Grundlagen & Vorbereitung
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18 Min

12 Apparative Diagnostik und Monitoring

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Diagnostikgeräte sind kein Ersatz für die körperliche Untersuchung, sondern deren wichtigste Ergänzung. Sie machen sichtbar, was mit den eigenen Sinnen nicht messbar ist – etwa den Sauerstoffgehalt im Blut oder den genauen Blutzuckerwert – und erlauben es, Veränderungen im Verlauf objektiv zu dokumentieren. Gleichzeitig liefern sie nur dann verlässliche Werte, wenn sie richtig angelegt, bedient und interpretiert werden.

Merke: Technische Diagnostik ergänzt die gründliche Patientenuntersuchung – sie ersetzt sie nie. Behandelt wird immer der Patient, nicht der Monitor.

12.1 Einsatz von Diagnostikgeräten

Als Rettungssanitäter*in bedient ihr die Basisgeräte selbstständig: Blutdruck messen, Sauerstoffsättigung und Blutzucker bestimmen, EKG-Elektroden anlegen, Temperatur messen und die Werte ablesen, bewerten und dokumentieren. Die vertiefte Interpretation – etwa eines 12-Kanal-EKGs oder einer Kapnografie-Kurve – liegt bei Notfallsanitäter*in und Notarzt.

Sinnvoll ist eine feste Reihenfolge: Nach dem Ersteindruck und dem ABCDE-Schema wird der Patient zügig an das Monitoring angeschlossen, damit ein Ausgangswert vorliegt. Jede Maßnahme (z. B. Sauerstoffgabe, Lagerung) wird anschließend durch eine erneute Messung auf ihre Wirkung überprüft. Einzelwerte sind dabei weniger aussagekräftig als der Verlauf: Ein Blutdruck von 110/70 mmHg ist für sich genommen unauffällig, kann aber bei einem Patienten mit bekanntem Bluthochdruck bereits einen deutlichen Abfall bedeuten.

Vor Dienstbeginn gehört der Gerätecheck zum Fahrzeugcheck: Akkus geladen, Sensoren und Kabel vollständig und unbeschädigt, Teststreifen im Haltbarkeitsdatum, Uhrzeit am Monitor korrekt eingestellt – sonst stimmen später die Zeitstempel in der Dokumentation nicht.

12.2 Blutdruckmessung

Der Blutdruck beschreibt den Druck, den das Blut auf die Gefäßwände ausübt. Der systolische Wert entsteht in der Auswurfphase des Herzens, der diastolische Wert in der Füllungsphase. Gemessen wird in mmHg (Millimeter Quecksilbersäule).

  • Manuell nach Riva-Rocci (auskultatorisch): Die Manschette wird etwa 2–3 cm oberhalb der Ellenbeuge angelegt und so weit aufgepumpt, bis der Radialispuls nicht mehr tastbar ist, dann noch etwa 30 mmHg weiter. Beim langsamen Ablassen (etwa 2–3 mmHg pro Sekunde) wird mit dem Stethoskop über der Arteria brachialis in der Ellenbeuge abgehört. Das erste hörbare Klopfgeräusch (Korotkow-Geräusch) entspricht dem systolischen, das Verschwinden der Geräusche dem diastolischen Wert.
  • Palpatorisch: Beim Ablassen wird der Radialispuls getastet; der Wert, bei dem er wieder spürbar wird, entspricht dem systolischen Druck. Ein diastolischer Wert lässt sich so nicht bestimmen – die Methode eignet sich für laute Umgebungen, etwa im fahrenden Rettungswagen.
  • Automatisch (oszillometrisch): Das Gerät erkennt die Schwingungen der Arterienwand in der Manschette. Die Messung ist bequem und lässt sich in festen Intervallen wiederholen, ist aber störanfällig bei Bewegung, Zittern, Transporterschütterungen und unregelmäßigem Herzrhythmus.

Die Manschettengröße muss zum Oberarm passen: Eine zu schmale Manschette misst falsch hohe, eine zu breite falsch niedrige Werte. Die Manschette gehört auf die nackte Haut, nie über dicke oder hochgeschobene, einschnürende Kleidung. Nicht gemessen wird an einem Arm mit Dialyse-Shunt, nach Brustkrebsoperation mit Lymphknotenentfernung auf dieser Seite, an einem verletzten Arm oder über einem liegenden Venenzugang mit laufender Infusion.

