Ein Einsatz beginnt lange bevor der erste Handgriff am Patienten erfolgt: mit der Fahrt zur Einsatzstelle, der richtigen Positionierung des Rettungswagens und einem klaren Blick für das große Ganze. Einsatztaktik bedeutet, auch unter Zeitdruck strukturiert zu denken: Was ist passiert? Welche Gefahren bestehen? Reichen die eigenen Kräfte aus? Diese Lektion zeigt, wie ihr einen Einsatz von der Anfahrt über die Führung bis zum Massenanfall von Verletzten sicher organisiert und welche Rolle die Leitstelle dabei spielt.
Schon während der Anfahrt beginnt die Vorbereitung. Aus dem Einsatzstichwort und den Informationen der Leitstelle lassen sich erste Erwartungen ableiten: Welches Krankheitsbild ist wahrscheinlich? Welches Material nehme ich mit? Muss mit Gefahren wie Gewalt, Feuer oder Verkehr gerechnet werden? Klärt im Team, wer welche Aufgabe übernimmt, und fordert bei Bedarf schon jetzt weitere Kräfte wie Notarzt, Feuerwehr oder Polizei nach. Achtet beim Annähern auf Hinweise wie Rauch, Menschenansammlungen, auslaufende Flüssigkeiten oder Einsatzfahrzeuge anderer Organisationen.
Wo der Rettungswagen hält, beeinflusst den gesamten Einsatz. Grundsätze für die Aufstellung:
Auf Straßen dient das Fahrzeug mit eingeschalteter Warnbeleuchtung zusätzlich als Absicherung: Ist noch keine Feuerwehr vor Ort, wird es vor der Unfallstelle schräg gegen den nachfolgenden Verkehr gestellt. Übernimmt die Feuerwehr die Absicherung, hält der Rettungswagen möglichst in Fahrtrichtung hinter der Unfallstelle, damit er ungehindert beladen und abfahren kann. Beim Aussteigen tragt ihr immer Warnkleidung, steigt möglichst auf der verkehrsabgewandten Seite aus und behaltet den fließenden Verkehr im Blick. Bei Gefahrstoffen haltet ihr Abstand und stellt das Fahrzeug mit dem Wind im Rücken auf (siehe Lektion 8).
Unter Taktik versteht man das planvolle, an die Lage angepasste Vorgehen innerhalb eines übergeordneten Einsatzkonzepts. Auch bei einem RTW-Einsatz mit zwei Personen gibt es Führung: Der Transportführer, in der Regel die höher qualifizierte Kraft, trägt die Verantwortung für den Einsatz, trifft Entscheidungen und hält den Kontakt zur Leitstelle. Fehlende oder unklare Führung führt auch im Kleinen zu Doppelarbeit, Lücken und Konflikten.
Merke: Rettungstaktik bezeichnet den gezielten Einsatz von Personal und Material, bei dem Aufwand und Nutzen in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.
Der Führungskreis strukturiert, wie Informationen gewonnen, bewertet und in Entscheidungen überführt werden. Erkundung, Beurteilung, Befehlsgebung und Kontrolle laufen fortlaufend ab, nicht nur einmalig. Nach der Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 gliedert er sich in drei Phasen:
Nach der Befehlsgebung beginnt der Kreis mit der Kontrolle von vorn. Verändert sich die Lage, etwa weil sich ein Patient verschlechtert oder eine neue Gefahr auftritt, wird neu beurteilt und entschieden.
Die Erkundung beginnt bereits während der Anfahrt (z. B. Rauchsäule, Verkehrslage) und wird beim Eintreffen an der Einsatzstelle systematisch fortgesetzt. Ziel ist ein möglichst vollständiges, schnelles Lagebild, auf dessen Grundlage alle weiteren Entscheidungen getroffen werden – eine unvollständige oder verzögerte Erkundung führt fast zwangsläufig zu falschen oder verspäteten Maßnahmen.
Merke – Inhalte der Erkundung: Art und Umfang des Geschehens, besondere Gefahren, Anzahl der Verletzten, Schweregrad, Zugänglichkeit der Verletzten.
