Ein Einsatz beginnt lange bevor der erste Handgriff am Patienten erfolgt: mit der Fahrt zur Einsatzstelle, der richtigen Positionierung des Rettungswagens und einem klaren Blick für das große Ganze.

  • So positionieren, dass nachrückende Kräfte die Einsatzstelle erreichen können.
  • So stehen, dass die eigene Besatzung im Gefahrenfall sofort wegkann.
  • Bei Feuerwehreinsätzen ausreichend Platz für den Löschzug freihalten.
  • Für Drehleitern eine geeignete Stellfläche freihalten.
  • Bei technischer Rettung genügend Raum um das Unfallfahrzeug lassen.

6.1 Führung im rettungsdienstlichen Einsatz

Unter Taktik versteht man das planvolle, an die Lage angepasste Vorgehen innerhalb eines übergeordneten Einsatzkonzepts.

Merke: Rettungstaktik bezeichnet den gezielten Einsatz von Personal und Material, bei dem Aufwand und Nutzen in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.

Der Führungskreis

Der Führungskreis strukturiert, wie Informationen gewonnen, bewertet und in Entscheidungen überführt werden. Erkundung, Beurteilung, Befehlsgebung und Kontrolle laufen fortlaufend ab, nicht nur einmalig.

Erkundung

Merke – Inhalte der Erkundung: Art und Umfang des Geschehens, besondere Gefahren, Anzahl der Verletzten, Schweregrad, Zugänglichkeit der Verletzten.

Auf die Erkundung folgt die Lagebeurteilung. Das kann bedeuten, den Eigenschutz vor die Patientenversorgung zu stellen, die Fahrzeugaufstellung zu optimieren oder rechtzeitig weitere Kräfte nachzufordern.

Rückmeldung

Merke – Mindestinhalte der Rückmeldung: Funkkennung/Einsatzort, Art und Umfang des Geschehens, besondere Gefahren, Anzahl schwer-/leichtverletzter Personen, Zugänglichkeit, Nachforderungen, Bereitstellungsraum.

Das MELDEN-Schema hilft, im Stress nichts zu vergessen:

  • Meldende Person
  • Einsatzstelle
  • Lage
  • Durchgeführte Maßnahmen
  • Eingesetzte Einheiten
  • Nachforderungen
Achtung: Führung – und Elemente wie die Rückmeldung – lassen sich nicht aus dem Stegreif beherrschen, sondern müssen trainiert werden.

6.2 Massenanfall von Verletzten und Erkrankten (MANV)

Ein MANV liegt vor, wenn innerhalb kurzer Zeit mehr Patienten anfallen, als die verfügbaren Rettungsmittel regulär versorgen können.

Merke: Ein MANV beschreibt ein Missverhältnis zwischen tatsächlichem Bedarf und verfügbaren Kräften/Mitteln – das kann bereits bei einem Verkehrsunfall mit mehreren Verletzten der Fall sein.

MANV-Stufen (regional unterschiedlich definiert)

  • MANV I: etwa 5–10 Betroffene
  • MANV II: etwa 11–20 Betroffene
  • MANV III: etwa 20–50 Betroffene
  • MANV IV / ÜMANV: mehr als 50 Betroffene

Die Rolle der ersteintreffenden Kräfte

  • Lage zeitnah und "auf Sicht" melden.
  • Keine Individualmedizin betreiben.
  • Sichtbar die Einsatzleitung übernehmen.
  • Einsatzstelle erkunden, besondere Gefahren beachten.
  • Strukturierte Rückmeldung absetzen.
  • Kräfte einteilen, Raumordnung vorbereiten.
  • Sichtung veranlassen, sobald ärztliches Personal verfügbar ist.
  • Patientenversorgung delegieren.
  • Einsatzleitung geordnet übergeben.

Werden diese Regeln missachtet, entsteht ein "führungsfreies Intervall" – dieses so kurz wie möglich zu halten ist zentral.

Führungsstrukturen

Die Sanitätseinsatzleitung (SanEL) besteht aus zwei Funktionen:

  • Leitender Notarzt (LNA): medizinische Führung, legt Sichtungskategorien fest.
  • Organisatorischer Leiter Rettungsdienst (OrgL): taktisch-organisatorische Seite – Behandlungsplätze, Nachforderungen, Führung des Personals.

Schnelleinsatzgruppen (SEG) unterstützen: SEG Sanität (Behandlung), SEG Transport (Klinikverlegung), SEG Betreuung/Verpflegung, SEG Führungsunterstützung.

Sichtung (Triage)

Die Sichtung ist eine ärztliche Aufgabe (LNA/Notarzt), unterstützt durch Rettungsfachpersonal via Vorsichtung (z. B. PRIOR).

  • SK I – Rot: vital bedroht, sofortige Behandlung
  • SK II – Gelb: schwer verletzt, dringende Behandlung
  • SK III – Grün: leicht verletzt, kann warten
  • SK IV – Blau: ohne Überlebenschance, Betreuung/Schmerzlinderung

Der mSTaRT-Algorithmus

Deutsche Weiterentwicklung des amerikanischen START-Verfahrens, erlaubt eine Einstufung in Sekunden:

  • Gehfähigkeit: selbstständig gehfähig → SK III
  • Atmung: keine Atmung nach Freimachen → SK IV; Atmung setzt ein → SK I; AF >30 oder <10 → SK I
  • Kreislauf: Rekap >2 Sek. oder Radialispuls nicht tastbar → SK I
  • Bewusstsein: befolgt Aufforderungen → SK II; sonst → SK I

mSTaRT dauert etwa 30–60 Sek. pro Patient und dient der schnellen Erstsichtung durch Rettungsfachpersonal vor der endgültigen ärztlichen Sichtung.

6.3 Leitstelle

Leitstellentypen

  • Rettungsleitstellen: ausschließlich Rettungsdienst/Krankentransport
  • Feuerwehrleitstellen: Brand- und Katastrophenschutz
  • Integrierte Leitstellen: Rettungsdienst und Feuerwehr gemeinsam
  • Kooperative Leitstellen: Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei räumlich zusammen ("bunte Leitstellen")

Aufgaben der Leitstelle

  • Notrufannahme und -bewertung
  • Alarmierung geeigneter Kräfte
  • Weisungsbefugnis (außer bei rein medizinischen Entscheidungen)
  • Telefonreanimations-Anleitung

Ausstattung

Leitstellen sind 24/7 besetzt, arbeiten mit EDV-gestützten Einsatzleitrechnern und hinterlegten Alarm- und Ausrückeordnungen – die endgültige Entscheidung trifft aber immer der Disponent.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • AFKzV: Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 (FwDV 100) – Führung und Leitung im Einsatz
  • Bundeärztekammer (2018): Empfehlungen zur ärztlichen Leitung bei MANV
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2020): Massenanfall von Verletzten – Konzepte, Triage, Führung
  • St. Pierre, Hofinger & Buerschaper (2014): Notfallmanagement – Human Factors und Patientensicherheit in der Akutmedizin
  • Hagemann & Kluge (2013): Teamentwicklung und Teamführung im Rettungsdienst