Medikamente können auf ganz unterschiedlichen Wegen in den Körper gelangen – über den Mund, die Haut, die Schleimhäute oder direkt über eine Nadel in Vene, Knochen oder Muskel. Welcher Weg gewählt wird, entscheidet maßgeblich darüber, wie schnell und wie zuverlässig ein Wirkstoff seinen Zielort erreicht. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter verabreichst du selbst nur eine sehr kleine, klar definierte Auswahl an Medikamenten – etwa Sauerstoff oder in Ausnahmefällen ein patienteneigenes Notfallspray im Rahmen der Notkompetenz. Trotzdem ist es unverzichtbar, die verschiedenen Applikationswege, die gängigen Darreichungsformen und das Material zu kennen, das im Rettungsdienst zum Einsatz kommt. Nur so kannst du Notärztin, Notarzt oder Notfallsanitäterin bei der Medikamentengabe sicher assistieren, Material vorbereiten, Komplikationen frühzeitig erkennen und im Team richtig reagieren.

Achtung – Kompetenzgrenze: Die eigenständige intravenöse, intraossäre oder intramuskuläre Applikation von Medikamenten sowie das Legen eines Venenzugangs sind ärztliche beziehungsweise der Notfallsanitäterin/dem Notfallsanitäter vorbehaltene Tätigkeiten. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter unterstützt du diese Maßnahmen – du führst sie nicht eigenständig durch, außer im engen Rahmen einzelner, landesrechtlich geregelter Notkompetenz-Ausnahmen.

20.1 Applikationsformen

Grundsätzlich gilt für jede Applikationsart: Vor der Anwendung wird jedes Präparat auf Unversehrtheit der Verpackung und Ablaufdatum kontrolliert. Wie schnell und wie vollständig ein Wirkstoff wirkt, hängt entscheidend davon ab, welchen Weg er durch den Körper nimmt.

20.1.1 Enterale Gabe

Von einer enteralen Applikation spricht man, wenn ein Medikament den Magen-Darm-Trakt passiert. Das ist der Weg, den die meisten Menschen aus dem Alltag kennen – die Tablette, die geschluckt wird. Im Rettungsdienst spielt dieser Weg jedoch nur eine untergeordnete Rolle, weil die Aufnahme über Magen und Darm vergleichsweise langsam verläuft. Zusätzlich muss der aufgenommene Wirkstoff zunächst die Leber passieren, bevor er im restlichen Körper wirken kann. Dabei wird ein erheblicher Teil des Wirkstoffs bereits abgebaut oder verändert, was als First-Pass-Effekt bezeichnet wird. Aus diesem Grund tritt die Wirkung oraler Präparate oft erst nach 30 bis 60 Minuten ein.

Ein wichtiger Sicherheitsaspekt: Orale Präparate dürfen ausschließlich wachen, schluckfähigen Patientinnen und Patienten verabreicht werden, da sonst die Gefahr besteht, dass Flüssigkeit oder Tabletten in die Atemwege gelangen (Aspiration). Trotz der langsamen Wirkung gibt es Situationen, in denen der orale Weg im Rettungsdienst unverzichtbar bleibt, etwa bei der Gabe von Aktivkohle zur Bindung von Giftstoffen im Magen oder bei speziellen Entschäumern bei bestimmten Vergiftungen mit schaumbildenden Substanzen.

Die rektale Applikation zählt ebenfalls zur enteralen Gruppe, umgeht aber teilweise den First-Pass-Effekt, da ein Teil des venösen Blutes aus dem Enddarm direkt in den großen Kreislauf abfließt, ohne zuvor die Leber zu passieren. Zäpfchen und Rektaltuben spielen vor allem in der Kindernotfallmedizin eine Rolle, etwa bei fiebernden Kindern oder bei Krampfanfällen. Wichtig für die Assistenz: Rektaltuben werden unter Druck entleert und erst danach – weiterhin unter Druck – wieder entfernt, damit die Flüssigkeit nicht zurückgesaugt wird.

20.1.2 Parenterale Gabe

Alle Applikationswege, die den Magen-Darm-Trakt umgehen, werden als parenteral bezeichnet. Man unterscheidet nichtinvasive Wege, bei denen die Haut nicht verletzt wird (zum Beispiel über Schleimhäute oder die Lunge), von invasiven Wegen, bei denen eine Hohlnadel die Haut durchdringt. Bei allen invasiven Zugängen ist strengste Sterilität beim Vorbereiten und Anwenden entscheidend, um Infektionen zu vermeiden.

  • Intravenöse Applikation (i. v.): Der im Rettungsdienst am häufigsten genutzte Zugangsweg. Über eine Venenverweilkanüle, meist am Handrücken, Unterarm oder in der Ellenbeuge, gelangt der Wirkstoff ohne Umweg über die Leber direkt in den Kreislauf und wirkt entsprechend rasch. Bei schlecht sichtbaren Venen oder im Schock kann alternativ eine größere Vene punktiert werden.
  • Intraossäre Applikation (i. o.): Wird genutzt, wenn ein venöser Zugang nicht rasch genug gelingt, etwa im Schock oder während einer Reanimation. Über eine spezielle Nadel wird die Markhöhle eines Knochens – meist proximale Tibia oder proximaler Humerus – punktiert; von dort gelangen Medikamente zuverlässig in den venösen Kreislauf. Moderne, akkubetriebene Bohrsysteme haben diesen Zugang heute für praktisch jede Altersgruppe etabliert.
  • Endobronchiale Applikation (e. b.): Früher wurden bei der Reanimation ohne verfügbaren Venenzugang Medikamente über den Tubus in die Bronchien gegeben. Dieser Weg gilt heute als veraltet und wurde vollständig durch die intraossäre Applikation ersetzt.
  • Inhalative Applikation (p. i.): Über eine Verneblermaske oder ein Dosieraerosol gelangt der Wirkstoff als feiner Nebel direkt in die Bronchien. Dieser Weg wirkt bei obstruktiven Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD schnell und mit vergleichsweise wenigen Nebenwirkungen auf den restlichen Körper, weil der Wirkstoff nur lokal in der Lunge wirkt.
  • Sublinguale und bukkale Applikation (s. l.): Zunge und Wangenschleimhaut sind sehr gut durchblutet. Ein Wirkstoff, der dort aufgenommen wird, gelangt rasch und unter Umgehung des First-Pass-Effekts in den Kreislauf. Klassisches Beispiel ist das Nitrospray bei Angina pectoris, das die Patientin oder der Patient meist selbst anwendet und wobei du unterstützend tätig sein kannst.
  • Nasale Applikation (i. n.): Die Nasenschleimhaut bietet eine große, gut durchblutete Oberfläche. Mit einem speziellen Zerstäuberaufsatz (MAD) lässt sich ein Medikament als feiner Sprühnebel verabreichen und wirkt fast so schnell wie über die Vene – ganz ohne Nadelstich. Dieser Weg wird zunehmend wichtig, unter anderem bei Krampfanfällen im Kindesalter.
  • Intramuskuläre Applikation (i. m.): Die Injektion in einen großen Muskel, etwa den Oberschenkel- oder Oberarmmuskel, führt zu einer stetigen, verlässlichen Aufnahme mit leichter Verzögerung gegenüber der intravenösen Gabe. Dieser Weg ist die entscheidende Applikationsform für Adrenalin beim anaphylaktischen Schock.
  • Subkutane Applikation (s. c.): Die Injektion in das Unterhautfettgewebe wird nur schwach durchblutet und führt daher zu einer verzögerten, aber gleichmäßigen Wirkstoffabgabe. Diesen Weg kennst du vor allem von Patientinnen und Patienten, die sich selbst Insulin oder gerinnungshemmende Medikamente spritzen.
  • Transkutane Applikation: Über Wirkstoffpflaster wird ein Medikament kontinuierlich über die Haut aufgenommen, etwa bei der Dauerschmerztherapie. Achte bei der Defibrillation darauf, dass sich keine Pflaster im Bereich der Elektroden befinden.
Merke: Bei einem Patienten im Kreislaufschock ist die Durchblutung von Haut und Muskulatur stark gedrosselt (Zentralisation). Intramuskulär oder subkutan verabreichte Medikamente werden dann kaum aufgenommen – hier braucht es zwingend einen intravenösen oder intraossären Zugang, den ausschließlich Arzt oder Notfallsanitäterin/Notfallsanitäter legen und nutzen.

20.2 Darreichungsformen

Neben dem Applikationsweg spielt auch die Darreichungsform eine Rolle dafür, wie ein Medikament im Rettungsdienst vorbereitet und angewendet wird.

