Trauma & Äußere Einflüsse
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25 Traumatologische Notfälle

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25.1 Verletzungen des Bewegungsapparates

Bei jedem Traumapatienten prüfst du zunächst, ob eine unmittelbare Lebensgefahr besteht (X-ABCDE), bevor du dich einzelnen Extremitätenverletzungen zuwendest. Gelenk- und Knochenverletzungen sind selten selbst lebensbedrohlich, können aber durch Blutverlust, Schmerzen und Folgeschäden gefährlich werden.

25.1.1 Gelenkverletzungen

Bei einer Distorsion (Verstauchung) wird ein Gelenk kurzfristig über seine normale Bewegungsgrenze hinaus belastet, wodurch Bänder oder Kapselanteile überdehnt werden. Typische Zeichen sind Schmerz, Schwellung und eine schmerzbedingt eingeschränkte Beweglichkeit. Du lagerst die betroffene Extremität hoch, stellst sie ruhig und kühlst vorsichtig.

Bei einer Luxation (Auskugelung) verlässt der Gelenkkopf dauerhaft seine Pfanne und kann sich nicht von selbst zurückstellen. Luxationen sind sehr schmerzhaft und können Nerven oder Gefäße einklemmen – kontrolliere deshalb Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS) distal der Verletzung engmaschig. Die Reposition ist ärztliche Aufgabe; deine Rolle ist Schienung in der vorgefundenen Stellung, DMS-Kontrolle und Transportorganisation. Besonders dringlich sind Luxationen am Sprunggelenk, da hier die Hautdurchblutung schnell gefährdet ist.

25.1.2 Frakturen

Man unterscheidet geschlossene Frakturen (Haut intakt) von offenen Frakturen (Verbindung des Knochens nach außen). Offene Frakturen werden nach Schweregrad eingeteilt, von einer kleinen Durchspießung der Haut bis zur subtotalen Amputation – in jedem Fall besteht ein hohes Infektionsrisiko, weshalb die Wunde steril abgedeckt wird.

Merke: Vor und nach jeder Schienung wird DMS geprüft, dokumentiert und bis zur Übergabe wiederholt kontrolliert.

Frakturen werden achsengerecht unter leichtem Längszug geschient, um Schmerzen zu lindern und Gefäße/Nerven zu entlasten – dabei immer die angrenzenden Gelenke mit ruhigstellen. Je nach Verletzung kommen Vakuum- oder Luftkammerschienen, SAM-Splints, Dreieckstücher oder eine Vakuummatratze zum Einsatz; bei Beckenfrakturen eine Beckenschlinge. Offene Wunden werden vor dem Schienen steril abgedeckt. Bei großen Röhrenknochenbrüchen mit unkontrollierbarer Blutung kann im Extremfall ein Tourniquet erforderlich werden ("life before limb"). Wärmeerhalt, Schockprophylaxe und die frühzeitige Alarmierung des Notarztes zur Schmerztherapie gehören ebenso zur Versorgung wie ein schonender, zügiger Transport.

25.2 Verletzungen der Wirbelsäule

Wirbelsäulenverletzungen werden häufig übersehen und treten oft im Rahmen eines Polytraumas auf. Da Nervengewebe des Rückenmarks kaum regeneriert, sind Schädigungen in der Regel irreversibel; akut droht zusätzlich ein spinaler Schock. Ziel ist es daher, die Wirbelsäule konsequent zu schonen, zu immobilisieren und ohne Zusatzschaden zu transportieren.

25.2.1 Wirbel- und Rückenmarksverletzungen

Je nach Krafteinwirkung entstehen Kompressions-, Luxations- oder Schubfrakturen der Wirbelkörper. Auch ohne sichtbare Fraktur können Erschütterungen oder Einblutungen das Rückenmark schädigen und zu Lähmungen führen. Besonders kritisch sind Verletzungen oberhalb des vierten Halswirbels, da hier der Nervus phrenicus betroffen sein und eine Atemlähmung auslösen kann.

