Die Schmerzskalen (Die eindimensionale Messung)

Um die reine Intensität (die Stärke) des Schmerzes zu messen, gibt es weltweit etablierte Standard-Skalen. Ihr müsst die Skala an das Alter und den geistigen Zustand eures Patienten anpassen!

  • Die Numerische Rating-Skala: Das ist der absolute Goldstandard für wache, ansprechbare Erwachsene. Ihr bittet den Patienten: "Bitte bewerten Sie Ihren Schmerz auf einer Skala von 0 bis 10. Dabei bedeutet 0 absolut schmerzfrei und 10 ist der schlimmste Schmerz, den Sie sich überhaupt vorstellen können."
    • Warum ist das so wichtig? Wenn der Patient eine 8 angibt, gebt ihr ein Medikament. 10 Minuten später fragt ihr wieder. Sagt der Patient nun 3, habt ihr den objektiven Beweis, dass eure Therapie erfolgreich war!
  • Die Visuelle Analogskala: Hier gibt es keine Zahlen. Der Patient zeigt auf einem Schieberegler oder einer Linie auf den Punkt zwischen "kein Schmerz" und "stärkster vorstellbarer Schmerz". Dies hilft oft Patienten, die sich mit abstrakten Zahlen schwertun.

2. Besondere Patientengruppen (Kinder und Demenzkranke)

Was macht ihr, wenn der Patient das Konzept von Zahlen nicht versteht? Ein 4-jähriges Kind oder ein Patient mit schwerer Demenz kann euch keine "7 von 10" nennen.

  • Die Gesichter-Skala (Wong-Baker-Skala): Das ist das Werkzeug für Kinder (meist ab etwa 4 Jahren). Ihr zeigt dem Kind eine Reihe von gezeichneten Gesichtern. Das linke Gesicht lacht fröhlich (kein Schmerz), die Gesichter in der Mitte schauen traurig, und das rechte Gesicht weint bitterlich (stärkster Schmerz). Das Kind zeigt einfach auf das Gesicht, das am besten zu seinem Gefühl passt.
  • Die BESD-Skala (Beurteilung von Schmerz bei Demenz): Wenn ein Patient kognitiv nicht mehr kommunizieren kann, müsst ihr zu Detektiven werden! Ihr beobachtet 5 Kategorien:
    1. Atmung (normal bis extrem beschleunigt/hyperventilierend)
    2. Negative Lautäußerungen (leises Stöhnen bis lautes Schreien)
    3. Gesichtsausdruck (entspannt bis extrem verzerrt)
    4. Körpersprache (ruhig bis hin zu verkrampften Fäusten und Abwehrbewegungen)
    5. Trostbarkeit (lässt sich der Patient durch Zureden beruhigen oder ist er völlig in Panik?)
    • Aus diesen Beobachtungen errechnet ihr einen Punktewert, der euch anzeigt, ob der demente Patient stumme Schmerzen leidet.

3. Das OPQRST-Schema (Die mehrdimensionale Messung)

Eine Zahl von 0 bis 10 sagt uns nur, wie stark der Schmerz ist. Sie sagt uns nicht, woher er kommt oder was ihn auslöst. Dafür nutzen wir in der Notfallmedizin das OPQRST-Schema. Es zwingt uns, den Schmerz wie Kriminalisten zu zerlegen.

  • O - Onset (Der Beginn): Wann genau hat der Schmerz angefangen? Kam er schlagartig wie ein Blitz (typisch für einen Gefäßriss oder eine Lungenembolie) oder hat er sich über Stunden langsam aufgebaut (typisch für Entzündungen oder einen Infarkt)? Was hat der Patient in dem Moment gerade getan?
  • P - Provokation / Palliation (Verstärkung / Linderung): Gibt es etwas, das den Schmerz schlimmer macht (zum Beispiel tiefes Einatmen, Drücken auf den Bauch, Bewegung)? Gibt es etwas, das ihn besser macht (eine bestimmte Körperhaltung wie der Kutschersitz oder bereits eingenommene Medikamente)?
  • Q - Qualität (Die Art des Schmerzes): Wie genau fühlt sich der Schmerz an? Bittet den Patienten, ihn mit eigenen Worten zu beschreiben. Ist er stechend, dumpf, brennend, reißend, krampfartig oder drückend (wie ein Elefant auf der Brust)? Die Qualität verrät uns oft, welches Gewebe (Nerven, Muskeln, innere Organe) betroffen ist!
  • R - Region / Radiation (Ort und Ausstrahlung): Wo genau tut es weh? Zeigen Sie mit einem Finger darauf! Strahlt der Schmerz in andere Körperteile aus (zum Beispiel vom Bauch in den Rücken oder von der Brust in den linken Arm)?
  • S - Severity (Die Stärke): Hier kommt genau unsere Numerische Rating-Skala von 0 bis 10 ins Spiel, um die Intensität zu dokumentieren.
  • T - Time (Der zeitliche Verlauf): Hat sich der Schmerz seit dem Beginn verändert? Kommt er in Wellen (kolikartig) oder ist er ein konstanter Dauerschmerz? Gab es diesen Schmerz in der Vergangenheit schon einmal?

