Thermische Notfälle entstehen, wenn der Körper Wärme nicht mehr ausreichend abgeben oder bewahren kann oder wenn Hitze, Kälte bzw. elektrischer Strom das Gewebe direkt schädigen. Sie reichen vom harmlosen Hitzekrampf bis zum lebensbedrohlichen Hitzschlag, von der kleinen Verbrühung bis zur großflächigen Verbrennung mit Schock. Für alle gilt: Eigenschutz zuerst, dann die Ursache beseitigen und die Vitalfunktionen sichern.
Der Körper hält seine Kerntemperatur konstant bei rund 37 °C, gesteuert vom Hypothalamus im Zwischenhirn. Die Schale (Haut, Extremitäten) darf deutlich kühler sein als der Kern – bei Kälte wird sie gezielt schlechter durchblutet, um die lebenswichtigen Organe warm zu halten.
Mechanismen zur Wärmeerhaltung sind die Engstellung der Hautgefäße (Vasokonstriktion), ein gesteigerter Stoffwechsel, Muskelarbeit und das Kältezittern. Zur Wärmeabgabe stehen die Erweiterung der Hautgefäße (Vasodilatation) und vier physikalische Wege zur Verfügung:
Besonders gefährdet für thermische Notfälle sind Säuglinge und Kleinkinder, ältere Menschen, chronisch Kranke, Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss sowie Patienten, deren Medikamente die Wärmeregulation beeinträchtigen, etwa Diuretika, Betablocker oder Psychopharmaka.
Merke: Die Verdunstung von Schweiß ist der wirkungsvollste, aber launischste Weg der Wärmeabgabe – bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt sie zuerst.
Hitzeerkrankungen entstehen, wenn Wärmezufuhr und Wärmeproduktion die Möglichkeiten zur Wärmeabgabe übersteigen – typischerweise bei hohen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit und körperlicher Anstrengung. Sie verlaufen oft stufenweise, können aber auch ohne Vorwarnzeichen direkt in einen Hitzschlag münden.
Hitzekrämpfe entstehen durch einen Salzverlust bei starkem Schwitzen, vor allem wenn der Flüssigkeitsverlust nur mit reinem Wasser ausgeglichen wird. Typisch sind schmerzhafte Muskelkrämpfe in Waden, Oberschenkeln oder Bauchmuskulatur während oder nach körperlicher Arbeit in der Hitze. Der Patient ist wach und orientiert, die Kerntemperatur ist normal.
Basismaßnahmen sind Ruhe in einer kühlen, schattigen Umgebung, vorsichtiges Dehnen der betroffenen Muskulatur und die orale Zufuhr elektrolythaltiger Getränke, etwa isotonischer Sportgetränke oder Brühe. Bessern sich die Beschwerden nicht, erbricht der Patient oder treten weitere Symptome hinzu, ist ein Transport zur ärztlichen Abklärung angezeigt.
Merke: Bei Hitzekrämpfen ist die Körperkerntemperatur normal – das Problem ist der Salzverlust.
Die Hitzeerschöpfung ist eine Kombination aus beginnender Überhitzung und ausgeprägtem Flüssigkeits- und Salzmangel. Der Kreislauf kann das Blutvolumen nicht mehr ausreichend aufrechterhalten. Typische Zeichen sind Schwäche, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, Durst, blasse und schweißnasse Haut, ein schneller, schwacher Puls, ein niedriger Blutdruck und im Stehen ein Kollaps. Die Kerntemperatur ist normal bis mäßig erhöht und liegt unter 40,5 °C; das Bewusstsein ist allenfalls leicht beeinträchtigt.
Basismaßnahmen: Patienten in eine kühle, schattige Umgebung bringen, flach lagern (bei niedrigem Blutdruck mit erhöhten Beinen), enge Kleidung öffnen, feuchtkühle Tücher auflegen und Luft zufächeln. Ist der Patient wach und kann sicher schlucken, darf er schluckweise elektrolythaltige Flüssigkeit trinken. Vitalparameter und Bewusstsein werden engmaschig überwacht; bleibt die Besserung aus, wird der Notarzt für eine Infusionstherapie nachgefordert.
Der Hitzschlag ist die gefährlichste Form der Hitzeerkrankung: Die Wärmeregulation bricht zusammen, die Kerntemperatur steigt über 40,5 °C, ab etwa 42 °C denaturieren körpereigene Eiweiße. Unbehandelt drohen Hirnschäden, Gerinnungsstörungen und Multiorganversagen. Man unterscheidet den klassischen Hitzschlag, der vor allem ältere und chronisch kranke Menschen während Hitzewellen über Stunden bis Tage trifft (Haut oft heiß und trocken), vom Anstrengungshitzschlag bei jungen, gesunden Menschen unter körperlicher Belastung – etwa bei Sportveranstaltungen –, bei dem die Haut noch schweißnass sein kann.
Leitsymptom ist die zentralnervöse Störung: Verwirrtheit, auffälliges Verhalten, Krampfanfälle bis hin zur Bewusstlosigkeit bei gleichzeitig sehr hoher Körpertemperatur. Oft bestehen zusätzlich eine Tachykardie, eine schnelle Atmung und ein Blutdruckabfall.
Die wichtigste Maßnahme ist die sofortige, konsequente Kühlung – noch vor dem Transport: Patienten aus der Hitze bringen, Kleidung entfernen, den ganzen Körper mit Wasser anfeuchten und kräftig Luft zufächeln, Kältepacks an Hals, Achseln und Leisten legen. Beim Anstrengungshitzschlag ist, wo verfügbar, das Eintauchen in kaltes Wasser am wirksamsten. Gekühlt wird bis auf eine Temperatur unter 39 °C, danach wird die aktive Kühlung beendet, um eine Unterkühlung zu vermeiden. Ergänzend: Sauerstoffgabe, Monitoring, Blutzuckermessung, bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage und frühzeitige Notarztnachforderung. Fiebersenkende Medikamente sind beim Hitzschlag wirkungslos.
Merke: Ein verzögerter Beginn der Kühlung erhöht die Sterblichkeit deutlich – beim Hitzschlag zählt jede Minute: erst kühlen, dann transportieren.
Beim Sonnenstich reizt direkte Sonneneinstrahlung auf den ungeschützten Kopf und Nacken die Hirnhäute. Besonders gefährdet sind Kinder und Menschen mit wenig Haaren. Die Kerntemperatur ist normal. Die Symptome treten oft zeitversetzt auf, manchmal erst Stunden nach dem Aufenthalt in der Sonne: heißer, roter Kopf bei kühler, blasser Haut am übrigen Körper, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, Unruhe und Nackensteifigkeit. In schweren Fällen kann sich ein Hirnödem mit Bewusstseinsstörung und Krampfanfällen entwickeln.
Basismaßnahmen sind eine kühle, schattige Umgebung, eine erhöhte Oberkörperlagerung (etwa 30°), kühle, feuchte Tücher auf Kopf und Nacken sowie ein engmaschiges Monitoring. Bei neurologischen Auffälligkeiten wird der Notarzt nachgefordert.
Verbrennungen entstehen durch Flammen, heiße Flüssigkeiten (Verbrühung), heiße Gegenstände, Strom oder Strahlung. Für die Einschätzung sind drei Fragen entscheidend: Wie tief ist die Verbrennung, wie groß ist die betroffene Fläche, und sind besondere Regionen oder die Atemwege betroffen?
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Der Primärschaden ist die direkte Gewebezerstörung durch die Hitze. Restwärme im Gewebe und in anhaftender Kleidung wirkt dabei bis zu 30 Minuten nach Entfernen der Hitzequelle weiter. Nach der Tiefe unterscheidet man:
Merke: Je tiefer die Verbrennung, desto geringer der empfundene Schmerz.
Die verbrannte Körperoberfläche (KOF) wird beim Erwachsenen mit der Neunerregel nach Wallace geschätzt: Kopf und Hals 9 %, jeder Arm 9 %, Rumpfvorderseite 18 %, Rumpfrückseite 18 %, jedes Bein 18 %, Genitalregion 1 %. Bei Kindern ist der Kopf im Verhältnis größer und die Beine kleiner, weshalb dort angepasste Tabellen gelten. Für kleinere oder verstreute Areale hilft die Handflächenregel: Die Handfläche des Patienten einschließlich der Finger entspricht etwa 1 % seiner KOF. Verbrennungen ersten Grades werden bei der Flächenberechnung nicht mitgezählt.
Bei Verbrennungen an Gesicht, Hals oder Thorax sowie bei Bränden in geschlossenen Räumen muss immer an ein Inhalationstrauma gedacht werden. Hinweise sind Ruß in Mund und Nase, versengte Nasen- und Gesichtshaare, Heiserkeit, Husten, ein inspiratorischer Stridor und Atemnot. Die Schwellung der Atemwege kann innerhalb kurzer Zeit zunehmen und den Atemweg vollständig verlegen. Zusätzlich ist bei Bränden in Innenräumen eine Kohlenmonoxidvergiftung wahrscheinlich (siehe Lektion 32 Toxikologische Notfälle).
