Kardiozirkulatorische Notfälle betreffen Herz und Blutkreislauf und machen einen großen Teil aller Rettungseinsätze aus. Am Herzen selbst treten vor allem Pumpversagen, Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße und Rhythmusstörungen auf, im übrigen Kreislauf vor allem Blutdruckentgleisungen und Gefäßverschlüsse. Als Rettungssanitäter erkennt ihr die Alarmzeichen dieser Krankheitsbilder, sichert die Vitalfunktionen und bereitet den Einsatz des Notarztes bzw. Notfallsanitäters vor.

22.1 Herzinsuffizienz

Herzinsuffizienz bezeichnet eine mangelhafte Pumpfunktion des Herzens, wodurch Gewebe und Organe nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Leitsymptom ist die Belastungsdyspnoe. Beim Rückwärtsversagen staut sich Blut in Lunge oder venöse Gefäßgebiete zurück, beim Vorwärtsversagen schafft das Herz keinen ausreichenden arteriellen Auswurf mehr.

Bei der Linksherzinsuffizienz kommt es zum Rückstau in die Lunge mit Atemnot, peripherer Zyanose und teils schon aus der Distanz hörbaren Rasselgeräuschen. Bei der Rechtsherzinsuffizienz staut sich das Blut im venösen System zurück – erkennbar an gestauten Halsvenen und Ödemen, etwa an den Unterschenkeln. Eine Globalinsuffizienz kombiniert beide Bilder.

Merke: Unter Therapie kann eine Herzinsuffizienz über lange Zeit kompensiert und weitgehend beschwerdearm bleiben. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, dekompensiert sie akut – ein medizinischer Notfall.

22.2 Arteriosklerose und koronare Herzkrankheit

Arteriosklerose ist eine chronische, über Jahre fortschreitende Gefäßerkrankung: Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Rauchen, Diabetes und Bewegungsmangel begünstigen Umbauprozesse der Gefäßwand, wodurch sich Arterien verhärten, verdicken und Plaques bilden. Das Gefäßlumen verengt sich zunehmend, die Durchblutung der betroffenen Gewebe verschlechtert sich.

Sind die Herzkranzgefäße betroffen, entsteht eine koronare Herzkrankheit (KHK) – eine chronische Minderversorgung des Herzmuskels, die sich vor allem unter Belastung als Missverhältnis zwischen Sauerstoffbedarf und -angebot zeigt und über Jahre auch symptomlos bleiben kann.

22.3 Akutes Koronarsyndrom

Unter dem akuten Koronarsyndrom (ACS) fasst man instabile Angina pectoris, ST-Streckenhebungsinfarkt (STEMI) und Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) zusammen, da eine sichere Unterscheidung präklinisch meist nicht möglich ist. Leitsymptom ist der akute Brustschmerz.

22.3.1 Angina pectoris

Bei der Angina pectoris entsteht durch Koronarspasmen oder eine bestehende Gefäßverengung ein vorübergehendes Missverhältnis zwischen Sauerstoffbedarf und -angebot. Bei der stabilen Form treten die Beschwerden bei bekannten Belastungen auf und bessern sich rasch mit Nitrospray; bei der instabilen Form sind die Beschwerden neu oder haben sich verändert – ohne dass bereits ein Infarkt vorliegt.

22.3.2 Myokardinfarkt

Beim akuten Herzinfarkt verschließt sich eine Koronararterie funktionell, meist durch einen Thrombus, und das betroffene Herzmuskelgewebe stirbt innerhalb von 15 bis 30 Minuten irreversibel ab. Besonders gefährlich ist die erste Stunde nach Beginn – viele Patienten versterben noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes. Häufige Komplikationen sind Herzrhythmusstörungen, Lungenödem und kardiogener Schock.

Beim NSTEMI ist das Gefäß nur unvollständig verschlossen, im EKG zeigen sich ST-Senkungen oder unspezifische Veränderungen, im Blut lässt sich der Marker Troponin T nachweisen. Beim STEMI liegt dagegen ein vollständiger Gefäßverschluss mit charakteristischen ST-Streckenhebungen im EKG vor.

Merke: ST-Hebungen im EKG gelten bis zum Beweis des Gegenteils als Herzinfarkt und erfordern die sofortige Nachalarmierung des Notarztes.

Der Thoraxschmerz ist meist ein dumpfer Druck hinter dem Brustbein, der in linke Schulter und Arm, Oberbauch, Rücken, Hals oder Unterkiefer ausstrahlen kann. Während sich eine Angina pectoris innerhalb von 30 Minuten bessert und gut auf Nitrospray anspricht, hält der Infarktschmerz länger an und bessert sich kaum. Diabetiker und ältere Patienten entwickeln Infarkte häufig ohne typischen Brustschmerz (stummer Infarkt) – hier sind unspezifische Begleitsymptome wie Übelkeit, Kaltschweißigkeit, Blässe, Atemnot und starke Angst wichtige Hinweise.

22.3.3 Eure Basismaßnahmen bei Verdacht auf ACS

  • Notarzt sofort nachfordern, falls noch nicht geschehen
  • Oberkörper hochlagern zur Vorlastsenkung
  • Sauerstoffgabe entsprechend der Sättigung
  • Kontinuierliches Monitoring – EKG (möglichst 12-Kanal), Pulsoxymetrie, regelmäßige Blutdruckkontrollen
  • Ruhiges, strukturiertes Arbeiten – Stressreduktion hat für den Patienten hohe Priorität

Das Legen eines venösen Zugangs sowie die Gabe von ASS, Heparin, Nitrospray oder Morphin gehören zu den ärztlichen bzw. notfallsanitäterlichen Maßnahmen. Die definitive Versorgung erfolgt in der Klinik: beim STEMI möglichst innerhalb von 120 Minuten durch eine perkutane Koronarintervention (PCI) mit Ballondilatation und Stent, in Ausnahmefällen – wenn eine PCI in diesem Zeitfenster nicht erreichbar ist – durch eine bereits präklinisch begonnene Lysetherapie, die der Notarzt unter strengen Voraussetzungen einleiten kann.

22.4 Kardiales Lungenödem

Ein kardiales Lungenödem entsteht bei akuter oder chronischer Linksherzinsuffizienz mit Rückwärtsversagen: Flüssigkeit tritt aus den Lungenkapillaren ins Gewebe und in die Alveolen über und bildet dort einen bläschenreichen, teils blutigen Schaum – umgangssprachlich „Wasser in der Lunge“. Typisch sind Atemnot mit beschleunigter Atmung, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Zyanose trotz schneller Atmung, zunehmend deutliche, oft schon aus der Distanz hörbare Rasselgeräusche und ausgeprägte Angst bis Todesangst.

22.4.1 Eure Basismaßnahmen

  • Atemwege freimachen, ggf. Schaum absaugen
  • Sofortige Sauerstoffgabe
  • Oberkörperhochlagerung mit hängenden Beinen zur Vorlastsenkung, sofern der Patient bei Bewusstsein ist
  • Kontinuierliches Monitoring von EKG, Blutdruck, Sättigung, Atemfrequenz und Bewusstsein
  • Notarzt nachfordern, falls noch nicht geschehen

Die medikamentöse Therapie mit Nitroglyzerin, Diuretika oder Morphin zur weiteren Vorlastsenkung erfolgt durch den Notarzt.

22.5 Hypertensiver Notfall

Ein hypertensiver Notfall ist ein plötzlicher, sehr starker Blutdruckanstieg mit Organbeteiligung – etwa an Gehirn oder Herz-Kreislauf-System – und damit zeitkritisch. Eine hypertensive Krise zeigt ebenfalls sehr hohe Werte, aber ohne akute Organschäden, kann jedoch jederzeit in einen Notfall übergehen. Typische Begleitzeichen sind ein hochroter Kopf, Nasenbluten, Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen und Bewusstseinsstörungen bis hin zu Krampfanfällen.

Achtung: Der Blutdruck darf niemals abrupt gesenkt werden, da sonst Herz und Gehirn unzureichend durchblutet werden. Angestrebt wird ein langsames, kontrolliertes Absenken – die Gabe von blutdrucksenkenden Medikamenten ist ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Aufgabe.

Als Rettungssanitäter tragt ihr durch Blutdruckmessung, Oberkörperhochlagerung, Sauerstoffgabe und kontinuierliches Monitoring bei; bei Komplikationen wie ACS, Lungenödem oder Schlaganfallzeichen wird sofort der Notarzt nachgefordert.

22.6 Vasovagale Synkope und Orthostase

Eine vasovagale Synkope ist ein kurzer Bewusstseinsverlust, meist nach langem Stehen: Durch venöses Pooling in den Beinen sinken Vorlast, Schlagvolumen und Blutdruck. Über einen Vagusreiz kommt es zu Bradykardie und Gefäßweitstellung, die zerebrale Durchblutung sinkt kurzzeitig ab – in der Horizontallage normalisiert sie sich rasch wieder.

Achtung: Tritt der Bewusstseinsverlust ohne Vorboten wie Schwindel oder Schwitzen aus völligem Wohlbefinden heraus auf, besteht Verdacht auf eine gefährlichere arrhythmogene, also kardiale Synkope – diese Patienten benötigen zwingend eine Klinikaufnahme mit EKG-Monitoring.

Eure Basismaßnahmen sind Monitoring von EKG, Blutdruck und Sättigung, bei Ansprechbarkeit das Hochlagern der Beine, Sauerstoffgabe sowie eine Blutzuckermessung zum Ausschluss einer Unterzuckerung als Ursache. Bei Bewusstlosigkeit oder Kreislaufinstabilität wird der Notarzt nachgefordert und der Atemweg gesichert.

22.7 Gefäßverschlüsse

Eine Thrombose ist eine Blutpfropfbildung direkt an einer vorgeschädigten Gefäßwand, eine Embolie die Verschleppung eines Partikels an einen anderen Ort – löst sich ein Thrombus und wird fortgeschwemmt, wird er zum Embolus.

22.7.1 Arterieller Gefäßverschluss

Der akute arterielle Verschluss einer Extremität ist der häufigste angiologische Notfall und wird oft übersehen. Meist stammt der Embolus aus der linken Herzhälfte. Die typischen Symptome fasst man als die „6 P“ zusammen: Pain (Schmerz), Pallor (Blässe), Paresthesia (Sensibilitätsstörung), Pulselessness (fehlender Puls), Paralysis (Lähmung) und Prostration (Krankheitsgefühl).

Eure Basismaßnahmen sind die tiefe Lagerung und Unterpolsterung der betroffenen Extremität zur Ausnutzung des Restperfusionsdrucks, regelmäßige Kontrolle der Vitalparameter und die Nachforderung des Notarztes bei starken Schmerzen.

Achtung: Bei Verdacht auf einen arteriellen oder venösen Gefäßverschluss dürfen keine intramuskulären Injektionen erfolgen, da bei einer späteren Lysetherapie Muskelblutungen drohen.

22.7.2 Venöser Gefäßverschluss

Venöse Verschlüsse sind meist Phlebothrombosen der tiefen Bein- und Beckenvenen, begünstigt durch Immobilität, langes Sitzen oder Gerinnungsstörungen (Virchow-Trias). Symptome sind eine Schwellung mit Druckschmerz, warme, glänzende Haut und livide Verfärbung distal des Verschlusses.

Wichtigste Basismaßnahme ist die Immobilisierung des Patienten und die horizontale, unterpolsterte Lagerung der betroffenen Extremität – Bewegungen sollten vermieden werden, um ein Ablösen des Thrombus zu verhindern.

22.8 Lungenembolie

Löst sich ein Thrombus aus den tiefen Bein- oder Beckenvenen und verlegt eine Lungenarterie, entsteht eine Lungenembolie. Das rechte Herz muss gegen den steigenden Widerstand in der Lungenstrombahn ankämpfen, was rasch in eine akute Rechtsherzinsuffizienz mit Blutdruckabfall bis zum Schock münden kann. Etwa 80 Prozent der Embolien verlaufen zunächst ohne Beschwerden, in schweren Fällen zeigen sich jedoch Tachypnoe, Atemnot, Tachykardie, Blutdruckabfall, Zyanose und ein Abfall der Sauerstoffsättigung, begleitet von Husten, teils mit blutigem Auswurf, atemabhängigen Brustschmerzen und gestauten Halsvenen.

22.8.1 Eure Basismaßnahmen

  • Vitalfunktionen kontrollieren und sichern
  • Kontinuierliches Monitoring von EKG, Blutdruck und Sättigung
  • Oberkörperhochlagerung bei Bewusstsein
  • Sauerstoffgabe entsprechend der Sättigung
  • Sofortige Notarztalarmierung
  • Anamnese – frühere Venenthrombosen oder entsprechende Risikofaktoren liefern wichtige Hinweise

Die weiterführende Therapie mit vorsichtiger Volumengabe, Analgesie, Sedierung und Heparin zur Gerinnungshemmung erfolgt durch den Notarzt.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Kardiogener Schock
  • European Society of Cardiology (ESC): 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes
  • European Society of Cardiology (ESC): 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure
  • European Society of Cardiology (ESC): 2018 ESC Guidelines for the diagnosis and management of syncope
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der venösen Thrombose und der Lungenembolie