Die Toxikologie befasst sich mit den Wirkungen chemischer Substanzen auf den Körper. Ihr liegt eine Erkenntnis von Paracelsus zugrunde: Es gibt keine grundsätzlich giftigen oder ungiftigen Stoffe – entscheidend ist allein die aufgenommene Menge.

Merke: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Giftigkeit. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ (Paracelsus, 1493–1541)

32.1 Grundlagen einer Vergiftung

Ob und in welchem Ausmaß eine Vergiftung Schäden verursacht, hängt von der aufgenommenen Menge, der Geschwindigkeit der Aufnahme, der Dauer der Exposition, der Wirkungsweise des Stoffes und den Möglichkeiten ab, ihn wieder aus dem Körper zu entfernen. Gifte gelangen über den Magen-Darm-Trakt, die Atemwege oder die Haut ins Blut. Man unterscheidet die chronische Intoxikation durch wiederholte kleine Mengen (z. B. langjähriger Alkoholkonsum) von der akuten Intoxikation durch plötzliches Eindringen einer großen Giftmenge, etwa bei Suizidversuchen.

Ein Primärschaden entsteht durch die direkte Wirkung am Zielorgan (z. B. Atemstillstand bei Opiatintoxikation), ein Sekundärschaden indirekt durch den Ausfall von Schutzreflexen und Bewusstseinsstörungen – etwa die Aspirationsgefahr nach einer Benzodiazepin-Überdosierung.

32.1.1 Grundprinzipien der Entgiftung

Es gibt vier grundlegende Methoden: Dekontamination (Entfernen aus der Giftumgebung, Hautreinigung, sehr zurückhaltend eingesetzte Magenspülung), Neutralisation (z. B. Aktivkohle, die viele oral aufgenommene Substanzen bindet), beschleunigte Elimination über natürliche Ausscheidungswege oder Dialyse (klinische Maßnahmen) sowie die Antidottherapie mit spezifischen Gegenmitteln.

32.2 Beurteilung bei Verdacht auf Vergiftung

Achtung: Die erste und wichtigste Frage gilt immer der Eigengefährdung des Rettungsteams. Eine Behandlung beginnt erst, wenn die Gefahrenlage beherrscht ist oder der Patient den Gefahrenbereich verlassen hat – je nach Stofflage kann die Rettung nur durch Fachkräfte mit Spezialschutz erfolgen. Bei unklarer Vergiftung wird niemals Mund-zu-Mund oder Mund-zu-Nase beatmet, wegen der Gefahr eines Kontaktgifts.

Für die Anamnese hat sich die Struktur der „6 W“ bewährt: Wer hat das Gift aufgenommen? Wann begann die Exposition? Warum kam es dazu? Welche Substanz war beteiligt? Wie viel wurde aufgenommen? Worüber erfolgte die Aufnahme?

Die Primärversorgung folgt der „Fünf-Finger-Regel“: Sicherung der Vitalfunktionen, Giftelimination, Antidot-Therapie, Asservierung von Proben/Belegen und Transport. Bei jedem Verdacht auf eine Vergiftung solltet ihr den Notarzt nachalarmieren, insbesondere um eine mögliche Antidottherapie zu ermöglichen.

32.2.1 Eure Basismaßnahmen

  • Atemwege freimachen und freihalten, bei Bedarf Beutel-Masken-Beatmung
  • Reanimation nach Standard, sofern nötig
  • bewusstlose Patienten in stabile Seitenlage, bei Schockzeichen ergänzend Schocklage
  • Sauerstoffgabe entsprechend dem klinischen Zustand

Der venöse Zugang für alle Vergifteten sowie die Giftelimination mit Aktivkohle (nur wirksam innerhalb der ersten Stunde) oder eine Antidotgabe sind ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Maßnahmen. Erbrechen aktiv auszulösen gilt heute als nahezu obsolet.

32.3 Toxische Syndrome (Toxidrome)

Lässt sich die genaue Substanz nicht benennen, helfen typische Symptomkombinationen bei der Einordnung – vor allem Pupillengröße, Körpertemperatur und Darmtätigkeit sind schnelle Unterscheidungsmerkmale.

  • Anticholinerges Syndrom (z. B. Atropin, trizyklische Antidepressiva, bestimmte Pflanzen/Pilze): weite Pupillen, heiße trockene Haut, reduzierte Darmgeräusche, Halluzinationen, Tachykardie
  • Opioid-Syndrom (z. B. Morphin, Fentanyl): stecknadelkopfgroße Pupillen, verminderte Darmtätigkeit, Bewusstseinstrübung bis Koma, Bradykardie, Atemdepression bis Atemstillstand
  • Sedativ-hypnotisch-narkotisches Syndrom (z. B. Benzodiazepine, Alkohol, GHB): normale bis weite Pupillen, Unterkühlung, verwaschene Sprache, Atemstörungen
  • Sympathomimetisches Syndrom (z. B. Kokain, Amphetamine, Koffein): weite Pupillen, heiße feuchte Haut, Unruhe, Tachykardie, Zittern
  • Cholinerges Syndrom (z. B. Insektizide, chemische Kampfstoffe): enge Pupillen, gesteigerte Darmtätigkeit, starke Sekretion (Tränen, Schweiß, Bronchialschleim), Bradykardie
Merke: Anticholinerges und sympathomimetisches Syndrom ähneln sich stark (beide mit weiten Pupillen und Tachykardie) – wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist die Haut: heiß und trocken beim anticholinergen, heiß und feucht (schwitzend) beim sympathomimetischen Syndrom.

