Klinische Notfälle
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23 Respiratorische Notfälle

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Eine Störung der Atmung wird als respiratorische Insuffizienz bezeichnet. Hauptsymptom ist die Atemnot (Dyspnoe), bei der die Lunge nicht mehr genügend Sauerstoff ins Blut abgibt, sodass Organe unterversorgt werden. Sichtbares Zeichen ist die Zyanose, eine bläuliche Verfärbung von Haut und Schleimhäuten. Unbehandelt führt Atemnot immer zur Gefahr der Hypoxie, die bis zur Bewusstlosigkeit und im schlimmsten Fall zum Atemstillstand führen kann.

Merke: Ein exspiratorischer Stridor (Atemgeräusch beim Ausatmen) weist auf eine Verengung der unteren Atemwege hin, ein inspiratorischer Stridor (Atemgeräusch beim Einatmen) auf eine Verengung der oberen Atemwege.

23.1 Allgemeines Vorgehen bei Atemnot

Atemnot gehört zu den häufigsten Einsatzanlässen und ist für Betroffene mit großer Angst verbunden. Unabhängig von der Ursache geht ihr nach ABCDE vor und achtet besonders auf Warnzeichen einer lebensbedrohlichen Situation: Der Patient kann nur noch einzelne Wörter sprechen, wird zunehmend müde oder verwirrt, hat eine Sättigung unter 90 %, eine Atemfrequenz über 30/min oder unter 8/min, eine Zyanose oder einen langsamer werdenden Puls. In diesen Fällen wird sofort ein Notarzt nachgefordert.

  • Lagerung: Oberkörper hoch, Beine möglichst tief, Arme abstützen lassen – so kann die Atemhilfsmuskulatur eingesetzt werden. Patienten mit Atemnot niemals gegen ihren Willen flach lagern.
  • Sauerstoff: nach Zielwert dosieren. Bei den meisten Patienten wird eine Sättigung von 92–96 % angestrebt; bei Patienten mit COPD oder anderen Erkrankungen mit Gefahr einer CO₂-Anreicherung genügen 88–92 %.
  • Beruhigung: ruhig sprechen, Enge vermeiden (Fenster öffnen, beengende Kleidung lockern), Anleitung zur Lippenbremse.
  • Monitoring: Sättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck – und immer wieder den klinischen Eindruck.

23.2 COPD

23.2.1 Krankheitsbild

Die COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease) ist ein Sammelbegriff für chronisch obstruktive, fortschreitende Lungenerkrankungen mit Husten, zähem Auswurf und Belastungsdyspnoe. Die Verengung der Atemwege – vor allem der Ausatmung – lässt sich medikamentös nicht vollständig rückgängig machen. Meist treten dabei chronische Bronchitis und Lungenemphysem gemeinsam auf. Hauptursache ist langjähriges Rauchen.

Anders als Asthma, das meist im Kindes- oder Jugendalter beginnt, anfallsartig verläuft und gut auf Kortison anspricht, entsteht COPD typischerweise ab dem 40. Lebensjahr und schreitet stetig, kaum rückbildungsfähig, fort – häufig mit akuten Verschlechterungen (Exazerbationen).

Typische Beschwerden sind produktiver Husten vor allem morgens, zunehmende Belastungs- bis Ruhedyspnoe, eine Blaufärbung an Lippen und Fingern (Akrozyanose), verlängerte Ausatmung mit Giemen und Brummen sowie leise Atemgeräusche. Durch den chronisch erhöhten Widerstand in den Atemwegen entsteht langfristig eine Druckbelastung des rechten Herzens – das sogenannte Cor pulmonale.

Merke: Langfristig wichtigste Maßnahme ist das Meiden schädigender Stoffe, allen voran der Rauchstopp – die eigentliche medikamentöse Langzeittherapie wird ärztlich gesteuert.

23.2.2 Akute Exazerbation – eure Basismaßnahmen

Eine Exazerbation wird häufig durch einen Infekt ausgelöst: Die Atemnot nimmt zu, der Auswurf wird mehr und oft gelblich-grün, der Patient kann sich kaum noch bewegen. Viele COPD-Patienten haben eine Heimsauerstofftherapie und einen Arztbrief mit ihren üblichen Werten – fragt danach.

  • sitzende Lagerung mit abgestützten Armen (Kutschersitz)
  • Anleitung zur Lippenbremse und ruhigen Ausatmung
  • Sauerstoffgabe mit Ziel-Sättigung von 88–92 % – zu viel Sauerstoff kann bei diesen Patienten zu einer gefährlichen CO₂-Anreicherung mit Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit führen
  • Monitoring von Sättigung, Atemfrequenz, EKG und Blutdruck, Bewusstsein engmaschig beobachten
  • Notarzt bei schwerer Atemnot, Erschöpfung oder Bewusstseinstrübung
Achtung: Sauerstoff darf einem hypoxischen COPD-Patienten niemals aus Angst vor einer CO₂-Anreicherung vorenthalten werden – Sauerstoffmangel ist die unmittelbarere Gefahr. Entscheidend ist die gezielte Dosierung nach Zielwert und die Überwachung.

23.3 Asthma bronchiale

23.3.1 Krankheitsbild und Schweregrad

Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege mit anfallsartig auftretender, schwerer Atemnot. Die Atemnot entsteht durch eine Trias aus Schleimhautschwellung, Bronchospasmus und vermehrter Schleimbildung, die vor allem die Ausatmung erschwert. Man unterscheidet das allergische (extrinsische) Asthma, ausgelöst durch Pollen, Hausstaubmilben, bestimmte Medikamente oder Nahrungsmittel, vom nichtallergischen (intrinsischen) Asthma, das eher durch Infekte, Belastung, Kälte oder Stress getriggert wird.

Untere Atemwege: Bronchien und Bronchiolen
Abb. 23.1 Untere Atemwege - KI Generiert

Typische Symptome sind unproduktiver Reizhusten, Ruhedyspnoe mit hoher Atemfrequenz und verlängerter Ausatmung, Akrozyanose, plötzlicher, anfallsartiger Beginn mit starker Todesangst, der Einsatz der Atemhilfsmuskulatur in typischer sitzender Haltung mit abgestützten Armen (Orthopnoe), exspiratorisches Giemen sowie Tachykardie und erhöhter Blutdruck als Stressreaktion.

Zeichen eines lebensbedrohlichen Anfalls sind: Der Patient kann nicht mehr in ganzen Sätzen sprechen, die Sättigung fällt unter 92 %, er wird erschöpft oder verwirrt, der Puls wird langsamer – und die Atemgeräusche werden leiser bis unhörbar („stille Lunge“). Eine stille Lunge bedeutet nicht Besserung, sondern dass kaum noch Luft bewegt wird.

Achtung: Ein schwerer Asthmaanfall, der trotz der üblichen Therapie nicht nachlässt, wird als Status asthmaticus bezeichnet – ein lebensbedrohlicher Zustand, der sofortige notärztliche Behandlung erfordert.

23.3.2 Eure Basismaßnahmen

  • Oberkörperhochlagerung bzw. sitzende Position mit abgestützten Armen
  • Sauerstoffgabe mit Ziel-Sättigung von 92–96 %
  • Beruhigung und Anleitung zur Lippenbremse – Ausatmen gegen den Widerstand geschlossener Lippen erzeugt einen positiven Druck in den Atemwegen und erleichtert die Atmung
  • nach der eigenen Bedarfsmedikation fragen: Wann und wie oft wurde das Notfallspray bereits angewendet?
  • kontinuierliches Monitoring von EKG, Blutdruck und Sättigung
  • sofortige Alarmierung des Notarztes

Der Notarzt bzw. Notfallsanitäter ergänzt diese Maßnahmen um eine Inhalationstherapie mit bronchialerweiternden Wirkstoffen, einen venösen Zugang, systemisches Kortison zur Abschwellung sowie bei Bedarf weitere Medikamente und eine vorsichtige Sedierung.

23.4 Pneumonie

23.4.1 Krankheitsbild

Eine Pneumonie (Lungenentzündung) ist eine akute oder chronische Entzündung des Lungengewebes und zählt in den westlichen Industrienationen zu den häufigsten tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten. Sie wird meist durch Bakterien oder Viren ausgelöst, seltener durch physikalische oder chemische Reize wie eine Magensaftaspiration, und überträgt sich vor allem über Tröpfcheninfektion.

Alveolen: Ort des Gasaustauschs
Abb. 23.2 Alveolen - KI Generiert
Achtung: Pneumonien sind infektiöse Erkrankungen und stellen sowohl für Patienten als auch für das Rettungspersonal ein Infektionsrisiko dar. Konsequente Hygiene – Händedesinfektion, Schutzkleidung, bei Bedarf Mund-Nasen-Schutz für den Patienten – ist der wichtigste Schutz.

Eine bakterielle Pneumonie beginnt oft abrupt mit Schüttelfrost, hohem Fieber und produktivem Husten mit feuchten Rasselgeräuschen; eine virale Pneumonie entwickelt sich meist langsamer, mit moderatem Fieber und trockenem, anhaltendem Husten. Gefährliche Komplikationen sind eine respiratorische Insuffizienz, eine Sepsis oder eine Eiteransammlung im Pleuraspalt. Bei älteren Menschen fehlen Fieber und Husten oft – sie fallen dann nur durch Verwirrtheit, Schwäche oder Stürze auf.

23.4.2 Eure Basismaßnahmen

  • Lagerung mit erhöhtem Oberkörper
  • Sauerstoffgabe nach Zielwert, z. B. über eine Maske
  • wenn möglich Mund-Nasen-Schutz für den Patienten – auch über oder unter der Sauerstoffmaske tragbar, ohne die Sauerstoffzufuhr zu beeinträchtigen
  • kontinuierliches Monitoring mit EKG und Pulsoxymetrie sowie regelmäßige Blutdruckmessungen, Temperatur messen
  • auf Sepsiszeichen achten: hohe Atemfrequenz, niedriger Blutdruck, Verwirrtheit (siehe Lektion 16)
  • Notarzt bei schwerer Dyspnoe, schlechter Sättigung oder Bewusstseinstrübung hinzuziehen

23.5 Aspiration und Bolusverlegung

23.5.1 Krankheitsbild

Unter Aspiration versteht man das Eindringen fester oder flüssiger Stoffe in die Atemwege während der Einatmung – häufig Nahrungsreste, Erbrochenes, Blut oder Fremdkörper. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder sowie ältere oder alkoholisierte Personen mit geschwächten Schutzreflexen.

Ein Bolusgeschehen ist die extremste Form: Ein größerer Fremdkörper blockiert die oberen Atemwege ganz oder teilweise. Neben der akuten Erstickungsgefahr kann der Fremdkörper den Vagusnerv an der Rachenhinterwand reizen und dadurch reflektorisch einen Kreislaufstillstand auslösen – den sogenannten Bolustod.

Typische Zeichen einer Atemwegsverlegung sind heftiger Husten, starke Atemnot mit inspiratorischem Stridor, beschleunigte Atmung, Zyanose, Unruhe und Todesangst, Tachykardie – bei Bolusverlegung auch Bradykardie – sowie im schlimmsten Fall Atem- und Kreislaufstillstand.

23.5.2 Eure Basismaßnahmen

  • Bei leichter Behinderung: den Patienten zu kräftigem Husten auffordern
  • Bei schwerer Behinderung: bis zu 5 kräftige Rückenschläge zwischen die Schulterblätter, danach bei Erfolglosigkeit der Heimlich-Handgriff (bis zu 5 ruckartige Oberbauchkompressionen), beides im Wechsel wiederholen
  • Bei Bewusstlosigkeit: sofort mit der Reanimation beginnen – die Thoraxkompressionen erzeugen einen Druck in den Atemwegen, der den Fremdkörper lösen kann; vor jeder Beatmung den Mundraum kontrollieren und ggf. absaugen oder manuell säubern
  • Bei Kindern zusätzlich Oberkörpertieflagerung zur Unterstützung nutzen
  • Ohne Atembeeinträchtigung: erhöhte Oberkörperlagerung

Nach einem erfolgreichen Heimlich-Handgriff muss der Patient immer ärztlich untersucht werden, da innere Verletzungen etwa von Leber oder Magen möglich sind. Auch nach einer scheinbar folgenlosen Aspiration kann sich in den folgenden Stunden eine Lungenentzündung entwickeln.

23.6 Lungenembolie

Bei einer Lungenembolie verschließt ein Blutgerinnsel eine oder mehrere Lungenarterien. Das Gerinnsel stammt meist aus einer tiefen Beinvenenthrombose. Risikofaktoren sind längere Immobilisation (Bettlägerigkeit, lange Flug- oder Autoreisen, Gipsverband), frische Operationen, Krebserkrankungen, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung in Kombination mit Rauchen und frühere Thrombosen.

Leitsymptome sind plötzliche Atemnot, atemabhängige Brustschmerzen, Herzrasen, Angst, Husten – manchmal mit blutigem Auswurf – und bei großen Embolien ein Kreislaufschock bis zum Kreislaufstillstand. Die Sättigung ist oft erniedrigt, obwohl die Lunge bei der Auskultation unauffällig klingt. Ein geschwollenes, schmerzhaftes Bein kann ein Hinweis auf die Ursache sein.

Eure Basismaßnahmen: Oberkörperhochlagerung, Sauerstoffgabe, absolute Ruhe und kein unnötiges Bewegen des Patienten, damit sich keine weiteren Gerinnsel lösen, Monitoring und sofortige Notarztnachforderung. Der Patient wird getragen und nicht zum Fahrzeug laufen gelassen.

23.7 Spontanpneumothorax

Beim Pneumothorax gelangt Luft in den Spalt zwischen Lunge und Brustwand, sodass die Lunge ganz oder teilweise zusammenfällt. Ein Spontanpneumothorax entsteht ohne Unfall, typischerweise bei großen, schlanken jungen Männern oder bei Patienten mit Lungenvorerkrankungen wie COPD. Typisch sind ein plötzlicher, stechender, einseitiger Brustschmerz und Atemnot; auf der betroffenen Seite ist das Atemgeräusch abgeschwächt.

Gefährlich wird es, wenn sich ein Spannungspneumothorax entwickelt: Mit jedem Atemzug gelangt mehr Luft in den Pleuraspalt, der Druck verdrängt Herz und Gefäße, und es kommt zu Schock, gestauten Halsvenen und zunehmender Zyanose. Eure Maßnahmen: Oberkörperhochlagerung, Sauerstoffgabe, Monitoring und Notarzt nachfordern – die Entlastung eines Spannungspneumothorax ist eine ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Maßnahme.

23.8 Hyperventilationssyndrom

Das Hyperventilationssyndrom tritt vor allem bei Angst, Stress, Wut, starken Schmerzen oder Schreck auf: Die Atmung wird schneller und flacher und kann sich bis zur Hyperventilation steigern – schnellen, tiefen Atemzügen, bei denen deutlich mehr Kohlendioxid abgeatmet wird, als der Körper produziert. Der CO₂-Gehalt im Blut sinkt (Hypokapnie), der pH-Wert steigt (respiratorische Alkalose), wodurch freies Kalzium vermehrt an Eiweiße gebunden wird und die Muskeln übererregbar werden.

Erste Anzeichen sind Kribbeln in Fingern und um den Mund, später Muskelkrämpfe mit typischer Pfötchenstellung der Hände sowie Bronchospasmen, die das Gefühl von Atemnot und Erstickungsangst weiter verstärken – ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Panik und Überatmung.

Merke: Das psychisch bedingte Hyperventilationssyndrom ist nicht lebensbedrohlich – es ist aber eine Ausschlussdiagnose. Auch Lungenembolie, Asthma, Herzinfarkt, Schmerzen oder eine Stoffwechselentgleisung wie die diabetische Ketoazidose führen zu schneller Atmung. Wichtigste Maßnahme ist es, den Patienten ruhig anzusprechen und die Atmung bewusst anzuleiten: langsam durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen, gemeinsam zählen, Blickkontakt halten.

Die früher übliche Rückatmung in eine Tüte wird heute zurückhaltend gesehen, da sie bei übersehener organischer Ursache zu Sauerstoffmangel führen kann; wenn überhaupt, erfolgt sie nur nach Ausschluss anderer Ursachen, mit einer geeigneten Rückatemmaske und unter Kontrolle der Sättigung. Gelingt eine Beruhigung nicht, wird der Notarzt hinzugezogen, der nach Anlage eines venösen Zugangs gegebenenfalls ein Sedativum einsetzt, um den Kreislauf der Überatmung zu durchbrechen.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Sauerstofftherapie in der Akutmedizin
  • Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma
  • Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie COPD
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie und Prävention
  • European Society of Cardiology (ESC): Leitlinie zur Diagnose und Behandlung der akuten Lungenembolie
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien 2025 – Atemwegsverlegung durch Fremdkörper
  • Ärztliche Leitungen Rettungsdienst der Bundesländer (ÄLRD 6-Länder-AG): Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR) Bronchialobstruktion
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