Wunden und Blutungen gehören zu den häufigsten Einsatzanlässen im Rettungsdienst – vom Schnitt in den Finger bis zur lebensbedrohlichen Extremitätenblutung. Entscheidend ist, schnell zu erkennen, welche Blutung sofort gestoppt werden muss, und jede Wunde so zu versorgen, dass keine zusätzlichen Schäden entstehen.
Die Haut ist das größte Organ des Körpers und die wichtigste mechanische Barriere gegen Keime. Eine Wunde ist ein krankhafter Gewebedefekt mit Substanzverlust und eingeschränkter Gewebefunktion. Die präklinische Versorgung verfolgt realistische Ziele: Blutungen stillen, den Defekt sauber und trocken abdecken, weitere Schädigung verhindern – die endgültige Reinigung und der Verschluss bleiben der Klinik vorbehalten.
Merke: Jede Wunde bedeutet eine Störung der Hautfunktionen – neben der Blutung drohen Infektion, Nervenschäden und bei großflächigen Verletzungen ein relevanter Flüssigkeitsverlust bis zum Schock.
Wunden werden nach ihrer Entstehung eingeteilt. Die Art der Verletzung gibt wichtige Hinweise auf mögliche Begleitschäden und das Infektionsrisiko:
Chronische Wunden wie ein Druckgeschwür (Dekubitus) oder ein offenes Bein (Ulcus cruris) beruhen meist auf einer Grunderkrankung wie Diabetes oder Durchblutungsstörungen. Sie sind im Rettungsdienst selten Einsatzgrund, werden aber beim Krankentransport vorgefunden und müssen bei Lagerung und Umlagerung geschont werden.
Bevor eine Wunde versorgt wird, verschafft man sich einen strukturierten Überblick. Beurteilt werden:

Bei einer relevanten Blutung hat deren Stillung immer Vorrang vor jeder weiteren Beurteilung. Die Befunde werden dokumentiert, damit in der Klinik nachvollziehbar ist, wie die Wunde vor dem Anlegen des Verbands aussah.
Ein Verband besteht aus drei Teilen: einer sterilen, nicht verklebenden Wundauflage direkt auf der Wunde, einer Polsterung und einer Fixierung. Er muss rutschfest sitzen, darf nicht einschnüren und sollte trocken bleiben – einzige Ausnahme sind vorgefallene Organe, etwa Darmschlingen, die feucht und steril abgedeckt werden. Nach jedem Verband an einer Extremität wird die DMS geprüft; ein zu straffer Verband wird sofort gelockert. Ausnahme ist das Tourniquet, das bewusst so fest angelegt wird, dass die arterielle Blutzufuhr unterbrochen wird.
Zur Verfügung stehen sterile Kompressen, aluminiumbedampfte Kompressen für Verbrennungen, Verbandpäckchen in verschiedenen Größen, Verbandtücher für großflächige Wunden und blutstillende Auflagen. Fixiert wird mit Dreiecktuch, Mull- oder elastischen Binden und Klebeband. Bei Wunden an Gelenken wird das Gelenk in Funktionsstellung mit eingebunden, damit der Verband bei Bewegung nicht verrutscht.
Am Einsatzort unterbleiben: das Berühren der Wundfläche mit bloßen Händen, Wundspülungen (außer bei Verätzungen), Desinfektionsmittel, Puder oder Salben in der Wunde, das Entfernen von Fremdkörpern und das Zurückverlagern vorgefallenen Gewebes.
Achtung: Bei jedem möglichen Kontakt mit Blut, Sekret oder Erbrochenem sind konsequent Schutzhandschuhe und bei Bedarf Augenschutz zu tragen.
Jede Wunde ist mit Keimen besiedelt. Zeichen einer beginnenden Wundinfektion sind Rötung, Schwellung, Überwärmung, zunehmender Schmerz und Eiterbildung, später auch Fieber. Breitet sich eine Rötung streifenförmig Richtung Körpermitte aus, spricht das für eine Entzündung der Lymphbahnen – ein Grund für eine zeitnahe ärztliche Vorstellung.
Eine gefürchtete Komplikation ist der Wundstarrkrampf (Tetanus), ausgelöst durch Sporen, die in Erde und Straßenschmutz vorkommen. Schon kleine, verschmutzte Wunden können ausreichen. Deshalb wird bei jeder Wunde nach dem Tetanus-Impfschutz gefragt und das Ergebnis dokumentiert; über eine Auffrischimpfung entscheidet die weiterbehandelnde Ärztin oder der Arzt. Bei Tierbissen, vor allem durch Wildtiere oder im Ausland, ist zusätzlich an Tollwut zu denken.
Ein Erwachsener hat etwa 5–7 Liter Blut. Ein Verlust von rund einem Liter wird oft noch kompensiert, größere Verluste führen zum Volumenmangelschock (siehe Lektion 16 Schock). Äußere Blutungen sind sichtbar, innere Blutungen dagegen nicht – so kann ein Oberschenkelbruch bis zu 2 Liter, ein Beckenbruch mehrere Liter Blut kosten, ohne dass außen Blut zu sehen ist. Hinweise auf eine innere Blutung sind Schockzeichen ohne sichtbare Blutungsquelle, ein passender Unfallmechanismus und eine schmerzhafte Schwellung.
Bedrohliche Blutungen zu kontrollieren hat oberste Priorität – das ABCDE-Schema wird deshalb bei Traumapatienten um einen vorangestellten Schritt zu c-ABCDE bzw. X-ABCDE erweitert (siehe Lektion 11 Basisdiagnostik und Untersuchung).
Die Blutstillung erfolgt gestuft – von der einfachsten, sofort verfügbaren Maßnahme bis zum Tourniquet:
Bei Verdacht auf eine instabile Beckenfraktur wird eine Beckenschlinge auf Höhe der großen Rollhügel (Trochanter) angelegt, um das Beckenvolumen zu verkleinern und die innere Blutung zu reduzieren.
Merke: Das Tourniquet gilt heute als Standardmaßnahme bei lebensbedrohlichen Extremitätenblutungen. Ein zu locker angelegtes Tourniquet blockiert nur den venösen Rückfluss, nicht die arterielle Zufuhr, wodurch die Blutung zunimmt. Der Anlagezeitpunkt wird dokumentiert und gut sichtbar am Patienten vermerkt; ein angelegtes Tourniquet wird präklinisch nicht wieder gelöst.
Innere Blutungen in Brustkorb, Bauch, Becken oder Oberschenkel lassen sich präklinisch nicht stillen. Entscheidend ist, sie früh zu vermuten: Unfallmechanismus, Prellmarken, eine gespannte oder druckschmerzhafte Bauchdecke, ein instabiles Becken, eine Schwellung am Oberschenkel sowie Schockzeichen ohne sichtbare Blutung sind Warnsignale.
Eure Aufgabe ist es, alles zu tun, was die Blutung nicht verschlimmert: Patienten ruhig lagern, Frakturen schienen, Beckenschlinge anlegen, Wärme erhalten, Sauerstoff geben, engmaschig überwachen und den Notarzt früh nachfordern. Da die Blutung nur operativ gestoppt werden kann, ist der zügige Transport in eine geeignete Klinik die wichtigste Therapie.
Fremdkörper wie Messer, Glassplitter, Metallteile oder Äste werden niemals entfernt. Sie verschließen oft selbst die verletzten Gefäße (Tamponade-Effekt); beim Herausziehen kann eine massive, nicht mehr kontrollierbare Blutung entstehen, zudem werden weitere Strukturen verletzt.
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Der Fremdkörper wird mit sterilen Kompressen umpolstert, sodass er sich nicht bewegen kann, und mit Binden fixiert, ohne Druck auf ihn auszuüben. Der Patient wird so gelagert und transportiert, dass der Fremdkörper nicht anstößt. Sehr lange oder fest verankerte Objekte – etwa ein Zaunpfahl – müssen gegebenenfalls von der Feuerwehr gekürzt oder abgetrennt werden. Einzige Ausnahme vom Entfernungsverbot ist ein Fremdkörper, der die Atemwege verlegt oder eine lebensnotwendige Reanimation unmöglich macht. Fremdkörper im Auge werden ebenfalls belassen, beide Augen werden abgedeckt (siehe Lektion 30 Augen- und HNO-Notfälle).
Merke: Fremdkörper werden belassen, ruhiggestellt und in den Verband integriert – die endgültige Versorgung erfolgt nur in der Klinik.
Bei einer Amputationsverletzung ist ein Körperteil vollständig (total) oder teilweise (subtotal) abgetrennt, häufig bei Arbeits-, Maschinen- oder Verkehrsunfällen. Erstaunlicherweise bluten glatte Amputationen manchmal nur wenig, weil sich die durchtrennten Arterien zusammenziehen; bei Quetsch- und Rissamputationen kann die Blutung dagegen massiv sein. Bei größeren Amputationen wird deshalb frühzeitig ein Tourniquet am Stumpf angelegt, der Stumpf wird steril und mit Druck verbunden.
Bei einer subtotalen Amputation wird eine verbliebene Haut- oder Gewebebrücke niemals durchtrennt – sie kann Gefäße und Nerven enthalten, die für eine Replantation entscheidend sind. Das Körperteil wird in möglichst normaler Stellung geschient.
Das Amputat wird ungereinigt und trocken in sterile Kompressen oder ein steriles Tuch gewickelt und in einen wasserdichten Beutel gelegt. Dieser kommt in einen zweiten Beutel mit Wasser und Eis bzw. Kühlelementen, damit das Amputat kühl, aber nicht gefroren bleibt (etwa 4 °C). Der Beutel wird mit Namen und Uhrzeit beschriftet und mit dem Patienten transportiert. Fehlt das Amputat, wird trotzdem sofort transportiert und das Amputat nachgeliefert. Die Zielklinik sollte eine Replantationsmöglichkeit haben – die Auswahl erfolgt über Leitstelle und Notarzt.
Achtung: Das Amputat darf keinesfalls direkten Kontakt mit Wasser oder Eis bekommen – es wird ausschließlich trocken verpackt und von außen gekühlt.
Einen Sonderfall bilden ausgeschlagene Zähne, etwa nach Stürzen oder Sportunfällen. Auch bleibende Zähne können oft wieder eingesetzt werden, wenn die Zahnwurzel nicht austrocknet und nicht beschädigt wird. Der Zahn wird deshalb nur an der Krone angefasst, nicht abgewischt oder gereinigt und möglichst schnell in einer Zahnrettungsbox aufbewahrt – steht keine zur Verfügung, in kalter H-Milch oder physiologischer Kochsalzlösung, keinesfalls trocken oder in Leitungswasser. Die weitere Versorgung sollte möglichst innerhalb der ersten Stunde in einer Zahnklinik oder beim zahnärztlichen Notdienst erfolgen.