  • Ampullen (Brechampullen): Die häufigste Form für injizierbare Medikamente. Ein farbig markierter Sollbruchring am Hals erlaubt das einfache und sichere Öffnen. Vor der Verwendung wird immer geprüft, ob die Lösung klar ist – trübe oder ausgeflockte Lösungen dürfen nicht verwendet werden.
  • Stechampullen: Größere, mit einem Gummistopfen verschlossene Behältnisse, die mit einer Kanüle oder einem Spike durchstochen werden. Häufig enthalten sie ein Pulver, das erst kurz vor der Anwendung mit einer Trägerlösung aufgelöst wird.
  • Gebrauchsfertige Spritzen: Sie sind im Rettungsdienst sofort einsatzbereit und daher besonders in Notfallsituationen wertvoll, etwa der Adrenalin-Autoinjektor (EpiPen®) bei Anaphylaxie oder Glukagon-Fertigspritzen bei schwerer Unterzuckerung.
  • Dosieraerosole: Kleine Druckbehälter, die bei Betätigung eine definierte Menge Wirkstoff fein zerstäuben. Die korrekte Anwendung – kräftiges Ausatmen, dichtes Umschließen des Mundstücks, tiefe Einatmung mit Auslösung des Hubs und kurzes Luftanhalten – ist technikabhängig; ein Spacer erleichtert die Anwendung besonders bei Kindern.
  • Rektiolen und Zäpfchen (Suppositorien): Vor allem in der Kindernotfallmedizin gebräuchlich, weil sie einfach und zuverlässig anzuwenden sind, ohne dass ein Gefäßzugang nötig ist.
  • Kapseln: Im Rettungsdienst selten, kommen aber bei einzelnen Indikationen wie akutem Bluthochdruck vor.

20.3 Material für Infusion und Injektion

Damit intravenöse Medikamente überhaupt verabreicht werden können, braucht es einen sicheren venösen Zugang. Das Legen eines Venenkatheters ist – als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit – ausschließlich Ärztinnen, Ärzten und Notfallsanitäterinnen beziehungsweise Notfallsanitätern vorbehalten und setzt die Einwilligung der Patientin oder des Patienten voraus. Deine Rolle als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter besteht darin, Material vorzubereiten, anzureichen und bei der Durchführung sicher zu assistieren.

20.3.1 Infusion vorbereiten

Vor jeder Verwendung werden Infusionslösung und Infusionssystem auf Unversehrtheit und Haltbarkeit geprüft. Nach dem Öffnen des Infusionsbeutels oder der Flasche wird das Infusionssystem mit geschlossener Rollklemme angeschlossen, die Tropfkammer etwa zur Hälfte gefüllt und die Leitung anschließend vollständig entlüftet, damit keine Luft in den Kreislauf gelangen kann. Erst unmittelbar vor dem Anschluss an den venösen Zugang wird die Schutzkappe der Leitung entfernt.

20.3.2 Medikamente vorbereiten

Beim Aufziehen aus einer Ampulle wird zunächst die Flüssigkeit im Ampullenköpfchen nach unten geklopft, die Ampulle an der markierten Sollbruchstelle mit einem Tupfer als Schnittschutz geöffnet und der Inhalt langsam aufgezogen. Anschließend werden Luftblasen durch leichtes Beklopfen nach oben befördert und vorsichtig herausgedrückt. Gebrauchte Kanülen gehören sofort in einen Abwurfbehälter – offen mit einer Nadel durch den Rettungswagen zu laufen, ist ein vermeidbares Verletzungsrisiko. Bei Stechampullen wird vorab dieselbe Luftmenge in die Spritze gezogen, wie später Flüssigkeit entnommen werden soll, um im Behältnis kein Vakuum entstehen zu lassen. Trockensubstanzen werden mit der vorgesehenen Trägerlösung vorsichtig – ohne zu schütteln – aufgelöst, bis die Lösung klar ist.

Merke: Hochwirksame oder stark konzentrierte Medikamente werden vor der Anwendung verdünnt, häufig im Verhältnis 1:10. Ein bekanntes Beispiel ist Adrenalin: 1 ml Wirkstoff wird mit 9 ml NaCl 0,9 % auf 10 ml verdünnt, damit sich die Substanz in kleinen, sicheren Schritten dosieren lässt.

20.3.3 Venenpunktion – Grundlagen und Assistenz

Das Legen eines venösen Zugangs stellt rechtlich einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar und ist ausschließlich Ärztinnen, Ärzten sowie Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern vorbehalten. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter solltest du den Ablauf dennoch genau kennen, um Material zielgerichtet anzureichen und die punktierende Person zu unterstützen.