Orientierungswerte beim Erwachsenen: optimal unter 120/80 mmHg, Bluthochdruck ab 140/90 mmHg, systolisch unter 100 mmHg gilt im Rettungsdienst als erniedrigt, unter 90 mmHg als kritisch. Bei Verdacht auf eine Aortendissektion wird an beiden Armen gemessen – ein Seitenunterschied von mehr als 20 mmHg ist ein wichtiges Warnzeichen.

12.3 Blutzuckermessung

Die Blutzuckermessung gehört bei jeder unklaren Bewusstseinsstörung, bei Krampfanfällen, Verwirrtheit, auffälligem Verhalten und bei allen Diabetikern zu den ersten diagnostischen Schritten, da eine Hypo- oder Hyperglykämie einem Schlaganfall, einer Intoxikation oder einer psychiatrischen Erkrankung zum Verwechseln ähnlich sehen kann.

Gemessen wird kapillär: Die seitliche Fingerbeere (nicht die empfindliche Kuppe) wird desinfiziert und die Desinfektion vollständig abtrocknen gelassen, da Alkoholreste und Zuckerreste an den Händen (z. B. nach Obst oder Traubenzucker) das Ergebnis verfälschen. Nach dem Einstich mit der Lanzette wird der erste Tropfen verworfen, der zweite auf den Teststreifen aufgebracht. Starkes Quetschen der Fingerbeere drückt Gewebeflüssigkeit mit heraus und verfälscht den Wert ebenfalls.

Normwerte liegen nüchtern etwa bei 70–100 mg/dl (3,9–5,6 mmol/l), nach Mahlzeiten bis etwa 140 mg/dl. Werte unter 70 mg/dl gelten als erniedrigt, unter 50 mg/dl als ausgeprägte Hypoglykämie; Werte über 250 mg/dl mit Symptomen sprechen für eine relevante Entgleisung. Zur Umrechnung gilt: mmol/l × 18 = mg/dl. Zeigt das Gerät „LO“ oder „HI“, liegt der Wert außerhalb seines Messbereichs – beides ist ein Notfallbefund.

Merke: Eine Blutzuckermessung ist schnell, risikoarm und deckt reversible Ursachen von Bewusstseinsstörungen zuverlässig auf. Bei Schock und schlechter peripherer Durchblutung kann der kapillär gemessene Wert allerdings vom tatsächlichen Blutzucker abweichen.

12.4 Pulsoxymetrie

Das Pulsoxymeter misst über Lichtabsorption die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins im arteriellen Blut (SpO₂) und gleichzeitig die Pulsfrequenz. Der Sensor durchleuchtet das Gewebe mit rotem und infrarotem Licht; sauerstoffbeladenes und sauerstoffarmes Hämoglobin absorbieren diese Wellenlängen unterschiedlich stark, woraus das Gerät den prozentualen Anteil errechnet. Angelegt wird der Sensor meist am Finger, alternativ am Ohrläppchen, Zeh oder mit speziellen Sensoren an der Stirn.

Normal sind Werte von 95–100 %. Unter 90 % liegt ein behandlungsbedürftiger Sauerstoffmangel vor. Bei Patienten mit chronischer Lungenerkrankung (COPD) wird häufig ein niedrigerer Zielbereich von 88–92 % angestrebt, weil ihr Atemantrieb teilweise an einen erniedrigten Sauerstoffgehalt angepasst ist.

Viele Monitore zeigen zusätzlich die Pulswelle (Plethysmogramm) an. Eine gleichmäßige, gut ausgeprägte Kurve spricht für ein verlässliches Signal; eine flache, zackige oder unregelmäßige Kurve weist auf eine Störung hin – dann ist auch der angezeigte Zahlenwert mit Vorsicht zu betrachten. Da die Pulsoxymetrie über mehrere Herzschläge mittelt, reagiert der Wert mit einer Verzögerung von einigen Sekunden, bei schlechter Durchblutung auch deutlich länger.