25.2.2 Erkennen und Einschätzen

Entscheidend ist der Unfallmechanismus: Stürze aus der Höhe, Kopfsprünge ins Wasser, Verkehrsunfälle mit Einklemmung, Überroll- oder Dezelerationstraumen, Hängetrauma sowie Erhängen/Strangulation sprechen für eine mögliche Wirbelsäulenbeteiligung.

Merke: Bei bewusstlosen Patienten ist im Zweifel immer von einer Wirbelsäulenverletzung auszugehen.

Mögliche Symptome sind Schmerzen (können auch fehlen), Sensibilitätsstörungen, motorische Ausfälle unterhalb der vermuteten Läsion, Prellmarken über der Wirbelsäule sowie unwillkürlicher Stuhl- oder Urinabgang. Fehlende Symptome schließen eine relevante Verletzung nicht aus – der Unfallmechanismus bleibt entscheidend.

25.2.3 Basismaßnahmen

Vitalfunktionen haben immer Vorrang vor der Immobilisation ("life before limb") – droht beispielsweise eine Aspiration und ist der Atemweg nicht anders zu sichern, wird notfalls vorübergehend in Seitenlage gebracht. Ansonsten gilt: HWS früh manuell stabilisieren, anschließend passende Zervikalstütze anlegen, mit Schaufeltrage auf die vorbereitete Vakuummatratze umlagern und achsengerecht transportieren. Ein Spineboard eignet sich vor allem zur Rettung (z. B. aus dem Wasser oder verunfallten Fahrzeugen), weniger als Transportmittel. Ergänzend: Sauerstoffgabe bei spontan atmenden Patienten, Wärmeerhalt und engmaschiges Monitoring; die klassische Schocklage ist bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung ungeeignet.

25.3 Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Beim Schädel-Hirn-Trauma unterscheidet man offene Formen (Verbindung nach außen, erhöhtes Infektionsrisiko) von geschlossenen Formen. Neben unmittelbaren (primären) Schäden können sich in den Stunden danach sekundäre Schäden entwickeln – etwa durch Sauerstoffmangel, Blutdruckabfall oder ein zunehmendes Hirnödem. Da der Schädel ein starres, nahezu vollständig gefülltes Volumen ist, führt jede zusätzliche Raumforderung (Blutung, Schwellung) zu einem gefährlichen Anstieg des Hirndrucks.

25.3.1 Schweregrade und Warnzeichen

Leitsymptom ist der Bewusstseinszustand. Anhand der Glasgow Coma Scale (GCS) unterscheidet man ein leichtes (GCS 13–15), mittelschweres (GCS 9–12) und schweres SHT (GCS ≤ 8) – bei Werten ≤ 8 reichen die Schutzreflexe meist nicht mehr aus, sodass der Notarzt eine Intubation erwägen muss. Ein Abfall der GCS um zwei oder mehr Punkte ist ein Alarmzeichen und muss dokumentiert werden.

Weitere Warnzeichen sind eine sich weitende, lichtstarre Pupille auf einer Seite (Anisokorie), plötzliches, schwallartiges Erbrechen ohne vorherige Übelkeit sowie der sogenannte Cushing-Reflex: stark erhöhter Blutdruck bei gleichzeitig sehr langsamem Puls. Er zeigt an, dass der Körper verzweifelt versucht, trotz steigendem Hirndruck noch Blut ins Gehirn zu pressen – ein Spätzeichen und Hinweis auf eine unmittelbar drohende Einklemmung.

25.3.2 Basismaßnahmen

Deine Basismaßnahmen bei Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma zielen darauf ab, sekundäre Schäden durch Sauerstoffmangel oder Kreislaufinstabilität zu verhindern: kontinuierliches Monitoring von Bewusstsein, Atmung, Kreislauf und Pupillenreaktion, eine leicht erhöhte Oberkörperlagerung (rund 30°) zur Verbesserung des venösen Rückflusses aus dem Kopf sowie eine ausreichende Sauerstoffgabe.

Merke: Jeder bewusstseinsgestörte Patient gilt zunächst als potenziell unterzuckert – Blutzucker gehört zur Basisdiagnostik dazu.

