Medikamente können auf ganz unterschiedlichen Wegen in den Körper gelangen – über den Mund, die Haut, die Schleimhäute oder direkt über eine Nadel in Vene, Knochen oder Muskel. Welcher Weg gewählt wird, entscheidet maßgeblich darüber, wie schnell und wie zuverlässig ein Wirkstoff seinen Zielort erreicht. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter verabreichst du selbst nur eine sehr kleine, klar definierte Auswahl an Medikamenten – etwa Sauerstoff oder in Ausnahmefällen ein patienteneigenes Notfallspray im Rahmen der Notkompetenz. Trotzdem ist es unverzichtbar, die verschiedenen Applikationswege, die gängigen Darreichungsformen und das Material zu kennen, das im Rettungsdienst zum Einsatz kommt. Nur so kannst du Notärztin, Notarzt oder Notfallsanitäterin bei der Medikamentengabe sicher assistieren, Material vorbereiten, Komplikationen frühzeitig erkennen und im Team richtig reagieren.
Achtung – Kompetenzgrenze: Die eigenständige intravenöse, intraossäre oder intramuskuläre Applikation von Medikamenten sowie das Legen eines Venenzugangs sind ärztliche beziehungsweise der Notfallsanitäterin/dem Notfallsanitäter vorbehaltene Tätigkeiten. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter unterstützt du diese Maßnahmen – du führst sie nicht eigenständig durch, außer im engen Rahmen einzelner, landesrechtlich geregelter Notkompetenz-Ausnahmen.
Grundsätzlich gilt für jede Applikationsart: Vor der Anwendung wird jedes Präparat auf Unversehrtheit der Verpackung und Ablaufdatum kontrolliert. Wie schnell und wie vollständig ein Wirkstoff wirkt, hängt entscheidend davon ab, welchen Weg er durch den Körper nimmt.
Von einer enteralen Applikation spricht man, wenn ein Medikament den Magen-Darm-Trakt passiert. Das ist der Weg, den die meisten Menschen aus dem Alltag kennen – die Tablette, die geschluckt wird. Im Rettungsdienst spielt dieser Weg jedoch nur eine untergeordnete Rolle, weil die Aufnahme über Magen und Darm vergleichsweise langsam verläuft. Zusätzlich muss der aufgenommene Wirkstoff zunächst die Leber passieren, bevor er im restlichen Körper wirken kann. Dabei wird ein erheblicher Teil des Wirkstoffs bereits abgebaut oder verändert, was als First-Pass-Effekt bezeichnet wird. Aus diesem Grund tritt die Wirkung oraler Präparate oft erst nach 30 bis 60 Minuten ein.
Ein wichtiger Sicherheitsaspekt: Orale Präparate dürfen ausschließlich wachen, schluckfähigen Patientinnen und Patienten verabreicht werden, da sonst die Gefahr besteht, dass Flüssigkeit oder Tabletten in die Atemwege gelangen (Aspiration). Trotz der langsamen Wirkung gibt es Situationen, in denen der orale Weg im Rettungsdienst unverzichtbar bleibt, etwa bei der Gabe von Aktivkohle zur Bindung von Giftstoffen im Magen oder bei speziellen Entschäumern bei bestimmten Vergiftungen mit schaumbildenden Substanzen.
Die rektale Applikation zählt ebenfalls zur enteralen Gruppe, umgeht aber teilweise den First-Pass-Effekt, da ein Teil des venösen Blutes aus dem Enddarm direkt in den großen Kreislauf abfließt, ohne zuvor die Leber zu passieren. Zäpfchen und Rektaltuben spielen vor allem in der Kindernotfallmedizin eine Rolle, etwa bei fiebernden Kindern oder bei Krampfanfällen. Wichtig für die Assistenz: Rektaltuben werden unter Druck entleert und erst danach – weiterhin unter Druck – wieder entfernt, damit die Flüssigkeit nicht zurückgesaugt wird.
