International anerkannte Kurssysteme folgen aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien und schaffen einheitliche Vorgehensweisen über Länder- und Berufsgruppengrenzen hinweg. „Zertifiziert“ bedeutet: Wer den Kurs erfolgreich abschließt, erhält ein Zertifikat, das in allen angeschlossenen Ländern – meist weltweit – anerkannt wird. Auch in Deutschland gewinnt die Teilnahme an solchen Kursen zunehmend an Bedeutung und wird von Arbeitgebern immer häufiger erwartet.

41.1 Bekannte Kurssysteme im Überblick

Viele dieser Kurse richten sich nicht nur an Ärzte, sondern ausdrücklich auch an Rettungsdienstpersonal – einige Beispiele:

  • PHTLS (Pre-Hospital Trauma Life Support): systematische präklinische Beurteilung und Behandlung von Traumapatienten, für (Not-)Ärzte und Rettungsdienstpersonal, Dauer 2 Tage
  • ITLS (International Trauma Life Support): ebenfalls systematische präklinische Traumaversorgung, ähnliche Zielgruppe
  • ERC ALS (Advanced Life Support): erweiterte lebensrettende Maßnahmen beim Erwachsenen, für Ärzte, Pflege- und Rettungsdienstpersonal
  • EPC (Emergency Pediatric Care): häufige pädiatrische Erkrankungen und Verletzungen
  • AMLS (Advanced Medical Life Support): strukturierte Beurteilung und Behandlung internistischer und neurologischer Notfälle

Kurse wie ATLS (Advanced Trauma Life Support) oder ETC (European Trauma Course) richten sich dagegen ausschließlich an Ärztinnen und Ärzte, etwa aus Unfallchirurgie oder Anästhesie, für das strukturierte Schockraummanagement.

41.2 Einheitliches Vorgehen – die gemeinsame Struktur

Die meisten dieser Kurse basieren auf denselben Grundprinzipien: früh zwischen kritischem und nicht kritischem Patienten unterscheiden, nach Prioritäten behandeln – „zuerst behandeln, was zuerst tötet“ – und eine einheitliche Sprache mit gemeinsamen Werkzeugen wie ABCDE, OPQRST und SAMPLER nutzen. Genau dieses strukturierte Vorgehen habt ihr in eurer Ausbildung bereits als zentrales Handwerkszeug kennengelernt.

41.2.1 Ablauf am Einsatzort

  1. Einsatzstellen-Check: Gesamteindruck des Ortes, eigene Schutzausrüstung, Sicherheit der Einsatzstelle, Anzahl der Betroffenen, Bedarf an Nachalarmierung
  2. General Impression: ein sehr schneller Ersteindruck in maximal 15 Sekunden anhand dreier Kernfragen – Reagiert die Person auf Ansprache? Atmet sie? Ist ein Puls tastbar? Ziel ist die grobe Einordnung in kritisch, potenziell kritisch oder nicht kritisch, noch ohne konkrete Maßnahmen.
  3. Primary Assessment nach ABCDE: Airway (Atemweg prüfen und freimachen), Breathing (Atmung beurteilen und sichern), Circulation (Kreislauf prüfen und stabilisieren), Disability (neurologischen Status erfassen), Environment/Exposure (vollständige Inspektion, Umgebung berücksichtigen, Therapie- und Transportentscheidung treffen)
  4. Reassessment: regelmäßige erneute Beurteilung – wirken die eingeleiteten Maßnahmen, hat sich der Zustand verändert?
  5. Secondary Survey: bei nicht kritischem Zustand eine gründliche Untersuchung von Kopf bis Fuß mit detaillierter Anamnese; bei kritisch Kranken entfällt diese Phase präklinisch häufig aus Zeitgründen
Merke: Das strukturierte Vorgehen mit ABCDE – bei Bedarf ergänzt um OPQRST und SAMPLER – reduziert das Risiko, relevante Probleme zu übersehen, gerade unter dem Stress eines echten Einsatzes.

41.3 Struktur der Provider-Kurse

Vier bis sechs Wochen vor Kursbeginn erhalten die Teilnehmenden Unterlagen zur Vorbereitung – Lehrplan, Fachbuch und einen unbewerteten Eingangstest, um zu Kursstart einen einheitlichen Wissensstand sicherzustellen. Im Kurs wechseln sich Vorträge und praxisnahe Übungen in professionsgemischten Gruppen ab, typischerweise mit einem Instruktor-Teilnehmer-Verhältnis von 1:3 bis 1:4 für intensives, praxisnahes Lernen.

Am Ende steht ein schriftlicher Abschlusstest und/oder eine praktische Prüfung mit Fallbeispiel – üblich sind mindestens 75 Prozent richtige Antworten zum Bestehen der Theorie. Wer diese Hürde verfehlt, kann die Prüfung in einem späteren Kurs wiederholen; die praktische Prüfung darf noch im selben Kurs einmal wiederholt werden.

41.4 Vor- und Nachteile standardisierter Kurse

Der größte Vorteil ist die gemeinsame Sprache: Eine einheitliche Terminologie – etwa „Patient mit B-Problem“ für ein Ventilationsproblem – erleichtert die interprofessionelle Abstimmung erheblich, gerade in Ad-hoc-Teams aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Zertifikate gelten oft länderübergreifend, die Inhalte werden regelmäßig an aktuelle wissenschaftliche Evidenz angepasst, und das interprofessionelle Training ohne starre Hierarchieschranken stärkt das gemeinsame Teamdenken.

Merke: Der wesentliche Nachteil sind die Kosten – standardisierte Zwei-Tages-Kurse für Rettungsdienstpersonal liegen meist im Bereich von 600 bis 800 Euro, ärztliche Kurse wie ATLS oft deutlich darüber.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • European Resuscitation Council (ERC): Guidelines zu Advanced Life Support und lebensrettenden Basismaßnahmen
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung
  • International Trauma Life Support (ITLS) und Pre-Hospital Trauma Life Support (PHTLS): jeweils aktuelle Kurskonzepte und Provider-Manuale