Pharmakologie ist die Lehre von den Wirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimitteln an gesunden wie erkrankten Organen. Sie gliedert sich vor allem in die Pharmakokinetik (was der Körper mit dem Medikament macht) und die Pharmakodynamik (was das Medikament mit dem Körper macht). Als Rettungssanitäter verabreicht ihr selbst außer Sauerstoff keine Medikamente – trotzdem ist pharmakologisches Grundwissen unverzichtbar, um Wirkungen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen bei euren Patienten zu erkennen und Notarzt bzw. Notfallsanitäter sicher zu assistieren.
Die Pharmakokinetik umfasst Aufnahme, Verteilung und Elimination eines Wirkstoffs. Bei oraler Gabe wird der Wirkstoff im Magen-Darm-Trakt resorbiert und zunächst über die Pfortader zur Leber transportiert – der sogenannte First-Pass-Effekt, bei dem manche Wirkstoffe teilweise abgebaut werden, während andere (Prodrugs) dort erst aktiv werden. Bei intravenöser Gabe wird diese erste Leberpassage umgangen, der Wirkstoff steht sofort im Blut zur Verfügung.
Nach individueller Wirkdauer erfolgt die Metabolisierung meist in der Leber, die Ausscheidung über Galle und Darm oder über die Niere. Ist die Leber- oder Nierenfunktion eingeschränkt, verlängert sich in der Regel die Wirkdauer eines Medikaments deutlich.
Die Pharmakodynamik beschreibt vier grundsätzliche Wirkmechanismen: die rezeptorvermittelte Wirkung, die Beeinflussung von Enzymen, den Eingriff in den Stoffwechsel von Mikroorganismen (etwa bei Antibiotika) sowie die Modulation von Transportsystemen und Ionenkanälen.
Bei der rezeptorvermittelten Wirkung bindet ein Wirkstoff nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an spezifische Rezeptoren. Ein Agonist löst dabei eine Reaktion aus, ein Antagonist bindet, ohne selbst eine Wirkung auszulösen, und blockiert damit den Rezeptor für andere Botenstoffe. Konkurrieren Agonist und Antagonist um denselben Rezeptor, spricht man von kompetitivem Antagonismus – ein Prinzip, das etwa bei Antidoten wie Flumazenil oder Naloxon genutzt wird, um die Wirkung von Benzodiazepinen bzw. Opioiden gezielt aufzuheben.
Die Entscheidung zur Medikamentengabe trifft grundsätzlich ausschließlich der Arzt. Notfallsanitäter dürfen in klar definierten Notfallsituationen bestimmte, vom Ärztlichen Leiter Rettungsdienst vorgegebene und geschulte Medikamente auch ohne Arzt vor Ort verabreichen – eine Kompetenz, die sich aus dem Notfallsanitätergesetz ergibt.
Merke: Für Rettungssanitäter ist die eigenverantwortliche Gabe von Notfallmedikamenten – mit der einzigen Ausnahme Sauerstoff – rechtlich nicht vorgesehen. Eine Medikamentengabe außerhalb dieser Kompetenz käme allenfalls im Rahmen des rechtfertigenden Notstands nach § 34 StGB infrage, also nur zur Abwehr einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben, und bleibt ein absoluter Ausnahmefall.
Ein wichtiger Beitrag, den ihr als Rettungssanitäter leisten könnt, ist eine sorgfältige Medikamentenanamnese: Welche Dauermedikation nimmt der Patient, wurde sie zuletzt regelmäßig eingenommen, und gibt es Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen? Wird beispielsweise die Einnahme von ASS oder Clopidogrel vergessen, steigt das Risiko eines erneuten Herzinfarkts. Auch selten aktiv genannte Medikamente wie Potenzmittel sind relevant, da sie mit bestimmten Notfallmedikamenten wie Nitrospray gefährliche Wechselwirkungen eingehen können.
Medikamente an Bord eines Rettungsmittels sind Temperatur- und Erschütterungsbelastungen ausgesetzt und werden deshalb in einem abschließbaren, kühlen, sauberen und lichtgeschützten Schrank gelagert, moderne Fahrzeuge verfügen zusätzlich über Kühlfächer für kühlpflichtige Präparate. Der Verbrauch wird dokumentiert, Fehlbestände umgehend ersetzt.
Merke: Medikamente nach Ablauf des Verfallsdatums dürfen nicht mehr eingesetzt werden – die Wirkung ist dann vermindert oder unkalkulierbar.
Besonders streng geregelt ist der Umgang mit Betäubungsmitteln: Sie werden verschlossen und unzugänglich in einbruchsicheren Behältnissen mitgeführt, nur in kleinen Mengen vorgehalten, und jede Entnahme sowie jede Entsorgung wird im Betäubungsmittelbuch dokumentiert und von zwei Personen gegengezeichnet.
Für die sichere Vorbereitung und Anreichung von Medikamenten hat sich die Regel der „acht großen R“ etabliert: richtiges Medikament, richtiger Patient, richtige Dosierung, richtige Verdünnung, richtige Applikationsart, richtig gelagert, richtige Temperatur, richtig vorbereitet.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, und Säuglinge sind keine kleinen Kinder – Körperzusammensetzung sowie Leber- und Nierenreife unterscheiden sich stark vom Erwachsenen und verändern sich zudem mit jedem Lebensjahr. Bei Früh- und Neugeborenen ist die Entgiftungsleistung von Leber und Niere noch unreif, Medikamente werden entsprechend langsamer abgebaut; ab etwa zwei Jahren steigt die Entgiftungsleistung dagegen stark an.
Bei älteren Menschen ist die eigentliche Medikamentenwirkung nicht grundsätzlich anders, jedoch nehmen viele Seniorinnen und Senioren mehrere Medikamente gleichzeitig ein (Polypharmazie), was Wechselwirkungen wahrscheinlicher macht. Schwerer wiegt oft die im Alter nachlassende Leber- und Nierenfunktion, die zu einer verzögerten Ausscheidung führt – ältere Patienten erhalten dadurch mitunter faktisch zu hohe Dosen.
Sauerstoff ist das einzige Medikament, das ein Rettungssanitäter auch ohne Nachforderung eines höherwertigen Rettungsmittels selbstständig verabreichen darf. Nach der Inhalation diffundiert Sauerstoff über die Alveolen ins Blut, bindet an Hämoglobin und wird zu den Zellen transportiert, wo er für die aerobe Energiegewinnung benötigt wird.
Merke: Sauerstoff ist ein echtes Medikament und keineswegs nebenwirkungsfrei. Druckgasflaschen sind zudem brandbeschleunigend und dürfen keiner starken Erwärmung ausgesetzt werden. Zur Beurteilung der respiratorischen Situation dient die Pulsoxymetrie – eine sichtbare Zyanose allein ist unzuverlässig.
Neben Sauerstoff kommen im Rettungsdienst zahlreiche weitere Wirkstoffgruppen zum Einsatz, deren Applikation ausschließlich Ärzten bzw. entsprechend qualifizierten Notfallsanitätern vorbehalten ist. Ein grober Überblick hilft euch, die Situation und mögliche Nebenwirkungen einzuordnen:
Eure Aufgabe bei all diesen Wirkstoffgruppen ist es, das Material vorzubereiten, den Patienten während und nach der Gabe engmaschig zu überwachen und Veränderungen von Bewusstsein, Atmung, Puls oder Blutdruck sofort zu melden.