Grenzen der Methode: Bei Schock, Kälte und Zentralisation fehlt am Finger oft ein verwertbares Signal. Nagellack oder künstliche Nägel stören die Lichtdurchlässigkeit. Bei einer Kohlenmonoxidvergiftung werden fälschlich normale Werte angezeigt, da das Gerät Kohlenmonoxid-Hämoglobin nicht von Sauerstoff-Hämoglobin unterscheiden kann. Und: Die Pulsoxymetrie sagt nichts über die Abatmung von Kohlendioxid aus – ein Patient unter Sauerstoffgabe kann trotz guter Sättigung bereits gefährlich hypoventilieren.

Merke: Die Pulsoxymetrie ist ein frühes Warnsystem für Sauerstoffmangel, ersetzt aber nicht die Beurteilung von Atemfrequenz, Atemtiefe und Hautfarbe.

12.5 EKG-Diagnostik

Das EKG zeigt ausschließlich die elektrische Aktivität des Herzens – nicht, ob eine wirksame Pumpleistung entsteht. Bei der pulslosen elektrischen Aktivität etwa zeigt der Monitor eine geordnete Kurve, obwohl kein Kreislauf besteht. Deshalb wird jeder auffällige Monitorbefund immer mit dem Tasten des Pulses und dem klinischen Zustand abgeglichen.

Für die Überwachung genügt meist die 3-Pol-Ableitung. Die Elektroden werden nach dem Ampelprinzip angelegt: Rot unter das rechte Schlüsselbein, Gelb unter das linke Schlüsselbein, Grün auf den linken unteren Rippenbogen. Die Haut sollte sauber und trocken sein; starke Behaarung wird bei Bedarf rasiert, damit die Elektroden sicher haften. Elektroden werden nicht direkt über Knochen, Narben oder einem implantierten Schrittmacher platziert.

Ihr unterstützt beim Anlegen – auch beim 12-Kanal-EKG –, stellt die Alarmgrenzen passend zum Patienten ein und meldet Frequenz- und Rhythmusauffälligkeiten. Die Kurveninterpretation obliegt höher qualifiziertem Personal (siehe Lektion 19 EKG und Herzrhythmusstörungen).

Merke: Sichtbare elektrische Aktivität im EKG bedeutet nicht automatisch eine wirksame Herzaktion.

12.6 Kapnometrie

Die Kapnometrie misst den Kohlendioxidgehalt der Ausatemluft am Ende der Ausatmung (endtidales CO₂, etCO₂); wird zusätzlich der Verlauf als Kurve dargestellt, spricht man von Kapnografie. Der Normwert liegt bei etwa 35–45 mmHg. Da Kohlendioxid im Stoffwechsel entsteht, über das Blut zur Lunge transportiert und dort abgeatmet wird, spiegelt der Wert gleichzeitig Stoffwechsel, Kreislauf und Atmung wider.

Bei intubierten oder mit einer supraglottischen Atemwegshilfe beatmeten Patienten ist die Kapnografie der sicherste Nachweis der korrekten Lage: Fehlt die typische Kurve, liegt der Tubus vermutlich in der Speiseröhre. Während der Reanimation zeigt ein etCO₂-Wert über etwa 10–20 mmHg eine wirksame Herzdruckmassage an; ein plötzlicher deutlicher Anstieg kann ein erstes Zeichen für die Rückkehr eines Spontankreislaufs sein. Bei spontan atmenden Patienten kann etCO₂ über spezielle Nasenbrillen gemessen werden – steigende Werte weisen auf eine Hypoventilation hin, etwa bei Vergiftungen.

Ihr lest den Wert ab, achtet auf plötzliche Veränderungen und meldet diese sofort – ein abrupter Abfall auf null bei einem beatmeten Patienten bedeutet bis zum Beweis des Gegenteils eine Tubusdislokation, eine Diskonnektion oder einen Kreislaufstillstand.

12.7 Fiebermessung

Die normale Körperkerntemperatur liegt bei etwa 36,5–37,5 °C. Ab 38,0 °C spricht man von Fieber, unter 35,0 °C von einer Unterkühlung (Hypothermie). Die Temperatur ist im Rettungsdienst vor allem bei Verdacht auf Infektionen und Sepsis, bei Hitze- und Kältenotfällen sowie bei Kindern mit Fieberkrampf relevant.

