Die Organe im Bauchraum hängen anatomisch und funktionell eng zusammen, entsprechend vielfältig sind die Ursachen akuter Erkrankungen, die unter dem Sammelbegriff „akutes Abdomen“ zusammengefasst werden. Daneben spielen im Rettungsdienst metabolische Notfälle eine wichtige Rolle – vor allem Entgleisungen des Blutzuckers bei Diabetes mellitus.
Das akute Abdomen ist keine eigene Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für plötzlich beginnende, potenziell lebensbedrohliche Bauchraumerkrankungen. Leitsymptom ist der plötzlich einsetzende Bauchschmerz.
Merke: Eine plötzliche Schmerzverstärkung mit anschließend kurzem schmerzfreiem Intervall kann auf eine Organperforation hinweisen.
Eine reflektorische Anspannung der Bauchdecke bei Palpation (Abwehrspannung, „brettharter Bauch“) deutet auf eine Bauchfellreizung hin – lokalisiert bei umschriebener Entzündung, generalisiert bei einer ausgedehnten Bauchfellentzündung (Peritonitis). Weitere wichtige Hinweise liefern der Charakter des Erbrechens (Galle-, Kot- oder Bluterbrechen), Stuhlveränderungen (Teerstuhl als Zeichen einer oberen, Blutstuhl als Zeichen einer unteren Magen-Darm-Blutung) sowie eine Gelbfärbung der Haut (Ikterus) als Hinweis auf eine Lebererkrankung.
Das Legen venöser Zugänge, die blutdruckgesteuerte Volumentherapie und die Schmerztherapie nach Schmerztyp sind ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Maßnahmen.
Blutungen im Verdauungstrakt werden nach ihrem Ursprung in obere (Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm) und untere (Ileum bis Rektum) GI-Blutungen unterteilt. Häufige Ursachen einer oberen Blutung sind Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre sowie Ösophagusvarizen bei Leberzirrhose. Frisches, oral erbrochenes oder rektal ausgeschiedenes Blut spricht für eine aktive, potenziell lebensbedrohliche Blutung.
Achtung: Bei Ösophagusvarizenblutungen ist eine definitive Blutstillung präklinisch praktisch nicht möglich – entscheidend ist der schnellstmögliche Transport in eine Klinik mit endoskopischer Versorgung.
Eine Ulkuskrankheit (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür) wird durch überschüssige Magensäure, den Keim Helicobacter pylori oder Medikamente wie ASS und Ibuprofen begünstigt und äußert sich durch Oberbauchschmerzen mit typischem Bezug zur Nahrungsaufnahme.
Eine Gallenkolik entsteht, wenn ein Gallenstein die Gallengänge verlegt und der Gallenabfluss blockiert wird – typisch sind wellenförmige Schmerzen im rechten Oberbauch mit Ausstrahlung in Schulter oder Rücken.
Beim Darmverschluss (Ileus) unterscheidet man den mechanischen Ileus, verursacht durch eine direkte Verlegung des Darmlumens (z. B. Verwachsungen, Tumoren, eingeklemmte Hernien) mit krampfartigen Kolikschmerzen, Erbrechen und Stuhlverhalt, vom paralytischen Ileus, bei dem die Darmmuskulatur gelähmt ist und die Peristaltik aussetzt, meist infolge einer schweren Entzündung.
Merke: „Über einem Ileus darf die Sonne nicht untergehen“ – unbehandelt führt er rasch zu Ischämie, Perforation, Peritonitis und Multiorganversagen und muss deshalb sofort klinisch versorgt werden.
Bei der akuten Appendizitis (Blinddarmentzündung) verlagern sich anfangs diffuse Schmerzen im rechten Ober- oder Mittelbauch im Verlauf typischerweise in den rechten Unterbauch, begleitet von lokaler Abwehrspannung und einer erhöhten Temperaturdifferenz zwischen Achsel und Enddarm. Perforiert der entzündete Wurmfortsatz, kann sich die Infektion diffus in der Bauchhöhle ausbreiten.
Die akute Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) entsteht meist durch einen Gallenstein, der den gemeinsamen Ausführungsgang blockiert, sodass sich die Verdauungsenzyme im Organ selbst aktivieren und dieses angreifen – oder durch chronischen Alkoholmissbrauch. Typisch sind gürtelförmig in den Rücken ausstrahlende Oberbauchschmerzen und eine prall-elastische Bauchdecke („Gummibauch“). Da in bis zu einem Drittel der Fälle auch EKG-Veränderungen auftreten, ist die Pankreatitis eine wichtige Differenzialdiagnose zum akuten Koronarsyndrom. Betroffene haben zudem einen sehr hohen Flüssigkeitsbedarf.
Der akute Mesenterialarterieninfarkt ist eine plötzliche, meist emboliebedingte Durchblutungsstörung der Darmarterien. Nach anfänglich starken, diffusen Bauchschmerzen bei zunächst unauffälligem Bauchdeckenbefund folgt ein trügerisches, beschwerdearmes Intervall von ein bis zwölf Stunden – der sogenannte „faule Friede“ –, bevor sich das Vollbild des akuten Abdomens mit Peritonitis, blutigen Stühlen und Schock entwickelt. Die Erkrankung hat eine hohe Letalität, da sie oft zu spät erkannt wird.
Ein Bauchaortenaneurysma ist eine krankhafte Erweiterung der Bauchschlagader, die über Jahre beschwerdefrei bleiben kann. Zum akuten Notfall wird sie beim Reißen (Ruptur): Bei der gedeckten Ruptur strahlen Schmerzen in Flanken, Leiste oder Beine aus, bei der freien Ruptur tritt ein plötzlicher, zerreißungsartiger Schmerz auf, und der Patient kann innerhalb weniger Minuten verbluten.
Merke: Bei älteren Männern mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und plötzlich auftretenden Rücken- oder Bauchschmerzen muss immer an ein Bauchaortenaneurysma gedacht werden – prüft dabei frühzeitig die Leistenpulse und achtet auf kalte Beine als möglichen Hinweis.
Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselstörung mit dauerhaft erhöhtem Blutzucker durch ungenügende Insulinwirkung. Beim Typ-1-Diabetes zerstört eine Autoimmunreaktion die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse – es entsteht ein absoluter Insulinmangel, meist schon im Kindes- oder Jugendalter. Beim weitaus häufigeren Typ-2-Diabetes werden die Körperzellen zunehmend unempfindlich gegenüber Insulin (Insulinresistenz), begünstigt durch Übergewicht und Bewegungsmangel – ein relativer Insulinmangel.
Zwei Formen der schweren Blutzuckerentgleisung können bis zur Bewusstlosigkeit führen: Beim ketoazidotischen Koma – vorwiegend bei Typ-1-Diabetes – führt der Insulinmangel zu vermehrtem Fettabbau mit Bildung von Ketonkörpern und einer metabolischen Azidose, die der Körper durch eine tiefe, betonte Kußmaul-Atmung sowie einen obstartigen Azetongeruch der Atemluft zu kompensieren versucht. Beim hyperosmolaren Koma – typisch für Typ-2-Diabetes – fehlen Azidose und Kußmaul-Atmung, im Vordergrund steht ein massiver Flüssigkeits- und Elektrolytverlust durch die stark erhöhte Zuckerausscheidung über die Niere.
Achtung: Der innere Flüssigkeitsverlust wird oft unterschätzt, da ausgeprägte äußere Schockzeichen fehlen können, obwohl Gesamtverluste von bis zu 10 Litern möglich sind. Leitsymptom bei hohen Blutzuckerwerten bleibt daher die Bewusstseinsstörung.
Eure Basismaßnahmen sind kontinuierliches Monitoring, Blutzuckermessung, eine dem Bewusstsein angepasste Lagerung, Sauerstoffgabe, Wärmeerhalt sowie das Erfragen von Diabetesstatus und Medikation. Der venöse Zugang mit großzügiger Volumentherapie ist notfallsanitäterliche bzw. ärztliche Aufgabe.
Die Hypoglykämie – ein Blutzuckerwert unter 50 mg/dl – ist der häufigste stoffwechselbedingte Notfall im Rettungsdienst, meist als Folge einer Überdosierung von Insulin oder oralen Antidiabetika, ausgelassener Mahlzeiten oder Verwechslungen. Die Symptome verlaufen in drei sich überlappenden Phasen: zunächst eine parasympathische Reaktion mit Heißhunger und Schwäche, dann eine sympathische Reaktion mit Angst, Kaltschweißigkeit und Zittern, schließlich eine zentralnervöse Reaktion mit Verwirrtheit, Sehstörungen, Krampfanfällen bis hin zum Koma.
Merke: Die Hypoglykämie ist ein „Chamäleon der Notfallmedizin“ – sie kann nahezu jedes neurologische Symptom nachahmen. Entscheidend für die Symptomstärke ist nicht allein der absolute Blutzuckerwert, sondern auch die Geschwindigkeit des Abfalls.
Eure Basismaßnahmen richten sich nach dem Bewusstseinszustand:
Merke: Orale Zuckergabe ist nur bei wachen Patienten mit erhaltenem Schluck- und Hustenreflex sicher. Bei bewusstseinsgetrübten Patienten wird stattdessen Glukose streng intravenös über einen großlumigen Zugang verabreicht – eine ärztliche bzw. notfallsanitäterliche Maßnahme, da eine versehentliche Injektion außerhalb der Vene schwere Gewebeschäden verursachen kann.
Das Leberkoma entsteht, wenn die Leber ihre Entgiftungsfunktion nicht mehr ausreichend erfüllen kann: Ammoniak reichert sich im Blut an, gelangt ins Gehirn und wirkt dort toxisch (hepatische Enzephalopathie). Häufigste Ursache in Mitteleuropa ist chronischer Alkoholmissbrauch mit Leberzirrhose, daneben Virushepatitis oder Vergiftungen (z. B. Paracetamol, Knollenblätterpilz). Leitsymptom ist die Bewusstseinsstörung, begleitet von typischen Leberzeichen wie Ikterus, Bauchwasser (Aszites) und einem charakteristischen süßlich-fauligen Mundgeruch (Foetor hepaticus).
Eure Basismaßnahmen sind die Sicherung der Vitalfunktionen, kontinuierliches Monitoring, eine dem Bewusstsein angepasste Lagerung und Sauerstoffgabe, mit schnellstmöglichem Transport in eine intensivmedizinische Einrichtung, meist unter notärztlicher Begleitung.