Die endgültige Versorgung – etwa eine Notoperation zur Druckentlastung – ist ausschließlich der Klinik vorbehalten. Deine Aufgabe ist es, weitere Schäden durch Sauerstoffmangel oder Kreislaufinstabilität zu verhindern und den Patienten zügig und schonend in eine geeignete Zielklinik zu bringen.

25.4 Verletzungen des Brustkorbs (Thoraxtrauma)

Thoraxverletzungen zählen zu den häufigsten Todesursachen bei Traumapatienten, weil sie unmittelbar die Sauerstoffaufnahme gefährden. Man unterscheidet stumpfe (geschlossene) von spitzen bzw. penetrierenden (offenen) Verletzungen.

25.4.1 Verletzungsbilder

Bei einer Rippenserienfraktur (mehrere benachbarte Rippen an mehreren Stellen gebrochen) verliert ein Segment der Brustwand seinen Halt. Es entsteht eine paradoxe Atmung: Das instabile Segment wird beim Einatmen nach innen gezogen, statt sich wie der restliche Brustkorb nach außen zu wölben – die Belüftung wird dadurch stark beeinträchtigt.

Gelangt Luft in den Pleuraspalt, kollabiert die Lunge teilweise oder vollständig (Pneumothorax). Kann die eingedrungene Luft beim Ausatmen nicht mehr entweichen, entsteht ein Spannungspneumothorax: Der Druck im Brustkorb steigt stetig, verdrängt Herz und große Gefäße zur Gegenseite und führt innerhalb weniger Minuten zum lebensbedrohlichen Kreislaufversagen. Leitbefunde sind zunehmende Atemnot, ein einseitig fehlendes Atemgeräusch, gestaute Halsvenen und ein Blutdruckabfall – die Diagnose wird klinisch gestellt, ohne auf Bildgebung zu warten. Sammelt sich stattdessen Blut im Pleuraspalt, spricht man von einem Hämatothorax; da eine Thoraxhälfte bis zu zwei Liter Blut aufnehmen kann, droht zusätzlich ein Volumenmangelschock.

Stumpfe Gewalt gegen den Brustkorb, etwa durch einen Lenkradanprall, kann auch das Herz selbst verletzen (Herzprellung) und Herzrhythmusstörungen auslösen. Bei Stichverletzungen im Brustbereich kann Blut in den Herzbeutel laufen: Bei einer Herzbeuteltamponade wird das Herz von außen zusammengedrückt und kann sich nicht mehr ausreichend füllen. Hinweise sind ein rasch fallender Blutdruck ohne andere erkennbare Ursache, Tachykardie und gestaute Halsvenen – ein lebensbedrohlicher obstruktiver Schock, der nur in der Klinik oder durch den Notarzt entlastet werden kann. Auch scheinbar harmlose Prellmarken, Schürfungen oder kleine Wunden der Brustwand können auf Verletzungen darunter hinweisen und werden deshalb immer sorgfältig untersucht. Rippenbrüche schmerzen stark und führen zu einer flachen Schonatmung; eine frühzeitige Schmerztherapie durch den Notarzt verbessert deshalb auch die Sauerstoffversorgung.

25.4.2 Basismaßnahmen

Bei Thoraxverletzungen lagerst du den Patienten mit erhöhtem Oberkörper, sofern keine Wirbelsäulenverletzung dagegen spricht, gibst Sauerstoff (Zielsättigung 92–96 %) und kontrollierst engmaschig Atemfrequenz, Sättigung und das Atemgeräusch im Seitenvergleich. Offene Thoraxwunden werden mit einem Ventilpflaster (Chest Seal) abgedeckt – ein luftdichtes Abkleben ohne Ventil kann einen Spannungspneumothorax auslösen. Steckende Fremdkörper werden belassen und abgepolstert. Verschlechtert sich der Patient nach dem Abdecken – zunehmende Atemnot, sinkende Sättigung, Blutdruckabfall –, kann sich darunter ein Spannungspneumothorax entwickeln: Dann wird ein Rand des Pflasters kurz angehoben, damit Luft entweichen kann, und sofort der Notarzt nachgefordert.

Die eigentliche Druckentlastung eines Spannungspneumothorax (Nadeldekompression, ggf. Thoraxdrainage) sowie eine invasive Atemwegssicherung sind ärztliche bzw. notfallsanitäterische Maßnahmen und liegen außerhalb deiner Basiskompetenz – deine wichtigste Aufgabe ist das frühzeitige Erkennen der Warnzeichen und die rasche Nachforderung.

25.5 Verletzungen des Bauchraums (Abdominaltrauma)

Der Bauchraum ist nach vorne hin ungeschützt und beherbergt sowohl stark durchblutete Organe (Leber, Milz, Nieren) als auch Hohlorgane (Magen, Darm, Blase). Reißen die durchbluteten Organe ein, droht ein rascher, oft lebensbedrohlicher Blutverlust in die Bauchhöhle – tückisch ist dabei, dass die Bauchdecke von außen unauffällig bleiben kann. Bei der Milz ist zudem ein zweizeitiger Verlauf möglich: Die Kapsel hält das Blut zunächst zurück, bevor sie Stunden bis Tage später plötzlich reißt. Werden Hohlorgane eröffnet, gelangt Darm- oder Mageninhalt in die Bauchhöhle und löst eine Bauchfellentzündung aus.

25.5.1 Warnzeichen erkennen

Ein diagonaler Striemen durch einen Sicherheitsgurt über dem Bauch (Gurtmarke) muss immer als Hinweis auf eine mögliche innere Verletzung gewertet werden. Eine bretthart gespannte Bauchdecke (Abwehrspannung) deutet auf Blut oder Mageninhalt im Bauchraum hin. Da der Bauch mehrere Liter Blut aufnehmen kann, ohne sichtbar dicker zu werden, sind fallender Blutdruck, steigender Puls, Blässe und kalter Schweiß oft die einzigen – und späten – Zeichen einer inneren Blutung.

25.5.2 Basismaßnahmen

Bei offenen Bauchverletzungen können Darmschlingen austreten; diese werden niemals zurückverlagert, sondern locker, steril und feucht abgedeckt, da über eine offene Bauchhöhle rasch Körperwärme verloren geht. Wache Patienten mit erhaltenen Schutzreflexen lagerst du in Schocklage mit angewinkelten Beinen (Knierolle) zur Entlastung der Bauchdecke, bewusstlose Patienten in einer an die stabile Seitenlage angepassten Schocklage. Wärmeerhalt, konsequentes Monitoring und die frühzeitige Alarmierung des Notarztes sind zentral, da die endgültige Blutstillung ausschließlich operativ in der Klinik möglich ist – dein Ziel ist der schnellstmögliche, schonende Transport.

25.6 Verletzungen des Beckens

Das Becken verbindet die Wirbelsäule mit den Beinen und bildet einen geschlossenen Knochenring. Bricht dieser Ring, drohen Massenblutungen – überwiegend nicht aus Arterien, sondern aus dem venösen Geflecht vor dem Kreuzbein. Bei Schwerverletzten ist das Becken in rund einem Viertel, bei Polytrauma sogar in etwa der Hälfte der Fälle mitbetroffen; bei älteren, osteoporotischen Menschen können bereits Stürze aus dem Stand zu einer Beckenfraktur führen.

25.6.1 Erkennen: das KISS-Schema

Von einer manuellen Kompression des Beckens zur Stabilitätsprüfung wird heute abgeraten, da sie viele Instabilitäten nicht zuverlässig aufdeckt und zusätzliche Blutungen auslösen kann. Bewährt hat sich stattdessen das KISS-Schema:

  • K – Kinematik: Hochrasanztrauma, Sturz aus großer Höhe, Überrolltrauma oder Einklemmung sprechen für eine Beckenverletzung.
  • I – Inspektion: Prellmarken, Wunden oder Blutungen im Becken- und Genitalbereich, Beinlängendifferenz oder Fehlstellung der Beine.
  • S – Schmerz: Schmerzen im Becken, in der Leiste, im Gesäß oder im unteren Rücken.
  • S – Schock: ein Schock ohne andere erkennbare Blutungsquelle ist bei passendem Unfallmechanismus bis zum Beweis des Gegenteils eine Beckenblutung.