Alle Applikationswege, die den Magen-Darm-Trakt umgehen, werden als parenteral bezeichnet. Man unterscheidet nichtinvasive Wege, bei denen die Haut nicht verletzt wird (zum Beispiel über Schleimhäute oder die Lunge), von invasiven Wegen, bei denen eine Hohlnadel die Haut durchdringt. Bei allen invasiven Zugängen ist strengste Sterilität beim Vorbereiten und Anwenden entscheidend, um Infektionen zu vermeiden.
Merke: Bei einem Patienten im Kreislaufschock ist die Durchblutung von Haut und Muskulatur stark gedrosselt (Zentralisation). Intramuskulär oder subkutan verabreichte Medikamente werden dann kaum aufgenommen – hier braucht es zwingend einen intravenösen oder intraossären Zugang, den ausschließlich Arzt oder Notfallsanitäterin/Notfallsanitäter legen und nutzen.
Neben dem Applikationsweg spielt auch die Darreichungsform eine Rolle dafür, wie ein Medikament im Rettungsdienst vorbereitet und angewendet wird.
Damit intravenöse Medikamente überhaupt verabreicht werden können, braucht es einen sicheren venösen Zugang. Das Legen eines Venenkatheters ist – als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit – ausschließlich Ärztinnen, Ärzten und Notfallsanitäterinnen beziehungsweise Notfallsanitätern vorbehalten und setzt die Einwilligung der Patientin oder des Patienten voraus. Deine Rolle als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter besteht darin, Material vorzubereiten, anzureichen und bei der Durchführung sicher zu assistieren.
Vor jeder Verwendung werden Infusionslösung und Infusionssystem auf Unversehrtheit und Haltbarkeit geprüft. Nach dem Öffnen des Infusionsbeutels oder der Flasche wird das Infusionssystem mit geschlossener Rollklemme angeschlossen, die Tropfkammer etwa zur Hälfte gefüllt und die Leitung anschließend vollständig entlüftet, damit keine Luft in den Kreislauf gelangen kann. Erst unmittelbar vor dem Anschluss an den venösen Zugang wird die Schutzkappe der Leitung entfernt.
Beim Aufziehen aus einer Ampulle wird zunächst die Flüssigkeit im Ampullenköpfchen nach unten geklopft, die Ampulle an der markierten Sollbruchstelle mit einem Tupfer als Schnittschutz geöffnet und der Inhalt langsam aufgezogen. Anschließend werden Luftblasen durch leichtes Beklopfen nach oben befördert und vorsichtig herausgedrückt. Gebrauchte Kanülen gehören sofort in einen Abwurfbehälter – offen mit einer Nadel durch den Rettungswagen zu laufen, ist ein vermeidbares Verletzungsrisiko. Bei Stechampullen wird vorab dieselbe Luftmenge in die Spritze gezogen, wie später Flüssigkeit entnommen werden soll, um im Behältnis kein Vakuum entstehen zu lassen. Trockensubstanzen werden mit der vorgesehenen Trägerlösung vorsichtig – ohne zu schütteln – aufgelöst, bis die Lösung klar ist.
Merke: Hochwirksame oder stark konzentrierte Medikamente werden vor der Anwendung verdünnt, häufig im Verhältnis 1:10. Ein bekanntes Beispiel ist Adrenalin: 1 ml Wirkstoff wird mit 9 ml NaCl 0,9 % auf 10 ml verdünnt, damit sich die Substanz in kleinen, sicheren Schritten dosieren lässt.
Das Legen eines venösen Zugangs stellt rechtlich einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar und ist ausschließlich Ärztinnen, Ärzten sowie Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern vorbehalten. Als Rettungssanitäterin oder Rettungssanitäter solltest du den Ablauf dennoch genau kennen, um Material zielgerichtet anzureichen und die punktierende Person zu unterstützen.
Vor der Punktion werden alle benötigten Materialien – Handschuhe, Hautdesinfektionsmittel, Venenkatheter in passender Größe, Tupfer, Fixierpflaster, Stauband und die vorbereitete Infusion – bereitgestellt und auf Vollständigkeit geprüft. Eine geeignete Vene wird ausgewählt, mit Stauband oder Blutdruckmanschette gestaut und die Einstichstelle zweimal gründlich desinfiziert; nach der zweiten Desinfektion wird die Stelle nicht mehr berührt. Nach der Punktion wird der Kunststoffkatheter über die Nadel in die Vene vorgeschoben, der Metallmandrin entfernt und sofort sicher entsorgt, der Zugang fixiert und die vorbereitete Infusion angeschlossen. Ob der Zugang tatsächlich sicher in der Vene liegt, wird unter anderem am Tropfenfluss in der Kammer und am Blutrückfluss beim Absenken der Infusionsflasche kontrolliert.
Achtung: Eine gute, vollständige Vorbereitung durch das Team verkürzt die Punktionszeit erheblich und senkt das Risiko von Komplikationen. Die Patientin oder der Patient muss vor der Maßnahme aufgeklärt werden und einwilligen.
Soll ein Medikament über einen längeren Zeitraum in exakt gleichbleibender Menge verabreicht werden, kommt eine Spritzenpumpe zum Einsatz. Das Ziel ist ein konstanter Wirkstoffspiegel im Blut, ohne die Schwankungen einzelner Bolusgaben. Der Wirkstoff wird dazu in eine große Perfusorspritze aufgezogen oder nach klinikspezifischer Vorschrift verdünnt. Die fertige Spritze wird stets eindeutig mit Wirkstoff und Verdünnung beschriftet, um Verwechslungen sicher auszuschließen.
Auch bei sorgfältiger Vorbereitung können bei der Infusions- und Medikamentengabe Komplikationen auftreten. Sie zu erkennen ist wichtig, damit du im Team schnell reagieren und unterstützen kannst.
Liegt die Kanüle nicht korrekt im Gefäß, sondern durchdringt die Gefäßwand, fließt die Infusionslösung in das umliegende Gewebe – man spricht von einem Paravasat, erkennbar an Schwellung und Blauverfärbung um die Einstichstelle. In diesem Fall wird die Infusion sofort gestoppt, der Katheter entfernt und die Punktionsstelle für mehrere Minuten komprimiert. Liegt der Katheter zwar korrekt in der Vene, läuft die Infusion aber nicht ein, kann die Katheterspitze an einer Venenklappe anliegen; hier hilft oft ein leichtes Zurückziehen des Katheters. Wird versehentlich eine Arterie statt einer Vene punktiert, zeigt sich eine hellrote, pulsierende Blutung – die Nadel wird entfernt und sofort ein Druckverband angelegt.
Achtung: Bei Patientinnen und Patienten unter gerinnungshemmender Medikation (zum Beispiel DOAK oder Marcumar®) können bereits kleine Gefäßverletzungen zu ausgeprägten Blutungen führen. Manche Medikamente lösen zudem im umliegenden Gewebe schwere Schäden bis hin zu Nekrosen aus, wenn sie versehentlich paravasal statt intravasal appliziert werden.
Eine zu schnelle Medikamentengabe kann neben Venenreizungen auch ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall, reflektorische Herzfrequenzsteigerung oder paradoxe Reaktionen hervorrufen. Deshalb werden Medikamente ausschließlich unter genauer Beobachtung und in angemessener Geschwindigkeit durch die dazu befugte Fachkraft appliziert. Auch bei Infusionslösungen gilt: Eine zu große verabreichte Menge kann zu Ödemen führen, während eine zu langsame Gabe den Zugang verschließen lässt. Treten während oder nach einer Medikamentengabe plötzlich Symptome wie Atemnot, Hautrötung, Quaddeln, Juckreiz oder Kreislaufreaktionen auf, ist von einer allergischen Reaktion auszugehen – die Gabe wird dann sofort abgebrochen und das Team umgehend informiert.
Merke: Deine wichtigste Aufgabe bei jeder Medikamentengabe durch Arzt oder Notfallsanitäterin/Notfallsanitäter ist die aufmerksame Beobachtung der Patientin oder des Patienten – nur so lassen sich Komplikationen frühzeitig erkennen und melden.