💡 MERKE:

Schmerz muss zur Überprüfung der Therapie objektiv messbar und dokumentiert werden! Bei wachen Erwachsenen nutzt ihr standardmäßig die Numerische Rating-Skala von 0 bis 10.Bei Kindern nutzt ihr die Gesichter-Skala (Wong-Baker), bei dementen Patienten die Fremdbeobachtung (BESD-Skala).Um die Ursache des Schmerzes herauszufinden, nutzt ihr zwingend das OPQRST-Schema (Beginn, Auslöser, Qualität, Region, Stärke und Zeit).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Akutschmerztherapie in der Notfallmedizin. (Schreibt die strukturierte Schmerzerfassung vor jeder Analgesie sowie die anschließende Verlaufskontrolle bindend vor und definiert die Numerische Rating-Skala sowie Fremdbeobachtungsskalen für vulnerable Gruppen als Goldstandard).
  • Advanced Medical Life Support (AMLS): (Das weltweit führende Konzept für internistische Notfälle definiert das OPQRST-Schema als das fundamentale Anamnese-Werkzeug, um die Differenzialdiagnostik bei unklaren Schmerzzuständen (insbesondere Brust- und Bauchschmerz) systematisch und sicher durchzuführen).

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Einleitung: Analgesie im Rettungsdienst – Auswirkungen von Schmerzen

Der zerstörerische Alarmzustand

Herzlich willkommen zur Pathophysiologie des Schmerzes! Wenn der Körper einen massiven Schmerzreiz registriert, schaltet das Gehirn sofort auf den ultimativen Überlebensmodus um: Kampf oder Flucht. Das sympathische Nervensystem wird maximal aktiviert und flutet den Blutkreislauf mit Stresshormonen (Adrenalin und Noradrenalin). Diese chemische Flutwaffe hat drastische Auswirkungen auf fast jedes Organsystem des Körpers.

1. Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System (Der überhitzte Motor)

Dies ist die gefährlichste Auswirkung für unsere vorerkrankten Patienten!

  • Der Mechanismus: Durch den massiven Adrenalinausstoß ziehen sich die Blutgefäße im Körper zusammen. Gleichzeitig wird das Herz angetrieben, schneller und kräftiger zu schlagen.
  • Die Folge: Der Blutdruck schießt krisenhaft in die Höhe (oft auf Werte von weit über 200 Millimeter Quecksilbersäule), und die Herzfrequenz rast (Tachykardie).
  • Die tödliche Falle: Wenn das Herz so extrem schnell und gegen einen so gigantischen Blutdruck pumpen muss, verbraucht der Herzmuskel Unmengen an Sauerstoff. Bei einem Patienten, der ohnehin schon verengte Herzkranzgefäße hat (oder gerade einen Herzinfarkt erleidet), führt dieser durch Schmerz ausgelöste Sauerstoff-Mehrbedarf dazu, dass der Herzmuskel noch schneller und großflächiger abstirbt (Ischämie)!

2. Auswirkungen auf die Atmung (Die gefährliche Schonatmung)

Besonders bei Verletzungen im Bereich des Brustkorbs (gebrochene Rippen) oder des Bauches hat Schmerz eine direkte Auswirkung auf die Lunge.

  • Der Mechanismus: Wenn das Einatmen höllisch wehtut, atmet der Patient automatisch nur noch extrem flach (die sogenannte Schonatmung). Das Atemzugvolumen sinkt drastisch.
  • Die Folge: Die unteren Bereiche der Lunge werden nicht mehr mit frischer Luft belüftet. Die kleinen Lungenbläschen fallen zusammen und verkleben (Atelektasen). Der Sauerstoffaustausch bricht ein, und die Sauerstoffsättigung im Blut fällt gefährlich ab (Hypoxie).
  • Der Späteffekt: Da der Patient aus Angst vor Schmerzen auch nicht mehr richtig abhustet, sammeln sich Schleim und Bakterien in der Lunge. Wenige Tage später droht auf der Intensivstation eine tödliche Lungenentzündung (Pneumonie).

3. Auswirkungen auf Stoffwechsel und Verdauung (Der Shutdown)

Der "Kampf oder Flucht"-Modus duldet keine Nebensächlichkeiten wie Verdauung.

  • Der Magen-Darm-Trakt: Die Durchblutung des Magens und des Darms wird sofort gedrosselt. Die Magenentleerung stoppt komplett.
  • Die Gefahr für uns: Ein Patient mit starken Schmerzen hat immer einen "vollen Magen", selbst wenn die letzte Mahlzeit Stunden her ist! Durch die Magenlähmung staut sich der Inhalt. Kombiniert mit der Schmerz-Übelkeit führt dies oft zu schwallartigem Erbrechen. Wenn dieser Patient nun das Bewusstsein verliert, läuft das Erbrochene direkt in die Lunge (Aspiration).
  • Der Stoffwechsel: Stresshormone zwingen die Leber, gigantische Mengen an Zucker ins Blut abzugeben, um Energie für den "Kampf" bereitzustellen. Der Blutzuckerspiegel steigt massiv an (Hyperglykämie), was Wundheilungsstörungen fördert.

4. Auswirkungen auf die Blutgerinnung (Die klebrige Gefahr)

Der Körper ist bei extremen Schmerzen auf eine blutende Wunde vorbereitet, auch wenn vielleicht gar keine vorhanden ist.

  • Der Mechanismus: Die Stresshormone verändern das Blutgerinnungssystem. Die Blutplättchen werden "klebriger", das Blut gerinnt viel schneller als im Normalzustand (Hyperkoagulabilität).
  • Die Folge: Durch dieses zähere, schneller gerinnende Blut steigt das Risiko für die Bildung von lebensgefährlichen Blutgerinnseln in den Adern enorm an. Es drohen tiefe Beinvenenthrombosen oder Lungenembolien!

5. Die psychische Dimension (Angst und Trauma)

Wir dürfen die Seele des Patienten nicht vergessen.

  • Angst und Panik: Vernichtender Schmerz löst Todesangst aus. Ein panischer Patient ist extrem unruhig, wehrt sich gegen unsere Maßnahmen und ist kaum zu behandeln.
  • Das Langzeittrauma: Wenn Patienten in Notfallsituationen über längere Zeit unerträgliche, unbehandelte Schmerzen erleiden müssen, brennt sich dieses Erlebnis in das Gehirn ein. Die Wahrscheinlichkeit, später an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder an chronischen Schmerzsyndromen zu erkranken, steigt massiv an.

💡 MERKE:

Schmerz ist niemals harmlos! Er löst einen massiven Adrenalinausstoß aus. Unbehandelter Schmerz treibt den Blutdruck und die Herzfrequenz nach oben, was den Sauerstoffbedarf des Herzens lebensgefährlich steigert. Die schmerzbedingte Schonatmung führt zu einem akuten Sauerstoffmangel im Blut und begünstigt Lungenentzündungen. Schmerz stoppt die Magenentleerung. Es besteht immer akute Gefahr für Übelkeit, Erbrechen und Aspiration! Eine gute Analgesie ist immer auch Herzschutz, Lungenschutz und Psychohygiene.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Akutschmerztherapie in der Notfallmedizin. (Diese fundamentale Leitlinie begründet die absolute Indikation zur zügigen Analgesie exakt mit der Vermeidung der hier genannten pathophysiologischen Entgleisungen: Senkung des myokardialen Sauerstoffbedarfs, Durchbrechung der Schonatmung und Reduktion des psychovegetativen Stresses).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt eindrücklich die systemischen Auswirkungen von Schmerz im Rahmen der Trauma-Versorgung. Insbesondere die durch Schmerz getriggerte Hypoventilation beim Thoraxtrauma wird als primäre, vermeidbare Ursache für einen letalen Sauerstoffmangel definiert).

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Einleitung: Analgesie im Rettungsdienst – Indikationen zur Analgesie

Der rechtfertigende Grund

Herzlich willkommen zur Entscheidungsfindung! Wann ist der Schmerz "schlimm genug" für unsere Medikamente? Im Rettungsdienst leitet sich die Indikation für eine Schmerztherapie grundsätzlich aus 2 Hauptsäulen ab: Einerseits aus dem gemessenen Schmerzwert des Patienten und andererseits aus ganz bestimmten Krankheitsbildern, bei denen Schmerz eine lebensgefährliche Komplikation darstellt. Gehen wir die klassischen Einsatzgebiete durch.

1. Die grenzwertbasierte Indikation (Die magische 4)

Die einfachste und alltäglichste Indikation liefert uns der Patient selbst über die Numerische Rating-Skala (von 0 bis 10).

  • Der Schwellenwert: In fast allen rettungsdienstlichen Algorithmen und Leitlinien gilt: Ab einem Wert von 4 (oder größer) auf der Numerischen Rating-Skala besteht eine absolute Behandlungsindikation!
  • Der Patientenwunsch: Wenn der Patient einen Wert von 3 angibt, aber explizit nach einem Schmerzmittel verlangt, weil er den Schmerz als unerträglich oder extrem belastend empfindet, ist die Indikation ebenfalls sofort gegeben. Wir lassen niemanden grundlos leiden.

2. Die traumatologische Indikation (Der Unfallschmerz)

Bei Unfällen ist die Gewalteinwirkung auf das Gewebe offensichtlich. Hier geht es primär um die Vermeidung des lebensgefährlichen Schock-Kreislaufs und die Ermöglichung einer schonenden Rettung.

  • Isolierte Knochenbrüche (Frakturen) und Verrenkungen (Luxationen): Vor allem große Röhrenknochen (wie der Oberschenkel) oder ausgerenkte Gelenke verursachen bei der kleinsten Bewegung unerträgliche Schmerzen. Um den Patienten überhaupt in den Rettungswagen transportieren zu können, muss er schmerzfrei sein.
  • Das Thoraxtrauma (Brustkorbverletzung): Wie im vorherigen Modul gelernt, führt der Schmerz bei gebrochenen Rippen zur lebensgefährlichen Schonatmung. Hier ist die Analgesie keine reine Komfortmaßnahme, sondern eine zwingende Atemtherapie zur Sicherung der Sauerstoffaufnahme!
  • Verbrennungen: Verbrennungen 2. und 3. Grades (bei denen die Nervenenden freiliegen oder gereizt werden) gehören zu den stärksten vorstellbaren Schmerzen in der Medizin. Hier ist eine extrem schnelle und oft hochdosierte Schmerztherapie (meist mit Opiaten oder Ketamin) die absolute Indikation.

3. Die internistische Indikation (Der Organ-Alarm)

Bei inneren Erkrankungen rettet die Schmerztherapie aktiv das betroffene Organ.

  • Das Akute Koronarsyndrom (Herzinfarkt): Der vernichtende Schmerz in der Brust treibt die Herzfrequenz und den Blutdruck massiv in die Höhe. Das Herz verbraucht dadurch noch mehr Sauerstoff, den es durch die verstopfte Ader ohnehin nicht bekommt. Die Analgesie (oft mit Morphin oder Fentanyl) drosselt den Sympathikus, senkt die Herzfrequenz und schützt den Herzmuskel aktiv vor dem weiteren Absterben!
  • Koliken (Nieren- und Gallenkolik): Wenn ein winziger Stein in den Harnleitern oder Gallengängen feststeckt, krampft die Organmuskulatur extrem schmerzhaft, um das Hindernis herauszupressen. Hier besteht die Indikation oft für eine Kombination aus Schmerzmitteln und krampflösenden Medikamenten (Spasmolytika).
  • Das Akute Abdomen: Ein brettharter, extrem schmerzhafter Bauch (zum Beispiel bei einem geplatzten Blinddarm oder einem Magendurchbruch). Mythos-Alarm: Früher hieß es oft, man dürfe bei Bauchschmerzen keine Schmerzmittel geben, weil der Arzt in der Klinik sonst nichts mehr ertasten kann. Dieser Satz ist in der modernen Medizin restlos gestrichen! Die Indikation zur Analgesie gilt auch hier uneingeschränkt!

4. Die prozedurale Indikation (Der durch uns verursachte Schmerz)

Manchmal sind wir im Rettungsdienst selbst diejenigen, die dem Patienten Schmerzen zufügen müssen, um sein Leben zu retten.