Ab einer verbrannten Fläche von etwa 15 % KOF beim Erwachsenen und etwa 10 % beim Kind wird die Verbrennung zur Erkrankung des gesamten Körpers. Aus den geschädigten Kapillaren tritt massiv Flüssigkeit und Eiweiß ins Gewebe aus – nicht nur im verbrannten Areal, sondern im ganzen Körper. Es entwickelt sich innerhalb von Stunden ein Volumenmangelschock (Verbrennungsschock), begleitet von ausgeprägten Ödemen. Da die schützende Hautbarriere fehlt, verliert der Körper zudem rasch Wärme und ist anfällig für Infektionen; im weiteren Verlauf drohen Nierenversagen und Multiorganversagen.
Tückisch ist, dass der Patient in der ersten Phase oft noch stabil wirkt und ansprechbar ist – die Schwere der Verletzung zeigt sich erst mit Verzögerung. Deshalb richtet sich die Einschätzung nach Fläche, Tiefe und Lokalisation, nicht nach dem momentanen Zustand.
In ein spezialisiertes Zentrum für Brandverletzte gehören unter anderem Patienten mit zweit- und drittgradigen Verbrennungen ab etwa 20 % KOF beim Erwachsenen bzw. 10 % beim Kind, mit Verbrennungen an Gesicht, Händen, Füßen oder Genitalregion, mit Inhalationstrauma, zirkulären Verbrennungen, Strom- oder Chemieverletzungen sowie Kinder und ältere Menschen mit relevanten Verbrennungen. Die Zielklinik wird in Absprache mit der Leitstelle bzw. dem Notarzt festgelegt.
Zuerst wird die Hitzeeinwirkung gestoppt: brennende Personen am Boden wälzen oder mit einer Decke bzw. dem Feuerlöscher ablöschen, glimmende und durchtränkte Kleidung entfernen. Kleidung, die fest mit der Haut verklebt ist, wird belassen und umschnitten. Schmuck und Uhren werden früh entfernt, da die Schwellung sonst zu Abschnürungen führt.
Merke: Bei größerer verbrannter Fläche wird nicht mehr aktiv gekühlt – die Gefahr der Auskühlung überwiegt. Kleinere Areale werden kurz mit handwarmem Wasser gekühlt, niemals mit Eis.
Anschließend werden die Wunden steril und nicht klebend abgedeckt, idealerweise mit speziellen metallbeschichteten Brandwundenverbänden. Hausmittel wie Mehl, Öl, Salben oder Zahnpasta sind tabu. Brandblasen werden nicht eröffnet. Weitere Basismaßnahmen sind hochdosierte Sauerstoffgabe (besonders bei Verdacht auf Inhalationstrauma oder Kohlenmonoxidvergiftung), engmaschiges Monitoring der Vitalparameter und des Atemwegs sowie konsequente aktive Wärmeerhaltung mit Rettungsdecke, Decken und einem vorgeheizten Rettungswagen. Der Notarzt wird bei größeren Verbrennungen, Inhalationstrauma oder starken Schmerzen frühzeitig nachgefordert – Schmerztherapie, Infusionstherapie und gegebenenfalls eine frühzeitige Sicherung der Atemwege sind ärztliche Maßnahmen.
Kälteschäden entstehen nicht nur im Winter oder in den Bergen: Auch nach einem Sturz in der eigenen Wohnung, bei Obdachlosigkeit, im Wasser oder bei Schwerverletzten, die lange am Boden liegen, kühlt der Körper rasch aus. Man unterscheidet die Unterkühlung des ganzen Körpers von örtlichen Erfrierungen.
Von einer Unterkühlung (Hypothermie) spricht man bei einer Kerntemperatur unter 35 °C. Man unterscheidet drei Stadien: das Abwehrstadium (35–32 °C) mit wachem Patienten, Kältezittern, blasser, kalter Haut, schnellem Puls und erhöhtem Blutdruck; das Erschöpfungsstadium (32–28 °C), in dem das Zittern nachlässt, der Patient schläfrig und verwirrt wird und Puls sowie Atmung langsamer werden; und das Lähmungsstadium (unter 28 °C) mit Bewusstlosigkeit, sehr langsamer Atmung, kaum tastbarem Puls, weiten Pupillen und hoher Gefahr von Kammerflimmern.
Merke: Sobald das Kältezittern aufhört, ist das kein gutes Zeichen, sondern ein Alarmzeichen.
Betroffene ab dem Erschöpfungsstadium werden so wenig wie möglich bewegt und stets horizontal gelagert und transportiert. Beim Bewegen oder Aufrichten kann kaltes Blut aus der Körperschale in den Kern strömen und die Kerntemperatur weiter senken (Afterdrop). Zusammen mit dem abrupten Blutdruckabfall beim Aufrichten kann das zu Kammerflimmern und zum plötzlichen Kreislaufstillstand während der Rettung führen (Bergungstod).
Basismaßnahmen: nasse Kleidung vorsichtig entfernen (aufschneiden statt ausziehen), Patienten mit Rettungsdecke und Decken isolieren und dabei auch Kopf und Hals bedecken, Wärmepackungen am Rumpf (nicht an den Extremitäten), Rettungswagen vorheizen, Monitoring mit EKG. Warme, gezuckerte Getränke sind nur bei wachen, zitternden Patienten mit sicherem Schluckreflex erlaubt – Alkohol niemals. Die Temperatur wird mit einem Thermometer gemessen, das auch sehr niedrige Werte erfasst.
Bei einem Kreislaufstillstand im Rahmen einer Unterkühlung wird die Reanimation oft deutlich länger fortgeführt als sonst, und der Patient wird in eine Klinik mit Möglichkeit zur Wiedererwärmung über eine Herz-Lungen-Maschine transportiert, da das kalte Gehirn einen Sauerstoffmangel länger toleriert.
Merke: „Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.“
Erfrierungen sind örtliche Kälteschäden und betreffen vor allem die Körperteile mit ungünstigem Verhältnis von Oberfläche zu Volumen: Finger, Zehen, Ohren, Nase und Wangen. Begünstigt werden sie durch Nässe, Wind, enge Schuhe und Kleidung, Rauchen und Alkohol. Man unterscheidet vier Schweregrade analog zu den Verbrennungen: Grad I mit blasser, später geröteter und geschwollener, schmerzender Haut; Grad II mit Blasenbildung; Grad III mit Absterben des Gewebes (bläulich-schwarz, gefühllos); Grad IV mit Vereisung und Zerstörung auch tieferer Strukturen bis zum Knochen. Das tatsächliche Ausmaß zeigt sich oft erst nach Tagen.
Basismaßnahmen: Patienten in eine warme Umgebung bringen, nasse und einschnürende Kleidung sowie Schmuck entfernen, betroffene Areale locker, steril und gepolstert abdecken und ruhigstellen. Die Wiedererwärmung erfolgt langsam und schonend – bevorzugt in der Klinik, vor allem wenn die Gefahr besteht, dass das Gewebe auf dem Weg erneut gefriert. Parallel werden immer die Grundsätze der Unterkühlung beachtet: Eine lebensbedrohliche Hypothermie hat Vorrang vor der örtlichen Erfrierung.
Merke: Erfrorene Areale werden niemals gerieben, massiert oder mit Schnee eingerieben – das zerstört das geschädigte Gewebe zusätzlich.
Man unterscheidet den direkten Stromschlag durch Berührung eines stromführenden Teils vom indirekten Stromschlag, etwa durch einen Lichtbogen oder durch Schrittspannung im Boden rund um eine Stromquelle. Entscheidend für die Schwere sind Spannung, Stromstärke, Stromart, Einwirkdauer und der Weg des Stroms durch den Körper – verläuft er über das Herz (z. B. von Hand zu Hand), ist die Gefahr lebensbedrohlicher Rhythmusstörungen besonders groß.
Merke: An jeder Einsatzstelle mit Stromeinwirkung steht der Eigenschutz an erster Stelle – erst wenn die Gefahrenquelle sicher ausgeschaltet ist, darf versorgt werden.
Bei Niederspannung wird das Gerät vom Netz getrennt bzw. die Sicherung ausgeschaltet, bevor der Patient berührt wird. Bei Hochspannung wird nicht eingegriffen: großzügiger Sicherheitsabstand – auch wegen der Schrittspannung im Boden –, Absperren und auf die Freigabe durch den Netzbetreiber bzw. Fachpersonal der Feuerwehr warten.
Nach der Rettung folgt die Versorgung nach dem ABCDE-Schema mit frühzeitigem EKG-Monitoring, da Rhythmusstörungen auch verzögert auftreten können. Strommarken werden steril abgedeckt, begleitende Verletzungen versorgt. Patienten nach Hochspannungsunfall, mit Bewusstseinsverlust, Rhythmusstörungen, Verbrennungen oder Schwangerschaft werden grundsätzlich in eine Klinik transportiert. Bei Blitzunfällen mit mehreren Betroffenen gilt eine Besonderheit: Scheinbar leblose Personen werden zuerst versorgt, da sie mit sofortiger Reanimation gute Überlebenschancen haben, während Ansprechbare meist stabil sind.