Wasser- und Tauchunfälle sind seltene, aber besonders zeitkritische Einsätze. Das zentrale Problem ist fast immer der Sauerstoffmangel – beim Ertrinken durch das Einatmen von Wasser, beim Tauchunfall durch Gasblasen in Lunge, Blut und Gewebe. Hinzu kommen Unterkühlung, Begleitverletzungen und eine erhebliche Eigengefährdung der Retter.
Die meisten tödlichen Badeunfälle ereignen sich an ungesicherten Seen, Teichen und Flüssen. Schwimmfähigkeit schützt kaum vor dem Ertrinken – Strömungen, kaltes Wasser, Erschöpfung, Alkohol und Selbstüberschätzung sind häufige Ursachen. Besonders betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder (häuslich, z. B. Badewanne, Gartenteich, Pool), Jugendliche und junge Männer (Alkohol, Mutproben) sowie ältere Menschen, bei denen oft eine internistische oder neurologische Ursache wie ein Herzinfarkt, ein Krampfanfall oder ein Schlaganfall im Wasser zugrunde liegt.
Nach ILCOR ist Ertrinken ein Vorgang, bei dem die Atmung durch Ein- oder Untertauchen in eine Flüssigkeit primär beeinträchtigt wird. Submersion: Körper und Atemwegsöffnung vollständig unter Wasser. Immersion: Kopf über Wasser, restlicher Körper eingetaucht – hier drohen vor allem Auskühlung und Spritzwasser-Aspiration.
Wichtig für die Einschätzung am Einsatzort: Ertrinken verläuft meist leise. Ertrinkende rufen selten um Hilfe und winken kaum, weil sie ihre ganze Kraft brauchen, um Mund und Nase über Wasser zu halten. Oft vergehen vom Beginn des Kampfes an der Oberfläche bis zum Untergehen nur 20 bis 60 Sekunden.
Merke: Die alten Begriffe „Beinahe-Ertrinken“ oder „trockenes/nasses Ertrinken“ sind veraltet. Maßgeblich sind Submersion, Immersion sowie tödlich/nicht tödlich.
Nach dem Untertauchen hält der Betroffene reflexhaft die Luft an (meist unter zwei Minuten) und macht Abwehrbewegungen. Steigt der Kohlendioxidgehalt im Blut weiter an, setzt trotz des Untertauchens ein unwiderstehlicher Atemreiz ein. Wasserkontakt am Kehlkopf löst oft einen Stimmritzenkrampf aus; löst sich dieser, wird Wasser eingeatmet. Es folgt Schnappatmung, dann Schaumbildung in den Atemwegen, die den Gasaustausch massiv behindert. Der Sauerstoffmangel führt zu Bewusstlosigkeit, dann zu Bradykardie und schließlich zum Kreislaufstillstand – der Herzstillstand ist also Folge des Sauerstoffmangels, nicht die Ursache.
Ob Süß- oder Salzwasser eingeatmet wurde, spielt für die Versorgung praktisch keine Rolle. Bedeutsam ist dagegen, dass eingeatmetes Wasser das Surfactant der Lungenbläschen schädigt: Auch Patienten, die zunächst stabil wirken, können sich innerhalb von Stunden durch ein Lungenödem verschlechtern.
In kaltem Wasser kommt der Kälteschock hinzu: Beim Eintauchen löst die plötzliche Kälte ein reflexhaftes Einatmen und eine Hyperventilation aus, wodurch Wasser aspiriert werden kann. Die Muskulatur der Arme kühlt rasch aus, sodass selbst geübte Schwimmer nach wenigen Minuten nicht mehr schwimmen können. Andererseits kann eine rasche Unterkühlung das Gehirn vor Sauerstoffmangel schützen – deshalb haben besonders Kinder nach Unfällen in eiskaltem Wasser manchmal auch nach längerer Zeit unter Wasser noch eine Überlebenschance.
Leitsymptom ist die Zyanose. Hinzu kommen Husten, Atemnot, schaumiger Auswurf, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit und häufig eine Unterkühlung. Bei Unfällen mit Kopfsprung in flaches Wasser, beim Surfen oder bei sichtbaren Kopfverletzungen muss zusätzlich an eine Verletzung der Halswirbelsäule gedacht werden.
Die Rettung aus dem Wasser erfolgt möglichst durch spezialisierte Kräfte (Wasserwacht, DLRG, Feuerwehr). Ohne Ausbildung und Ausrüstung gilt für die Einsatzkräfte an Land: Eigenschutz geht vor, Hilfsmittel wie Rettungsring, Leine oder Stange reichen oder zuwerfen statt selbst ins Wasser zu gehen. Das gilt besonders bei Strömung und bei Eisunfällen, bei denen sich Retter nur liegend und mit Leitern oder Brettern auf die Eisfläche wagen dürfen.

Unterkühlte Patienten werden möglichst horizontal aus dem Wasser gerettet, um einen Kreislaufzusammenbruch zu vermeiden (siehe Lektion 33 Thermische Notfälle). Eine Immobilisation der Halswirbelsäule ist nur bei passendem Unfallmechanismus oder Verletzungszeichen nötig und darf die Rettung und Beatmung nicht verzögern.
Wache Patienten: Oberkörper hoch lagern, nasse Kleidung entfernen, mit Rettungsdecke und Decken wärmen, hochdosiert Sauerstoff geben, Monitoring mit Pulsoxymetrie, Kerntemperatur messen. Jeder Patient, der nach einem Ertrinkungsunfall Symptome zeigt – Husten, Atemnot, niedrige Sättigung, Bewusstseinsstörung –, wird in eine Klinik transportiert, auch wenn er sich zunächst gut fühlt.
Bewusstlose oder nicht ausreichend atmende Patienten: Atemwege freimachen und Reanimation mit fünf initialen Beatmungen beginnen, da der Kreislaufstillstand durch Sauerstoffmangel entstanden ist; danach üblicher Ablauf mit Thoraxkompressionen und Beatmung im Verhältnis 30:2 und frühzeitigem AED-Einsatz. Versuche, Wasser aus der Lunge zu entfernen – etwa durch Oberbauchkompressionen oder Kopftieflage –, sind wirkungslos und verzögern die Wiederbelebung. Da Ertrinkungsopfer häufig erbrechen, muss eine Absaugpumpe griffbereit sein.
Merke: „No one is dead until he is warm and dead“ – bei unterkühlten Ertrinkungsopfern wird die Reanimation nicht vorschnell beendet.
Man unterscheidet drei Formen des Tauchens: Apnoetauchen (ohne Hilfsmittel, mit angehaltenem Atem), Schnorcheltauchen (Atmung über ein Rohr an der Wasseroberfläche) und Gerätetauchen, bei dem ein Lungenautomat die Atemluft aus der Druckflasche an den jeweiligen Umgebungsdruck anpasst. Tauchunfälle betreffen überwiegend Sporttaucher und zeigen sich häufig erst nach dem Tauchgang an Land – mitunter erst Stunden später und weit entfernt vom Gewässer. Tauchmedizinische Hotlines beraten Rettungsdienst und Kliniken rund um die Uhr.
Boyle-Mariotte: Druck und Volumen eines Gases verhalten sich umgekehrt proportional – in 10 m Tiefe herrschen ca. 2 bar, ein Gasvolumen halbiert sich. Umgekehrt dehnt sich Luft beim Auftauchen aus; die größten Volumenänderungen treten in den oberen 10 Metern auf. Henry: Unter erhöhtem Druck lösen sich Atemgase (v. a. Stickstoff) verstärkt in Blut und Gewebe; beim Auftauchen werden sie wieder freigesetzt. Dalton: Jedes Gas in einem Gemisch übt einen eigenen Teildruck aus, der mit der Tiefe steigt. Ab etwa 30 m kann der hohe Stickstoffteildruck einen Tiefenrausch auslösen (Euphorie, Konzentrationsstörungen, Fehlentscheidungen), der sich beim Aufsteigen rasch zurückbildet.
Merke: Faustregel: an der Oberfläche ca. 1 bar, pro 10 m Wassertiefe ca. 1 weiteres bar.
Ein Barotrauma entsteht durch Druckdifferenzen zwischen luftgefüllten Körperhöhlen und der Umgebung – beim Ab- oder Auftauchen, vor allem wenn der Druckausgleich behindert ist, etwa bei einer Erkältung. Betroffen sein können Mittelohr (Ohrenschmerz, Trommelfellriss mit plötzlichem Drehschwindel), Nasennebenhöhlen (Stirn- oder Gesichtsschmerz, Nasenbluten), Zähne und das Gesicht unter der Tauchmaske.
Am gefährlichsten ist das pulmonale Barotrauma: Hält ein Taucher beim Aufstieg die Luft an oder steigt er in Panik zu schnell auf, dehnt sich die Luft in der Lunge aus und zerreißt Lungenbläschen. Folgen sind Thoraxschmerz, Atemnot, Zyanose, blutig-schaumiger Auswurf, ein Hautemphysem (knisternde Luft unter der Haut) oder ein Pneumothorax. Gelangt Luft in die Blutbahn, entsteht eine arterielle Gasembolie mit schlaganfallähnlichen Symptomen wie Lähmungen, Sprachstörungen, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit – typischerweise innerhalb weniger Minuten nach dem Auftauchen.
Basismaßnahmen: Vitalfunktionen sichern, flach lagern (bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage), hochdosiert Sauerstoff geben, Monitoring, auf Zeichen eines Spannungspneumothorax achten und frühzeitig den Notarzt nachfordern. Die weitere Versorgung erfolgt wie bei der Dekompressionskrankheit in einer Klinik mit Druckkammer.
Steigt ein Taucher zu schnell auf oder hält er die vorgeschriebenen Dekompressionspausen nicht ein, perlt der im Gewebe gelöste Stickstoff aus – vergleichbar mit einer geschüttelten Sprudelflasche, die plötzlich geöffnet wird. Die Gasblasen verstopfen kleine Gefäße und schädigen das Gewebe. Begünstigend wirken wiederholte Tauchgänge, Anstrengung, Kälte, Flüssigkeitsmangel, Alkohol und ein Flug kurz nach dem Tauchen.
Symptome: Müdigkeit, Hautjucken und marmorierte Haut („Taucherflöhe“), Gelenk- und Muskelschmerzen („Bends“), bei Lungenbeteiligung Thoraxschmerz und Reizhusten („Chokes“), neurologisch Kribbeln, Taubheitsgefühle, Sehstörungen bis hin zu Lähmungen und Bewusstseinsstörungen. Die Beschwerden beginnen meist innerhalb weniger Stunden nach dem Auftauchen, können aber auch erst bis zu 24 Stunden später auftreten.
Basisversorgung: Vitalfunktionen sichern, wache Patienten flach lagern, hochdosierter Sauerstoff (ca. 15 l/min über Maske mit Reservoir) – und zwar unabhängig von der Sättigung und so lange wie möglich. Wache Patienten ohne Übelkeit dürfen schluckweise stille, nicht alkoholische Getränke zu sich nehmen. Monitoring, Wärmeerhalt, Tauchgerät und Tauchcomputer sicherstellen und mitnehmen, da sie das Tauchprofil gespeichert haben. Auch der Tauchpartner sollte untersucht werden, da er dasselbe Tauchprofil hatte.
Die definitive Therapie ist die Rekompression in einer Druckkammer (hyperbare Sauerstofftherapie). Die Zielklinik muss eine Druckkammer haben; wird der Patient per Hubschrauber transportiert, muss in möglichst niedriger Höhe geflogen werden, da der sinkende Luftdruck die Gasblasen weiter vergrößert.
Merke: Bei jedem Verdacht auf Tauchunfall: so früh wie möglich so viel Sauerstoff wie möglich, flache Lagerung statt Kopftieflage, Zielklinik mit Druckkammer.