Einleitung: Akutes Abdomen – Differenzialdiagnostik und Management
Die tickende Zeitbombe im Bauch
Herzlich willkommen in der Gastroenterologie und Viszeralchirurgie! Das "akute Abdomen" ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der sofortiges Handeln erfordert. Der Bauchraum ist eine große Höhle, die mit einem sensiblen Bauchfell (Peritoneum) ausgekleidet ist. Wenn Organe sich entzünden, platzen oder nicht mehr durchblutet werden, reagiert dieses Fell mit einer massiven Entzündung. Der Patient präsentiert sich fast immer mit einer klassischen Trias: stärkste Bauchschmerzen, eine brettharte Bauchdecke (Abwehrspannung) und eine massive Kreislaufreaktion bis hin zum Schock.
1. Die Schmerzanamnese (Den Schmerz lesen)
Da wir im Rettungswagen weder ein Ultraschallgerät noch ein CT haben, ist unsere Anamnese das wichtigste Diagnostik-Tool. Wir müssen 2 Arten von Schmerz exakt voneinander unterscheiden:
- Der viszerale Schmerz (Eingeweideschmerz): Dieser Schmerz entsteht tief in den Organen (zum Beispiel durch Dehnung des Darms). Er ist dumpf, krampfartig (Kolik), bohrend und der Patient kann ihn mit dem Finger kaum genau lokalisieren. Der Patient wälzt sich oft unruhig hin und her, um eine bequeme Position zu finden.
- Der somatische Schmerz (Bauchfellschmerz): Dieser Schmerz entsteht, wenn das Bauchfell (Peritoneum) direkt gereizt wird (zum Beispiel durch Magensäure, Eiter oder Blut). Er ist messerscharf, brennend und der Patient kann mit einem Finger exakt auf die Stelle zeigen, wo es wehtut. Der Patient liegt meist absolut still, da jede kleinste Bewegung (selbst das Atmen) Höllenqualen verursacht.
2. Die Differenzialdiagnostik nach Quadranten
Um das Chaos im Bauch zu ordnen, unterteilen wir den Bauchraum gedanklich in 4 Quadranten (wobei der Bauchnabel das Zentrum bildet). Der Ort des stärksten Schmerzes gibt uns den wichtigsten Hinweis auf das betroffene Organ.
- Rechter Oberbauch: Hier liegen die Leber und die Gallenblase. Typische Notfälle sind die Gallenkolik (krampfartig, oft nach fettigem Essen) oder eine akute Cholezystitis (Gallenblasenentzündung).
- Linker Oberbauch: Hier liegen der Magen, die Milz und die Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Leitsymptome hier deuten oft auf eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis), ein blutendes Magengeschwür (Ulkus) oder eine akute Pankreatitis (oft gürtelförmig in den Rücken ausstrahlender Schmerz) hin.
- Rechter Unterbauch: Das absolute Hoheitsgebiet des Blinddarms! Ein somatischer Druckschmerz hier ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Appendizitis. Bei Frauen müssen hier zwingend auch gynäkologische Notfälle (wie eine geplatzte Eileiterschwangerschaft oder entzündete Eierstöcke) bedacht werden.
- Linker Unterbauch: Hier liegt der absteigende Teil des Dickdarms. Schmerzen hier deuten typischerweise auf eine Divertikulitis hin (entzündete Ausstülpungen der Darmschleimhaut, auch "Linksappendizitis" genannt).
- Zentraler / diffuser Schmerz: Betrifft den gesamten Bauch. Hier müssen wir sofort an den Mesenterialinfarkt (bereits besprochen), einen Darmverschluss (Ileus) oder das rupturierte Bauchaortenaneurysma denken.
3. Die körperliche Untersuchung (Auskultation vor Palpation!)
Die Untersuchung des Bauches folgt im Rettungsdienst einer unumstößlichen, eisernen Regel: Wir hören immer zuerst, bevor wir drücken!
- Inspektion: Wir schauen uns den Bauch an. Ist er stark aufgebläht (Meteorismus)? Gibt es Operationsnarben (Gefahr von Verwachsungen / Bridenileus)?
- Auskultation: Wir hören den Bauch mit dem Stethoskop ab, bevor wir ihn anfassen! Drücken wir vorher, regen wir den Darm künstlich an und verfälschen das Ergebnis. Wir achten auf fehlende Darmgeräusche (Totenstille beim paralytischen Ileus) oder extrem hochgestellte, "klingende" Geräusche (beim mechanischen Darmverschluss).
- Palpation: Wir tasten den Bauch vorsichtig ab. Wir beginnen immer im schmerzfreien Quadranten und arbeiten uns langsam zum Schmerzpunkt vor. Wir prüfen auf eine harte Bauchdecke (Abwehrspannung) und den Loslassschmerz.
4. Präklinische Therapie und Management
Unser Ziel ist es, den Schock zu bekämpfen, Schmerzen zu lindern und den Patienten schnell in den OP zu bringen.
- Die bauchdeckenentspannende Lagerung: Der Patient wird flach oder mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert. Eine dicke Rolle (z.B. eine zusammengerollte Decke) wird unter die Kniekehlen gelegt. Das Anwinkeln der Beine entspannt die Bauchmuskulatur und lindert den Schmerz massiv.
- Absolute Nahrungskarenz: Der Patient darf zwingend nichts essen und nichts trinken (Nulldiät)! Es droht jederzeit eine Notoperation in Vollnarkose, bei der ein voller Magen lebensgefährlich (Aspirationsgefahr) wäre.
- Volumentherapie und Zugänge: Bei Schockzeichen werden 1 bis 2 großlumige venöse Zugänge gelegt. Fällt der systolische Blutdruck unter 90 Millimeter Quecksilbersäule, wird kristalloide Infusionslösung gegeben.
- Sauerstoffgabe: Bei einer Sättigung unter 94 Prozent wird zielgerichtet Sauerstoff verabreicht.
- Die Analgesie (Das alte Märchen): Früher hieß es: "Keine Schmerzmittel beim akuten Bauch, sonst verschleiert man die Diagnose!" Das ist heute medizinisch und rechtlich falsch! Kein Patient muss leiden. Je nach Schmerzart kommen Spasmolytika (krampflösende Medikamente wie Butylscopolamin bei Koliken) oder starke Opiate (wie Fentanyl) zum Einsatz. Der OP-Arzt findet das Problem auch bei einem schmerzfreien Patienten.
- Zielklinik: Direkter Transport in eine Klinik mit chirurgischer Abteilung (Viszeralchirurgie / Allgemeinchirurgie).