Trifft ein Punkt zu, besteht der Verdacht auf eine instabile Beckenverletzung, und das Becken wird ohne weitere Stabilitätsprüfung mit einer Beckenschlinge versorgt.

Merke: Bei kompletter Querschnittlähmung oberhalb des Beckens können Schmerzen trotz schwerer Beckenverletzung fehlen.

25.6.2 Basismaßnahmen

Bei Verdacht wird eine Beckenschlinge korrekt angelegt (nicht zu hoch, sonst können die Iliosakralgelenke aufgespreizt und Blutungen verstärkt werden), die Beine dabei achsengerecht und innenrotiert zusammengeführt – außer bei zusätzlichen Frakturen der Beine. Die Umlagerung erfolgt schonend mit Schaufeltrage auf die Vakuummatratze, ergänzt durch Sauerstoffgabe, konsequenten Wärmeerhalt, engmaschiges Monitoring und frühzeitige Notarztnachforderung für Schmerztherapie und Infusionstherapie.

25.7 Polytrauma

Ein Polytrauma liegt vor, wenn mehrere Körperregionen gleichzeitig verletzt sind und mindestens eine Verletzung – oder deren Kombination – lebensbedrohlich ist. Handlungsleitend ist auch hier ein strukturiertes Vorgehen nach dem X-ABCDE-Schema mit klarer Priorisierung: Lebensbedrohliche Probleme werden zuerst erkannt und behandelt.

Merke: Als "Golden Hour of Trauma" bezeichnet man den Grundsatz, dass ein Polytraumapatient die besten Überlebenschancen hat, wenn er innerhalb der ersten Stunde nach dem Unfall in einer geeigneten Klinik definitiv versorgt wird. Die tatsächlich lebensrettende Behandlung – etwa die operative Blutstillung – kann nur die Klinik leisten; deine Aufgabe ist es, den Patienten so schnell und so stabil wie möglich dorthin zu bringen.

Die Verweildauer am Einsatzort sollte deshalb so kurz wie möglich gehalten werden – ohne Einklemmung idealerweise unter 15 Minuten. Das gelingt nur mit eingespieltem, strukturiertem Teamwork und klarer Aufgabenverteilung.

25.8 Einklemmungstrauma

Eingeklemmte Patientinnen und Patienten gelten bis zum Beweis des Gegenteils als mehrfach verletzt mit möglicher Wirbelsäulenbeteiligung. Notarzt und Feuerwehr werden bei solchen Lagen grundsätzlich mitalarmiert; die Feuerwehr übernimmt die technische Rettung (z. B. mit Rettungsschere und Hebekissen) und den Brandschutz. Während der gesamten Befreiung benötigt der Patient kontinuierliche Betreuung und Schutz vor Splittern, Lärm und Kälte (Kopf-, Atemwegs- und Körperschutz, Wärmeerhalt so früh wie möglich).

25.8.1 Schonende Rettung

Sind die Vitalfunktionen stabil und besteht kein unmittelbarer Zeitdruck, wird der Patient im Fahrzeug erstversorgt, während die Feuerwehr kontrolliert Zugang schafft. Bewährt hat sich, das Dach vollständig zu entfernen, um eine achsengerechte Rettung und optimale Immobilisation zu ermöglichen. Zielzeit für die gesamte Befreiung sind etwa 15 bis 25 Minuten, der Zustand wird währenddessen laufend neu beurteilt.

25.8.2 Crashrettung

Besteht unmittelbare Lebensgefahr – etwa durch eine nicht beherrschbare Vitalstörung oder eine externe Gefahr wie Brand –, erfolgt die Befreiung unter Zeitdruck. Auch hier sollte, soweit die Sekunden es zulassen, eine HWS-Immobilisation (Zervikalstütze, sonst manuelle Stabilisierung) nicht entfallen.