Vor der Punktion werden alle benötigten Materialien – Handschuhe, Hautdesinfektionsmittel, Venenkatheter in passender Größe, Tupfer, Fixierpflaster, Stauband und die vorbereitete Infusion – bereitgestellt und auf Vollständigkeit geprüft. Eine geeignete Vene wird ausgewählt, mit Stauband oder Blutdruckmanschette gestaut und die Einstichstelle zweimal gründlich desinfiziert; nach der zweiten Desinfektion wird die Stelle nicht mehr berührt. Nach der Punktion wird der Kunststoffkatheter über die Nadel in die Vene vorgeschoben, der Metallmandrin entfernt und sofort sicher entsorgt, der Zugang fixiert und die vorbereitete Infusion angeschlossen. Ob der Zugang tatsächlich sicher in der Vene liegt, wird unter anderem am Tropfenfluss in der Kammer und am Blutrückfluss beim Absenken der Infusionsflasche kontrolliert.

Achtung: Eine gute, vollständige Vorbereitung durch das Team verkürzt die Punktionszeit erheblich und senkt das Risiko von Komplikationen. Die Patientin oder der Patient muss vor der Maßnahme aufgeklärt werden und einwilligen.

20.3.4 Spritzenpumpen

Soll ein Medikament über einen längeren Zeitraum in exakt gleichbleibender Menge verabreicht werden, kommt eine Spritzenpumpe zum Einsatz. Das Ziel ist ein konstanter Wirkstoffspiegel im Blut, ohne die Schwankungen einzelner Bolusgaben. Der Wirkstoff wird dazu in eine große Perfusorspritze aufgezogen oder nach klinikspezifischer Vorschrift verdünnt. Die fertige Spritze wird stets eindeutig mit Wirkstoff und Verdünnung beschriftet, um Verwechslungen sicher auszuschließen.

20.4 Häufige Komplikationen und Lösungsmöglichkeiten

Auch bei sorgfältiger Vorbereitung können bei der Infusions- und Medikamentengabe Komplikationen auftreten. Sie zu erkennen ist wichtig, damit du im Team schnell reagieren und unterstützen kannst.

20.4.1 Fehllagen des Venenzugangs

Liegt die Kanüle nicht korrekt im Gefäß, sondern durchdringt die Gefäßwand, fließt die Infusionslösung in das umliegende Gewebe – man spricht von einem Paravasat, erkennbar an Schwellung und Blauverfärbung um die Einstichstelle. In diesem Fall wird die Infusion sofort gestoppt, der Katheter entfernt und die Punktionsstelle für mehrere Minuten komprimiert. Liegt der Katheter zwar korrekt in der Vene, läuft die Infusion aber nicht ein, kann die Katheterspitze an einer Venenklappe anliegen; hier hilft oft ein leichtes Zurückziehen des Katheters. Wird versehentlich eine Arterie statt einer Vene punktiert, zeigt sich eine hellrote, pulsierende Blutung – die Nadel wird entfernt und sofort ein Druckverband angelegt.

Achtung: Bei Patientinnen und Patienten unter gerinnungshemmender Medikation (zum Beispiel DOAK oder Marcumar®) können bereits kleine Gefäßverletzungen zu ausgeprägten Blutungen führen. Manche Medikamente lösen zudem im umliegenden Gewebe schwere Schäden bis hin zu Nekrosen aus, wenn sie versehentlich paravasal statt intravasal appliziert werden.

20.4.2 Unerwünschte und paradoxe Wirkungen

Eine zu schnelle Medikamentengabe kann neben Venenreizungen auch ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall, reflektorische Herzfrequenzsteigerung oder paradoxe Reaktionen hervorrufen. Deshalb werden Medikamente ausschließlich unter genauer Beobachtung und in angemessener Geschwindigkeit durch die dazu befugte Fachkraft appliziert. Auch bei Infusionslösungen gilt: Eine zu große verabreichte Menge kann zu Ödemen führen, während eine zu langsame Gabe den Zugang verschließen lässt. Treten während oder nach einer Medikamentengabe plötzlich Symptome wie Atemnot, Hautrötung, Quaddeln, Juckreiz oder Kreislaufreaktionen auf, ist von einer allergischen Reaktion auszugehen – die Gabe wird dann sofort abgebrochen und das Team umgehend informiert.

Merke: Deine wichtigste Aufgabe bei jeder Medikamentengabe durch Arzt oder Notfallsanitäterin/Notfallsanitäter ist die aufmerksame Beobachtung der Patientin oder des Patienten – nur so lassen sich Komplikationen frühzeitig erkennen und melden.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst: Behandlungspfade Rettungsdienst (BPR).
  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): S2k-Leitlinie Medikamentensicherheit bei Notfällen.
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zum Advanced Life Support.
  • Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung.