Die Nephrologie befasst sich mit Erkrankungen der Nieren, die Urologie mit Krankheiten und Verletzungen des männlichen Urogenitalsystems sowie des weiblichen Harnsystems. Da die anatomischen Strukturen eng beieinanderliegen und sich gegenseitig beeinflussen, werden ihre Notfälle im Rettungsdienst häufig gemeinsam betrachtet.

29.1 Niereninsuffizienz

Die Nieren filtern überschüssige und körperfremde Stoffe aus dem Blut, regulieren den Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt und produzieren Hormone für Blutbildung und Blutdruck. Eine verminderte Filtrationsleistung wird als Niereninsuffizienz bezeichnet – man unterscheidet das akute Nierenversagen vom chronischen Verlauf.

29.1.1 Akutes Nierenversagen

Entwickelt sich innerhalb von Stunden bis Tagen und ist bei erfolgreicher Behandlung der Ursache meist reversibel. Man unterscheidet Ursachen vor der Niere (z. B. Kreislaufschock mit verminderter Nierendurchblutung), in der Niere selbst (z. B. durch Sauerstoffmangel oder toxische Einflüsse) und hinter der Niere (z. B. Abflussbehinderung durch Steine oder Tumoren). Typisch ist ein Phasenverlauf: Nach der eigentlichen Schädigung sinkt die Urinmenge stark ab (Oligo- bzw. Anurie) mit Anstieg von Kreatinin und Harnstoff, Überwässerung und gefährlichen Elektrolytstörungen – vor allem einer Hyperkaliämie –, bevor sich die Nierenfunktion in einer polyurischen Erholungsphase langsam wieder normalisiert.

29.1.2 Chronische Nierenerkrankung

Eine langsam fortschreitende, irreversible Funktionsminderung über Monate bis Jahre, häufig durch Diabetes, Harnsteinleiden, Entzündungen oder Bluthochdruck verursacht. Im Endstadium (terminale Niereninsuffizienz) führt sie ohne Dialyse oder Transplantation zum Tod. Typische Zeichen im Verlauf sind Bluthochdruck, Ödeme, Juckreiz, Wadenkrämpfe und ein charakteristischer urämischer Mundgeruch (Foetor uraemicus). Dialysepatienten gehören zum Alltag im Rettungsdienst – ohne regelmäßige Dialyse würde die Ansammlung harnpflichtiger Substanzen zum Tod führen.

29.1.3 Eure Basismaßnahmen bei urämischen Komplikationen

  • frühes Erkennen der urämischen Problematik, Sicherung der Vitalfunktionen
  • bequeme Lagerung, meist mit leicht erhöhtem Oberkörper
  • Sauerstoffgabe und kontinuierliches Monitoring

Der venöse Zugang sowie die medikamentöse Therapie mit Diuretika, Antihypertensiva oder kaliumfreien Infusionslösungen in fortgeschrittenen Stadien sind ärztliche Maßnahmen.

29.2 Nieren- und Harnleiterkolik

Eine Nieren- oder Harnleiterkolik entsteht meist durch einen Harnstein, der die ableitenden Harnwege verlegt – begünstigt durch Lebensstil, Stoffwechselstörungen und bestimmte Medikamente. Leitsymptom ist ein plötzlich einsetzender, wellenförmiger Flankenschmerz mit Ausstrahlung in die Leiste, oft begleitet von Übelkeit, Blässe, Kaltschweißigkeit und Unruhe. Anders als bei Bauchfellreizungen suchen Betroffene typischerweise Linderung durch Bewegung und können nicht stillhalten.

Achtung: Flankenschmerz zusammen mit Fieber spricht eher für einen Harnwegsinfekt oder eine Nierenbeckenentzündung als für eine reine Kolik.

29.2.1 Eure Basismaßnahmen

  • Anamnese – bekanntes Steinleiden, Fieber, familiäre Häufung
  • Palpation von Nierenlager und Abdomen
  • Monitoring von Puls, Blutdruck, Sättigung und EKG, bei Infektverdacht Temperaturmessung
  • Lagerung nach Kreislauflage, meist mit angewinkelten Beinen
  • Notarzt nachfordern bei Blutdruckabfall oder zur Schmerztherapie
Merke: Eine laufende Diuretika-Dauermedikation sollte in dieser Situation pausiert werden, da eine zusätzliche Diurese den Kolikschmerz verschlimmert – Diuretika sind bei Verdacht auf Harnstau grundsätzlich kontraindiziert.

Der venöse Zugang mit Volumentherapie sowie die Analgesie – meist mit Metamizol und einem Spasmolytikum wie Butylscopolamin, in schweren Fällen auch Opioide – sind ärztliche Maßnahmen.

29.3 Harnverhalt (Ischurie)

Ein akuter Harnverhalt ist die schmerzhafte Unfähigkeit, die prall gefüllte Harnblase trotz starken Harndrangs zu entleeren. Häufigste Ursache beim älteren Mann ist eine Prostatavergrößerung, weitere Ursachen sind Blasensteine, Verletzungen der Harnröhre oder neurologische Störungen. Über dem Schambein ist die gespannte Blase oft tastbar, begleitet von starken Schmerzen, Unruhe und vegetativen Zeichen wie Übelkeit und Tachykardie.

29.3.1 Eure Basismaßnahmen

  • Patienten beruhigen und schmerzarm lagern (z. B. Oberkörper hoch mit Knierolle)
  • bei liegendem, aber verlegtem Blasenkatheter vorsichtiges Anspülen mit Kochsalzlösung
  • bei starken Schmerzen Notarzt zur Entlastung nachfordern
Merke: Die wirksamste Erstmaßnahme ist die Blasenentlastung per Katheter – diese Katheterisierung ist im unklaren Notfall jedoch ärztliche Aufgabe, ebenso die anschließende Analgesie.

29.4 Akutes Skrotum

Unter „akutem Skrotum“ fasst man Zustände zusammen, bei denen eine Hodensackhälfte plötzlich schmerzhaft anschwillt. Die wichtigste Ursache ist die Hodentorsion, daneben entzündliche Prozesse an Hoden oder Nebenhoden.

29.4.1 Hodentorsion

Hoden und Samenstrang drehen sich um die eigene Achse, wodurch der venöse Abfluss behindert und die arterielle Versorgung eingeschränkt wird – ohne rasche Behandlung droht der Verlust des Hodens. Typisch sind plötzlich einsetzende, starke Schmerzen im Hodensack mit Ausstrahlung in Leiste und Unterbauch, Schwellung und vegetative Begleitzeichen wie Übelkeit und Tachykardie.

Merke: Jede akute, schmerzhafte Hodenschwellung ist sofort klinisch abklärungsbedürftig – eine Operation innerhalb der ersten sechs Stunden verbessert die Prognose deutlich.

Zur Abgrenzung von einer Nebenhodenentzündung (Epididymitis) helfen einige Anhaltspunkte: Eine Torsion beginnt meist abrupt und ohne Fieber, eine Entzündung dagegen schleichend und fast immer mit Fieber.

29.4.2 Eure Basismaßnahmen

  • sorgfältige Anamnese und Inspektion des Skrotums
  • kontinuierliches Monitoring, bei Entzündungsverdacht zusätzlich Temperaturmessung
  • flache Rückenlagerung mit leicht gespreizten Beinen, dem Patienten die schmerzärmste Haltung selbst wählen lassen
  • bei Schockzeichen oder zur ausreichenden Analgesie Notarzt hinzuziehen

29.5 Verletzungen der Niere

Nierentraumen entstehen durch direkte Gewalt gegen die Flanke oder als Teil größerer Unfallmechanismen, meist zusammen mit Begleitverletzungen anderer Bauchorgane. Die Schweregrade reichen von der einfachen Prellung über Einrisse bis zur vollständigen Nierenberstung mit möglicher Gefäßverletzung. Leitsymptome sind Flankenschmerz mit Ausstrahlung sowie in über 80 Prozent der Fälle eine Blutbeimengung im Urin (Hämaturie), sofern eine Miktion stattfindet.

Achtung: Das Fehlen einer Hämaturie schließt eine schwere Nierenverletzung nicht aus – etwa bei einem Gefäßabriss am Nierenstiel. Zudem kann eine Nierenruptur zweizeitig verlaufen: Auf eine zunächst unauffällige Phase folgt Tage bis Wochen später ein plötzliches Kapselreißen mit massiver innerer Blutung.

Die Versorgung entspricht der eines stumpfen Bauchtraumas: Vitalfunktionen sichern, schonende Lagerung, kontinuierliches Monitoring, Schockmanagement und rascher, schonender Transport in eine geeignete Klinik.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN): S3-Leitlinie Management der Hyperkaliämie
  • Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU): S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis
  • Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU): S2k-Leitlinie Urologisches Trauma
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung