Grundlagen & Vorbereitung
Skript
22 Min

11 Basisdiagnostik und Untersuchung

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Jede Rettungssanitäterin und jeder Rettungssanitäter trifft im Einsatz zunächst auf einen Menschen, nicht auf eine Diagnose. Entscheidend ist der geschulte Blick auf die drei tragenden Säulen des Überlebens: Atmung, Bewusstsein und Herz-Kreislauf-Funktion.

Merke: Die Notfalluntersuchung wird bei jedem Notfallpatienten durchgeführt – stets problemorientiert und unter Einbeziehung des gesamten Einsatzumfelds.

11.1 Grundlagen der Patientenbeobachtung

Im Zentrum stehen die drei Vitalfunktionen Atmung, Bewusstsein und Kreislauf, ergänzt durch die Beobachtung von Haut, Augen und Mundhöhle. Als Werkzeuge dienen die eigenen Sinne – Sehen, Hören, Fühlen, Riechen. Viele Befunde lassen sich ohne ein einziges Gerät erheben; Messwerte ergänzen die Beobachtung, ersetzen sie aber nicht.

11.1.1 Atmung

Beurteilt werden Frequenz (normal 12–20/min), Tiefe und Bewegungsmuster. Tachypnoe kann auf Angst, Schmerz oder Schock hinweisen, Bradypnoe auf SHT oder Vergiftung. Fehlt jede Atembewegung, liegt eine Apnoe vor.

Wichtige Atemmuster sind:

  • Kussmaul-Atmung: vertiefte, regelmäßige Atemzüge – typisch für eine Übersäuerung des Blutes, etwa bei diabetischer Ketoazidose.
  • Cheyne-Stokes-Atmung: an- und abschwellende Atemzüge mit Pausen – Hinweis auf eine Schädigung des Atemzentrums oder eine schwere Herzinsuffizienz.
  • Schnappatmung: einzelne, schnappende Atemzüge ohne ausreichende Luftbewegung. Sie tritt in den ersten Minuten eines Kreislaufstillstands auf und darf nicht als normale Atmung gewertet werden – sofort mit der Reanimation beginnen.

Hinweise auf Atemnot sind der Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, eine aufrechte Sitzposition mit aufgestützten Armen, die Lippenbremse, Sprechen in kurzen Satzfragmenten und eine Zyanose. Atemgeräusche geben Hinweise auf die Ursache: Ein inspiratorischer Stridor spricht für eine Verlegung der oberen Atemwege, exspiratorisches Giemen für eine Verengung der unteren Atemwege wie beim Asthma, feuchte Rasselgeräusche für Flüssigkeit in der Lunge. Die Sauerstoffsättigung liegt beim Gesunden meist zwischen 94 und 98 %.

11.1.2 Bewusstsein

Erster Check: anschauen, ansprechen, anfassen. Die Glasgow Coma Scale (GCS) fasst Augenöffnung, verbale und motorische Reaktion in Punktwerten 3–15 zusammen. GCS 15–14: keine relevante Störung; 13–12: geringe Störung; 11–9: schwere Störung, stabile Seitenlage, Notarzt nachfordern; 8–3: tiefe Bewusstlosigkeit, ausgefallene Schutzreflexe.

  • Augenöffnen (1–4 Punkte): spontan, auf Ansprache, auf Schmerzreiz, keine Reaktion.
  • Verbale Reaktion (1–5 Punkte): orientiert, verwirrt, unangemessene Wörter, unverständliche Laute, keine Reaktion.
  • Motorische Reaktion (1–6 Punkte): befolgt Aufforderungen, gezielte Abwehr, ungezielte Abwehr, Beugesynergismen, Strecksynergismen, keine Reaktion.

Neben dem Grad der Bewusstseinsstörung (Somnolenz – schläfrig, aber leicht weckbar; Sopor – nur durch starke Reize weckbar; Koma – nicht weckbar) wird die Orientierung geprüft: Weiß der Patient, wer er ist, wo er ist, welcher Tag ist und was passiert ist? Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist immer ein Warnzeichen, auch wenn der Patient wach wirkt.

11.1.3 Kreislauf

Puls normal 60–80/min in Ruhe. Werte unter 60/min bezeichnet man als Bradykardie, über 100/min als Tachykardie. Getastet wird zunächst am Handgelenk (A. radialis); ist dort kein Puls fühlbar, an der Halsschlagader (A. carotis). Neben der Frequenz zählen Rhythmus (regelmäßig oder unregelmäßig) und Qualität: Ein schwacher, schneller, kaum tastbarer Puls ist ein Schockzeichen.

Rekapillarisierungszeit sollte unter 2 Sekunden liegen. Blutdruck physiologisch um 120/80 mmHg; Hypotonie unter 100 mmHg systolisch, Hypertonie über 140/90 mmHg. Als grober Anhalt für einen Volumenmangel dient der Schockindex: Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck. Liegt er über 1, ist das ein Hinweis auf einen Schock – etwa bei Puls 120/min und Blutdruck 100 mmHg systolisch.

11.1.4 Haut

Die Haut liefert oft die schnellsten Hinweise auf den Kreislaufzustand eines Patienten. Beurteilt werden Farbe, Temperatur und Feuchtigkeit: Eine blasse Haut deutet auf Blutverlust oder eine zentralisierte Kreislaufreaktion hin, eine bläuliche Verfärbung (Zyanose) auf Sauerstoffmangel, eine gerötete Haut auf Fieber, eine allergische Reaktion oder eine Kohlenmonoxidvergiftung. Kalte, feuchte Haut ist ein klassisches Zeichen für einen beginnenden Schock, warme, trockene Haut spricht dagegen eher für eine ausreichende periphere Durchblutung. Die bereits erwähnte Rekapillarisierungszeit – wie schnell sich ein durch Fingerdruck weißgedrücktes Nagelbett wieder rosa färbt – ist ein einfacher, in Sekunden durchführbarer Kreislauf-Check.

11.1.5 Augen

Die Pupillen werden auf Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion geprüft. Normal sind mittelweite, seitengleiche Pupillen, die prompt auf Licht reagieren. Eine einseitig weite, lichtstarre Pupille (Anisokorie) kann auf einen erhöhten Hirndruck durch eine beginnende Einklemmung hinweisen – ein akuter neurologischer Notfall. Beidseits enge Pupillen (Miosis) sind typisch für eine Opioid-Intoxikation, beidseits weite Pupillen (Mydriasis) für eine schwere Hypoxie, bestimmte Vergiftungen oder ausgeprägten Stress. Auch ein Blick auf die Bindehaut liefert Hinweise: Eine auffällig blasse Bindehaut kann auf einen relevanten Blutverlust hindeuten, eine gelbliche Verfärbung (Ikterus) auf eine Lebererkrankung.

11.1.6 Mundhöhle

Ein kurzer Blick in die Mundhöhle liefert wichtige Zusatzinformationen. Rußspuren an Lippen, Zunge oder im Rachen weisen auf eine Rauchgasinhalation hin und sind ein Warnzeichen für ein drohendes Atemwegsödem. Ein süßlicher, obstartiger Geruch (Azetongeruch) spricht für eine diabetische Ketoazidose, ein Alkoholgeruch für eine Alkoholintoxikation – ersetzt aber nie die Blutzuckermessung, da beide Ursachen auch gleichzeitig vorliegen können. Blutungen, ausgeschlagene Zähne oder Erbrochenes im Mund erhöhen die Aspirationsgefahr erheblich und müssen vor jeder Beatmungsmaßnahme gezielt abgesucht und bei Bedarf abgesaugt werden.

Merke: Die Patientenbeobachtung ist der Ausgangspunkt jedes rettungsdienstlichen Handelns.

11.2 Grundlagen der strukturierten Patientenuntersuchung

11.2.1 Szene, Sicherheit, Situation (SSS)

Vor dem ersten Patientenkontakt wird die Lage beurteilt: Eigenschutz, Anzahl der Patienten, passender Unfallmechanismus, benötigte weitere Kräfte.

  • Szene: Was sehe ich an der Einsatzstelle? Passt das Bild zum Einsatzstichwort? Hinweise wie Medikamentenpackungen, Spritzen, Erbrochenes oder ein beschädigtes Fahrzeug geben erste Anhaltspunkte.
  • Sicherheit: Bestehen Gefahren für mich, mein Team oder den Patienten (siehe Lektion 8)? Ist die nötige Schutzausrüstung angelegt?
  • Situation: Wie viele Patienten gibt es? Welcher Unfallmechanismus liegt vor? Reichen die vorhandenen Kräfte, oder müssen Notarzt, Feuerwehr oder Polizei nachgefordert werden?

Diese Einschätzung dauert oft nur Sekunden, verhindert aber, dass ihr in eine Gefahr lauft oder weitere Patienten übersehen werden.

11.2.2 Der Ersteindruck

Entsteht in 10–15 Sekunden und mündet in eine Einstufung als kritisch, potenziell kritisch oder nicht kritisch – Sprache, Puls und Haut werden orientierend geprüft.

Beim Herantreten achtet ihr darauf, wie der Patient liegt oder sitzt, ob er wach ist und euch anschaut, ob er normal spricht, wie er atmet und welche Hautfarbe er hat. Eine kurze Frage wie „Was ist passiert?“ beantwortet gleich mehrere Punkte: Wer flüssig antwortet, hat einen freien Atemweg, atmet ausreichend und ist ausreichend durchblutet. Parallel tastet ihr den Radialispuls und fühlt die Haut. Ein Patient, der „krank aussieht“, wird als kritisch behandelt, bis das Gegenteil bewiesen ist – bei kritischen Patienten wird früh ein Notarzt nachgefordert.

11.2.3 Primary Assessment nach ABCDE

Das Primary Assessment folgt einer festen, weltweit einheitlichen Reihenfolge nach dem Prinzip „zuerst behandeln, was zuerst tötet“. Jede Stufe wird der Reihe nach abgearbeitet; wird dabei ein lebensbedrohliches Problem gefunden, wird es sofort an Ort und Stelle behandelt, bevor zur nächsten Stufe übergegangen wird.

c/X – Kritische Blutungskontrolle: In modernen Kurskonzepten wie PHTLS und ITLS geht dem eigentlichen ABCDE bei Traumapatienten ein zusätzlicher Schritt voraus, dargestellt als „c-ABCDE“ oder „X-ABCDE“. Grund: Ein massiver, sichtbarer äußerer Blutverlust (z. B. aus einer Extremität) kann schneller tödlich sein als jedes Atemwegsproblem. Wird eine solche katastrophale Blutung erkannt, wird sie deshalb vor Airway sofort gestillt – in der Regel mit direktem Druck, einem Druckverband oder einem Tourniquet (siehe Lektion 25 Traumatologische Notfälle). Erst danach folgt die eigentliche ABCDE-Sequenz.

A – Airway (Atemweg): Ist der Atemweg frei? Geprüft werden Ansprechbarkeit (kann der Patient sprechen, ist der Weg dann frei), Atemgeräusche (Stridor, Schnarchen, Gurgeln als Hinweis auf eine Verlegung) und sichtbare Fremdkörper oder Schwellungen. Maßnahmen bei Verlegung: Kopf reklinieren bzw. Esmarch-Handgriff (bei Traumaverdacht achsengerecht), Absaugen, manuelles Ausräumen sichtbarer Fremdkörper, ggf. Guedel- oder Wendl-Tubus.

B – Breathing (Atmung): Reicht die Atmung zur Sauerstoffversorgung aus? Beurteilt werden Frequenz, Tiefe, Symmetrie der Thoraxbewegung, Atemgeräusche im Seitenvergleich und die periphere Sättigung (SpO₂). Auffälligkeiten wie eine einseitig fehlende Atembewegung, ein hypersonorer Klopfschall oder eine paradoxe Atmung können auf einen Spannungspneumothorax hinweisen – ein sofort lebensbedrohlicher Befund. Maßnahmen: Sauerstoffgabe, assistierte oder kontrollierte Beatmung, bei Verdacht auf Spannungspneumothorax umgehende Notarztnachforderung.

C – Circulation (Kreislauf): Wird der Körper ausreichend durchblutet? Geprüft werden Pulsqualität und -frequenz, Rekapillarisierungszeit, Hautkolorit und -temperatur sowie – sofern noch nicht unter c/X geschehen – die Suche nach äußeren und inneren Blutungsquellen. Kalte, blasse, feuchte Haut mit schwachem, schnellem Puls sind Leitzeichen eines beginnenden Schocks. Maßnahmen: Blutstillung, Schocklagerung nach Kreislauflage, Wärmeerhalt, engmaschiges Monitoring.

