Klinische Notfälle
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27 Gynäkologische Notfälle und Geburtshilfe

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Gynäkologische Notfälle und die Geburtshilfe gehören für Rettungskräfte nicht zum Alltag, verlangen im Ernstfall aber schnelles und sicheres Handeln. Neben akuten Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane zählen dazu geburtshilfliche Notfälle und schwangerschaftsbedingte Komplikationen.

27.1 Unterbauchschmerzen

Ist eine Schwangerschaft ausgeschlossen, liegen Unterbauchschmerzen oft Entzündungen oder mechanische Ursachen zugrunde. Eine Entzündung der Eileiter (Salpingitis) oder – bei Ausbreitung auf die Eierstöcke – eine Adnexitis entsteht meist durch aufsteigende bakterielle Infektionen und zeigt sich mit akuten, oft seitenbetonten Schmerzen, Fieber und Übelkeit. Unbehandelt kann sich die Infektion auf die gesamte Bauchhöhle ausbreiten und eine lebensbedrohliche Bauchfellentzündung verursachen.

Bei einer Stieldrehung dreht sich ein gestielter Tumor, eine Zyste oder ein Eierstock um die eigene Achse – der venöse Abfluss wird abgeschnitten, während arterielles Blut weiter zuströmt, was zu Gewebeschädigung bis hin zur Nekrose führen kann. Rechtsseitige Stieldrehungen werden leicht mit einer Blinddarmentzündung verwechselt.

Merke: Leitsymptom einer Stieldrehung ist ein einseitiger, krampfartiger Unterbauchschmerz.

Eure Basismaßnahmen sind eine bequeme Lagerung mit leicht erhöhtem Oberkörper und Knierolle, Sauerstoffgabe und engmaschiges Monitoring. Bei starken Schmerzen fordert ihr den Notarzt zur Analgesie nach.

27.2 Vaginale Blutungen

Vaginale Blutungen können harmlos sein oder auf schwerwiegende Erkrankungen und Schwangerschaftskomplikationen hinweisen – eine genaue Abklärung ist präklinisch nicht möglich. Ursachen reichen von Menstruationsstörungen über gutartige und bösartige Tumoren bis zu Verletzungen, etwa nach Gewalt oder Unfällen.

Achtung: Besonders bei Pfählungsverletzungen können die sichtbaren äußeren Verletzungen deutlich geringer erscheinen als die tatsächlichen inneren Schäden an Uterus, Blase oder Darm.

27.2.1 Eure Basismaßnahmen

  • Blutstillung mit sterilen Kompressen – ohne Tamponade, um weitere Verletzungen zu vermeiden
  • bei starker Blutung Fritsch-Lagerung (Beine überkreuzt)
  • engmaschiges Monitoring, da die sichtbare Blutung nicht dem tatsächlichen Blutverlust entsprechen muss
  • bei Schockzeichen sofortige Alarmierung des Notarztes

Das Legen mehrerer großlumiger venöser Zugänge zur Schocktherapie ist ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Aufgabe; anschließend erfolgt der schnellstmögliche Transport in eine gynäkologische Klinik.

27.2.2 Verdacht auf sexualisierte Gewalt

Bei Verletzungen im Genitalbereich oder Hinweisen auf eine Vergewaltigung steht neben der medizinischen Versorgung der Schutz der Betroffenen im Vordergrund. Wenn möglich übernimmt eine Kollegin die Betreuung, die Untersuchung wird auf das medizinisch Notwendige beschränkt und findet geschützt vor Blicken statt. Bittet die Betroffene, sich nicht zu waschen, nicht zu essen und zu trinken und die Kleidung nicht zu wechseln, damit Spuren gesichert werden können – die Entscheidung über eine Anzeige trifft sie selbst. Kleidung, die ausgezogen werden muss, wird in Papiertüten verpackt. Ziel ist eine Klinik, die eine vertrauliche Spurensicherung anbietet; dokumentiert nur, was ihr seht und was gesagt wird, möglichst wörtlich.

27.3 Notfälle in der Frühschwangerschaft

Bei der Eileiterschwangerschaft (Extrauteringravidität) nistet sich die befruchtete Eizelle außerhalb der Gebärmutter ein, meist im Eileiter. Wächst das Gewebe weiter, kann es die Tube sprengen (Tubenruptur) – Leitsymptom ist ein plötzlich einsetzender, einseitiger Zerreißungsschmerz im Unterbauch, gefolgt von diffusem Schmerz durch Bauchfellreizung. Tubenrupturen treten oft um die 7. Schwangerschaftswoche auf und können zu großen Blutverlusten in die Bauchhöhle führen.

Merke: Bei Frauen im gebärfähigen Alter mit Bauchschmerzen und ausbleibender Regelblutung muss immer an eine Eileiterschwangerschaft gedacht werden.

Eine Fehlgeburt (Abort) ist die ungewollte Beendigung der Schwangerschaft bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Typisches Frühsymptom ist eine plötzlich einsetzende, meist schmerzlose vaginale Blutung, teils mit Abgang von Blutkoageln.

Eure Basismaßnahmen sind flache Lagerung bzw. Schocklage bei Kreislaufzeichen, Vorlagen zur Kontrolle der Blutungsmenge, Monitoring, schonender Transport und Notarztnachforderung. Abgegangenes Gewebe wird aufbewahrt und mit in die Klinik genommen. Denkt daran, dass eine Fehlgeburt für die Betroffenen ein schwerer Verlust ist – einfühlsame Begleitung gehört zur Versorgung. Bei Verdacht auf eine Eileiterschwangerschaft mit Schockzeichen sind mehrere venöse Zugänge und eine zügige Volumentherapie erforderlich – die definitive Behandlung erfolgt operativ in der Klinik.

27.4 Notfälle in der fortgeschrittenen und späten Schwangerschaft

Bei der Plazentainsuffizienz reicht die Versorgungsleistung der Plazenta nicht mehr aus, um den wachsenden Bedarf des Fetus zu decken – unbehandelt kann das Kind intrauterin versterben.

Bei der vorzeitigen Plazentalösung löst sich die Plazenta vorzeitig von der Gebärmutterwand, ausgelöst etwa durch mütterliche Vorerkrankungen oder ein stumpfes Bauchtrauma. Typisch sind ein heftiger lokaler Schmerz, oft nur geringe sichtbare Blutung, eine harte, druckschmerzhafte Uteruskontraktion sowie nachlassende Kindsbewegungen – ein zeitkritischer Notfall für Mutter und Kind.

Bei der Placenta praevia liegt die Plazenta zu tief und verdeckt teilweise oder vollständig den inneren Muttermund; bei vollständiger Bedeckung (Totalis) ist eine Geburt auf natürlichem Weg unmöglich. Typisch sind plötzliche, leichte bis starke Blutungen im letzten Schwangerschaftsdrittel.

Merke: Im dritten Trimester muss bei vaginalen Blutungen immer an eine vorzeitige Plazentalösung oder eine Placenta praevia gedacht werden.

27.4.1 Eure Basismaßnahmen bei Plazentakomplikationen

  • Linksseitenlage bzw. Rückenlage mit Kippung nach links und leicht erhöhten Beinen – keine flache Rückenlage, da sonst zusätzlich ein Vena-cava-Kompressionssyndrom droht (siehe 27.4.3)
  • Vorlage bzw. Fritsch-Lagerung, keine vaginale Untersuchung und keine Tamponade
  • Sauerstoffgabe, um das Kind bestmöglich zu versorgen
  • Monitoring von Blutdruck, Herzfrequenz und Sättigung; nach Kindsbewegungen und Mutterpass fragen
  • Notarzt nachfordern, Voranmeldung und schneller Transport in eine geburtshilfliche Klinik mit Möglichkeit zum Notkaiserschnitt

Großlumige venöse Zugänge mit zügiger Volumentherapie sind ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Aufgabe; die definitive Blutstillung erfolgt operativ in der Klinik.

27.4.2 Bluthochdruck in der Schwangerschaft

Tritt ab der 20. Schwangerschaftswoche erstmals ein erhöhter Blutdruck zusammen mit Eiweißausscheidung im Urin auf, spricht man von einer Präeklampsie – begleitet von Ödemen, Kopfschmerzen und Ohrensausen, mit dem Risiko einer vorzeitigen Plazentalösung und eklamptischer Krampfanfälle. Ein Krampfanfall auf dem Boden einer Präeklampsie wird als Eklampsie bezeichnet – mit tonischen und klonischen Krämpfen und Gefahr der Sauerstoffunterversorgung für Mutter und Kind.

Eure Basismaßnahmen sind Monitoring, Sauerstoffgabe, eine bequeme Oberkörperhochlagerung und Reizabschirmung. Der venöse Zugang sowie die notärztliche Gabe von Antikonvulsiva oder Antihypertensiva sind ärztliche Maßnahmen.

27.4.3 Vena-cava-Kompressionssyndrom

In Rückenlage kann der vergrößerte Uterus die untere Hohlvene gegen die Wirbelsäule drücken, wodurch der venöse Rückstrom zum Herzen sinkt – erkennbar an Kaltschweißigkeit, Blässe, Luftnot und Blutdruckabfall. Ab dem zweiten Trimester wird deshalb grundsätzlich eine leichte Linksseitenlage (10–15°) empfohlen, bei Symptomen sofortiges Umlagern.

Durch die verminderte Durchblutung der Gebärmutter ist auch das Kind gefährdet. Die Lagerung nach links gilt für alle Schwangeren ab etwa der 20. Schwangerschaftswoche – auch auf der Trage, im Tragestuhl und bei einer Immobilisation auf der Vakuummatratze, die dann als Ganzes nach links gekippt wird. Ist eine Kippung nicht möglich, kann die Gebärmutter von einer Helferin oder einem Helfer mit der Hand nach links verschoben werden.

27.4.4 Trauma in der Schwangerschaft

Bei Unfällen werden Schwangere nach denselben Grundsätzen versorgt wie andere Patienten – die beste Versorgung für das Kind ist eine stabile Mutter. Allerdings kompensiert der Kreislauf einer Schwangeren einen Blutverlust lange, sodass Schockzeichen erst spät sichtbar werden, während das Kind bereits unterversorgt ist. Schon ein scheinbar leichter Stoß gegen den Bauch, etwa durch den Sicherheitsgurt, kann eine vorzeitige Plazentalösung auslösen. Deshalb wird jede Schwangere nach einem Unfall geburtshilflich abgeklärt, auch ohne Beschwerden.

27.5 Die regelrechte Geburt

Etwa 90 bis 95 Prozent aller Geburten verlaufen regelrecht und gliedern sich in drei Perioden: die Eröffnungsperiode mit zunehmenden Wehen und Erweiterung des Muttermunds auf etwa 10 cm, die Austreibungsperiode mit Pressdrang bis zur Geburt des Kindes, und die Nachgeburtsperiode mit Ausstoßung von Plazenta und Eihäuten.

Bei vorzeitigen Wehen oder vorzeitigem Blasensprung ist das Ziel die „intrauterine Reanimation“: bestmögliches Sauerstoffangebot für den Fetus, möglichst Wehenlosigkeit, für die Mutter ein systolischer Blutdruck über 100 mmHg sowie schonender, zügiger Transport in Linksseitenlage – liegend, ohne Laufen, da vor allem vor der 36. Schwangerschaftswoche ein Nabelschnurvorfall droht.

27.6 Assistenz bei der Notgeburt

Entscheidend ist, ob der kindliche Kopf bereits sichtbar ist. Ist er es nicht, erfolgt Transport in die Geburtsklinik mit Beckenhochlagerung, Hecheln während der Wehen zur Zeitgewinnung und Monitoring. Ist der Kopf bereits sichtbar, findet die Geburt vor Ort statt – wenn möglich in der Wohnung statt im Rettungswagen.

27.6.1 Ablauf und eure Rolle

  • Notarzt bzw. Geburtshelfer nachfordern, sofern die Zeit es erlaubt
  • warme, trockene Tücher, zwei sterile Nabelklemmen und eine sterile Schere bereitlegen
  • der Mutter helfen, während der Presswehen aktiv mitzupressen (Kopf auf die Brust, Kniekehlen greifen)
  • nach vollständiger Geburt des Kopfes die spontane Drehung abwarten, dann mit der nächsten Wehe den Kopf sehr vorsichtig zunächst leicht absenken (vordere Schulter) und dann leicht anheben (hintere Schulter)
Achtung: Niemals am kindlichen Kopf ziehen – es drohen schwere Verletzungen der Halswirbelsäule des Neugeborenen.

Nach der Geburt wird das Kind versorgt und der Mutter auf den Bauch gelegt. Die Nachgeburt muss vor Ort nicht abgewartet werden; ein Blutverlust von etwa 500 ml in dieser Phase ist normal. Die Plazenta wird zur weiteren Beurteilung mit in die Klinik genommen.

27.7 Versorgung des Neugeborenen

Gesunde Neugeborene atmen in der Regel sofort und schreien kräftig. Bleibt die Atmung aus, wird mit der Beatmung begonnen – ein routinemäßiges Absaugen von Fruchtwasser ist nicht nötig und kann über einen Vagusreiz sogar eine Bradykardie auslösen.

Merke: Die meisten Neugeborenen-Notfälle beruhen auf Sauerstoffmangel und bessern sich bereits durch Sauerstoffgabe bzw. Beatmung.

Bei vitalen Kindern wird frühestens nach etwa einer Minute abgenabelt; die Nabelschnur wird 10 bis 15 cm vom Kind entfernt doppelt abgeklemmt und dazwischen durchtrennt. Wichtig ist konsequenter Wärmeschutz – abtrocknen, in warme Tücher wickeln, besonders die Kopfhaut gut bedecken, da hier die größten Wärmeverluste entstehen. Der Zustand des Kindes wird eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt mit dem APGAR-Score anhand von Atmung, Puls, Muskeltonus, Hautfarbe und Reflexerregbarkeit beurteilt – 7 bis 10 Punkte gelten als unauffällig, unter 4 Punkte als schwere Depression mit akuter Gefährdung.

Atmet ein Neugeborenes nach Abtrocknen und Stimulation nicht ausreichend oder ist die Herzfrequenz unter 100/min, werden zunächst fünf langsame Beatmungen mit Beutel und passender Maske gegeben, um die Lunge zu entfalten. Bleibt die Herzfrequenz trotz wirksamer Beatmung unter 60/min, beginnt die Herzdruckmassage im Verhältnis drei Kompressionen zu einer Beatmung. Die Versorgung erfolgt immer mit Notarzt, der frühzeitig nachgefordert wird (siehe Lektion 15).

27.8 Komplikationen unter der Geburt

Beim Nabelschnurvorfall rutscht die im Fruchtwasser treibende Nabelschnur vor den kindlichen Kopf in den Geburtskanal, meist nach einem vorzeitigen Blasensprung, solange der Kopf noch nicht tief im Becken sitzt. Setzen dann Wehen ein, wird die Schnur komprimiert – es droht eine Sauerstoffunterversorgung des Kindes.

Merke: Wird im Geburtskanal Nabelschnur sichtbar, muss sie bis zur operativen Entbindung entlastet werden – dazu wird der Kopf des Kindes vorsichtig vaginal mit zwei Fingern angehoben, bis die Nabelschnur wieder pulsiert, und diese Entlastung bis zur Klinik aufrechterhalten.

Bei der Uterusatonie zieht sich die Gebärmutter nach der Geburt nicht ausreichend zusammen, sodass die Blutstillung ausbleibt und starke, lebensbedrohliche Blutungen entstehen. Eure Basismaßnahmen sind, die Gebärmutter durch die Bauchdecke zu umfassen und kräftig zu massieren („Anreiben“), um eine Kontraktion auszulösen, und sie bei anhaltender Blutung von außen zu komprimieren. Das Anlegen des Kindes an die Brust fördert ebenfalls die Kontraktion. Parallel werden großlumige Zugänge, eine Volumentherapie sowie die notärztliche Gabe von Oxytocin zur Auslösung einer Uteruskontraktion vorbereitet.

Weitere Komplikationen sind die Beckenendlage, bei der zuerst Steiß oder Füße geboren werden, und die Schulterdystokie, bei der nach der Geburt des Kopfes die Schultern im Becken stecken bleiben. In beiden Fällen gilt: nicht am Kind ziehen, sofort Notarzt und – wenn verfügbar – eine Hebamme nachfordern und die Mutter bis dahin in eine Position bringen, die den Geburtskanal erweitert, etwa mit stark an den Bauch gezogenen Oberschenkeln.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S2k-Leitlinie Gynäkologische Notfälle
  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S2k-Leitlinie Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen: Diagnostik und Therapie
  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S3-Leitlinie Die vaginale Geburt am Termin
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zur Reanimation 2025 – Versorgung und Reanimation des Neugeborenen nach der Geburt
  • AWMF S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung – Kapitel Trauma in der Schwangerschaft
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