Die Entscheidung zur Crashrettung wird im Team gemeinsam mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr getroffen und klar angekündigt, damit alle Handgriffe koordiniert ablaufen. Zur schnellen Befreiung eignen sich der Rautek-Griff oder eine Rettung mit Schaufeltrage bzw. Spineboard auf kürzestem Weg. Die Gründe für die Crashrettung werden im Protokoll dokumentiert, da hier bewusst ein höheres Risiko für Wirbelsäulenverletzungen in Kauf genommen wird, um eine akute Lebensgefahr abzuwenden.

25.9 Spezielle traumatologische Notfallsituationen

Manche Einsatzlagen sind durch extreme Eindrücke geprägt und auch für erfahrenes Personal seelisch stark belastend – etwa im Zusammenhang mit Gewaltdelikten, Tötungsdelikten oder Suiziden. Hier gilt besondere Vorsicht und konsequente Eigenschutzabwägung.

25.9.1 Schuss- und Stichverletzungen

Das Verletzungsbild bei Schussverletzungen hängt von Kaliber, Geschossart und Schussentfernung ab; Ein- und Austrittswunde geben Hinweise auf den möglichen Geschossverlauf. Bei Stichverletzungen ist die äußere Wunde oft klein und wenig blutend, während der tatsächliche Stichkanal und innere Verletzungen kaum abzuschätzen sind – jede Stichverletzung wird daher als potenziell lebensbedrohlich behandelt. In beiden Fällen stehen Blutstillung, Schockprophylaxe und zügiger Transport im Vordergrund.

Achtung: Bei den Einsatzstichworten "Schussverletzung" oder "Stichverletzung" hat der Eigenschutz vor dem ersten Patientenkontakt oberste Priorität.

25.9.2 Erhängen und Strangulation

Todesursächlich ist hier in der Regel nicht die Halswirbelfraktur, sondern die Abklemmung der großen Halsgefäße mit nachfolgender Sauerstoffunterversorgung des Gehirns; zusätzlich können Kehlkopf oder Luftröhre verletzt sein. Betroffene ohne sichere Todeszeichen werden sofort und kontrolliert aus der hängenden Position befreit, wobei die HWS so gut wie möglich mitgeschützt wird, ohne die Rettung zu verzögern. Bei Verdacht auf ein Tötungs- oder Suizidgeschehen wird die Umgebung nach Möglichkeit unverändert belassen, um die kriminalpolizeiliche Spurensicherung nicht zu beeinträchtigen.

25.9.3 Explosionsverletzungen

Bei Explosionen – etwa durch Gas, Feuerwerk, Industrieunfälle oder Anschläge – entstehen Verletzungen auf mehreren Wegen gleichzeitig: durch die Druckwelle selbst, die vor allem luftgefüllte Organe wie Trommelfell, Lunge und Darm schädigt, durch umherfliegende Splitter und Trümmer (penetrierende Verletzungen), durch das Wegschleudern des Körpers (stumpfe Verletzungen) sowie durch Hitze, Rauch und giftige Gase (Verbrennungen, Inhalationstrauma). Äußerlich wenig verletzte Patienten können deshalb schwere innere Verletzungen haben; ein geplatztes Trommelfell, Atemnot oder Bluthusten sind Hinweise auf eine erhebliche Druckeinwirkung.

Der Eigenschutz hat oberste Priorität, da weitere Explosionen möglich sind – etwa durch ausströmendes Gas oder bei Anschlägen durch gezielt platzierte weitere Sprengsätze. Die Einsatzstelle wird erst nach Freigabe durch Feuerwehr oder Polizei betreten; häufig liegt ein Massenanfall von Verletzten vor (siehe Lektion 6 und 8).

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung
  • European Resuscitation Council (ERC): Guidelines zur prähospitalen Versorgung von Traumapatienten
  • International Trauma Life Support (ITLS) und Pre-Hospital Trauma Life Support (PHTLS): jeweils aktuelle Kurskonzepte und Provider-Manuale
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