Klinische Notfälle
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31 Psychiatrische Notfälle

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Psychiatrische Notfälle wurden lange unterschätzt, machen inzwischen aber fast 10 Prozent aller Rettungsdiensteinsätze aus. Ein psychiatrischer Notfall liegt vor, wenn eine akute oder verschlimmerte psychische Störung unmittelbar das Leben oder die Gesundheit des Patienten oder seiner Umgebung gefährdet. Anders als bei körperlichen Notfällen fehlt den Betroffenen oft die Einsicht, dass überhaupt eine Behandlung nötig ist – der Rettungsdienst wird häufig gegen den Willen des Patienten gerufen, während Angehörige einen schnellen Abtransport fordern.

Achtung: Durch Realitätsverlust und fehlende Krankheitseinsicht besteht bei psychiatrischen Notfällen ein erhebliches Risiko für Selbst- oder Fremdgefährdung.

31.1 Erstkontakt und Ersteinschätzung

Beim ersten Patientenkontakt ist ein deeskalierendes, ruhiges und respektvolles Auftreten entscheidend – direkte oder konfrontative Annäherungen sollten vermieden werden.

31.1.1 Schritt 1: Psychiatrisch oder körperlich?

Zunächst muss geklärt werden, ob die Symptome auf eine psychiatrische Störung oder eine körperliche Ursache zurückzuführen sind. Viele körperliche Erkrankungen verändern Verhalten und Wahrnehmung: Unterzuckerung, Sauerstoffmangel, Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnhautentzündung, Vergiftungen, Alkohol- oder Drogenentzug, Schilddrüsenerkrankungen und hohes Fieber. Werden sie als „psychisch“ verkannt, kann das lebensgefährlich sein. Hinweise auf eine körperliche Ursache sind ein plötzlicher Beginn ohne bekannte psychiatrische Vorgeschichte, ein höheres Alter bei Erstauftreten und auffällige Vitalwerte.

Merke: Orientierungsstörungen, Fieber, Kopfschmerzen oder neurologische Ausfälle sprechen eher für eine körperliche Ursache als für ein rein psychiatrisches Geschehen.

31.1.2 Schritt 2: Einordnung

Wichtige Beobachtungspunkte sind Bewusstseinslage, Orientierung, Aggressivität, Suizidgedanken, Krankheitseinsicht, Eigen- und Fremdgefährdung sowie Hinweise auf Intoxikation oder Entzug – die psychiatrische Ersteinschätzung beruht dabei in hohem Maße auf subjektivem Eindruck und Verhaltensbeobachtung.

Wertvoll ist die Fremdanamnese: Angehörige, Betreuer oder Pflegekräfte können berichten, wie sich der Patient normalerweise verhält, welche Erkrankungen und Medikamente bekannt sind und was dem aktuellen Zustand vorausgegangen ist. Achtet auch auf die Umgebung – verwahrloste Wohnung, Medikamentenpackungen, Abschiedsbriefe oder Hinweise auf Drogenkonsum. Dokumentiert Aussagen des Patienten möglichst wörtlich; sie sind für die weitere Behandlung und eine mögliche Unterbringung wichtig.

31.1.3 Schritt 3: Erstversorgung

Lässt der Patient es zu, erfolgt eine körperliche Untersuchung nach dem ABCDE-Schema – besonders wichtig ist die Blutzuckermessung, da eine Unterzuckerung aggressives oder unruhiges Verhalten verursachen kann. Bei körperlicher Erkrankung mit psychiatrischen Symptomen erfolgt die Einweisung in eine medizinische oder neurologische Klinik, bei primär psychiatrischer Erkrankung ohne körperliche Ursache der Transport in eine psychiatrische Fachklinik.

31.2 Angstsyndrom

Angst ist normalerweise eine sinnvolle Alarmreaktion des Körpers, kann im Rahmen psychischer Erkrankungen oder Lebenskrisen aber auch ganz ohne körperliche Ursache auftreten. Typisch sind Unruhe, Angst bis Panik sowie vegetative Begleiterscheinungen wie Schwitzen, Zittern, Herzrasen und Hyperventilation.

Achtung: Angstzustände müssen immer auf eine mögliche körperliche Ursache hin überprüft werden, z. B. einen Herzinfarkt.

Eure wichtigste Maßnahme ist das Gespräch mit dem Patienten – Ruhe, Sicherheit und Zuwendung, die Angst ernst nehmen, auch wenn sie objektiv unbegründet erscheint, den Patienten in Untersuchungsschritte einbeziehen und ihn nicht allein lassen.