D – Disability (Neurologischer Status): Wie ist der Bewusstseinszustand, und gibt es Hinweise auf eine neurologische Schädigung? Kurz geprüft werden GCS oder die vereinfachte AVPU-Skala (Alert – wach, Verbal – reagiert auf Ansprache, Pain – reagiert auf Schmerzreiz, Unresponsive – reaktionslos), Pupillenweite und -reaktion sowie eine orientierende Blutzuckermessung, da eine Unterzuckerung eine neurologische Störung vortäuschen kann.

E – Exposure/Environment (Entkleiden und Umgebung): Der Patient wird so weit wie für die Situation nötig entkleidet, um verdeckte Verletzungen, Blutungen oder Hautveränderungen nicht zu übersehen – unter Wahrung von Würde und Wärmeerhalt. Gleichzeitig wird die Umgebung beurteilt: Auskühlungsgefahr, weitere Gefahrenquellen, Hinweise am Fundort auf den Unfallhergang oder eine Erkrankung.

Merke: Wird auf einer Stufe ein lebensbedrohliches Problem gefunden, wird es sofort behandelt. Bei Verschlechterung beginnt das ABCDE-Schema erneut von vorn – beginnend bei c/X bzw. A.

11.2.4 Secondary Assessment und SAMPLER

Sind unmittelbare Lebensgefahren nach c/X-ABCDE ausgeschlossen oder behandelt, folgt bei stabilen bzw. stabilisierten Patienten das Secondary Assessment – eine gezielte Kopf-bis-Fuß-Untersuchung kombiniert mit einer strukturierten Anamnese. Die Merkhilfe SAMPLER stellt sicher, dass dabei keine wichtige Information vergessen wird:

  • S – Symptome: Welche Beschwerden bestehen aktuell, seit wann und wie haben sie sich entwickelt?
  • A – Allergien: Bekannte Allergien gegen Medikamente, Nahrungsmittel oder andere Stoffe – wichtig vor jeder Medikamentengabe.
  • M – Medikamente: Welche Dauermedikation nimmt der Patient ein? Kann Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen als Ursache erklären (z. B. Betablocker maskieren die Tachykardie im Schock).
  • P – Patientenvorgeschichte: Relevante Vorerkrankungen, frühere ähnliche Ereignisse, Operationen.
  • L – Letzte orale Aufnahme: Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme – relevant für Aspirationsrisiko bei Bewusstseinstrübung und für eine mögliche Operation.
  • E – Ereignis: Was genau ist passiert? Unfallhergang bzw. Beginn und Verlauf der Erkrankung, Begleitumstände.
  • R – Risikofaktoren: Umstände, die das Ereignis begünstigt haben könnten (z. B. fehlender Anschnallgurt, Rauchen, bekannte familiäre Vorbelastung).

11.2.5 OPQRST und IPPAF

OPQRST vertieft ein Symptom wie Schmerz:

  • O – Onset (Beginn): Plötzlich oder schleichend? Was hat der Patient gerade gemacht?
  • P – Provocation/Palliation: Was verstärkt, was lindert die Beschwerden – etwa Bewegung, Atmung, Lagewechsel?
  • Q – Quality (Qualität): Wie fühlt sich der Schmerz an – drückend, stechend, brennend, kolikartig?
  • R – Radiation (Ausstrahlung): Strahlt der Schmerz aus, etwa in Arm, Kiefer oder Rücken?
  • S – Severity (Stärke): Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (stärkster vorstellbarer Schmerz)?
  • T – Time (Zeit): Seit wann bestehen die Beschwerden, gibt es einen Verlauf?

IPPAF strukturiert die körperliche Untersuchung: Inspektion (Anschauen), Palpation (Abtasten), Perkussion (Abklopfen), Auskultation (Abhören mit dem Stethoskop) und Funktionsprüfung (z. B. Beweglichkeit, Durchblutung, Motorik und Sensibilität einer Extremität). Die Perkussion bleibt meist erfahrenerem Personal vorbehalten.

11.3 Fallstricke der Patientenuntersuchung

11.3.1 Wahrnehmungsfehler

Auch erfahrenes Rettungsfachpersonal ist nicht vor systematischen Denkfehlern gefeit. Der Ankereffekt beschreibt die Tendenz, sich zu stark an der ersten Verdachtsdiagnose festzuklammern und widersprechende Befunde zu übersehen. Der Bestätigungsfehler führt dazu, vor allem nach Informationen zu suchen, die die eigene Vermutung stützen, statt sie aktiv zu überprüfen und zu widerlegen. Auch Messgeräte können täuschen: Ein Pulsoxymeter zeigt bei einer Kohlenmonoxidvergiftung oder starker Kreislaufzentralisation fälschlich normale bis hohe Werte an, ein automatisches Blutdruckmessgerät kann bei Bewegungsartefakten oder unregelmäßigem Rhythmus unzuverlässige Ergebnisse liefern.

Merke: Messwerte sind Wegweiser – nicht die Therapieentscheidung an sich.

11.3.2 Multimorbide und ältere Patienten

Alterstypische Veränderungen (verminderte Schutzreflexe, eingeschränkte Thermoregulation) können Befunde verschleiern; Dauermedikation wie Betablocker kann die Kreislaufreaktion unterdrücken. Ältere Menschen, Diabetiker und Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt häufig keine typischen Brustschmerzen, sondern nur Luftnot, Übelkeit oder Schwäche. Infektionen verlaufen oft ohne Fieber und äußern sich nur durch Verwirrtheit. Blutverdünnende Medikamente erhöhen das Risiko für Blutungen, etwa nach einem scheinbar harmlosen Sturz auf den Kopf. Bei Demenz sind Angehörige, Pflegekräfte und Medikamentenpläne wichtige Informationsquellen.

11.3.3 Alkoholisierte Patienten

Ein Alkoholgeruch erklärt eine Bewusstseinsstörung nicht automatisch – Blutzuckermessung gehört bei unklarer Bewusstseinsminderung immer dazu. Hinter dem vermeintlich „nur Betrunkenen“ können sich ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem Sturz, eine Unterzuckerung, eine Unterkühlung, eine Mischintoxikation mit Medikamenten oder Drogen oder ein Krampfanfall verbergen. Alkoholisierte Patienten sind zudem durch Erbrechen und Aspiration gefährdet. Deshalb werden sie genauso gründlich untersucht wie alle anderen Patienten und niemals unbeobachtet sich selbst überlassen.

11.4 Vorgehensweise bei Großschadensereignissen

Bei MANV steht einer großen Zahl an Patienten begrenzte Kapazität gegenüber – zentral ist die Triage, also die priorisierende Einteilung der Patienten nach Behandlungsdringlichkeit. Sie ist ärztliche Aufgabe; ohne rechtzeitige ärztliche Verfügbarkeit übernimmt das Rettungsfachpersonal die Vorsichtung, begrenzt auf: starke Blutungen stillen, Atemwege freimachen, stabile Seitenlage.

Die Patienten werden dabei in Sichtungskategorien (SK) eingeteilt, meist farblich gekennzeichnet: SK I / Rot – akute, unmittelbare Lebensgefahr, sofortige Behandlung erforderlich; SK II / Gelb – schwer verletzt oder erkrankt, Behandlung kann kurzfristig aufgeschoben werden; SK III / Grün – leicht verletzt oder erkrankt, Behandlung kann warten; SK IV / Blau – ohne Überlebenschance, nur noch betreuende bzw. palliative Versorgung. Diese Farbkennzeichnung ermöglicht am Einsatzort eine schnelle, für alle Beteiligten sofort erkennbare Orientierung über die Behandlungsreihenfolge.

Merke: Ohne zeitgerechte ärztliche Sichtung übernimmt das Rettungsfachpersonal die Vorsichtung – begrenzt auf Blutstillung, freie Atemwege und stabile Seitenlage.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Bundesärztekammer: Sichtungskategorien und deren Dokumentation an der Einsatzstelle bei einem Massenanfall von Verletzten/Betroffenen (MANV)
  • Notfallsanitätergesetz (NotSanG) und Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter (NotSan-APrV) – Kompetenzrahmen der präklinischen Patientenuntersuchung
  • European Resuscitation Council (ERC): Guidelines zu Basic Life Support und Ersteinschätzung des Notfallpatienten
  • PHTLS (Pre-Hospital Trauma Life Support) und ITLS (International Trauma Life Support): aktuelle Provider-Manuale – Konzept der kritischen Blutungskontrolle vor Airway (c/X-ABCDE)
  • Teasdale, G. & Jennett, B. (1974): Assessment of coma and impaired consciousness – Glasgow Coma Scale
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