32.4 Intoxikationen mit Arzneimitteln

Vergiftungen durch Medikamente machen etwa 60 bis 90 Prozent aller Vergiftungen aus, häufig als Mischintoxikation mit Alkohol. Besonders häufig sind Benzodiazepine, Neuroleptika und Antidepressiva betroffen, aber auch frei verkäufliche Substanzen wie Paracetamol können lebensbedrohlich wirken.

Merke: „Was im Haus ist, wird genommen.“ Praktisch jedes Medikament kann bei Überdosierung toxisch wirken.

Die Therapie ist bei den meisten Arzneimittelvergiftungen symptomatisch; bei Benzodiazepinen kann der Notarzt das Antidot Flumazenil geben – dessen Wirkung kürzer anhält als die vieler Benzodiazepine, weshalb eine erneute Eintrübung droht.

32.5 Drogenintoxikationen

32.5.1 Alkohol

Der Alkoholmissbrauch ist das größte Drogenproblem – rund ein Fünftel aller Todesfälle zwischen 35 und 65 Jahren steht damit in Zusammenhang. Der Verlauf einer Alkoholvergiftung wird in vier Stadien eingeteilt: vom exzitatorischen Stadium mit verwaschener Sprache und Enthemmung über das hypnotische mit ausgeprägter Gangstörung und das narkotische mit Bewusstseinstrübung bis zum asphyktischen Stadium mit tiefem Koma, Atemlähmung und drohendem Atem-Kreislauf-Stillstand.

32.5.2 Eure Basismaßnahmen bei Alkoholintoxikation

  • Atmung und Kreislauf sichern, stabile Seitenlage bei ausgefallenen Schutzreflexen
  • Sauerstoffgabe
  • regelmäßige Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle – Hypoglykämierisiko!
  • Wärmeerhalt, da durch die gefäßerweiternde Wirkung Auskühlungsgefahr besteht

32.5.3 Opiate

Symptome entsprechen dem Opioid-Toxidrom: stecknadelkopfgroße Pupillen, Atemdepression bis Atemstillstand, Bewusstseinsstörung. Hinweise liefern Einstichstellen oder Drogenutensilien im Umfeld; auch falsch angewendete oder ausgelutschte transdermale Fentanylpflaster können zu schweren Vergiftungen führen – daher gehört eine Ganzkörperinspektion inklusive Rücken zur Untersuchung.

Achtung: Der Fokus liegt auf der Sicherung der Atmung, da die atemdepressive Wirkung der Opioide die größte Gefahr darstellt. Naloxon als spezifisches Antidot ist ärztliche Aufgabe – seine Wirkdauer ist kürzer als die vieler Opiate, weshalb nach Nachlassen der Wirkung eine erneute Ateminsuffizienz drohen kann (Rebound-Effekt).

32.6 Kohlenoxidvergiftungen

32.6.1 Kohlenmonoxid (CO)

Ein farb-, geruch- und geschmackloses Gas, das bei Bränden oder unvollständigen Verbrennungsprozessen entsteht. CO bindet 200- bis 300-mal stärker an Hämoglobin als Sauerstoff und verdrängt diesen dadurch – schon geringe Konzentrationen in der Luft können einen Großteil des Hämoglobins blockieren. Symptome sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Atemnot und Bewusstlosigkeit; die klassische rosige Hautfarbe ist ein spätes Zeichen und meist nur bei Verstorbenen sichtbar.

Achtung: Die Pulsoxymetrie ist bei einer CO-Vergiftung unbrauchbar – sie zeigt fälschlich normale Sättigungswerte an, da sie CO-Hämoglobin nicht von Sauerstoff-Hämoglobin unterscheiden kann.

Wichtigste Basismaßnahme ist die sofortige, hochdosierte Sauerstoffgabe – die CO-Halbwertszeit sinkt dadurch von etwa vier Stunden unter Raumluft auf etwa eine Stunde unter reiner Sauerstoffatmung. Die effektivste Behandlung, die hyperbare Sauerstofftherapie in einer Druckkammer, erfolgt in der Klinik.

32.6.2 Kohlendioxid (CO₂)

Ebenfalls farb- und geruchlos, aber schwerer als Luft und sammelt sich deshalb bodennah, etwa in Silos, Weinkellern oder Biogasanlagen, wo es Sauerstoff verdrängen kann. Bei hohen Konzentrationen kann der Zusammenbruch schlagartig erfolgen.

Achtung: Aufgrund der massiven Eigengefährdung dürfen Rettungen aus solchen Bereichen ausschließlich durch Fachpersonal mit umluftunabhängigem Atemschutz erfolgen.

Auch hier ist die zentrale Behandlung die Sauerstoffgabe, bei Bedarf mit Beatmung.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Ärztliche Leiter Rettungsdienst der Länder-AG (ÄLRD): Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR)/Notfallkarte Opioid-Überdosierung
  • Gesellschaft für Klinische Toxikologie e.V. (GfKT): Positionspapier zur primären Giftelimination
  • Gesellschaft für Klinische Toxikologie e.V. (GfKT): Antidotarium – Leitlinien zur Therapie akuter Vergiftungen
  • Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DGP): S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen