Stress beschreibt körperliche, geistige und verhaltensbezogene Reaktionen auf Situationen, in denen wichtige Ziele bedroht sind und in denen keine bereits erlernten Lösungen anwendbar erscheinen. Im Rettungsdienst gehört der professionelle Umgang mit Stress und Einsatzfolgebelastungen genauso zum Beruf wie die medizinische Versorgung selbst – sowohl zum eigenen Schutz als auch, weil das eigene Verhalten maßgeblich beeinflusst, wie Patienten und Angehörige belastende Erlebnisse verarbeiten.
Nach dem transaktionalen Stressmodell von Richard Lazarus durchläuft jede Person unbewusst mehrere Bewertungsschritte. Zunächst wird geprüft, ob eine Situation ein wichtiges Ziel gefährdet – etwa den Berufswunsch, das Patientenwohl oder das eigene Selbstwertgefühl. Nur wenn diese Frage mit „Ja“ beantwortet wird, ist Stress überhaupt möglich. Im nächsten Schritt wird unbewusst geprüft, ob die eigenen Kompetenzen zur Bewältigung ausreichen. Erst wenn beides zusammenkommt – „Das Ziel ist gefährdet“ und „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll“ – entsteht echter Stress.
Merke: Stress ist keine Eigenschaft der Situation selbst, sondern entsteht erst durch die Bewertung der betroffenen Person. Situationen, die als irrelevant erscheinen oder gut bewältigt werden können, führen nicht zu Stress.
Zur Bewältigung stehen zwei Strategien zur Verfügung: die problemfokussierte Bewältigung, bei der aktiv nach einer Lösung gesucht wird, und die emotionsfokussierte Bewältigung, bei der der Umgang mit den Gefühlen selbst im Vordergrund steht – sinnvoll besonders dann, wenn die Situation keine lösbare Aufgabe darstellt, etwa bei einem Verlust.
Wird eine Situation als bedrohlich eingestuft, schüttet der Körper Adrenalin und Kortisol aus. Adrenalin versetzt den Körper binnen Sekunden in Alarmbereitschaft: Herzfrequenz, Herzkraft und Blutdruck steigen, die Bronchien erweitern sich, Energie wird schnell bereitgestellt. Kortisol wirkt vor allem bei länger andauerndem Stress, stellt Energie aus Fettreserven bereit und lenkt die Aufmerksamkeit auf Gefahren – hemmt dabei aber auch das Immunsystem und regenerative Prozesse.
Achtung: Das menschliche Stresssystem hat sich für akute, rasch bewältigbare Gefahren entwickelt. Bei chronischer Dauerbelastung blockiert ein dauerhaft hoher Kortisolspiegel gerade jene Fähigkeiten – Kooperation, Empathie, Kommunikation –, die für den Umgang mit modernen Belastungen nötig wären, und begünstigt langfristig Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Depressionen oder Suchtprobleme.
Typische Anzeichen von Dauerstress zeigen sich in Gedanken (Grübeln, Konzentrationsprobleme), Gefühlen (Gereiztheit, Überlastung), im Körper (Verspannungen, Bluthochdruck, häufige Infekte) und im Verhalten (sozialer Rückzug, vermehrter Alkohol- oder Nikotinkonsum).
Wichtigster Schritt ist, Stress überhaupt als solchen zu erkennen. Hilfreich sind bewusste Pausen, die Stärkung der eigenen Belastbarkeit durch soziale Kontakte und körperliche Fitness, eine realistische Einstellung – lösbare Dinge aktiv angehen, Unkontrollierbares loslassen – sowie aktive Erholung durch Sport, Hobbys oder feste Rituale.
Die meisten stark belastenden Ereignisse werden trotz hoher Anspannung ohne dauerhafte schwere Folgen bewältigt. Traumafolgestörungen entstehen, wenn besondere situative Bedingungen – etwa das persönliche Miterleben von Tod oder schwerer Verletzung, verbunden mit intensiver Furcht und Hilflosigkeit – mit individuellem Erleben zusammenkommen.
Die ABR ist die unmittelbare, spontane Reaktion auf ein extremes Ereignis und eine normale Reaktion auf eine extrem unnormale Situation – keine psychiatrische Erkrankung. Mögliche Symptome sind scheinbare Gefühllosigkeit, das Gefühl der Unwirklichkeit (Derealisation), Vermeidung erinnernder Reize, sich aufdrängende Bilder (Intrusionen) sowie innere Hochaktivierung (Hyperarousal).
Merke: Die Symptome klingen meist spontan ab – bei leichten Verläufen innerhalb weniger Tage, bei schwereren innerhalb von bis zu vier Wochen. Zentrale Ressourcen sind kollegiale Gespräche sowie Unterstützung durch Familie und Freunde. Halten die Symptome länger als vier Wochen an oder verschlechtern sie sich, besteht Verdacht auf eine beginnende posttraumatische Belastungsstörung – dann ist zeitnahe psychotherapeutische Hilfe angezeigt.
Die PTBS ist eine psychiatrische Erkrankung als Reaktion auf traumatisierende Ereignisse, mit drei Kernsymptomgruppen: Intrusionen (ungewolltes Wiedererleben, Alpträume), Vermeidung traumaassoziierter Reize (bis hin zu Dissoziationen oder problematischem Substanzkonsum) und anhaltende Überaktivierung mit Schlafstörungen und Schreckhaftigkeit. Hinweiszeichen im Kollegenkreis sind auffällige Verhaltensänderungen nach einem belastenden Ereignis, sozialer Rückzug oder vermehrter Alkoholkonsum – hier ist kollegiale Achtsamkeit gefragt.
Merke: PTBS ist gut psychotherapeutisch behandelbar und bedeutet weder persönliches noch professionelles Versagen.
Einsatzkräfte entwickeln seltener eine PTBS als viele der von ihnen versorgten Personen – ein wichtiger Schutzfaktor ist das Kohärenzgefühl mit drei Bausteinen: Verstehbarkeit (das Erlebte lässt sich für die eigene Person schlüssig einordnen), Handhabbarkeit (es gibt Mittel und Wege, Einfluss zu nehmen – gestärkt durch Ausbildung, feste Algorithmen und Teamunterstützung) und Sinnhaftigkeit (aus dem Erlebten lässt sich eine persönlich tragfähige Bedeutung gewinnen).
Jede Einsatzkraft kann durch ihr Verhalten wirksam zur Prävention posttraumatischer Störungen beitragen – bei Patienten, Angehörigen und im eigenen Team. Bewährt haben sich fünf Regeln nach Kröger, Ritter und Bryant (2011):
Konstruktive Ablenkung – Gespräche mit Kollegen, fokussiertes Arbeiten im nächsten Einsatz, Sport und Hobbys – gibt dem Gehirn Zeit zur Verarbeitung. Wiederkehrende Rituale, etwa das Abschließen der Dokumentation oder das bewusste Umziehen, markieren das Ende eines Einsatzes und erleichtern die mentale Umstellung. Fachlich geführte Einsatznachbesprechungen und regelmäßige Supervision fördern zusätzlich das Kohärenzgefühl.
Achtung: Strukturierte gruppenbasierte Debriefing-Programme sind trotz weiter Verbreitung wissenschaftlich nicht eindeutig belegt wirksam – bei manchen Betroffenen können sie die Belastung sogar verschlechtern. Fachorganisationen wie die WHO empfehlen diese Form der Nachsorge derzeit nicht als Standardmaßnahme.
Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) ist in vielen Regionen rund um die Uhr alarmierbar und übernimmt die psychosoziale Betreuung während und nach dem Einsatz. Eine Benachrichtigung der Notfallseelsorge sollte, da Religion höchst privat ist, nur nach ausdrücklicher Rücksprache mit den Betroffenen erfolgen. Nach Gewalttaten unterstützt der Weiße Ring niedrigschwellig, psychotherapeutische Ambulanzen helfen bei Verdacht auf Traumafolgestörungen.