Auf die Erkundung folgt die Lagebeurteilung. Das kann bedeuten, den Eigenschutz vor die Patientenversorgung zu stellen, die Fahrzeugaufstellung zu optimieren oder rechtzeitig weitere Kräfte nachzufordern.
Die Rückmeldung an die Leitstelle macht das erkundete Lagebild für alle weiteren Entscheidungsebenen nutzbar – nur was gemeldet wird, kann bei der Disposition weiterer Kräfte oder der Alarmierung des Leitenden Notarztes berücksichtigt werden. Sie sollte deshalb so früh wie möglich, aber erst nach ausreichender Erkundung erfolgen und einem festen Schema folgen, damit unter Stress nichts Wichtiges vergessen wird.
Merke – Mindestinhalte der Rückmeldung: Funkkennung/Einsatzort, Art und Umfang des Geschehens, besondere Gefahren, Anzahl schwer-/leichtverletzter Personen, Zugänglichkeit, Nachforderungen, Bereitstellungsraum.
Das MELDEN-Schema hilft, im Stress nichts zu vergessen:
Achtung: Führung – und Elemente wie die Rückmeldung – lassen sich nicht aus dem Stegreif beherrschen, sondern müssen trainiert werden.
Ein Auftrag muss so klar formuliert sein, dass der Empfänger ihn ohne Rückfrage ausführen kann. Bewährt hat sich das Befehlsschema aus der Feuerwehr-Dienstvorschrift 100: Einheit (wer?), Auftrag (was?), Mittel (womit?), Ziel (wohin?) und Weg (auf welchem Weg?). Ein Beispiel: „RTW 2, Patient im Pkw links übernehmen, mit Vakuummatratze, zur Patientenablage, über den Gehweg.“ Der Empfänger wiederholt den Auftrag kurz (Closed-Loop) und meldet, wenn er erledigt ist oder nicht ausgeführt werden kann.
Ein MANV liegt vor, wenn innerhalb kurzer Zeit mehr Patienten anfallen, als die verfügbaren Rettungsmittel regulär versorgen können.
Merke: Ein MANV beschreibt ein Missverhältnis zwischen tatsächlichem Bedarf und verfügbaren Kräften/Mitteln – das kann bereits bei einem Verkehrsunfall mit mehreren Verletzten der Fall sein.
Beim MANV gilt ein anderes Prinzip als im Regelrettungsdienst: Nicht jeder Patient bekommt sofort die bestmögliche Einzelversorgung, sondern Ziel ist, mit den vorhandenen Mitteln möglichst vielen Menschen das Überleben zu sichern.
Die Einteilung in Stufen legt fest, welche Kräfte automatisch alarmiert werden. Sie ist regional unterschiedlich definiert; typisch ist etwa:
Mit jeder höheren Stufe kommen mehr Rettungsmittel, Schnelleinsatzgruppen und Führungskräfte hinzu, bis hin zur überörtlichen Hilfe aus Nachbarkreisen. Welche Stufe ausgelöst wird, entscheidet die Leitstelle anhand eurer Rückmeldung – deshalb ist eine realistische Einschätzung der Patientenzahl so wichtig.
Die ersten Minuten entscheiden über den weiteren Verlauf. Die Besatzung des ersten Rettungsmittels versorgt deshalb nicht den ersten Patienten, sondern übernimmt vorläufig die Führung:
Werden diese Regeln missachtet, entsteht ein „führungsfreies Intervall“ – dieses so kurz wie möglich zu halten ist zentral. Einzige Ausnahme von der Regel „keine Individualmedizin“ sind einfache lebensrettende Sofortmaßnahmen, die in Sekunden erledigt sind, etwa das Stillen einer spritzenden Blutung mit einem Tourniquet oder das Freimachen der Atemwege.
Die Sanitätseinsatzleitung (SanEL) besteht aus zwei Funktionen:
LNA und OrgL arbeiten gleichberechtigt zusammen und sind bei Einsätzen mit Feuerwehr in die Gesamteinsatzleitung eingebunden. Sie sind durch Westen mit Aufschrift gut erkennbar. Bis sie eintreffen, führen die ersteintreffenden Kräfte.
Schnelleinsatzgruppen (SEG) unterstützen: SEG Sanität (Behandlung), SEG Transport (Klinikverlegung), SEG Betreuung/Verpflegung, SEG Führungsunterstützung. Sie bestehen meist aus ehrenamtlichen Helfern der Hilfsorganisationen, die per Funkmeldeempfänger alarmiert werden.
Damit bei vielen Patienten nicht Chaos entsteht, wird die Einsatzstelle in Bereiche gegliedert:
Nachrückende Kräfte fahren nicht eigenständig an die Einsatzstelle, sondern melden sich im Bereitstellungsraum – so bleiben Zufahrten frei und die Einsatzleitung behält den Überblick.
Die Sichtung ist eine ärztliche Aufgabe (LNA/Notarzt), unterstützt durch Rettungsfachpersonal via Vorsichtung (z. B. PRIOR). Sie beantwortet die Frage, wer zuerst behandelt und transportiert wird. Die Einteilung erfolgt in vier Sichtungskategorien, die durch farbige Anhängekarten am Patienten gekennzeichnet werden:

Sichtung ist kein einmaliger Vorgang: Der Zustand von Patienten kann sich jederzeit verändern, deshalb wird regelmäßig nachgesichtet. Verstorbene werden gesondert gekennzeichnet und nicht in die Behandlungsbereiche gebracht.
Deutsche Weiterentwicklung des amerikanischen START-Verfahrens, erlaubt eine Einstufung in Sekunden:
mSTaRT dauert weniger als eine Minute pro Patient und dient der schnellen Erstsichtung durch Rettungsfachpersonal vor der endgültigen ärztlichen Sichtung. Die Kategorie SK IV wird nur ärztlich vergeben. Während der Vorsichtung werden nur Sofortmaßnahmen durchgeführt – Blutstillung, Atemwege freimachen, stabile Seitenlage –, danach geht es sofort zum nächsten Patienten.
Die Leitstelle ist die zentrale Schaltstelle des Rettungsdienstes. Hier laufen alle Notrufe unter der 112 ein, von hier werden alle Rettungsmittel gesteuert. Für euch ist sie im Einsatz der wichtigste Ansprechpartner.
Je nach Bundesland und Region sind Leitstellen unterschiedlich organisiert:
Heute sind die meisten Leitstellen in Deutschland integrierte Leitstellen. Vorteil ist, dass Rettungsdienst und Feuerwehr aus einer Hand disponiert werden und bei gemischten Einsätzen keine Zeit durch Absprachen zwischen verschiedenen Stellen verloren geht.
Die Notrufabfrage folgt meist einem standardisierten Abfrageprotokoll, damit auch bei aufgeregten Anrufern schnell die entscheidenden Informationen erhoben werden. Die Leitstelle schickt das nächste geeignete Rettungsmittel, überwacht die Statusmeldungen aller Fahrzeuge, weist freie Behandlungskapazitäten in Kliniken nach und koordiniert Nachforderungen. Bei einem Kreislaufstillstand leitet der Disponent Anrufer am Telefon zur Herzdruckmassage an, bis der Rettungsdienst eintrifft – eine der wirksamsten Maßnahmen, um die Überlebenschancen zu verbessern.
Leitstellen sind 24/7 besetzt, arbeiten mit EDV-gestützten Einsatzleitrechnern und hinterlegten Alarm- und Ausrückeordnungen – die endgültige Entscheidung trifft aber immer der Disponent. Einsatzorte werden über Karten und Standortdaten des Anrufers ermittelt, die Fahrzeuge sind über GPS sichtbar. Abzugrenzen ist die Leitstelle vom ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Rufnummer 116117, der bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden außerhalb der Praxisöffnungszeiten hilft. Viele Leitstellen arbeiten inzwischen eng mit dem Bereitschaftsdienst zusammen, um Patienten in die passende Versorgungsebene zu lenken.