Notfälle im Kindesalter machen nur etwa 4 bis 5 Prozent aller Rettungsdiensteinsätze aus, sind aber in mehrfacher Hinsicht besonders: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, Eltern stellen sich instinktiv schützend vor ihr Kind, und Einsätze mit Kindern belasten das Rettungsteam psychisch stark. Wer einem Kind hilft, hat fast immer auch die Eltern als Betroffene mitzuversorgen – Ruhe, Empathie und ein vertrauensvolles Auftreten sind hier ebenso wichtig wie fachliches Können.
Man unterscheidet Neugeborene (bis 28. Lebenstag), Säuglinge (bis 1 Jahr), Kleinkinder (1–6 Jahre), Schulkinder (6–14 Jahre) und Jugendliche (14–18 Jahre) – jede Altersstufe hat eigene Normwerte und Entwicklungsschritte.
Für die Ersteinschätzung hat sich das pädiatrische Beurteilungsdreieck (PAT) bewährt: Anhand von Erscheinungsbild, Atemarbeit und Hautzirkulation lässt sich ein Kind schnell als stabil, potenziell kritisch oder kritisch einordnen – als Ergänzung, nicht als Ersatz für die vollständige Untersuchung nach dem ABCDE-Schema.
Merke: „Wer schreit, der atmet.“ Ein laut schreiendes oder herumtobendes Kind hat in der Regel eine ausreichende Eigenatmung – besorgniserregend ist dagegen ein ungewöhnlich stilles, apathisches Kind.
Die Pulsoxymetrie ist das wichtigste Hilfsmittel bei Kindernotfällen – sie ist einfach anzulegen und liefert sowohl Sättigung als auch Herzfrequenz, die bei kleinen Kindern das Herzminutenvolumen fast allein steuert. Ein EKG bringt bei Kindern meist keine zusätzlichen Erkenntnisse, eine Blutdruckmessung ist oft nur eingeschränkt möglich. Das Körpergewicht ist für Medikamentendosierung und Gerätegrößen entscheidend und lässt sich mit der Fünf-Finger-Regel altersgerecht abschätzen.
Die Luftröhre ist kurz und eng, der Kehlkopf sitzt höher und ist nach vorn geneigt. Bis etwa zum sechsten Lebensjahr liegt die engste Stelle der Atemwege nicht an den Stimmbändern, sondern darunter am Ringknorpel. Kinder haben einen deutlich höheren Sauerstoffbedarf bei gleichzeitig kleineren Sauerstoffreserven und sind zudem typische Nasenatmer, sodass schon kleine Reizungen der Nasenschleimhaut die Atmung erheblich einschränken können.
Da die Herzhöhlen noch nicht dehnbar genug sind, um das Schlagvolumen zu steigern, wird das Herzminutenvolumen bei Säuglingen und Kindern fast ausschließlich über die Herzfrequenz reguliert.
Merke: Eine verlangsamte Herzfrequenz bei Säuglingen oder Kindern ist ein akuter, lebensbedrohlicher Notfall. Da die Blutgefäße dauerhaft verengt sind, kann schon ein kleiner Blutverlust kaum weiter kompensiert werden – ein Blutdruckabfall ist deshalb besonders gefährlich.
Kinder haben im Verhältnis zum Gewicht eine deutlich größere Körperoberfläche und einen höheren Wasseranteil als Erwachsene, wodurch sie sowohl schneller auskühlen als auch einen relativ größeren Flüssigkeitsbedarf haben – besonders Neugeborene und Säuglinge können zudem noch keine ausreichende Wärme durch Muskelzittern erzeugen.
Besonders Kleinkinder zwischen 2 und 3 Jahren sind gefährdet, da sie ihre Umwelt mit Mund und Händen erkunden. Typisch ist ein plötzlicher, heftiger Hustenanfall ohne vorausgegangene Erkältung, begleitet von Keuchen, inspiratorischem Stridor bei Verlegung der oberen und Giemen bei Verlegung der unteren Atemwege.
Achtung: Säuglinge dürfen niemals Oberbauchkompressionen erhalten – die Verletzungsgefahr für die inneren Organe ist zu groß.
Laryngoskopische Entfernung mit der Magill-Zange, Intubation oder im äußersten Notfall eine Koniotomie sind ärztliche Maßnahmen; kann das Kind über eine Maske ausreichend beatmet werden, ist der schnelle Transport in eine Kinderklinik meist sicherer als ein invasiver Eingriff vor Ort.
Für die Notfallmedizin sind zwei Formen wichtig, die dringend voneinander unterschieden werden müssen.
Meist eine Virusinfektion bei Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren, die zu einer Schwellung unterhalb der Stimmbänder führt. Typisch ist ein nächtlich auftretender bellender Husten mit zunehmender Atemnot und bei Aufregung inspiratorischem Stridor, bei normaler oder nur leicht erhöhter Temperatur. Trotz dramatisch wirkender Symptome verläuft die Erkrankung meist harmlos.
Eure Basismaßnahmen sind vor allem, keine Hektik entstehen zu lassen: Eltern beruhigen, das Kind auf dem Arm eines Elternteils in leicht erhöhter Oberkörperposition belassen und kalte, feuchte Luft zuführen (z. B. am offenen Fenster) – das wirkt oft schon abschwellend. Ein Notarzt sollte hinzugezogen werden, um eine Epiglottitis auszuschließen und bei schwereren Verläufen eine Adrenalin-Inhalation zu verabreichen.
