Kommunikation bedeutet: Eine Person versucht, Informationen aus ihrem Denken in das Denken mindestens einer weiteren Person zu übertragen. Damit das gelingt, brauchen die Beteiligten Einigkeit über einen gemeinsamen Code (z. B. Sprache, Gesten) und ein Medium, über das dieser Code übertragen wird. Im Rettungsdienst ist gute Kommunikation eine Kernkompetenz – genauso wichtig wie medizinisch-technische Fertigkeiten und ebenso trainierbar.

Grundlagen der Kommunikation

Kommunikation verfolgt im Einsatz drei Teilziele: gemeinsames Wissen aufbauen (z. B. erhobene Vitalwerte an die Einsatzleitung weitergeben), Verhalten steuern und koordinieren (z. B. Anweisungen der Teamleitung) sowie Beziehungen gestalten und soziale Ordnung schaffen – Rollen wie „Patient“ oder „Rettungssanitäter“ entstehen erst dadurch, dass alle Beteiligten sich entsprechend verhalten und darüber sprechen.

Kommunikationsarten

  • Verbal: Bedeutung wird über Wörter transportiert
  • Nonverbal: Bedeutung ohne Worte, etwa durch Gestik, Mimik, Körperhaltung
  • Paraverbal: Wie etwas gesagt wird – Lautstärke, Tonfall, Tempo, Betonung – verändert die Bedeutung der Worte

Emotionen werden häufig paraverbal übermittelt, Fakten und Handlungsanweisungen dagegen eher verbal.

Die vier Seiten einer Nachricht

Nach dem bekannten Modell von Schulz von Thun enthält jede verbale Botschaft vier Komponenten gleichzeitig: die Sachseite (was inhaltlich behauptet wird), die Selbstoffenbarung (was die Äußerung über den Sprechenden verrät), die Beziehungsseite (wie die Beteiligten zueinanderstehen – oft indirekt und paraverbal vermittelt) und die Appellseite (die offene oder verdeckte Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten).

Merke: Das Vier-Seiten-Modell eignet sich als Checkliste, um in oder nach schwierigen Gesprächssituationen zu prüfen, welche Ebene bedacht wurde und wo mögliche Missverständnisse entstanden sind.

Beziehungsgestaltung mit Patienten

Eine tragfähige Beziehung zum Patienten hat zwei gleich wichtige Seiten. Die Arbeitsbeziehung entsteht durch Einigkeit über Ziele, Vorgehen, Rollen und ein gemeinsames Situationsbild. Die emotionale Beziehung entsteht durch Mitgefühl, Wertschätzung und die Erfüllung berechtigter Bedürfnisse wie Orientierung, Selbstwert, Kontrolle und Schmerzreduktion.

Merke: Sind beide Komponenten ausreichend vorhanden, folgt in der Regel kooperatives Verhalten. Abwehr oder mangelnde Kooperation deuten oft auf Störungen in genau dieser Beziehungsgestaltung hin.

Gesprächsführung und Gesprächstechnik

Erfolgreich zuhören

  • Aufnehmend zuhören: fortlaufend verbale und nonverbale Aufmerksamkeitssignale geben (Blickkontakt, Nicken, kurze Bestätigungen)
  • Zusammenfassen: Inhalte wiederkehrend bündeln, z. B. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann …“
  • Offene Fragen stellen: statt Ja/Nein-Fragen, z. B. „Wie kam es dazu, dass …?“
  • Verstärken: gewünschtes Verhalten ausdrücklich anerkennen, z. B. „Sie haben richtig gehandelt“
  • Emotional rückmelden: maßvoll spiegeln, was verstanden wurde, z. B. „Das wirkt gerade sehr belastend – stimmt das so?“

Erfolgreich sprechen

  • Ich-Botschaften statt Du-Vorschriften: „Ich kann besser helfen, wenn Sie den Arm etwas ruhiger halten“ statt „Sie müssen den Arm stillhalten“
  • über Verhalten und Situationen sprechen, nicht über Persönlichkeitsurteile
  • beim Thema bleiben, keine Nebengefechte oder pauschalen Vorwürfe
  • Bitten und Vorschläge formulieren statt anzuordnen, z. B. „Unser Vorschlag: Wir legen einen Zugang – ist das für Sie in Ordnung?“

Kontakt mit fähigkeitseingeschränkten Personen

Viele Menschen leben mit angeborenen oder erworbenen körperlichen oder mentalen Einschränkungen – die konkrete Einschränkung ist dabei immer individuell zu betrachten, im Kontext der jeweiligen Lebenssituation.

  • von Mündigkeit und Selbstbestimmung ausgehen, Lebenserfahrung und Alltagskompetenz anerkennen
  • beobachten, wie die Person die Situation selbst löst, und das Hilfemaß daran ausrichten
  • nach den gewünschten Hilfen fragen, statt sie vorauszusetzen
  • eigene Vorurteile reflektieren, Entmachtung und Bevormundung vermeiden

Kontakt mit Kindern

Kinder können als Patienten, Beteiligte, Zeugen oder Zuschauende auftreten – die Bandbreite reicht vom Kleinkind bis zum Jugendlichen, mit entsprechend unterschiedlichen Bedürfnissen.

  • davon ausgehen, dass das Kind die Situation zum ersten Mal und ohne Vorwissen erlebt
  • das Kind aktiv einbeziehen: altersgemäß, offen und ehrlich erklären, was war und was kommt
  • loben und motivieren, Sicherheit und Orientierung ermöglichen
  • parallel mit Kind und Bezugspersonen sprechen und beide einbinden
  • vermeintlich „irrationales“ Verhalten akzeptieren – aus Kindersicht ist es oft funktional
Merke: Einsätze mit Kindern können auch das Team emotional stark belasten – das ist normal und sollte im Team offen angesprochen und nachbesprochen werden.

Interkultureller Kontakt

Kultur liefert alltagstaugliche Antworten auf Grundfragen des Zusammenlebens – etwa zu Werten, Rollen, dem Umgang mit Zeit, Tod oder Körperlichkeit. In einer vielfältigen Gesellschaft sind interkulturelle Kontakte im Rettungsdienst der Normalfall.

Merke: Notfälle sind starke Situationen – kulturelle Regeln treten in ihnen oft zurück. Kulturelles Wissen erleichtert dennoch schnelle, passende Wege zum Einsatzziel; wichtig bleibt, ziel- und kooperationsorientiert zu arbeiten und dabei flexibel zu bleiben.

Kontakt mit Personen in psychosozialen Krisen

Der Rettungsdienst ist heute auch Anlaufstelle bei psychosozialen Notlagen – etwa Altersarmut, Wohnungslosigkeit oder Überforderung. Eine psychosoziale Krise ist ein akuter Zustand, ausgelöst durch emotional bedeutsame Ereignisse oder einschneidende Veränderungen der Lebensumstände, die als bedrohlich erlebt und nicht aus eigener Kraft bewältigt werden können.

Typische Einsatzanlässe mit Krisenbezug sind etwa ein Sturz im Alter, selbstverletzendes Verhalten, eine psychotische Krise oder eine „hilflose Person hinter der Tür“. Solche Situationen können bis hin zu lebensbedrohlichen medizinischen Zuständen reichen – liegt akute Lebensgefahr vor, hat deren Behandlung selbstverständlich oberste Priorität.

Merke: Die grundlegende Strategie des Rettungsdienstes in psychosozialen Krisen verbindet drei Aspekte: medizinische Versorgung sicherstellen, psychische Erste Hilfe leisten und Kontakt zu geeigneten Hilfesystemen herstellen – etwa der Psychosozialen Notfallversorgung oder einem Kriseninterventionsteam.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Notfallsanitätergesetz (NotSanG), § 4 Absatz 2
  • AWMF-S3-Leitlinie Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) von Notfallbetroffenen
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): S3-Leitlinie Umgang mit Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen und anderen psychiatrischen Notfällen im Rettungsdienst
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Basismaßnahmen bei Notfällen im Kindesalter