💡 MERKE:
Das akute Abdomen ist ein lebensbedrohliches Syndrom (Bauchschmerz, Abwehrspannung, Schock).Viszeraler Schmerz ist dumpf und krampfartig (Kolik), somatischer Schmerz ist scharf und exakt lokalisierbar. Bei der Untersuchung gilt strikt: Auskultation (Hören) vor Palpation (Tasten)!Die Basistherapie besteht aus der bauchdeckenentspannenden Lagerung (Knierolle), Nulldiät und einer frühzeitigen Schmerztherapie.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2015). S2k-Leitlinie Akuter Bauchschmerz (AWMF-Registernummer: 088-005).(Anmerkung: Die rechtssichere, deutsche Referenzleitlinie, die das Management, die Schmerzunterscheidung und ausdrücklich die Freigabe der präklinischen Analgesie beim akuten Abdomen festschreibt).
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Einleitung: Krankheitsbilder mit abdominellen Schmerzen (Überblick)
Die Landkarte des Bauchraums
Herzlich willkommen zur Übersicht der gastrointestinalen Notfälle! In unserem Bauchraum liegen Hohlorgane (wie der Darm und der Magen) und parenchymatöse Organe (kompakte Drüsen wie die Leber oder Bauchspeicheldrüse) dicht an dicht. Jedes dieser Organe kann bluten, sich entzünden, verstopfen oder platzen. Die folgenden Krankheitsbilder sind die absoluten Klassiker, die sich hinter dem Einsatzstichwort "Unklarer Bauchschmerz" verbergen. Hier ist das Inhaltsverzeichnis für unsere kommenden Tiefenbohrungen.
1. Gastrointestinale Blutung (GIB)
Hier liegt das Problem in einem blutenden Gefäß innerhalb des Verdauungstrakts.
- Das Problem: Wir unterscheiden die obere Blutung (Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm) von der unteren Blutung (Darm).
- Die Folge: Der Patient blutet nach innen und entwickelt einen Volumenmangelschock. Sichtbar wird dies oft durch Bluterbrechen (Kaffeesatzerbrechen) oder pechschwarzen, übelriechenden Stuhl (Teerstuhl).
2. Bauchfellentzündung (Peritonitis)
Dies ist fast nie eine eigenständige Erkrankung, sondern die tödliche Endstufe der anderen Krankheitsbilder!
- Das Problem: Das sterile Bauchfell (Peritoneum), welches alle Organe überzieht, entzündet sich massiv. Meist geschieht dies, weil ein anderes Organ geplatzt ist (Perforation) und nun Magensäure, Kot oder Eiter in die freie Bauchhöhle fließen.
- Die Folge: Der Patient entwickelt einen brettharten Bauch (Abwehrspannung) und einen rasanten septischen Schock.
3. Darmverschluss (Ileus)
Hier liegt das Problem in einer Blockade des Transportwegs.
- Das Problem: Der Speisebrei kann nicht mehr weitertransportiert werden. Entweder gibt es ein mechanisches Hindernis (Tumor, Verwachsung, eingeklemmter Leistenbruch) oder der Darm ist gelähmt (paralytischer Ileus).
- Die Folge: Der Darm vor dem Hindernis bläht sich massiv auf. Es kommt zu stärksten krampfartigen Schmerzen und im Extremfall zum Erbrechen von Kot (Miserere).
4. Gallenwege (Kolik, Entzündung, Perforation)
Hier dreht sich alles um den rechten Oberbauch und die Verdauung von Fetten.
- Das Problem: Ein Gallenstein verklemmt sich im Ausgang der Gallenblase (Gallenkolik). Bleibt er dort, entzündet sich die Gallenblase (Cholecystitis). Bleibt dies unbehandelt, stirbt die Wand ab und platzt (Perforation).
- Die Folge: Starke, krampfartige Schmerzen im rechten Oberbauch (oft nach fettigem Essen), die in die rechte Schulter ausstrahlen.
5. Geschwürerkrankungen (Magen und Zwölffingerdarm)
Hier liegt das Problem in der aggressiven Magensäure, die sich selbst verdaut (Ulkuskrankheit).
- Das Problem: Die schützende Schleimhautschicht ist defekt (oft durch Schmerzmittel oder Bakterien). Die Säure frisst ein Loch (Geschwür) in die Wand des Magens oder des Zwölffingerdarms.
- Die Folge: Bohrende Schmerzen im linken oder mittleren Oberbauch. Frisst sich das Geschwür in ein Blutgefäß, kommt es zur Blutung. Frisst es sich komplett durch die Wand, kommt es zur Perforation mit Peritonitis.
6. Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis)
Hier liegt das Problem in einer Drüse, die sich plötzlich selbst verdaut.
- Das Problem: Durch Gallensteine (die den gemeinsamen Ausführungsgang blockieren) oder extremen Alkoholkonsum stauen sich die aggressiven Verdauungsenzyme in der Bauchspeicheldrüse und zerstören diese von innen.
- Die Folge: Extreme, oft als gürtelförmig beschriebene Schmerzen im linken Oberbauch, die in den Rücken ausstrahlen.
7. Entzündung des Wurmfortsatzes (Appendizitis)
Hier liegt das Problem im rechten Unterbauch (der absolute Klassiker der Bauchchirurgie).
- Das Problem: Der kleine Wurmfortsatz (Appendix) am Beginn des Dickdarms verstopft (oft durch Kotsteine) und entzündet sich bakteriell.
- Die Folge: Der Schmerz beginnt oft ungenau um den Bauchnabel herum und wandert im Verlauf von Stunden in den rechten Unterbauch.
💡 MERKE:
Diese 7 Krankheitsbilder bilden unser Inhaltsverzeichnis für den Bauchraum. Blutung und Ileus betreffen das gesamte Rohrleitungssystem. Ulkus, Galle, Pankreas und Appendix sind lokal begrenzte Entzündungen oder Blockaden, die unbehandelt alle in einer lebensgefährlichen Peritonitis (Bauchfellentzündung) enden können!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2015). S2k-Leitlinie Akuter Bauchschmerz (AWMF-Registernummer: 088-005).(Anmerkung: Die wissenschaftliche Referenz, welche genau diese genannten Krankheitsbilder als die wichtigsten primären und sekundären Ursachen des akuten Abdomens definiert).
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Einleitung: Gastrointestinale Blutung (GIB)
Der unsichtbare Blutverlust
Herzlich willkommen bei den blutenden Hohlorganen! Der Verdauungstrakt ist extrem gut durchblutet. Wenn hier Gefäße platzen oder durch Säure angeätzt werden, kann der Patient innerhalb kürzester Zeit lebensgefährliche Blutmengen verlieren. Um strukturiert vorzugehen, teilt die Medizin diese Blutungen anhand einer anatomischen Grenze, dem sogenannten Treitz-Band (am Übergang vom Zwölffingerdarm zum Leerdarm), in 2 große Kategorien ein: Die obere und die untere GIB.
1. Die Differenzialdiagnostik (Oben vs. Unten)
Anhand dessen, was oben oder unten aus dem Patienten herauskommt, können wir den Ort der Blutung in der Regel sehr exakt eingrenzen.
- Die obere GIB (OGIB): Das ist die weitaus häufigste Form (etwa 80 Prozent der Fälle). Die Blutung liegt in der Speiseröhre (Ösophagus), im Magen oder im Zwölffingerdarm (Duodenum). Ursachen sind oft geplatzte Krampfadern in der Speiseröhre bei Alkoholikern (Ösophagusvarizen) oder blutende Magengeschwüre.
- Leitsymptome der OGIB: Der Patient erbricht entweder hellrotes, frisches Blut oder bräunliches, klumpiges Blut, das an Kaffeesatz erinnert (Kaffeesatzerbrechen). Die Kaffeesatz-Farbe entsteht, wenn das Blut durch die Magensäure zersetzt wurde. Zudem hat der Patient oft tiefschwarzen, extrem übelriechenden Stuhlgang (Teerstuhl / Meläna).
- Die untere GIB (UGIB): Die Blutungsquelle liegt im Dünndarm, Dickdarm oder Enddarm. Ursachen sind oft blutende Ausstülpungen der Darmschleimhaut (Divertikel), Tumore oder Hämorrhoiden.
- Leitsymptome der UGIB: Der Stuhlgang ist mit frischem, hellrotem Blut aufgelagert oder der Patient scheidet pures rotes Blut aus (Hämatochezie). Da das Blut den Magen nicht passiert hat, ist es nicht zersetzt und behält seine rote Farbe.
2. Die Gefahr (Der Volumenmangelschock)
Die GIB ist primär kein Schmerzproblem (blutende Varizen oder Divertikel tun oft gar nicht weh), sondern ein extremes Kreislaufproblem. Der Patient verblutet!
- Die Warnsignale: Die ersten Zeichen sind oft Schwindel, Schwäche oder eine plötzliche Ohnmacht beim Aufstehen (Synkope durch orthostatische Dysregulation), da das Blutvolumen für das Gehirn fehlt.
- Die Schockzeichen: Die Haut wird blass, kalt und schweißig. Der Körper zieht das Restblut aus den Armen und Beinen in die lebenswichtigen Organe (Zentralisation).
- Die Vitalparameter: Die Herzfrequenz steigt massiv an (Tachykardie), um den Verlust auszugleichen. Der systolische Blutdruck sackt ab. Wichtig: Ein Abfall des Blutdrucks ist ein absolutes Spätzeichen! Der Körper kann einen Verlust von bis zu 30 Prozent seines Blutvolumens oft lange nur über einen schnellen Puls kompensieren, bevor der Blutdruck schließlich einbricht.
3. Präklinische Therapie (Volumen und Transport)
Die Blutung kann präklinisch nicht gestillt werden. Wir müssen das System am Laufen halten, bis der Endoskopiker in der Klinik das Gefäß verödet.
- Eigenschutz: Eine massive obere GIB (Schwallerbrechen von Blut) ist eine riesige Sauerei und hochinfektiös. Handschuhe, Schutzbrille und Kittel sind hier Pflicht!
- Die Lagerung: Ist der Patient bei Bewusstsein und der Blutdruck im Keller, lagern wir ihn flach mit angehobenen Beinen (Schocklage), um das Restblut aus den Beinen zum Herzen fließen zu lassen. Erbricht der Patient massiv, hat der Aspirationsschutz oberste Priorität: Oberkörperhochlagerung oder stabile Seitenlage (Absaugbereitschaft herstellen!).
- Volumen und Zugänge: Es müssen zwingend 1 bis 2 großlumige venöse Zugänge (am besten grün oder orange) gelegt werden. Fällt der systolische Blutdruck unter 90 Millimeter Quecksilbersäule, infundieren wir (nach SAA/SOP) kristalloide Flüssigkeit, um das System zu füllen.
- Sauerstofftherapie: Das Ziel ist eine Sättigung von 94 bis 98 Prozent.
- Zielklinik: Direkter und vorangemeldeter Transport in eine Klinik mit 24-Stunden-Endoskopie-Bereitschaft!
💡 MERKE:
Die obere GIB zeigt sich durch Kaffeesatzerbrechen und schwarzen Teerstuhl. Die untere GIB zeigt sich durch hellrotes Blut aus dem Darm. Das Hauptrisiko ist der Volumenmangelschock (Kalter Schweiß, schneller Puls, tiefer Blutdruck).Die Therapie besteht aus Schockbekämpfung (Volumengabe über großlumige Zugänge) und striktem Aspirationsschutz bei Erbrechen!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2017). S2k-Leitlinie Gastrointestinale Blutung (AWMF-Registernummer: 021-028).(Anmerkung: Die rechtssichere Referenzleitlinie, welche die Einteilung am Treitz-Band, die klinischen Zeichen und das Schockmanagement interdisziplinär festschreibt).
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Einleitung: Bauchfellentzündung (Peritonitis)
Das brennende Bauchfell
Herzlich willkommen zum "brettharten" Notfall! Unser gesamter Bauchraum ist mit einer spiegelglatten, sterilen und extrem sensiblen Haut ausgekleidet: dem Bauchfell (Peritoneum). Es umschließt die Organe und sorgt dafür, dass sie reibungslos aneinandergleiten können. Wenn dieses Gewebe massiv gereizt oder infiziert wird, reagiert der Körper mit einer massiven Entzündung, die sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Bauchhöhle ausbreitet. Der Patient entwickelt stärkste, vernichtende Schmerzen und gerät rasend schnell in eine lebensgefährliche Schockspirale.
1. Die Entstehung (Primär vs. Sekundär)
Die Medizin teilt die Peritonitis danach ein, woher die Erreger stammen. Für den Rettungsdienst ist fast ausschließlich die sekundäre Form von Bedeutung.
- Die primäre Peritonitis: Diese Form ist extrem selten. Hierbei gelangen Bakterien über die Blutbahn in den Bauchraum, ohne dass ein Organ geplatzt ist (oft bei Patienten mit fortgeschrittener Leberzirrhose und Bauchwasser).
- Die sekundäre Peritonitis: Der absolute Klassiker der Notfallmedizin! Die Entzündung wird durch ein erkranktes Organ im Bauchraum ausgelöst. Die häufigste Ursache ist die Perforation (der Durchbruch). Ein entzündeter Blinddarm, ein Magengeschwür oder ein entzündetes Divertikel platzt. Schlagartig ergießen sich hochaggressive Magensäure, Eiter oder fäkale Bakterienmassen aus dem Darm in die eigentlich sterile Bauchhöhle.
2. Die Symptome (Das brettharte Abdomen)
Die Symptome der Peritonitis sind extrem eindrücklich und dürfen am Einsatzort niemals übersehen werden.
- Der somatische Schmerz: Der Patient hat stärkste, messerscharfe und oft brennende Schmerzen. Jede noch so kleine Erschütterung (sogar das Atmen oder der Tritt des Sanitäters auf den Boden des Rettungswagens) bereitet Höllenqualen.
- Die Abwehrspannung (Défense musculaire): Das wichtigste klinische Zeichen! Wenn wir den Bauch abtasten, fühlen sich die Bauchmuskeln extrem hart an (wie ein Holzbrett). Das ist keine Absicht des Patienten, sondern ein unwillkürlicher Schutzreflex des Körpers, um das entzündete Bauchfell ruhigzustellen.
- Der Loslassschmerz (Blumberg-Zeichen): Drückt man langsam auf den Bauch, tut es weh. Lässt man die Hand dann schlagartig los, federt das Bauchfell zurück, was zu einem plötzlichen, stechenden Vernichtungsschmerz führt.
- Die Schonhaltung: Der Patient liegt absolut regungslos und flach im Bett, meist mit stark angezogenen Beinen, um die Bauchdecke maximal zu entspannen.
3. Die Lebensgefahr (Der Third-Space-Verlust und Schock)
Die Peritonitis tötet den Patienten auf 2 Wegen gleichzeitig: Durch Flüssigkeitsverlust und durch eine Sepsis (Blutvergiftung).
- Der Third-Space-Verlust: Das entzündete Bauchfell schwillt massiv an und schwitzt gigantische Mengen an Flüssigkeit aus den Blutgefäßen in die Bauchhöhle ab (in den sogenannten "dritten Raum"). Diese Flüssigkeit (oft mehrere Liter) fehlt dem Blutkreislauf schlagartig. Es entsteht ein massiver Volumenmangelschock.
- Der septische Schock: Die Bakterien aus dem Bauchraum dringen in die Blutbahn ein. Die Blutgefäße im gesamten Körper stellen sich weit.
- Die Vitalparameter: Die Herzfrequenz steigt extrem an (meist weit über 100 Schläge pro Minute), die Haut wird aschfahl und kaltschweißig, und der systolische Blutdruck bricht schließlich ein. Oft liegt hohes Fieber vor, bei einem sehr späten, schweren Schock kann der Patient aber auch stark unterkühlt sein.
4. Präklinische Therapie (Volumen und Analgesie)
Wir stehen vor einem Patienten im akuten Schock. Die Heilung kann nur der Chirurg im OP bringen (indem er den Bauch spült und das Loch flickt). Wir müssen den Transport dorthin sichern!
- Die bauchdeckenentspannende Lagerung: Absolute Pflicht! Flache Rückenlage mit einer dicken Rolle unter den Kniekehlen (oder Beine angewinkelt aufstellen lassen). Jede Erschütterung beim Transport muss vermieden werden.
- Absolute Nahrungskarenz: Nulldiät. Kein Tropfen Wasser, da der OP in wenigen Minuten wartet.
- Massive Volumentherapie: Es müssen sofort 1 bis 2 großlumige venöse Zugänge gelegt werden. Fällt der systolische Blutdruck unter 90 Millimeter Quecksilbersäule, wird sofort kristalloide Flüssigkeit (meist im Schuss) infundiert, um den massiven Volumenverlust in den Bauchraum (Third-Space) auszugleichen.
- Aggressive Analgesie: Der Schmerz ist extrem und treibt den Schock weiter voran. Der Patient erhält starke, intravenöse Schmerzmittel (Opiate wie Fentanyl).
- Zielklinik: Direkter Transport mit Voranmeldung ("Verdacht auf Peritonitis / Akutes Abdomen") in den Schockraum einer Klinik mit Viszeralchirurgie und Intensivstation.
💡 MERKE:
Die Peritonitis ist meist die Folge eines geplatzten Organs (Blinddarm, Magen, Darm).Leitsymptome sind der brettharte Bauch (Abwehrspannung), stärkster Schmerz bei Erschütterung und die Schonhaltung. Es besteht akute Lebensgefahr durch den massiven Flüssigkeitsverlust (Third-Space) in die Bauchhöhle und den septischen Schock! Die Therapie besteht aus Knierolle, aggressiver Schmerztherapie und massiver Volumengabe.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2020). S3-Leitlinie Intraabdominelle Infektionen und Peritonitis (AWMF-Registernummer: 082-004).(Anmerkung: Die wissenschaftliche und rechtssichere Basisleitlinie für die Pathophysiologie, die Klassifikation und das zwingende Schockmanagement der Peritonitis).
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Einleitung: Darmverschluss (Ileus)
Der totale Stau im Rohrleitungssystem
Herzlich willkommen bei der größten Transportstörung des Körpers! Bei einem Ileus ist die Passage des Darminhalts komplett unterbrochen. Das hat fatale Folgen: Vor dem Verschluss staut sich alles auf. Der Darm dehnt sich massiv aus, die Durchblutung der Darmwand bricht zusammen und Bakterien beginnen, die Wand zu durchwandern. Es droht das Absterben von Darmanteilen und eine anschließende Peritonitis. Wir unterscheiden hierbei 2 völlig unterschiedliche Ursachen.
1. Die zwei Gesichter des Ileus
Die Unterscheidung ist für die Chirurgen in der Klinik lebenswichtig, da sie die Art der Operation bestimmt.
- Der mechanische Ileus: Hier blockiert ein physisches Hindernis den Weg. Das kann ein Tumor sein, ein harter Kotballen, eine Verdrehung des Darms (Volvulus) oder – sehr häufig – eine Einklemmung in einer Bruchpforte (z.B. Leistenhernie). Auch Verwachsungen nach früheren Operationen (Briden) sind eine häufige Ursache. Das Kennzeichen: Der Darm kämpft gegen das Hindernis an (starke, krampfartige Peristaltik).
- Der paralytische Ileus (Darmlähmung): Hier gibt es kein mechanisches Hindernis, aber die Darmmuskulatur hat ihre Arbeit eingestellt. Das passiert oft nach Entzündungen im Bauchraum (z.B. Peritonitis), nach schweren Operationen, durch Medikamente (z.B. Opiate) oder bei Durchblutungsstörungen (Mesenterialinfarkt). Das Kennzeichen: Es herrscht absolute Totenstille im Bauch.
2. Die 4 Leitsymptome (Die klassische Kardinal-Symptomatik)
Ein Ileus zeigt sich meist durch eine Kombination aus 4 Symptomen, die wir im Rettungsdienst gezielt abfragen.
- Schmerz: Beim mechanischen Ileus tritt der Schmerz meist wellenförmig und krampfartig (Kolik) auf. Beim paralytischen Ileus ist der Schmerz eher dauerhaft und dumpf.
- Erbrechen: Da es unten nicht weitergeht, sucht sich der Inhalt den Weg nach oben. Je höher der Verschluss liegt, desto früher und heftiger erbricht der Patient. Im Spätstadium kann es zum "Miserere" kommen – dem Erbrechen von stuhligem Mageninhalt.
- Meteorismus (Blähbauch): Der Bauch ist prall gefüllt mit Gasen und angestautem Inhalt. Er fühlt sich oft wie eine Trommel an.
- Stuhl- und Windverhalt: Der Patient hat seit Tagen keinen Stuhlgang mehr und kann auch keine Winde (Gase) mehr ablassen.
3. Präklinische Therapie und Management
Der Patient verliert bei einem Ileus gigantische Mengen an Flüssigkeit in den Darmraum. Wir müssen das System stabilisieren.
- Bauchdeckenentspannende Lagerung: Genau wie beim akuten Abdomen: Flachlagerung mit einer Rolle unter den Kniekehlen (Knierolle), um den Druck vom Bauch zu nehmen.
- Absolute Nahrungskarenz: Nulldiät! Kein Schluck Wasser, da dies das Erbrechen und die Dehnung des Darms nur verschlimmern würde. Zudem ist die OP fast immer unumgänglich.
- Flüssigkeitssubstitution: Der Patient befindet sich im Schock oder kurz davor. Wir legen mindestens 1 großlumigen venösen Zugang und geben kristalloide Infusionslösungen (nach SAA), um den Volumenverlust auszugleichen.
- Magensonde (wenn kompetenzmäßig erlaubt): Bei massivem Erbrechen kann eine Magensonde zur Entlastung gelegt werden, um das Risiko einer Aspiration (Einatmen von Erbrochenem) zu senken.
- Aspirationsschutz: Da der Patient jederzeit unkontrolliert erbrechen kann, muss er im Rettungswagen immer so gelagert werden, dass er bei Erbrechen sofort zur Seite gedreht werden kann (Absaugbereitschaft!).
💡 MERKE:
Der mechanische Ileus kämpft (Koliken, klingende Darmgeräusche).Der paralytische Ileus schläft (dumpfer Schmerz, Totenstille im Bauch).Das Erbrechen von Kot (Miserere) ist ein lebensgefährliches Spätstadium. Die Therapie besteht aus Nulldiät, Knierolle, Volumengabe und strengem Aspirationsschutz!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2020). S2k-Leitlinie Ileus beim Erwachsenen (AWMF-Registernummer: 005-001).(Anmerkung: Die wissenschaftliche Referenzleitlinie für die Definition, Unterscheidung und die dringliche Indikation zur operativen Entlastung).
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Einleitung: Gallenblasenkolik, Cholezystitis und Perforation
Der Stau in der Fettverdauung
Herzlich willkommen im rechten Oberbauch! Die Leber produziert kontinuierlich Gallensaft, der für die Verdauung von Fetten benötigt wird. Dieser Saft wird in einem kleinen Vorratsbehälter unter der Leber, der Gallenblase, zwischengespeichert und eingedickt. Essen wir etwas sehr Fettiges, zieht sich die Gallenblase zusammen und spritzt den Saft über den Gallengang in den Zwölffingerdarm. Wenn diese Flüssigkeit auskristallisiert, entstehen Gallensteine. Diese Steine sind der Auslöser für unsere 3 Eskalationsstufen.
Stufe 1: Die Gallenblasenkolik (Der Stau)
Das ist das rein mechanische Anfangsstadium. Ein Gallenstein wandert mit dem Gallensaft aus der Blase in den Ausführungsgang und bleibt dort stecken.
- Die Pathophysiologie: Das Rohr ist dicht. Die Gallenblase zieht sich nun krampfartig zusammen, um den Stein gegen den Widerstand durch das Rohr zu pressen.
- Der Schmerzcharakter: Typischer viszeraler Schmerz! Er ist extrem stark, krampfartig und tritt in Wellen auf (an- und abschwellend). Der Patient krümmt sich oft und findet keine schmerzfreie Position.
- Die Ausstrahlung: Ein absolutes Leitsymptom ist die Ausstrahlung des Schmerzes in die rechte Schulter oder den rechten Rücken!
- Der Auslöser: Tritt typischerweise nach ausgiebigen, fettreichen Mahlzeiten auf.
Stufe 2: Akute Cholezystitis (Die Entzündung)
Rutscht der Stein nicht von selbst weiter, eskaliert die Situation. Wir verlassen das mechanische Problem und betreten das entzündliche Stadium.
- Die Pathophysiologie: Der Gallensaft staut sich massiv zurück. Die Gallenblase dehnt sich immer weiter aus. Die Wände werden schlecht durchblutet, Reizstoffe aus der Galle schädigen die Schleimhaut, und Bakterien aus dem Darm wandern ein. Die Gallenblase entzündet sich (Cholezystitis).
- Der Schmerzcharakter: Der Schmerz wechselt von viszeral zu somatisch! Er ist nun nicht mehr wellenförmig, sondern dauerhaft, stechend und scharf auf den rechten Oberbauch begrenzt.
- Das Murphy-Zeichen: Ein klassischer Test im Rettungsdienst: Man drückt die Hand tief in den rechten Oberbauch und bittet den Patienten, tief einzuatmen. Dadurch rutscht die entzündete Gallenblase gegen die Hand des Sanitäters. Der Patient verspürt einen schlagartigen Schmerz und stoppt die Einatmung sofort.
- Begleitsymptome: Der Patient entwickelt nun Fieber (oft über 38 Grad Celsius), Schüttelfrost und allgemeines Krankheitsgefühl.
Stufe 3: Die Gallenblasenperforation (Der Durchbruch)
Das ist der chirurgische Worst Case und führt uns direkt zur sekundären Peritonitis, die wir vorhin besprochen haben.
- Die Pathophysiologie: Die Gallenblase ist maximal entzündet und prall gefüllt. Der Druck ist so hoch, dass das Gewebe abstirbt (Nekrose). Die Wand reißt auf!
- Die Folge: Hochaggressive Galle, Bakterien und Eiter ergießen sich in die freie Bauchhöhle.
- Das klinische Bild: Aus dem lokalen Schmerz im rechten Oberbauch wird schlagartig ein bretthartes Abdomen mit stärksten, diffusen Schmerzen, Abwehrspannung und einem rasanten septischen Volumenmangelschock.
Präklinische Therapie (Je nach Stufe)
Wir müssen am Einsatzort erkennen, in welcher der 3 Stufen sich der Patient befindet, um das richtige Medikament zu wählen.
- Lagerung und Basis: Bauchdeckenentspannende Lagerung (Knierolle) und strikte Nahrungskarenz (Nulldiät).
- Therapie bei Kolik: Hier ist die Gallenblase noch nicht entzündet, sondern sie krampft. Die Therapie der Wahl (nach SAA oder ärztlicher Anordnung) ist ein starkes krampflösendes Medikament (Spasmolytikum, wie Butylscopolamin / Buscopan). Zusätzlich wird oft ein starkes Schmerzmittel (wie Metamizol) gegeben.
- Therapie bei Entzündung/Perforation: Hier krampft nichts mehr, hier brennt es! Krampflöser helfen jetzt nicht mehr. Der Patient braucht sofort hochpotente Schmerzmittel (Opiate wie Fentanyl oder Morphin). Bei Schockzeichen (Perforation) müssen großlumige Zugänge gelegt und massiv Flüssigkeit gegeben werden.
- Symptombekämpfung: Patienten mit Gallenproblemen leiden fast immer unter massiver Übelkeit. Die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit, wie Dimenhydrinat oder Ondansetron) ist sehr wichtig.
💡 MERKE:
Die Kolik krampft in Wellen (viszeral), oft nach fettigem Essen, mit Ausstrahlung in die rechte Schulter. Spasmolytika helfen. Die Cholezystitis ist eine dauerhafte Entzündung (somatisch) mit Fieber und positivem Murphy-Zeichen. Die Perforation ist der Durchbruch, der zum lebensgefährlichen brettharten Abdomen (Peritonitis) führt.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2018). S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Gallensteinen (AWMF-Registernummer: 021-008).(Anmerkung: Die interdisziplinäre Basisleitlinie, welche die Pathophysiologie von der Kolik bis zur Perforation exakt definiert und das Murphy-Zeichen zur Diagnostik empfiehlt).
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Einleitung: Geschwürerkrankungen (Ulkus ventriculi und Ulkus duodeni)
Wenn die Säure das eigene Gewebe frisst
Herzlich willkommen bei den säurebedingten Notfällen! Unser Magen produziert extrem aggressive Salzsäure, um Nahrung zu zersetzen und Bakterien abzutöten. Damit sich der Magen dabei nicht selbst verdaut, ist er mit einer dicken, schützenden Schleimschicht ausgekleidet. Kippt dieses Gleichgewicht (zu viel Säure oder zu wenig Schleim), greift die Säure die Magenwand an. Es entsteht erst eine oberflächliche Entzündung (Gastritis) und schließlich ein tiefes Loch in der Wand: ein Geschwür (Ulkus).
1. Die Unterscheidung (Der Schmerz und das Essen)
Wir unterscheiden 2 Hauptorte für diese Geschwüre, die sich am Einsatzort oft durch eine ganz gezielte Anamnesefrage (den Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme) voneinander abgrenzen lassen.
- Das Magengeschwür (Ulkus ventriculi): Das Geschwür liegt direkt im Magen. Der Schmerz tritt typischerweise unmittelbar nach oder während dem Essen auf (Sofortschmerz), da die eintreffende Nahrung die Säureproduktion massiv ankurbelt und der Magen sich stark bewegt. Betroffen sind oft eher ältere Patienten.
- Das Zwölffingerdarmgeschwür (Ulkus duodeni): Das Geschwür liegt im ersten Darmabschnitt direkt hinter dem Magen. Hier herrscht der klassische Nüchternschmerz! Der Patient hat extreme Schmerzen, wenn der Magen leer ist (oft nachts). Isst der Patient etwas, wird die Säure durch den Speisebrei abgepuffert, und der Schmerz verschwindet für einige Stunden, bis der Magen wieder leer ist.
2. Die Ursachen (Die Zerstörer der Schutzschicht)
Geschwüre entstehen nicht einfach so. Wir fragen im Rettungsdienst gezielt nach 2 absoluten Hauptauslösern, die die schützende Schleimhaut zerstören.
- Medikamente (NSAR): Die absolut häufigste Ursache bei älteren Patienten! Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (wie Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure/ASS) blockieren Enzyme, die für die Produktion des schützenden Magenschleims verantwortlich sind. Der Magen wird schutzlos.
- Das Bakterium (Helicobacter pylori): Ein raffiniertes Bakterium, das in der extrem sauren Umgebung des Magens überleben kann. Es nistet sich in der Schleimhaut ein, produziert Ammoniak, neutralisiert damit seine Umgebung und zerstört schleichend die Schutzbarriere.
- Stressulkus: Tritt bei extremen körperlichen Belastungen auf, wie nach schweren Unfällen (Polytrauma), massiven Verbrennungen oder großen Operationen.
3. Die Komplikationen (Der Notfall)
Das Geschwür an sich tut "nur" weh (viszeraler, bohrender Oberbauchschmerz). Lebensgefährlich wird es erst, wenn es sich zu tief in die Wand frisst.
- Die Blutung: Das Geschwür frisst sich in ein Blutgefäß in der Magenwand. Es entsteht die klassische obere Gastrointestinale Blutung (OGIB), die wir bereits besprochen haben (mit Kaffeesatzerbrechen, Teerstuhl und Volumenmangelschock).
- Die Perforation (Der Durchbruch): Das Geschwür frisst sich komplett durch die Magenwand hindurch. Die aggressive, ätzende Magensäure und Speisereste fließen in die sterile Bauchhöhle. Der Patient entwickelt aus heiterem Himmel einen absolut vernichtenden Schmerz und ein bretthartes Abdomen (sekundäre Peritonitis).
4. Präklinische Therapie (Lagerung und Medikamentenfalle)
Das präklinische Management richtet sich danach, ob der Patient "nur" Schmerzen hat, ob er blutet oder ob er perforiert ist.
- Die Medikamenten-Falle: Einem Patienten mit unklaren oder bohrenden Oberbauchschmerzen dürfen im Rettungsdienst NIEMALS Medikamente wie Ibuprofen, Diclofenac oder ASS gegeben werden! Diese zerstören den Magenschleim weiter, hemmen die Blutgerinnung und können eine tödliche Blutung auslösen.
- Die Analgesie: Ist das Geschwür perforiert (Peritonitis), benötigt der Patient sofort starke, intravenös verabreichte Opiate (wie Fentanyl). Krampflöser (Spasmolytika) sind hier wirkungslos, da der Magen nicht krampft, sondern brennt.
- Die Lagerung: Bei Blutungen (Schock) erfolgt die Schocklage (sofern der Patient nicht erbricht). Bei einer Perforation erfolgt zwingend die bauchdeckenentspannende Lagerung (Knierolle) bei leicht erhöhtem Oberkörper.
- Kreislaufstabilisierung: Volumengabe über großlumige venöse Zugänge bei Schockzeichen.
💡 MERKE:
Ein Magengeschwür schmerzt direkt nach dem Essen. Ein Zwölffingerdarmgeschwür schmerzt bei leerem Magen (Nüchternschmerz) und bessert sich durch Nahrungsaufnahme. Die Hauptursachen sind Schmerzmittel (Ibuprofen/ASS) und das Bakterium Helicobacter pylori. Bei Verdacht auf ein Geschwür sind NSAR-Schmerzmittel im Rettungsdienst absolut kontraindiziert!
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2022). S2k-Leitlinie Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit (AWMF-Registernummer: 021-001).(Anmerkung: Die wissenschaftliche Referenz, welche die Ursachen [NSAR und Helicobacter] sowie die Abgrenzung der Schmerzsymptomatik rechtssicher definiert).
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Einleitung: Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Akute Pankreatitis)
Die Selbstverdauung der Drüse
Herzlich willkommen im retroperitonealen Raum (hinter dem Bauchfell)! Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) ist ein Hochleistungsorgan. Sie produziert Insulin für den Blutzucker und hochaggressive Verdauungsenzyme (wie Lipase und Amylase). Normalerweise sind diese Enzyme inaktiv, solange sie in der Drüse sind. Sie werden erst "scharfgeschaltet", wenn sie im Darm ankommen. Bei der akuten Pankreatitis kippt dieses System: Die Enzyme werden bereits in der Bauchspeicheldrüse aktiv und beginnen, das eigene Organgewebe aggressiv zu zersetzen!
1. Die zwei Hauptursachen (Galle und Alkohol)
Die Medizin kennt viele Auslöser für eine Pankreatitis (wie bestimmte Medikamente oder Virusinfektionen), aber in der Präklinik treffen wir fast immer auf eine von 2 Hauptursachen.
- Biliäre Pankreatitis (Der Gallenstein): Die häufigste Ursache! Der Ausführungsgang der Gallenblase und der Ausführungsgang der Bauchspeicheldrüse münden gemeinsam in den Zwölffingerdarm. Wenn ein Gallenstein genau in dieser gemeinsamen Mündung (Papille) stecken bleibt, staut sich der Gallensaft rückwärts in die Bauchspeicheldrüse. Die Drüse steht unter Druck und entzündet sich.
- Toxische Pankreatitis (Der Alkohol): Die zweithäufigste Ursache. Ein chronischer oder akuter, exzessiver Alkoholkonsum wirkt direkt giftig (toxisch) auf die Zellen der Drüse und bringt den Abfluss der Enzyme zum Erliegen.
2. Die Symptome (Der Gürtelschmerz und Gummibauch)
Die Pankreatitis verursacht Schmerzen, die von Patienten oft als die schlimmsten ihres Lebens beschrieben werden.
- Der gürtelförmige Schmerz: Das absolute Leitsymptom! Der Schmerz beginnt im linken bis mittleren Oberbauch und strahlt wie ein enger Gürtel beidseitig in den Rücken aus.
- Der "Gummibauch": Im Gegensatz zur Peritonitis, bei der der Bauch bretthart wird, ist die Bauchdecke hier oft prall und elastisch gespannt (Meteorismus), lässt sich aber noch eindrücken. Man spricht vom Gummibauch.
- Die Schonhaltung: Der Patient windet sich vor Schmerzen und sitzt oft mit extrem stark angezogenen Beinen und vorgebeugtem Oberkörper da, um die Drüse, die weit hinten im Bauchraum liegt, zu entlasten.
- Schwere Übelkeit: Die Patienten erbrechen massiv, oft bis nur noch Gallensaft kommt.
- Spätzeichen (Hautblutungen): Bei einer schweren, zerstörerischen (nekrotisierenden) Pankreatitis blutet die Drüse in den Bauchraum. Nach einigen Tagen zeigen sich bläuliche Flecken um den Bauchnabel (Cullen-Zeichen) oder an den Flanken (Grey-Turner-Zeichen).
3. Die Lebensgefahr (SIRS und Schock)
Die Pankreatitis ist keine lokale Erkrankung, sie bringt den ganzen Körper zum Entgleisen.
- Das Systemische Entzündungssyndrom (SIRS): Die freigesetzten, aggressiven Enzyme und Entzündungsstoffe gelangen in die Blutbahn. Der Körper reagiert mit einer massiven, systemischen Entzündung.
- Der Third-Space-Verlust: Genau wie bei der Peritonitis werden die Blutgefäße durchlässig. Der Patient verliert in kürzester Zeit viele Liter Blutplasma (Wasser) in den Bauchraum und das umliegende Gewebe. Es entsteht ein massiver Volumenmangelschock (niedriger Blutdruck, Herzrasen).
4. Präklinische Therapie (Volumen, Analgesie und Nulldiät)
Wir können die Selbstverdauung auf der Straße nicht stoppen, aber wir müssen den Kreislauf retten.
- Nahrungskarenz (Nulldiät): Absolute Priorität! Alles, was der Patient isst oder trinkt, regt die Bauchspeicheldrüse an, noch mehr zerstörerische Enzyme zu produzieren.
- Die bauchdeckenentspannende Lagerung: Flachlagerung oder leichter Oberkörper hoch, zwingend mit dicker Knierolle, um den Zug vom Bauch zu nehmen.
- Massive Volumentherapie: Durch den Third-Space-Verlust braucht der Patient Flüssigkeit! Es werden 1 bis 2 großlumige Zugänge gelegt. Fällt der systolische Blutdruck unter 90 Millimeter Quecksilbersäule, muss kristalloide Infusionslösung im Schuss gegeben werden.
- Aggressive Analgesie: Der Schmerz ist oft so stark, dass er zum Schock beiträgt. Es müssen starke, intravenöse Opiate (wie Fentanyl) nach ärztlicher Anordnung oder SOP verabreicht werden.
- Zielklinik: Vorangemeldeter Transport in eine Klinik mit Viszeralchirurgie und Intensivstation.
💡 MERKE:
Die Pankreatitis ist die Selbstverdauung der Drüse. Hauptursachen sind Gallensteine oder Alkohol. Leitsymptome sind der gürtelförmige Oberbauchschmerz, der in den Rücken ausstrahlt, und der Gummibauch. Die Lebensgefahr entsteht durch das systemische Entzündungssyndrom und den massiven Volumenverlust (Third-Space).Die Akuttherapie besteht aus absoluter Nulldiät, Volumengabe und Opiaten.
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2021). S3-Leitlinie Akute und chronische Pankreatitis (AWMF-Registernummer: 021-003).(Anmerkung: Die wissenschaftliche Referenzleitlinie für die Pathophysiologie, die Schmerzcharakteristik und das dringende Volumenmanagement bei der akuten Pankreatitis).
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Einleitung: Entzündung des Wurmfortsatzes (Appendizitis)
Der Stau im "toten Gleis"
Herzlich willkommen im rechten Unterbauch! Der Blinddarm (Caecum) ist der Beginn des Dickdarms. An ihm hängt ein bleistiftgroßes Anhängsel: der Wurmfortsatz (Appendix vermiformis). Da dieser eine Sackgasse ist, können sich dort Kotsteine, Fremdkörper (wie Kerne) oder bei Kindern auch Parasiten verfangen und den Ausgang verstopfen. Wenn der Schleim nicht mehr abfließen kann, vermehren sich Bakterien explosionsartig, und der Wurmfortsatz entzündet sich.
1. Die Schmerzwanderung (Das Leitsymptom)
Die Appendizitis hat einen sehr charakteristischen Schmerzverlauf, den du im Rettungsdienst gezielt abfragen musst.
- Phase 1 (Viszeral): Der Schmerz beginnt meist ungenau und diffus in der Magengegend (Epigastrium) oder um den Bauchnabel herum (Periumbilikal). Der Patient klagt über Übelkeit und Appetitlosigkeit.
- Phase 2 (Somatisch): Nach etwa 4 bis 24 Stunden wandert der Schmerz in den rechten Unterbauch. Er wird nun scharf, stechend und ist exakt lokalisierbar, da die Entzündung nun das Bauchfell in diesem Bereich reizt.
2. Die klinischen Untersuchungspunkte
In der Schule und im Einsatz nutzen wir klassische Druckpunkte, um den Verdacht zu erhärten.
- McBurney-Punkt: Liegt in der Mitte einer gedachten Linie zwischen dem Bauchnabel und dem rechten vorderen Beckenkammknochen. Druckschmerz hier ist hochverdächtig.
- Lanz-Punkt: Liegt im rechten Drittel einer Linie zwischen beiden vorderen Beckenkammknochen.
- Blumberg-Zeichen (Loslassschmerz): Man drückt im linken Unterbauch vorsichtig ein und lässt schlagartig los. Wenn es daraufhin im RECHTEN Unterbauch wehtut (kontralateraler Loslassschmerz), ist das Bauchfell bereits gereizt.
- Psoas-Zeichen: Der Patient verspürt Schmerzen im rechten Unterbauch, wenn er sein rechtes Bein gegen Widerstand anhebt (da der entzündete Appendix auf dem Psoas-Muskel liegt).
3. Die Komplikation: Perforation (Der Durchbruch)
Wenn die Entzündung nicht gestoppt wird, stirbt das Gewebe ab und der Wurmfortsatz platzt.
- Der faule Friede: Unmittelbar nach dem Platzen lässt der Schmerz oft für kurze Zeit schlagartig nach, da der Druck im Appendix weg ist.
- Die Katastrophe: Kurz darauf verteilt sich der Eiter in der gesamten Bauchhöhle. Die Folge ist eine diffuse Peritonitis mit bretthartem Bauch und septischem Schock, wie wir es im Modul "Bauchfellentzündung" besprochen haben.
4. Präklinische Therapie (Basics und Kühlung)
Da wir präklinisch keine Medikamente zur Heilung haben, konzentrieren wir uns auf die Symptomlinderung und den sicheren Transport.
- Bauchdeckenentspannende Lagerung: Flachlagerung mit der obligatorischen Knierolle zur Entlastung des rechten Unterbauchs.
- Nahrungskarenz (Nulldiät): Absolut nichts essen oder trinken, da eine Operation innerhalb der nächsten Stunden extrem wahrscheinlich ist.
- Analgesie: Bei starken Schmerzen werden nach ärztlicher Anordnung oder SOP Schmerzmittel (meist Metamizol oder vorsichtig dosierte Opiate) gegeben.
- Die "Eisblase": Eine lokale Kühlung des rechten Unterbauchs kann schmerzlindernd wirken und die Entzündungsprozesse minimal verlangsamen.
- Vorsicht bei Wärme: Wärme ist absolut kontraindiziert, da sie die Durchblutung fördert und das Platzen (Perforation) beschleunigen kann!
💡 MERKE:
Die Appendizitis zeigt oft eine Schmerzwanderung vom Bauchnabel in den rechten Unterbauch.Klassische Diagnosehilfen sind der McBurney-Punkt und der Loslassschmerz.Das plötzliche Nachlassen der Schmerzen kann ein Zeichen für eine Perforation (Durchbruch) sein!Die Therapie besteht aus Knierolle, Nulldiät und Kühlung (keine Wärme!).
Literatur und Quellen für dieses Modul
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. [AWMF] (2023). S2k-Leitlinie Appendizitis (AWMF-Registernummer: 006-002).(Anmerkung: Die aktuelle medizinische Referenz für die diagnostischen Pfade und die Differenzierung zwischen unkomplizierter und perforierter Appendizitis).