  • Ohrthermometer: Praxisstandard, schnell und nicht invasiv. Beim Erwachsenen wird die Ohrmuschel leicht nach hinten oben gezogen, damit der Sensor auf das Trommelfell gerichtet ist. Ohrenschmalz oder ein kaltes Ohr (z. B. nach längerem Aufenthalt im Freien) verfälschen die Messung.
  • Stirn- bzw. Infrarotthermometer: berührungslos und hygienisch, aber stark von Schweiß, Kälte und Umgebungstemperatur beeinflusst.
  • Digital sublingual, axillär oder inguinal: einfach verfügbar; die axilläre Messung liegt etwa 0,5 °C unter der Kerntemperatur und dauert länger.
  • Rektal: am genauesten und nah an der Kerntemperatur, wird im Rettungsdienst aber nur selten angewandt.

Handelsübliche Thermometer messen oft erst ab etwa 34 °C. Für die Diagnostik einer ausgeprägten Unterkühlung werden deshalb spezielle Thermometer mit erweitertem Messbereich benötigt (siehe Lektion 33 Thermische Notfälle).

12.8 Geräte- und Beurteilungsfehler

12.8.1 Fehlmessung

Fehlmessungen entstehen, wenn das Gerät unter ungünstigen Bedingungen einen falschen Wert liefert. Typische Beispiele: Helles Umgebungslicht oder direkte Sonneneinstrahlung überlagern das Signal des Pulsoxymeters, schlechte Durchblutung täuscht zu niedrige Sättigungswerte vor, eine über der Kleidung angelegte oder falsch dimensionierte Blutdruckmanschette liefert falsche Werte, Bewegung und Zittern erzeugen Artefakte im EKG.

Merke: Wiederholte Fehlalarme führen zur Alarmmüdigkeit – jeder Alarm sollte auf seine tatsächliche Ursache geprüft werden, statt ihn reflexhaft stummzuschalten.

12.8.2 Methodenfehler

Methodenfehler liegen nicht an der Bedienung, sondern an den Grenzen des Messprinzips selbst. Wird die Herzfrequenz aus der Pulswelle des Pulsoxymeters statt aus dem EKG abgelesen, werden bei Rhythmusstörungen Herzschläge ohne ausreichenden Auswurf nicht erfasst – es entsteht ein Pulsdefizit, und die angezeigte Frequenz ist zu niedrig. Ebenso kann das Pulsoxymeter bei einer Kohlenmonoxidvergiftung prinzipbedingt keine korrekten Werte anzeigen.

12.8.3 Fehlinterpretation

Bei der Fehlinterpretation ist der Messwert richtig, wird aber falsch gedeutet. Ein klassisches Beispiel ist ein falsch eingestellter EKG-Papiervorschub: Wird bei 50 statt 25 mm/s geschrieben, erscheinen die Abstände zwischen den Herzaktionen doppelt so lang, und ein normaler Rhythmus wird fälschlich als Bradykardie gelesen. Auch ein einzelner „normaler“ Blutdruck kann täuschen, wenn der Ausgangswert des Patienten unbekannt ist – deshalb immer nach bekannten Vorwerten und Dauermedikation fragen.

12.8.4 Fehlbedienung und Fremdeinfluss

Vertauschte EKG-Elektroden verändern das Kurvenbild deutlich und können krankhafte Befunde vortäuschen. Kälte am Finger, Sonneneinstrahlung, Mobiltelefone, Funkgeräte und andere elektrische Geräte in unmittelbarer Nähe können die Messung zusätzlich stören. Bei Patienten mit Herzschrittmacher erkennen manche Monitore die Schrittmacherimpulse als eigene Herzaktionen und zeigen dadurch eine falsche Frequenz an.

Merke: Bei unplausiblen Messwerten oder Artefakten zuerst den Patienten anschauen, dann Sensoren und Kabel prüfen, äußere Störquellen ausschließen und die Messung wiederholen – im Zweifel mit einer anderen Methode.

Literatur und Quellen für dieses Modul

  • Advanced Medical Life Support (AMLS) / NAEMT
  • AG ÄLRD der sechs Länder: Behandlungspfad Rettungsdienst (BPR)
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Leitlinien Akutes Koronarsyndrom
  • Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC): Leitlinien Aortendissektion
  • European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien Reanimation/Atemwegsmanagement
  • DGAI: S1-Leitlinie Prähospitales Atemwegsmanagement
  • Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Asthma/COPD
  • Deutsche Hochdruckliga / ESC: Leitlinien zur Blutdruckmessung und arteriellen Hypertonie
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