17.1 Wunden

Die Haut ist das größte Organ des Körpers und die wichtigste mechanische Barriere gegen Keime. Eine Wunde ist ein krankhafter Gewebedefekt mit Substanzverlust und eingeschränkter Gewebefunktion. Die präklinische Versorgung verfolgt realistische Ziele: Blutungen stillen, den Defekt sauber und trocken abdecken, weitere Schädigung verhindern – die endgültige Reinigung und der Verschluss bleiben der Klinik vorbehalten.

Wichtige akute Wundarten: Platzwunde, Schürfwunde, Quetschwunde, Bisswunde (hohe Infektionsgefahr), Stichwunde, Schusswunde, Schnittwunde, Risswunde, Verbrennung/Erfrierung, Ablederung. Chronische Wunden (Dekubitus, Ulcus cruris) beruhen meist auf einer Grunderkrankung.

Merke: Jede Wunde bedeutet eine Störung der Hautfunktionen – neben der Blutung drohen Infektion, Nervenschäden und bei großflächigen Verletzungen ein relevanter Flüssigkeitsverlust bis zum Schock.

17.1.2 Wundbeurteilung

Beurteilt werden: Wundart/-mechanismus, Lokalisation, Wundränder, Tiefe/Größe, Blutungsart (arteriell/venös), Kontamination, Begleitverletzungen. Bei relevanter Blutung hat deren Stillung immer Vorrang.

17.1.3 Wundversorgung und Verbandlehre

Ein Verband besteht aus steriler Wundauflage, Polsterung und Fixierung – muss rutschfest sitzen und trocken bleiben (Ausnahme: vorgefallene Organe feucht abdecken). Nach jedem Extremitätenverband DMS-Kontrolle. Zu straffe Verbände sofort lockern – Ausnahme ist das Tourniquet.

Verbandmittel: sterile Kompressen, aluminiumbedampfte Kompressen (Verbrennungen), Verbandpäckchen, Verbandtücher, blutstillende Auflagen. Fixierung: Dreiecktuch, Mullbinden, elastische Binden, Klebebänder.

Am Einsatzort unterbleiben: Berühren der Wundfläche mit bloßen Händen, Wundspülung, Desinfektionsmittel in der Wunde, Entfernen von Fremdkörpern, Zurückverlagern vorgefallenen Gewebes.

Achtung: Bei jedem möglichen Kontakt mit Blut, Sekret oder Erbrochenem sind konsequent Schutzhandschuhe und bei Bedarf Augenschutz zu tragen.

17.2 Blutungen und Blutstillung

Bedrohliche Blutungen zu kontrollieren hat oberste Priorität – das ABCDE-Schema wird deshalb um ein vorangestelltes C ("Catastrophic Haemorrhage Control") zu C-ABCDE erweitert.

17.2.1 Prinzipien der Blutstillung

Gestuftes Vorgehen: direkter Druck mit Finger/Hand/Faust, arterielle Kompression an knochennaher Stelle, Hochlagerung. Reicht das nicht: Druckverband (nach Frakturausschluss). Bei tiefen Wundhöhlen: Woundpacking mit anschließendem Druckverband. Bei nicht beherrschbarer Extremitätenblutung: breites Tourniquet proximal der Wunde. Bei instabilem Becken: Beckenschlinge auf Höhe der Trochanteren.

Merke: Das Tourniquet gilt heute als Standardmaßnahme bei lebensbedrohlichen Extremitätenblutungen. Ein zu locker angelegtes Tourniquet blockiert nur den venösen Rückfluss, nicht die arterielle Zufuhr, wodurch die Blutung zunimmt. Der Anlagezeitpunkt muss dokumentiert werden.

17.2.2 Blutstillung nach Regionen

Kopf: Kompressen mit Mullbinde fixieren; bei offenem SHT locker/druckentlastet abdecken. Rumpf: manuelle Kompression + Druckverband; durchdringende Wunden zwischen Kinn und Bauchnabel luftdicht abdecken. Junktionale Zonen (Hals, Achsel, Leiste): Woundpacking, ggf. junktionales Tourniquet. Extremitäten: Hochlagerung + proximale Arterienkompression (A. brachialis/A. femoralis), dann Druckverband, bei Versagen Tourniquet.

17.3 Fremdkörperverletzungen

Fremdkörper werden niemals entfernt (Tamponade-Effekt, Blutungsrisiko) – sie werden mit sterilen Kompressen umhüllt, gepolstert und ruhiggestellt. Sehr lange Objekte müssen ggf. technisch gekürzt werden (Feuerwehr nachfordern).

Merke: Fremdkörper werden belassen, ruhiggestellt und in den Verband integriert – die endgültige Versorgung erfolgt nur in der Klinik.

17.4 Amputationsverletzungen

Total (vollständig) oder subtotal (teilweise) abgetrennt. Bei größeren Amputationen frühzeitig Tourniquet am Stumpf erwägen. Bei subtotaler Amputation eine verbliebene Hautbrücke niemals durchtrennen. Das Amputat wird trocken in sterilem Material verpackt, in einen wasserdichten Beutel, dieser in einen zweiten mit Kühlelementen (Ziel ca. 2°C) – kein direkter Wasserkontakt. Fehlt das Amputat, wird trotzdem sofort transportiert und das Amputat nachgeliefert.

Achtung: Das Amputat darf keinesfalls nassen Wasserkontakt bekommen – es wird ausschließlich trocken verpackt und von außen gekühlt.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • AWMF: S2k-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und traumatischer Wunden
  • AWMF: S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung
  • AWMF: S2k-Leitlinie Behandlung thermischer Verletzungen des Erwachsenen
  • Tactical Combat Casualty Care (TCCC) Guidelines, zivile Adaption
  • European Resuscitation Council (ERC): First Aid Guidelines