31.3 Psychomotorisches Erregungssyndrom (Agitation und Aggressivität)

Bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen kann die Anspannung den gesamten Bewegungsablauf beeinflussen – Betroffene wirken rastlos, getrieben und gehetzt (Agitation). Die Grenze zur Aggression, also verbalen, nonverbalen oder körperlichen Handlungen mit Gefährdungspotenzial, ist fließend.

Achtung: Agitierte Zustände gehen häufig in Aggression und Gewalt über.

In diesem Zustand ist eine Untersuchung meist nicht möglich. Euer Fokus liegt auf besonnenem, geduldigem Vorgehen mit konsequentem Eigenschutz sowie – wo möglich – Fremdanamnese; oberstes Ziel ist der Schutz vor Eigen- und Fremdgefährdung. Eine medikamentöse Sedierung, gegebenenfalls in Abstimmung mit der Polizei bei nötigen Zwangsmaßnahmen, ist ärztliche Aufgabe.

31.4 Verwirrtheitssyndrom (Desorientierung)

Bewusstseinsstörungen mit Desorientierung können somatische Ursachen haben (z. B. Schlaganfall, Bluthochdruck, Unterzuckerung – besonders bei älteren Patienten) oder psychisch bedingt sein, ohne organischen Befund. Typisch sind unzusammenhängendes Denken, möglicherweise Wahnvorstellungen und Halluzinationen sowie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen.

Merke: Das bloße Nichtwissen des genauen Datums beweist noch keine Desorientierung – die fehlende Kenntnis von Wochentag, Monat und Jahr dagegen schon.

Eure Basismaßnahmen sind eine ruhige, sachliche Ansprache, die Vermittlung von Sicherheit sowie eine zeitnahe Untersuchung zum Ausschluss somatischer Ursachen – mindestens Blutzucker- und Blutdruckmessung.

31.5 Hirnorganisches Psychosyndrom (HOPS)

Ein Sammelbegriff für psychische Störungen infolge organischer Hirnveränderungen – etwa durch Hirngefäßverkalkung, Schädel-Hirn-Trauma, Stoffwechselentgleisungen, Infektionen oder Vergiftungen. Typisch sind Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen und eine eingeschränkte Urteilsfähigkeit. Man unterscheidet das akute, potenziell reversible Delir von der chronischen, meist irreversiblen Demenz.

31.5.1 Delirantes Syndrom

Ein akutes organisches Psychosyndrom mit Störung von Bewusstsein, Orientierung und Informationsverarbeitung, das meist plötzlich einsetzt. Häufige Auslöser sind Elektrolytstörungen, Sauerstoffmangel, Infektionen, Trauma, Medikamentenwechselwirkungen oder ein abrupter Entzug von Suchtmitteln. Typisch sind Desorientierung, motorische Unruhe (z. B. Nesteln an der Kleidung), optische Wahrnehmungsstörungen sowie vegetative Begleitzeichen wie Tachykardie und erhöhte Körpertemperatur.

Achtung: Das delirante Syndrom gefährdet die Vitalfunktionen und endet unbehandelt in etwa 10 Prozent der Fälle tödlich – eine Klinikeinweisung ist immer erforderlich.

Eure Basismaßnahmen sind die Sicherung und Überwachung der Vitalfunktionen mit EKG-Monitoring, Pulsoxymetrie, Blutzucker- und Blutdruckkontrolle. Die Flüssigkeitssubstitution über einen venösen Zugang sowie die medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika oder Benzodiazepinen sind ärztliche Maßnahmen.

31.5.2 Demenz

Ein chronisches organisches Psychosyndrom, das schleichend verläuft und vorwiegend ältere Menschen betrifft. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz, gefolgt von der vaskulären Demenz durch Durchblutungsstörungen des Gehirns. Leitsymptom ist die Gedächtnisschwäche, hinzu kommen Sprach- und Orientierungsprobleme sowie im fortgeschrittenen Stadium Persönlichkeitsveränderungen.

Merke: Entscheidend ist ein einfühlsamer, respektvoller Umgang – Betroffene sind erwachsene Menschen und dürfen nicht verkindlicht werden. Mit ihnen sprechen, nicht stumm transportieren.

31.6 Depression

Depression ist eine affektive Störung mit deutlich gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Antriebsminderung über längere Zeit – deutlich über normale Trauer oder Erschöpfung hinaus. Man unterscheidet die unipolare Depression von der bipolaren Störung, bei der sich depressive und manische Phasen abwechseln.

Achtung: Suizidgedanken sind bei Menschen mit Depression sehr häufig – die Depression ist eine der wichtigsten Ursachen für Suizide.

Typische Symptome sind Denkstörungen, Selbstzweifel, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, Antriebsmangel, Schlafstörungen und innere Leere. Eure Basismaßnahme ist ein empathisches Gespräch, das die individuelle Not ernst nimmt – Suizidgedanken und -absichten müssen dabei immer aktiv erfragt werden.