  • Die Kardioversion oder das Pacing: Wenn wir einem wachen Patienten mit einem lebensgefährlich schnellen Herzschlag einen elektrischen Schock (Kardioversion) geben müssen, oder wenn wir einen extrem langsamen Herzschlag über äußere Klebeelektroden elektrisch antreiben (Schrittmacher / Pacing), ist das für den Patienten unerträglich schmerzhaft. Hierfür ist eine tiefe Analgesie und leichte Sedierung (Beruhigung) zwingend erforderlich!
  • Die Reposition: Wenn ein Bein nach einem Bruch im rechten Winkel absteht und die Gefäße abklemmt, müssen wir (oder der Notarzt) am Bein ziehen, um es wieder in eine gerade Achse zu bringen. Ohne vorherige, massive Analgesie ist dieser Eingriff menschlich und medizinisch unvertretbar.

💡 MERKE:

Eine absolute Indikation zur Schmerztherapie besteht bei jedem Patienten, der einen Schmerzwert von 4 oder höher auf der Skala angibt! Beim Thoraxtrauma ist die Analgesie eine zwingende Beatmungstherapie zur Abwendung der gefährlichen Schonatmung. Beim Herzinfarkt rettet die Schmerztherapie den Herzmuskel, da sie den Sauerstoffbedarf durch Stressreduktion massiv senkt. Schmerzhafte ärztliche oder rettungsdienstliche Maßnahmen (wie Schienung, Reposition oder Elektroschocks) rechtfertigen im Vorfeld immer eine starke Schmerztherapie (prozedurale Analgesie).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Akutschmerztherapie in der Notfallmedizin. (Diese Kernleitlinie legt den Schwellenwert für die Behandlungsindikation glasklar fest: Ein Schmerzscore von > 3 (also ab 4) rechtfertigt eine sofortige, strukturierte medikamentöse Intervention).
  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst: Behandlungspfade Rettungsdienst (BPR). (Definieren konkrete Algorithmen für Extremitätentraumata, das Akute Koronarsyndrom und isolierte Koliken, bei denen die Gabe von Analgetika durch den Notfallsanitäter eine direkte und bindende Handlungsanweisung darstellt).
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zum Advanced Life Support. (Fordern die zwingende Analgosedierung des noch wachen Patienten vor einer elektrischen Kardioversion oder vor der Anlage eines transkutanen Herzschrittmachers).

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Einleitung: Analgesie im Rettungsdienst – Methoden der Analgesie

Die 3 Säulen der Schmerzfreiheit

Herzlich willkommen im Werkzeugkasten der Schmerztherapie! Wenn wir den Schmerz als unseren Feind betrachten, müssen wir ihn an mehreren Fronten gleichzeitig angreifen. Ein Medikament allein reicht oft nicht aus, wenn der Patient in Panik ist oder der gebrochene Knochen bei jedem Wackeln des Rettungswagens aneinander reibt. Deshalb stützt sich jede professionelle Analgesie auf 3 fundamentale Methoden: die Psyche, die Physik und die Pharmakologie.

Abb. 62 Die 3 Säulen der Schmerzfreiheit - KI Generiert

1. Psychische Betreuung (Die vokale Analgesie)

Das Gehirn ist das Organ, in dem der Schmerz letztendlich entsteht. Wenn das Gehirn in Panik ist, wirkt es wie ein gigantischer Verstärker für Schmerzsignale. Eure Stimme ist das allererste Schmerzmittel, das am Einsatzort wirkt!

  • Angstreduktion: Todesangst und Ungewissheit treiben den Sympathikus (unseren Stress-Nerv) an. Erklärt dem Patienten mit ruhiger, fester Stimme, wer ihr seid und dass er nun in Sicherheit ist.
  • Transparenz: Kündigt jeden eurer Schritte an! ("Ich lege Ihnen jetzt eine Blutdruckmanschette an, das wird am Arm eng werden"). Ein erwarteter Reiz wird vom Gehirn als deutlich weniger schmerzhaft eingestuft als ein unerwarteter Reiz.
  • Ablenkung und Fokussierung: Bindet den Patienten in kleine Aufgaben ein ("Atmen Sie ganz ruhig mit mir zusammen ein und aus"). Das Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität zur Informationsverarbeitung. Wenn es sich auf die Atmung konzentrieren muss, hat es weniger Kapazität, um Schmerzsignale zu verarbeiten.

2. Physikalische Therapie (Die mechanische Entlastung)

Bevor wir die Chemie in den Körper schicken, müssen wir die mechanische Ursache des Schmerzes stoppen. Jeder physikalische Reiz, den wir ausschalten, spart uns später gefährliche Medikamente!

  • Immobilisation (Ruhigstellung): Bei Traumata ist die Schienung das absolute Gebot. Ein gebrochener Knochen schmerzt bei jeder Mikrobewegung, weil die Bruchenden in die extrem empfindliche Knochenhaut stechen. Die Anlage einer Vakuumschiene oder eines Beckengurts schaltet diesen Reiz physikalisch komplett aus.
  • Lagerung (Druckentlastung): Die richtige Körperhaltung entspannt gereiztes Gewebe. Bei Bauchschmerzen entlastet eine Knierolle die angespannte Bauchdecke. Bei Brustschmerzen nimmt eine 30 Grad Oberkörperhochlage den Druck vom Herzen und erleichtert die Atmung.
  • Temperatursteuerung (Kälte und Wärme): Gemäß der PECH-Regel verengen Kältepacks bei frischen Prellungen die Blutgefäße, stoppen die Schwellung und betäuben die oberflächlichen Nervenenden. Bei chronischen Muskelkrämpfen oder Kältezittern (was den Schmerz massiv verstärkt) wirkt hingegen der gezielte Einsatz von Wärmedecken Wunder.

3. Medikamentöse Therapie (Die chemische Blockade)

Wenn Psyche und Physik nicht ausreichen, um den Schmerz auf einen Wert von unter 4 auf der Numerischen Rating-Skala zu senken, greifen wir zur Nadel. Die medikamentöse Therapie blockiert die Schmerzweiterleitung auf biochemischer Ebene.

  • Die Leitungsbahnen blockieren (Lokalanästhesie): Wenn wir ein Medikament (wie Lidocain) direkt an einen Nerv oder in das Gewebe spritzen, blockieren wir das "Stromkabel". Das Schmerzsignal wird am Entstehungsort gestoppt und erreicht das Rückenmark gar nicht erst.
  • Die leichte Systematik (Nicht-Opioid-Analgetika): Für mäßige Schmerzen nutzen wir Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen oder Metamizol. Sie wirken meist direkt im verletzten Gewebe und hemmen dort die Ausschüttung von Entzündungs- und Schmerzstoffen (den Prostaglandinen).
  • Die schwere Artillerie (Opioid-Analgetika und Narkotika): Bei extremsten Schmerzen (wie schweren Verbrennungen oder einem Herzinfarkt) nutzen wir starke Opiate (wie Fentanyl) oder Dissoziativa (wie Ketamin). Diese Medikamente reisen über das Blut direkt in das Gehirn und in das Rückenmark. Sie setzen sich dort auf die Rezeptoren und verändern die zentrale Schmerzwahrnehmung massiv. Der Schmerz ist oft noch da, aber er ist dem Patienten völlig egal.

💡 MERKE:

Eine professionelle Schmerztherapie ist immer multimodal aufgebaut und nutzt alle 3 Methoden gleichzeitig! Die psychische Betreuung (vokale Analgesie) senkt den Stresshormonspiegel und dämpft den Schmerzverstärker im Gehirn. Die physikalische Therapie (Schienung, Lagerung, Kühlung) stoppt die ständige, mechanische Neureizung der Schmerzfühler. Die medikamentöse Therapie ist der chemische Eingriff. Sie reicht von leichten, gewebewirksamen Mitteln bis hin zu starken, im Gehirn wirkenden Opiaten.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Akutschmerztherapie in der Notfallmedizin. (Diese Leitlinie verlangt explizit den Einsatz des multimodalen Therapiekonzepts. Sie stellt fest, dass medikamentöse Monotherapien oft zu unnötig hohen Dosierungen und damit zu gefährlichen Nebenwirkungen führen, wenn psychologische Führung und physikalische Ruhigstellung vernachlässigt werden).
  • Prehospital Trauma Life Support (PHTLS): (Lehrt die Priorisierung der physikalischen Methoden (insbesondere der sofortigen Immobilisation von Frakturen) als essenzielle, mechanische Analgesie, noch bevor ein venöser Zugang für Medikamente etabliert wird).

Alles verstanden?