Neurologische Notfälle betreffen entweder einzelne Nervenbahnen oder größere Bereiche des Nervensystems, wie das gesamte Gehirn. Da das Nervensystem nahezu alle lebenswichtigen Prozesse steuert, sind die möglichen Symptome äußerst vielfältig – welche Krankheitszeichen auftreten, hängt von der genauen Lokalisation und dem Ausmaß der Schädigung ab. Viele neurologische Notfälle sind zeitkritisch: Beim Schlaganfall gehen mit jeder Minute ohne Behandlung Nervenzellen unwiederbringlich verloren. Eure wichtigste Aufgabe ist daher, die Leitsymptome schnell zu erkennen, die Vitalfunktionen zu sichern und den Patienten ohne Zeitverlust in die richtige Klinik zu bringen.
Man unterscheidet qualitative Bewusstseinsstörungen, die die Inhalte des Bewusstseins betreffen (z. B. kognitive Einschränkungen, Stimmungsveränderungen, Halluzinationen), von quantitativen Störungen, die die Wachheit (Vigilanz) betreffen und lebensbedrohlich sein können:
Merke: Im Rettungsdienst wird die Schwere einer Bewusstseinsstörung stets mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS) objektiv beurteilt und dokumentiert.
Eine Bewusstseinsstörung ist ein Symptom, keine Diagnose. Die Ursache kann im Gehirn selbst liegen – etwa Schlaganfall, Hirnblutung, Schädel-Hirn-Trauma, Krampfanfall oder Hirnhautentzündung – oder außerhalb des Gehirns, etwa bei Unterzuckerung, Sauerstoffmangel, Vergiftung, Schock, Unterkühlung oder Stoffwechselentgleisungen. Auch eine kurze Bewusstlosigkeit durch einen vorübergehenden Blutdruckabfall (Synkope) gehört dazu.
Unabhängig von der Ursache gilt: Vitalfunktionen nach ABCDE sichern, Atemwege freihalten, bewusstlose Patienten mit ausreichender Atmung in die stabile Seitenlage bringen, Blutzucker messen und Pupillen kontrollieren. Befragt Angehörige und Zeugen: Wie hat es angefangen? Gab es Vorerkrankungen, Medikamente, Alkohol oder einen Sturz? Bei jeder anhaltenden Bewusstseinsstörung wird ein Notarzt nachgefordert.
Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, die durch Sauerstoffmangel zu neurologischen Ausfällen führt. Etwa 80 Prozent aller Schlaganfälle sind ischämisch – verursacht durch einen Gefäßverschluss, meist infolge von Arteriosklerose, Thrombosen oder arteriellen Embolien (z. B. bei Vorhofflimmern). Bei einer TIA (transitorisch ischämische Attacke) bilden sich die Symptome innerhalb einer Stunde ohne bleibenden Schaden zurück, beim ischämischen Infarkt bleibt eine strukturelle Hirnschädigung zurück.
Auch eine TIA ist ein Notfall: Sie ist oft das Warnsignal für einen drohenden Schlaganfall in den folgenden Stunden oder Tagen. Patienten mit einer TIA werden deshalb immer in eine Klinik mit Stroke Unit gebracht, auch wenn die Beschwerden bei eurem Eintreffen schon verschwunden sind. Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Diabetes, Rauchen, erhöhte Blutfette und höheres Alter.
Typische Ausfälle sind eine Halbseitenlähmung, eine hängende Gesichtshälfte, Sprachstörungen und Sehstörungen. Der FAST-Test ist das wichtigste Erkennungsinstrument:
Für den Arm-Test streckt der Patient beide Arme mit den Handflächen nach oben und geschlossenen Augen nach vorn; sinkt ein Arm ab oder dreht sich nach innen, ist der Test auffällig. Beim Sprachtest spricht der Patient einen einfachen Satz nach. Weitere mögliche Zeichen sind Gleichgewichtsstörungen, plötzlicher Sehverlust auf einem Auge, Doppelbilder, Schwindel und Schluckstörungen – die erweiterte Merkhilfe BE-FAST ergänzt deshalb „Balance“ und „Eyes“.
Wichtig sind sogenannte „Stroke Mimics“, die einen Schlaganfall vortäuschen: vor allem eine Unterzuckerung, aber auch ein Krampfanfall mit anschließender Lähmung, eine Migräne oder eine Vergiftung. Deshalb wird bei jedem Schlaganfallverdacht der Blutzucker gemessen.
Der Zeitpunkt des Symptombeginns entscheidet über die Therapie: Eine medikamentöse Auflösung des Gerinnsels (Lyse) ist nur in einem begrenzten Zeitfenster von wenigen Stunden möglich, eine mechanische Entfernung des Gerinnsels (Thrombektomie) in spezialisierten Zentren teilweise auch später. Ohne diese Information kann die Klinik oft nicht behandeln. Nehmt, wenn möglich, eine Bezugsperson mit oder notiert deren Telefonnummer.
Merke: Ein Schlaganfall ist ein zeitkritischer Notfall – Ziel ist der schnelle, eiligste Transport in eine geeignete Klinik, vorzugsweise mit Stroke Unit. Die medikamentöse Blutdrucksenkung bei sehr hohen Werten ist ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Aufgabe.
Etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle sind hämorrhagisch – eine Blutung innerhalb des Schädels. Mögliche Ursachen sind ein Gefäßriss durch stark erhöhten Blutdruck, eine gestörte Blutgerinnung oder die Ruptur eines Aneurysmas (Subarachnoidalblutung). Da der Schädel starr ist, kann schon eine geringe Blutmenge binnen Minuten zu einer lebensbedrohlichen Drucksteigerung führen.
Neben den Zeichen eines ischämischen Schlaganfalls zeigen sich häufig zusätzliche Hinweise auf erhöhten Hirndruck: Bewusstseinsstörungen bis zum Koma, unregelmäßige Atemmuster, eine Kombination aus hohem Blutdruck und niedrigem Puls, eine einseitig weite, lichtstarre Pupille, heftigster Kopfschmerz mit Ausstrahlung in den Nacken sowie schwallartiges Erbrechen.
Typisch für die Subarachnoidalblutung ist ein schlagartig einsetzender, „vernichtender“ Kopfschmerz, den Patienten als den schlimmsten ihres Lebens beschreiben, oft verbunden mit Nackensteifigkeit, Übelkeit und Lichtscheu. Präklinisch lässt sich eine Blutung nicht sicher von einem ischämischen Schlaganfall unterscheiden – das gelingt erst mit der Bildgebung in der Klinik.
Achtung: Eine einseitig erweiterte Pupille bei einem wachen, orientierten Patienten spricht eher für eine lokale Augenerkrankung oder ein Augentrauma als für eine intrakranielle Blutung.
Das Legen eines venösen Zugangs, die kontrollierte medikamentöse Blutdrucksenkung sowie bei tiefer Bewusstlosigkeit die Narkose mit Intubation und Beatmung sind ärztliche Maßnahmen.
Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine krankhaft übermäßige oder synchrone elektrische Aktivität im Gehirn. Beim generalisierten Grand-Mal-Anfall – der häufigsten Form – folgt auf eine mögliche Aura (Angst, Unruhe, Schweißausbruch) ein Initialschrei mit Sturz und Bewusstlosigkeit, ein kurzer Atemstillstand mit möglicher Zyanose, dann tonische gefolgt von klonischen Krämpfen, häufig mit Zungenbiss und Speichelfluss. Nach dem Anfall folgt eine Nachschlafphase mit Desorientierung und Amnesie.
Daneben gibt es fokale Anfälle, die nur einen Teil des Gehirns betreffen – etwa Zuckungen eines Arms oder kurze Bewusstseinsveränderungen mit Nesteln und Schmatzen – sowie kurze Abwesenheiten (Absencen), vor allem bei Kindern. Krampfanfälle treten nicht nur bei Epilepsie auf, sondern auch als Folge von Unterzuckerung, Alkoholentzug, Vergiftungen, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutung, Fieber bei Kleinkindern (siehe Lektion 28) oder Sauerstoffmangel.
Merke: Dauert ein Anfall länger als 5 Minuten oder folgen mehrere Anfälle unmittelbar aufeinander, ohne dass das Bewusstsein zurückkehrt, spricht man von einem Status epilepticus – einem lebensbedrohlichen Zustand.
Befragt Augenzeugen genau: Wie lange hat der Anfall gedauert, wie sah er aus, war der Patient zwischendurch wach? Handelt es sich um einen bekannten Epileptiker, fragt nach Notfallmedikamenten und der letzten Einnahme der Dauermedikation. Ein erstmaliger Krampfanfall muss immer in der Klinik abgeklärt werden.
Achtung: Ein kurzer Krampfanfall kann auch am Beginn eines Kreislaufstillstands auftreten, und die Atmung nach einem Anfall kann einer Schnappatmung ähneln. Jeder Patient muss deshalb nach einem Krampfanfall sofort auf Kreislaufzeichen überprüft und ans EKG-Monitoring angeschlossen werden. Direkt nach einem Anfall besteht zudem eine erhöhte Gefahr für weitere Krampfereignisse – kontinuierliche Überwachung ist Pflicht.
Hält der Anfall an, legt der Notarzt bzw. Notfallsanitäter einen venösen Zugang und verabreicht ein Antikonvulsivum, etwa ein Benzodiazepin – alternativ auch rektal oder intranasal über ein Zerstäubungssystem.
Eine Meningitis ist eine Entzündung der Hirnhäute, meist durch Bakterien oder Viren. Leitsymptome sind Fieber, starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Lichtscheu, Übelkeit und eine zunehmende Bewusstseinsstörung. Bei der gefürchteten Meningokokken-Infektion können sich punktförmige Hautblutungen (Petechien) zeigen, die sich nicht wegdrücken lassen, und innerhalb weniger Stunden ein lebensbedrohlicher septischer Schock entwickeln. Bei Säuglingen fehlen die typischen Zeichen oft; sie fallen durch Trinkschwäche, Schläfrigkeit, schrilles Schreien oder eine vorgewölbte Fontanelle auf.
Eure Basismaßnahmen: Eigenschutz mit Mund-Nasen-Schutz für euch und – wenn toleriert – für den Patienten, Vitalfunktionen sichern, Monitoring, Blutzuckermessung, Notarzt nachfordern und die Klinik über den Verdacht informieren. Da sich Meningokokken durch Tröpfchen übertragen, wird bei bestätigter Infektion für enge Kontaktpersonen – auch für Einsatzkräfte ohne Schutz, etwa nach Beatmung ohne Beatmungsbeutel – eine vorbeugende Antibiotikagabe geprüft. Meldet einen solchen Kontakt deshalb eurem Arbeitgeber bzw. dem Hygienebeauftragten (siehe Lektion 5).
Dringt der weiche Bandscheibenkern durch Einrisse im Faserring in den Wirbelkanal vor, spricht man von einem Bandscheibenvorfall – am häufigsten im Bereich der Lendenwirbelsäule. Typisches Hauptsymptom ist ein Taubheitsgefühl im Bein zusätzlich zu Rückenschmerzen, oft begleitet von Bewegungseinschränkungen und einer auffälligen Schonhaltung. Die Beschwerden beginnen häufig plötzlich nach starker körperlicher Belastung, etwa beim Heben schwerer Gegenstände.
Wichtigste Basismaßnahme ist die schonende Lagerung bei gleichzeitiger Immobilisation der Wirbelsäule, bevorzugt auf einer Vakuummatratze, mit Umlagerung über eine Schaufeltrage. Bei Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule wird zusätzlich eine Halskrause angelegt. Kann der Patient nicht ohne erhebliche Schmerzen umgelagert werden, wird der Notarzt für eine wirksame Schmerztherapie hinzugezogen.
Achtung: Treten zusätzlich Lähmungen, eine Blasen- oder Mastdarmstörung (Harnverhalt, Inkontinenz) oder ein Taubheitsgefühl im Genital- und Gesäßbereich („Reithosenanästhesie“) auf, besteht der Verdacht auf ein Kauda-Syndrom – einen Notfall, der rasch operiert werden muss. Diese Patienten werden zügig in eine geeignete Klinik transportiert.