Eine bakterielle Infektion des Kehldeckels, die innerhalb weniger Stunden zu einer massiven Schwellung bis zum vollständigen Atemwegsverschluss führen kann – ein akut lebensbedrohlicher Notfall, meist zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr. Leitsymptome sind plötzlich hohes Fieber, massive Atemnot mit Erstickungsangst, grau-zyanotische Hautfarbe, starker Speichelfluss durch Schluckunfähigkeit – und, anders als beim Pseudokrupp, kein bellender Husten.
Achtung: Bei Verdacht auf Epiglottitis darf keine Racheninspektion erfolgen – sie kann die vollständige Atemwegsverlegung auslösen. Auch Getränke oder Nahrung dürfen wegen der Aspirationsgefahr nicht gegeben werden.
Eure Basismaßnahmen sind die Nachforderung des Notarztes, beruhigender Zuspruch für die Eltern, Lagerung mit erhöhtem Oberkörper auf dem Arm eines Elternteils, hochdosierte Sauerstoffgabe und kontinuierliches Monitoring, insbesondere mit dem Pulsoxymeter. Verschlechtert sich die Atmung, kann eine assistierte Maskenbeatmung lebensrettend sein – das Team muss dabei jederzeit intubationsbereit sein, auch wenn diese Maßnahme dem Notarzt vorbehalten bleibt.
Eine Austrocknung (Exsikkose) entsteht bei Kindern durch zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, starkes Erbrechen, Durchfall, Schwitzen oder hohes Fieber. Typische Zeichen sind eine reduzierte Aktivität, tief liegende, glasige Augen, trockene Schleimhäute, stehende Hautfalten, bei Säuglingen eine eingesunkene Fontanelle sowie eine verminderte Urinmenge.
Eure Basismaßnahmen sind ein sorgfältiger Basischeck mit Blutzucker- und Temperaturmessung sowie kontinuierliches Monitoring; bei ausgeprägter Dehydratation wird der Notarzt nachgefordert, da der eigentliche Flüssigkeitsersatz je nach Zustand oral oder als Infusion erfolgen muss.
Fieberkrämpfe sind im Kindesalter die häufigste Ursache eines Krampfanfalls und werden meist durch den raschen Anstieg der Körpertemperatur zu Beginn eines Infekts ausgelöst – nicht durch die absolute Höhe des Fiebers. Typisch ist ein generalisierter, tonisch-klonischer Anfall mit Bewusstseinsverlust, meist 2 bis 10 Minuten dauernd, mit spontanem Ende und anschließender Nachschlafphase. In etwa 90 Prozent der Fälle ist der Anfall bei Eintreffen des Rettungsdienstes bereits vorbei.
Merke: Nicht die Höhe des Fiebers, sondern der schnelle Temperaturanstieg triggert den Fieberkrampf. Differenzialdiagnostisch müssen andere Krampfursachen (z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Unterzuckerung, Vergiftung) sowie ein Affektkrampf ohne echte zerebrale Ursache bedacht werden.
Die Gabe eines krampflösenden Benzodiazepins – meist rektal, ohne venösen Zugang – ist ärztliche Aufgabe.
Ein BRUE (Brief Resolved Unexplained Event) beschreibt ein plötzlich auftretendes, wieder abklingendes Ereignis mit Atemstörungen, Hautfarbveränderung, verändertem Muskeltonus oder eingeschränkter Reaktionsfähigkeit, meist bei Säuglingen unter einem Jahr. Häufig genügt eine Stimulation des Kindes, um die Situation zu beenden; bleibt diese erfolglos, sind Wiederbelebungsmaßnahmen notwendig.
Der plötzliche Kindstod (SIDS) ist der unerwartete Tod eines Säuglings ohne feststellbare Ursache, meist im Schlaf und im ersten Lebensjahr. Solange keine sicheren Todeszeichen vorliegen, muss sofort mit der Reanimation begonnen werden, auch wenn diese wegen des meist unbemerkt eingetretenen Kreislaufstillstands oft erfolglos bleibt. Liegen sichere Todeszeichen vor, wird keine Reanimation mehr durchgeführt – stattdessen erhalten die Angehörigen Raum für den Abschied, und da die Todesursache definitionsgemäß ungeklärt ist, muss die Polizei informiert werden.
Kindesmisshandlung umfasst Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und sexuellen Missbrauch. Ein einzelnes eindeutiges Leitsymptom gibt es nicht – auffällig ist meist eine Kombination aus körperlichen Befunden, dem Verhalten von Eltern und Kind sowie der Plausibilität der geschilderten Unfallhergänge. Hinweise sind etwa Verletzungen unterschiedlichen Alters nebeneinander, Knochenbrüche bei Kleinkindern unter drei Jahren, Blutergüsse an untypischen Stellen (z. B. hinter den Ohren, an den Innenseiten der Oberschenkel), Bissspuren oder Zigarettenabdrücke sowie Anzeichen von Vernachlässigung wie verfilzte Haare oder unpassende, verschmutzte Kleidung.
Merke: Normales Spielen, Toben oder Stürze aus geringer Höhe führen bei Kindern üblicherweise nicht zu schweren Verletzungen.
Am Einsatzort ist ein umsichtiges, kontrolliertes Vorgehen erforderlich – Emotionen dürfen nicht das Handeln bestimmen, und überstürzte Anschuldigungen gegenüber den Eltern können das Kind zusätzlich gefährden. Eure Aufgabe ist die medizinische Versorgung der Verletzungen, eine sorgfältige und lückenlose Dokumentation aller Auffälligkeiten sowie der konsequente Transport in eine Kinderklinik.