31.7 Akute Psychose

Bei einer Psychose ist das Realitätserleben gestört. Typisch sind Wahnvorstellungen – etwa verfolgt, abgehört oder vergiftet zu werden –, Halluzinationen wie das Hören von Stimmen, die kommentieren oder Befehle erteilen, sowie ein zerfahrenes, schwer nachvollziehbares Denken. Häufigste Ursache ist die Schizophrenie; Psychosen können aber auch durch Drogen wie Cannabis, Amphetamine oder Kokain, durch eine Manie oder durch körperliche Erkrankungen ausgelöst werden.

Menschen in einer akuten Psychose erleben ihre Wahrnehmung als real und haben oft große Angst. Diskutiert nicht über Wahninhalte und bestätigt sie auch nicht – nehmt die Angst ernst, ohne den Wahn zu bestärken, etwa: „Ich merke, dass Sie große Angst haben. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Sprecht ruhig und in kurzen Sätzen, haltet Abstand, vermeidet plötzliche Bewegungen und stellt euch nicht zwischen Patienten und Ausgang. Befehlende Stimmen, die zu Selbst- oder Fremdverletzung auffordern, sind ein Alarmzeichen – dann werden Notarzt und gegebenenfalls Polizei nachgefordert.

31.8 Suizidalität

Suizidalität kann im Rahmen vieler psychiatrischer Störungen auftreten, besonders bei Depressionen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen, aber auch bei schweren somatischen Erkrankungen wie Tumorleiden.

Merke: Die rechtlich relevante Bewertung der Eigengefährdung ist ausschließlich ärztliche Aufgabe. Jede Ankündigung und jeder Suizidversuch muss dennoch von euch ernst genommen werden.

Zentral ist das Gespräch: Der Patient soll erleben, dass seine Probleme ernsthaft wahrgenommen werden, ohne vorschnelle Ratschläge oder Verurteilung – gleichzeitig darf kein falsches Verständnis für die Suizidabsicht signalisiert werden. Ziel ist, die Zustimmung zu einer kurzfristigen ärztlichen Betreuung zu erreichen. Die endgültige Bewertung der Suizidalität erfolgt ausschließlich in einer psychiatrischen Fachklinik.

Fragt offen und direkt nach Suizidgedanken – das Ansprechen erhöht das Risiko nicht, sondern entlastet viele Betroffene. Hinweise auf eine akute Gefahr sind konkrete Pläne, bereits beschaffte Mittel wie Medikamente oder Waffen, Abschiedsbriefe, das Verschenken persönlicher Dinge, frühere Suizidversuche und eine plötzliche, scheinbar grundlose Ruhe nach langer Verzweiflung. Einen suizidgefährdeten Patienten lasst ihr niemals allein, auch nicht kurz auf der Toilette; gefährliche Gegenstände werden in Absprache mit Angehörigen oder der Polizei entfernt. Nach einem Suizidversuch steht zuerst die medizinische Versorgung der Folgen im Vordergrund, etwa bei einer Vergiftung (siehe Lektion 32).

31.9 Zwangsmaßnahmen und Unterbringung

Bei bestimmten psychischen Erkrankungen kann ein Transport in eine psychiatrische Fachklinik notwendig werden, teils mit Zwangsmaßnahmen verbunden.

Achtung: Rettungsfachpersonal ist grundsätzlich nicht befugt, eigenständig Zwangsmaßnahmen oder körperliche Gewalt anzuwenden – dies könnte den Tatbestand von Nötigung, Freiheitsberaubung oder Körperverletzung erfüllen.

Eine Ausnahme besteht nur bei akuter Gefahr für Rettungspersonal, Dritte oder den Patienten selbst: Hier darf – falls keine Polizei vor Ort ist – im Rahmen von Notwehr (§ 32 StGB) oder rechtfertigendem Notstand (§ 34 StGB) angemessene, verhältnismäßige Gewalt eingesetzt werden. Die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung einer Zwangseinweisung selbst bleibt ansonsten Polizeibeamten oder den zuständigen Behörden vorbehalten, geregelt durch die jeweiligen Landesgesetze (z. B. PsychKG). Eine Zwangseinweisung darf nur bei akuter, erheblicher Eigen- oder Fremdgefährdung erfolgen; eine Unterbringung über das Ende des Folgetages hinaus erfordert eine richterliche Entscheidung.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S3-Leitlinie Verhinderung von Zwang – Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S3-Leitlinie Demenzen
  • Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und AWMF: Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S2k-Leitlinie Notfallpsychiatrie
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S3-Leitlinie Schizophrenie
  • Psychisch-Kranken-Gesetze (PsychKG) der Länder
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